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Martin Walser – der lebende Beweis für die Lüge von der „Wissensgesellschaft“

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Am 19.10. erschien in der „Zeit“ eine Rezension des neuen Buches von Peer Steinbrück mit der Überschrift „Leidenschaftlich wahr“, unterzeichnet von Martin Walser. Dieser Text ist ein wunderbarer Beweis dafür, dass wir alles andere als eine Wissensgesellschaft sind. Insbesondere das so genannte gebildete Bürgertum weiß offensichtlich sehr vieles nicht und schleppt eine Fülle von Vorurteilen insbesondere im Bereich der Gesellschafts- und Wirtschaftspolitik mit sich herum. Diese sich im allgemeinen besonders wissend fühlenden Menschen sind anfällig für allerlei Einflüsterungen. So auch Martin Walser. Er bringt das eigene Manko treffend auf den Punkt: Albrecht Müller.

Auf Seite sechs von acht Seiten meiner ausgedruckten Fassung steht zu lesen:

„Bitte, vielleicht fühle nur ich in meiner Unwissenheit und Bedürftigkeit mich so angewiesen auf ein solches Buch. Das eigene Gefühl im Zustand der Ratlosigkeit, der Unzuständigkeit, also Abhängigkeit von weiß Gott wem. Über die Trümmer gebrochener Eide stolpernd, schwörst du neue. Inmitten der Schwierigkeiten der persönlichen Rechtfertigung ist man andauernd auf der Suche nach Rechtfertigungen, die man nicht persönlich erbringen muss.“

Martin Walser hätte sich nicht sehr bemühen müssen, um etwas mehr zu wissen. Es hätte schon gereicht, hätte er etwas weniger ferngesehen, woraus er nach eigenem Zeugnis seine Informationen zieht; es täte ihm gut – das kann man nach Lektüre seiner Rezension ohne Eitelkeit feststellen – , etwas mehr NachDenkSeiten zu lesen oder unsere Jahrbücher und andere Bücher wie die Bücher von Flassbeck und meine „Meinungsmache“. Diese Veröffentlichungen enthalten ausführliche Texte und viele Informationen gerade zum PR-Produkt Steinbrück. Siehe dazu z. B. das Kapitel 5 im Jahrbuch 2008/2009 „Klippschule-Ökonomie à la Peer Steinbrück“ oder das Kapitel 4 „Haltet den Dieb – keine Konsequenzen aus der Finanzkrise“ im Jahrbuch 2009/2010 oder die Kapitel zwei und drei in des neuen kritischen Jahrbuchs oder das Kapitel 12 in „Meinungsmache“ In diesem Kapitel über die Ignoranz in der Wirtschaftspolitik wird vor allem skizziert, wie der von Walser hochgelobte Steinbrück in der Wirtschaftspolitik versagt hat.

Das gebildete Bürgertum, zu dem man Walser wohl zählen kann, weiß in ökonomischen Dingen nahezu nichts und orientiert sich zudem an der dominanten Propaganda. Deshalb der euphorische Zugriff auf einen Autor wie Steinbrück. Der Text Martin Walsers strotzt so sehr von Ignoranz, dass man für ihn wohlwollend vermuten muss, dass ihm bei dieser Rezension die Feder geführt worden ist. Dafür spricht auch die Tatsache, dass manche Textbausteine gezielt auf die Verschleierungsbedürfnisse des Autors Steinbrück abgestellt sind.
Auf Vermutungen alleine kann man leider nicht bauen; deshalb sind wir darauf angewiesen, den Text in der „Zeit“ als einen Walser-Text zu werten. Hier eine kleine Auswahl dazu, was Walser alles nicht weiß oder falsch sieht:

  1. Die Finanzkrise habe 2007/2008 begonnen.
  2. Sie sei aus Amerika über uns gekommen.
    Dies entspricht beides der Behauptung von Steinbrück, er sei 2008 von der Finanzkrise wie von einem Springinsfeldteufel angesprungen worden: Richtig ist, wie Leser der NachDenkSeiten und unsere Bücher schon lange wissen, dass es schon im Februar 2003 aus akuter Notberatungen über eine Bad Bank zwischen Regierung und Finanzindustrie gab, dass die HRE schon eine Art miese Bank der HypovereinsbankGruppe war, dass sich viele Institute schon in den neunziger Jahren auf gefährliche Weise in ostdeutschen Hypotheken verspekuliert haben, dass die öffentliche KfW auf Geheiß der Bundesregierung 34% Not leidendes Eigentum der Allianz AG an der schwächelnden IKB übernommen hat – alles dies lange bevor Lehmann Brothers zusammenbrach.
  3. Die Kunden, das Publikum der Landesbanken und Sparkassen – so Martin Walser – habe „nach diesen amerikanischen Immobilien-Anlagen gefragt, also mussten wir, um konkurrenzfähig zu sein, das auch anbieten, was sich inzwischen als Schrott erwiesen hat.“ – Dieser Einlassung eines Sparkassenleiters glaubt der große Schriftsteller Martin Walser. Toll. Einfach toll. Er weiß nichts von der Umorientierung der Landesbanken hin zu Investmentbanken, an der Peer Steinbrück in Nordrhein-Westfalen maßgeblich beteiligt war. Walser hat, obwohl nahe an Bayern lebend, nichts davon mitbekommen, wie sich die Bayerische Landesbank mit der Übernahme der HypoGroupAlpeAdria verspekuliert hat. Wahrlich nicht auf Geheiß des Publikums. Siehe dazu einen Beitrag in der NachDenkSeiten vom 19.1.2010. Hallo, Martin Walser – muss man ignorant werden, wenn man älter wird? Wenn das so ist, dann sollte man auf solche Rezensionen verzichten.
  4. Walser schreibt: „In mir hat sich dann die Meinung gebildet: Die Krise ist eine Folge der Geldpolitik der amerikanischen Staatsbank. Die hat von 2001 an das Geld billig gemacht.“ – Klar, Alan Greenspan ist schuld an der Finanzkrise. Bei dieser Diagnose treffen sich Rechts- und Linksintellektuelle. Die einen angetrieben von Ignoranz, die andern angetrieben von Amerika-Unfreundlichkeit. Aber selbst die berechtigte Skepsis gegenüber den Machenschaften der U. S. Finanzwirtschaft sollte einem nicht dazu verleiten, falsch zu diagnostizieren. Die Politik des billigen Geldes war nicht schuld an der Finanzkrise. Diese These hilft nur den Spekulanten und den Nutzern des Casinos aus ihrer Verantwortung.
  5. Von Trichet, dem Präsidenten der EZB, spricht Walser als dem „fabelhaften Chef der Europäischen Zentralbank“. Wau, wie kommt man auf diese Idee, nur weil Trichet im Falle Griechenlands mal richtig geraten hat. Das ist übrigens ein typisches Symptom dafür, dass dem Schriftsteller Walser die Feder geführt worden ist.
  6. Martin Walser weiß offensichtlich nichts davon, dass Steinbrück wesentlich dazu beigetragen hat, durch Deregulierung und Propaganda für innovative Finanzprodukte die Krise gerade in Deutschland besonders wirksam werden zu lassen. Walser schreibt über diese Dinge, ohne die einschlägigen Reden Steinbrücks zur Kenntnis zu nehmen.
  7. Martin Walser hat auch keine Kenntnis davon, dass Steinbrück sich noch im Frühjahr 2008 vehement gegen den Einsatz von Konjunkturprogrammen gewehrt hat und lobt Steinbrück jetzt quasi als Keynsianer.

Das war nur eine kleine Auswahl von Missgriffen des großen Autors Walser im Umgang mit der Kunstperson Steinbrück. Walser hat nichts davon mitbekommen, dass der ehemalige Finanzminister zur Zeit richtig hochstilisiert wird, damit man ihn für die innere Willensbildung in der SPD mit dem Kurs auf rechts nutzen kann.
Walsers Bild von der Wirklichkeit unseres Landes und seiner politischen Lage ist durch unglaubliche Naivität geprägt. Es wäre hilfreich, Walser würde sich wenigstens ein bisschen an Goethe orientieren: „Mit dem Wissen wächst der Zweifel“.

Eine wesentliche Verantwortung für dieses miserable Stück in der „Zeit“ trägt die Wochenzeitung selbst. Sie hat eine hohe Glaubwürdigkeit beim so genannten gebildeten Bürgertum. Und sie missbraucht diese Glaubwürdigkeit immer wieder.

Anhang:

Peer Steinbrück Leidenschaftlich wahr
Mein Buch dieses Herbstes: Peer Steinbrücks »Unterm Strich« ist ein großes Shakespeare-Drama. Von Martin Walser.

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