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Haben Sie die gleiche Leitkultur wie der neue Innenminister?

Veröffentlicht in: Anti-Islamismus,Sarrazin, CDU/CSU, Wertedebatte

Mich verbindet jedenfalls mit Dr. Friedrichs Katholischer Studentenverbindung Ludovicia Augsburg im KV, die Frauen wie selbstverständlich von der Verbindung ausschließt, nicht mehr als mit dem türkischen Vater, der wegen seines islamischen Glaubensverständnisses nicht will, dass seine Tochter eine weiterführende Schule besucht. Aber ich würde nicht in Zweifel ziehen, dass beides zur Realität unseres Landes gehört. Der neue Innenminister bezweifelt, dass auch der Islam inzwischen zu Deutschland gehört. (Siehe unten Anlage) Dahinter stecken Vorstellungen von so genannten Identitäten, die angeblich zu unserem Land gehören, und Vorstellungen von einer Leitkultur, die an sich schon abwegig sind. Das eigentlich wichtige Merkmal ist die Pluralität der Ansichten und der Lebensweisen. Es gibt wichtige Grundlagen unseres Gemeinwesens, auf die wir uns verständigt haben und auf die man sich immer wieder besinnen sollte. Aber ob gerade Vorstellungen aus dem Milieu des neuen Innenministers als besonders prägend dazugehören, kann man mit Recht bezweifeln. Albrecht Müller.

Schon mit Schrift und Tonlage der Webseite der Studenten-Verbindung unseres Innenministers verbindet mich nichts. Das gilt vermutlich auch für andere Vorstellungen des Milieus, aus dem der Innenminister stammt:

  • Das Zölibat zum Beispiel ist meiner Vorstellung von unserer „Leitkultur“ so fremd wie das Kopftuch des Türkenmädchens.
  • Der Missbrauch von Kindern in christlichen Heimen und Schulen sollte genauso wenig zu unserem Land „gehören“(um die Sprache des Innenministers aufzunehmen) wie der Menschen verachtende Ehrenkodex in manchen türkischen Familien. Und gehört die Weigerung der katholischen Kirche, die Geschädigten wenigstens finanziell angemessen zu entschädigen, identitätsstiftend zu unserem Land? Nach meinen Vorstellungen nicht.
  • Gehört die tägliche Zurschaustellung halbnackter Frauen auf der ersten Seite der Bild-Zeitung zur Leitkultur unseres Landes? So wenig und so viel vermutlich wie das Verbot des türkischen Vaters an seine Tochter, mit Bikini zum Schwimmunterricht zu gehen. Die Herren von der CSU und den katholischen Kartellverbänden haben sich damit als identitätstiftendem Merkmal unserer „Leitkultur“ vermutlich auch nur deshalb arrangiert, weil die Bild-Zeitung ihnen nahe steht und weil sie Frauen so gebrauchen, wie Bild sie gebraucht.
  • Mit kommerziellen Fernsehsendern, die junge Leute in ihren billig produzierten Sendungen, auf grobe Weise übereinander her ziehen lassen und Aggressionen fördern, verbindet mich so wenig wie mit der Aggression eines türkischen Jungen, der seine Schwester verfolgt, weil sie mit einem Deutschen geht.
  • Und gehört es zu unserer Leitkultur, dass private Aktionäre am Wasserverbrauch von Millionen von Menschen verdienen? Und soll es Identitätsstiftend sein, wenn Klinikkonzerne 15 % Umsatzrendite für ihre Aktionäre anstreben und dabei die Gesundheit vieler Menschen opfern? Die Gastfreundschaft vieler islamischer Familien hätte ich jedenfalls viel lieber als Merkmal meiner Leitkultur als die kalte Mentalität deutscher Betriebswirte, aus Menschen auch noch das letzte heraus zu pressen.

Die Pluralität akzeptieren und auf die Wahrung einiger weniger Grundsätze achten

Auch unter Deutschen herkömmlicher Herkunft ist die Bandbreite an Wertvorstellungen und Verhaltensweisen offensichtlich sehr breit. Wir sollten diese Pluralität endlich akzeptieren und anmahnen, und uns gegen Versuche, zum Beispiel der Herren Friedrich und Sarrazin wehren, ihre eigene, enge Welt als identitätsstiftend darzustellen und für uns alle verbindlich zu machen. Zwischen der „Kultur“ eines Herrn Sarrazin zum Beispiel und den Vorstellungen seiner Frau vom Schulunterricht und dem, was viele andere für lebens- und liebenswert halte, liegen Welten.

Es gibt ein paar Grundwerte und Versprechen unseres Grundgesetzes zur Gestaltung unseres Landes. An manche halten sich gerade besonders eifrige Vertreter einer angeblichen Leitkultur am allerwenigsten:
Zum Beispiel an das Versprechen, dass unser Gemeinwesen sozialstaatlich geprägt sein soll. Dieses Versprechen ist gerade in den letzten 20 Jahren in Zeiten der Herrschaft konservativer Zeitgenossen besonders oft und prägend verletzt worden.
Zum Beispiel das Versprechen, dass die politische Willensbildung demokratisch ablaufen soll. Stattdessen herrscht Medien- und finanzielle Macht und die Hauptmatadore der Leitkulturvorstellung sind die Hauptprofiteure der Verletzung des Demokratiegebots.
Zum Beispiel Gleichheit und Gleichstellung. In das Milieu des Herrn Bundesministers Friedrich ist diese Vorstellung immer noch nicht eingedrungen. Siehe seine Studentenverbindung.

Anlage:

05. März 2011, 09:56 Uhr
Islam-Kontroverse um Innenminister
„Ohrfeige ins Gesicht der Muslime“

Starke Sprüche, heftige Widerworte: Mit seiner Aussage, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, ruft der neue Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich jetzt immer mehr Kritiker auf den Plan – und reißt alte Gräben in der Union neu auf.
Berlin – Wer als unbekannter Darsteller die große politische Bühne betritt, sollte das mit einem Donnerhall tun. Vielleicht hatte sich der neue Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) von eben dieser Maxime leiten lassen, als er kurz nach seinem Antritt verkündete: „Dass der Islam zu Deutschland gehört, ist eine Tatsache, die sich auch aus der Historie nirgends belegen lässt.“
(…)
Quelle: SPIEGEL Online

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