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Der unerträgliche Versuch, Familien gegen Kinderlose in Stellung zu bringen

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Um Missverständnisse gleich auszuschließen: Die Zahl meiner Kinder liegt mehr als doppelt so hoch wie beim Durchschnitt der Männer. Ich könnte also mit Genugtuung verfolgen, wie eine Meldung und ein Kommissionsergebnis nach dem andern die Kinderreichen lobt und die Kinderlosen anprangert. Ich neige eher dazu, die Kinderlosen unter unseren Lesern aufzurufen, sich endlich gegen diese Diffamierung zu wehren. Denn hier werden von verschiedenen Akteuren die Probleme der Belastung aller in einer wirtschaftlich schwierigen Situation vornehmlich der Kinderlosigkeit zugeschoben. Dies geschieht obendrein mit unlauteren Argumenten und Berechnungen.

Ende letzter Woche präsentierte eine Kommission der Robert Bosch-Stiftung einen Bericht mit der Behauptung, jedes Kind bringe dem Staat – und damit auch den Kinderlosen – fast 77.000 € im Laufe seines Lebens. Die Berechnung wurde vom ifo-Institut angestellt. Mir hat sich diese nicht erschlossen. Ich halte sie im Gegenteil für abenteuerlich. Jetzt kommt der rührige Sozialrichter Jürgen Borchert in einem Interview mit dem Deutschlandfunk mit der Schlagzeile: “Familien sind die Sparschweine und Melkkühe der Nation” und der Behauptung, die Belastung von Familien gegenüber Kinderlosen sei durch Mehrwertsteuererhöhung, Ökosteuer und Steuerreform rasant gestiegen.

Ich bestreite ja nicht, dass kinderreiche Familien sehr belastet sind. Aber so zu tun, als läge dies an den Menschen ohne oder mit wenigen Kindern, das ist wirklich die falsche Stoßrichtung. Denn diese tragen schon einen Teil der Ausgleichslast. Ob dieser Ausgleich größer sein sollte, wie jetzt im Zusammenhang mit dem Elterngeld diskutiert wird, darüber kann man streiten. Aber die unterschwelligen Angriffe auf die Kinderlosen und kinderarmen Familien sind unerträglich. Die Angreifenden arbeiten auch mit unlauteren Argumenten, wie der folgende Text von Jürgen Borchert zeigt:

„Richtig wird der Schuh erst dann, wenn man sich die Transferverhältnisse wie das übrigens im Trümmerfrauenurteil vom Bundesverfassungsgericht 1992 mal gemacht wurde, wenn man sich mal anschaut, was kostet ein kinderloser Ruheständler vom Eintritt in den Ruhenstand bis zum Tode an Gesundheitskosten und was kosten die Kinder von 0 bis 20. Und da ist das Ergebnis so, dass ein kinderloser Ruheständler, der ja ausnahmslos versorgt wird von den Kindern anderer Leute in diesen Umlageverfahren, das zehnfache an Kosten verursacht gegenüber den Kindern von 0 bis 20. Also auch da laufen die Verteilungsverhältnisse ganz entgegengesetzt dem, was man so üblicherweise in der Öffentlichkeit annimmt.“

Borchert macht den üblichen Denkfehler: Er lässt außer acht, dass die kinderlosen Ruheständler während ihres Arbeitslebens in der Regel Beiträge und Steuern bezahlt haben. Das ist ihr Beitrag zum Umlageverfahren gewesen, von dem während der Zeit ihrer Arbeit die damals im Ruhestand Befindlichen bezahlt wurden. Jetzt als Rentner nehmen sie die Zahlung der heute arbeitenden Generation in Anspruch. Grundsätzlich gilt so, dass jeder letztlich für seine Rente und für seine Krankenkasse in der Rentenzeit selbst vorgesorgt hat. Bei allen neuen Überlegungen, etwa dem Vorschlag, dass Kinderlose die Rentenbeiträge der Kinderreichen bezahlen sollen, wird einfach abgeschnitten, was ein kinderloser Rentner früher gezahlt hat. Oder andersherum: Auch die Kinder aus kinderreichen Familien, die angeblich die Renten der anderen bezahlen, werden einmal Rentner und nehmen dann das von ihnen „Vorgeleistete“ wieder von anderen in Anspruch, denn jedes Kind, wird wenn es die statistische Lebenserwartung erreicht eben auch einmal Rentner.
Es führt eben kein Weg daran vorbei, dass aller Sozialaufwand immer aus dem Volkseinkommen der jeweils laufenden Periode gedeckt werden muss. Es gibt keine andere Quelle dafür und hat auch noch nie eine andere gegeben. Egal ob Umlagefinanzierung oder Kapitaldeckung (denn die Zinsen müssen ja auch erwirtschaftet werden) gibt es keine Ansammlung von Periode zu Periode, also kein „Ansparen“ im privatwirtschaftlichen Sinne. Es gibt einfach keine andere Quelle als das jeweils laufende Volkseinkommen für den Sozialaufwand.
Wieso wie im Falle der ifo-Berechnungen die große Summe von 77.000 € – für die kinderlosen Rentner übrig bleiben soll, ist unerklärlich. Irgendwie wird hier eine wundersame Mehrwert-Konstruktion eingebaut. Die Logik erschließt sich mir nicht.

Hinweis für Leser der „Reformlüge“: Auf den Seiten 123 bis 125 wird ausführlich auf dieses Thema eingegangen.

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