Neonazis im griechischen Parlament

Ein Artikel von Niels Kadritzke | Verantwortlicher:

Die neonazistische Partei Chysi Avgi hat bei den Parlamentswahlen mit knapp 7 Prozent und 440.894 Wählern einen unerwartet hohen Stimmenanteil erreicht. Wie sich die Neonazis aufspielen und was droht, wenn solche Kräfte stärker werden, berichtet Niels Kadritzke.
Er schildert zugleich ein duckmäuserisches und skandalöses Verhalten von griechischen Journalisten.

Pressekonferenz von Nikos Michaloliakos (Vorsitzender der griechischen Partei Chysi Avgi):

Die neonazistische Partei Chysi Avgi hat bei den Parlamentswahlen vom 6. Mai mit 6,97 Prozent der Wählerstimmen unerwartet stark abgeschnitten hat. In den Umfragen vor den Wahlen lag die Partei, deren Symbol wie eine Mischung zwischen Hakenkreuz und Labyrinth anmutet, zwischen 3,5 und 5,0 Prozent.

Bevor der Parteichef (im Anzug) eintritt, rufen zwei glatzköpfige, mit schwarzen Blusen gekleidete Leibwächter: „Alle aufstehen. Bezeugt euren Respekt.“
Dabei machen sie auffordernde Gesten an die Reihen der Journalisten. Vor der Aufforderung stand nur eine Journalistin, jetzt erheben sich alle, die im Bild sind. Aber es sind offenbar noch nicht alle, denn man hört eine Stimme: „Aufstehen oder alle raus!“ Eine weibliche Stimme protestiert: „Lass uns alle rausgehen.“ Michaliliakos schreit: „Schluss, niemand spricht, wenn nicht alle stehen.“ Alle Journalisten, die sich im Bild befinden, sind inzwischen aufgestanden. Einige sehen sich um, ob auch die hinter ihnen stehen. Das scheint so zu sein. Eine Stimme ruft: „Würdet ihr nicht aufstehen für Samaras und Venizelos?

Dann beginnt der Parteiführer seine Ansprache. Er dankt mit „aller Kraft meines griechischen Herzens“ den Hunderttausenden Wählern (genauer waren es 440 894), die ihre Stimmen für die „völkische nationalistische Bewegung“ abgegeben haben. Und das obwohl diese von allen Medien mit Schmutz beworfen wurde. Es folgt eine Hassrede auf alle anderen Parteien, aber insbesondere gegen den „Erzverräter Samaras“, der den Patrioten spiele, obwohl er „nur drei Monate Militärdienst geleistet hat“.

Und dann kommt die Analyse der Situation, in „einfachen Worten“. Der Neonazi-Führer erklärt: „Die Junta des Memorandums regiert weiter. Aber der nationale Widerstand des Chrysi Avgi gegen die Memorandums-Junta wird ebenfalls weitergehen, innerhalb und außerhalb des Parlaments. Für ein Griechenland, das von den globalen Zinswucherern befreit ist, für ein unabhängiges und stolzes Griechenland, für ein Griechenland, das nicht durch das Memorandum versklavt und seiner nationalen Souveränität beraubt wird. Für ein Griechenland, das aufhört, ein Dschungel zu sein wegen der Hunderttausenden Migranten, die man in unser Vaterland gebracht hat, ohne uns zu fragen.“

Es folgt der von allen griechischen Medien hervorgehobene Spruch: „Veni, vidi, vici.“ Das Caesar-Zitat übersetzt Michaloliakos mit den Worten: „Ihr habt mich angeklagt, ihr habt mich denunziert, ihr habt mich eingeschüchtert, aber ich habe euch besiegt!“ Der Wahlsieg sei nicht zuletzt einer „gegen die Fernsehkanäle und die gelbe Presse“. Diesen Sieg widmet der Führer „all den heldenhaften Jungs, die die schwarzen Hemden mit den altgriechischen Buchstaben Chrysi Avgi tragen, die die griechische Fahne durch die Städte und Dörfer tragen, trotz der Dreckskanäle, die nach zwei Uhr nachts nur noch Pornos und ekelhafte illegale Werbung senden…Jetzt aber bricht der neue goldene Morgen des Griechentums an, aber auch die Zeit des Fürchtens für diejenigen, die das Vaterland verraten haben.“

Und dann kommt zum Schluss die Drohung: „Wir kommen. Das habe ich euch zu sagen und sonst nichts. Schande über die, die uns verleumden und mit Dreck bewerfen. Wir sind griechische Patrioten, wir sind Nationalisten und wir erlauben niemanden, das zu bezweifeln. Der Kampf geht weiter. Außerhalb und innerhalb des Parlaments!“

Die Szene wird eine Diskussion unter Journalisten auslösen, wie man mit den erstarkten Neonazis umgeht. Soll man sie boykottieren, nicht über sie schreiben, sie im Fernsehen nicht zu Wort kommen lassen wie bisher? Oder soll man versuchen, sich selbst zu entlarven, wie durch die dargestellte Pressekonferenz, die man sich auch ansehen kann.

Aber eines ist mit Sicherheit ein falsches Signal an die vor Selbstbewusstein strotzenden Faschisten: Wenn Journalisten die Befehle von Schwarzhemden befolgen und deren Führer den ultimativ geforderten „Respekt erweisen“. Statt den Raum zu verlassen, wie es eine Kollegin getan hat.

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