Wie soziale Marktwirtschaft nicht funktioniert, aber Raubtierkapitalismus, dem kein Einhalt geboten wird, zeigt auf beklemmende Weise ein aktuelles Beispiel aus Ostdeutschland: Zalando, ein europaweit aufgestellter Online-Modehändler, macht kurzen Prozess. Der Konzern schließt in diesem Jahr 2026 seinen einzigen ostdeutschen Standort, das Logistikzentrum in Erfurt. Die Unternehmensentscheidung wird eiskalt mit Neuausrichtung und Modernisierung begründet. Dem nicht genug: 2.700 Mitarbeiter in Thüringen werden geradezu verhöhnt. Kein Wort findet sich zur eigentlichen Motivation: unstillbare Gier und noch mehr Profit für ein erfolgreiches Unternehmen. Die Bosse jubelten schon im alten Jahr über kräftige Effizienzgewinne. Sie raten den überflüssig gewordenen Erfurtern, doch umzuziehen, nach Westdeutschland. Dort braucht der Konzern für das neue Logistikzentrum Gießen (Hessen) möglicherweise auch ein paar fleißige Ost-„Zalandos“ für noch mehr Ertrag. Was für ein Zynismus. Ein Zwischenruf von Frank Blenz.
Übler Schlag plus Zynismus gegen 2.700 Arbeiter, ihre Familien, ihre Stadt, ihre Region
Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten für ein großes, erfolgreiches Unternehmen. Sie sind kompetent, fleißig und motiviert. Sie sorgen für ordentlich Umsatz und konstant dafür, dass die Bosse auf tiefschwarze Zahlen blicken können. Und doch flattert Ihnen und Ihren Kollegen plötzlich diese Nachricht auf den Tisch: Danke, aber Dein Werk macht dicht und Du bist draußen. In Erfurt in Thüringen erleben gerade 2.700 Menschen, Mitarbeiter im Zalando-Logistikzentrum, diesen „Das darf doch nicht wahr sein“-Albtraum. Die Mitarbeiter sind dabei völlig machtlos. Sie werden vor vollendete Tatsachen gestellt. Das geschieht in einer Weise, die, wie ich finde, an Zynismus nicht zu übertreffen ist, fassungslos machend nachzulesen auf der Webseite des Konzerns.
In den folgenden Zeilen ist von Stärkung, Attraktivität, von der Schaffung deutlichen Mehrwerts und von Hilfe für Zalando, eine weitere Beschleunigung seines Wachstums zu erzielen, die Rede. Bla bla bla. Kurz gesagt: Die wollen einfach noch mehr Profit. Von Menschen ist keine Rede, mit Ausnahme der Kunden und Partner. Verpackt wird das Ganze in eine Wortwahl, die ich als pure Verachtung lese:
Zalando gestaltet sein europaweites Logistiknetzwerk aktiv neu, um seine Position im europäischen Mode- und Lifestyle-Markt weiter zu stärken. Durch die Neuaufstellung können wir unseren Kund*innen und Partnern auch in Zukunft erstklassigen Service zu attraktiven Konditionen anbieten. Damit schaffen wir für sie einen deutlichen Mehrwert und helfen Zalando, sein Wachstum in den kommenden Jahren weiter zu beschleunigen.
(Quelle: Zalando)
Tja, einfach klar unternehmerisch handeln die Zalandos, sagen sicher Experten kühl und nüchtern. Doch wo bleiben unternehmerische Verantwortung, Miteinander, Achtung der Arbeitnehmerschaft, der Respekt für die Menschen der Region, die Wahrung von Fairness? Allein die öffentliche Förderung und Subventionierung von Zalando in Thüringen brachte dem profitablen Konzern Millionen Euro extra ein … Trotzdem haben die Zalandos einen anderen Plan entwickelt, voller Superlative, das Beste, das Effizienteste …:
Wir streben in allen Bereichen stets nach den besten und effizientesten Strukturen, um die sich uns bietenden Marktchancen optimal zu nutzen. In den vergangenen Monaten haben wir unser europaweites Logistiknetzwerk gründlich überprüft und einen Plan entwickelt, um unsere Logistikkapazitäten im gemeinsamen Netzwerk von Zalando und ABOUT YOU bedarfsgerecht auszurichten und uns zukunftssicher aufzustellen.
(Quelle: Zalando)
Diese „Entscheidung“ der Bosse, dieser „Plan“, richtigerweise das Plattmachen und Kassemachen des Standortes Erfurt, ist eine weit über wirtschaftliche Ziele hinausgehende – sie ist eine grundtief asoziale, zum schweren Schaden der Arbeiter des Unternehmens, die offenbart, dass Kapitalismus genauso wütet, wenn die Politik nicht eingreift, wenn sie durchwinkt und, mehr noch, die Interessen der Arbeitnehmer missachtet, wenn Arbeitnehmervertreter nicht gestärkt werden, wenn die Medien bei dem Spiel mitmachen. Ich denke da beispielsweise auch an eine andere gierige Firma, Tesla, an das damals mit viel Beifall begleitete Ausrollen roter Teppiche für den übermächtig scheinenden Konzern. Wenn die Bosse aber machen können, was sie wollen, wie hier nun wieder Zalando, dann erfahren ohnmächtige Politiker von „schwierigen“, aber „notwendigen“ Entscheidungen, die nicht zum Wohl der Arbeitnehmerschaft getroffen werden:
Dabei haben wir die schwierige, aber notwendige Entscheidung getroffen, unser Logistikzentrum in Erfurt bis Ende September 2026 zu schließen.
(Quelle: Zalando)
Notwendig? Nein – Zalando ist sehr profitabel
Bodo Ramelow, der ehemalige Ministerpräsident Thüringens, bekam Schnappatmung, als er die schlechten Neuigkeiten aus seiner Landeshauptstadt Erfurt erfuhr. „Raubtierkapitalismus“, empörte der Pensionär sich.
Elisabeth Kaiser, Ostbeauftragte der Bundesregierung, säuselte eine butterweiche Protestnote via Instagram in die Öffentlichkeit. Zumindest warnte sie die potenziellen neuen „Zalandos“ am künftigen Standort Gießen (Hessen), dass sie ihre Arbeitnehmerrechte schneller wahren sollten als einst die Kollegen in Thüringen.
Schließlich beklagte Andreas Horn, Oberbürgermeister Erfurts, dass der Zalando-Plan nicht nur eine traurige Nachricht für Erfurt und Thüringen, sondern auch für den Wirtschaftsstandort Ostdeutschland sei.
Die Zalando-Bosse haben sicher Verständnis für den Ärger der Politiker, doch denken sie halt größer. Und zwar so: Europas größter Online-Modehändler Zalando hat zur Freude der Führungsetage auch 2025 Umsatz und Gewinn gesteigert und bleibt weiter ehrgeizig, Pardon, gierig. Hier ein Zitat aus der Zeitung Junge Welt:
Das Bruttowarenvolumen (GMV) stieg um fünf Prozent auf 4,1 Milliarden Euro und der Umsatz um 7,3 Prozent auf 2,8 Milliarden Euro, wie der Internetversandhändler am Dienstag mitteilte. Das bereinigte Ergebnis vor Zinsen und Steuern (EBIT) wuchs auf 186 (172) Millionen Euro, was einer stabilen Marge von 6,5 Prozent entsprach.
Erstmals gab Zalando eine Prognose für das Geschäftsjahr 2025 ab: Demnach wird für 2025 ein Umsatz zwischen 12,1 und 12,4 Milliarden Euro erwartet, das bereinigte EBIT soll 550 bis 600 Millionen Euro erreichen. »Diese Steigerung resultiert aus Zalandos starker Performance im ersten Halbjahr«, hieß es. Zalando erwarte weitere Effizienzgewinne bei den Kosten sowie erste Synergien. Was das bedeutet, wurde im April klar: Die Zalando-Bosse hatten alle rund 450 Beschäftigten der drei internen Kundenservicegesellschaften entlassen. Die Entscheidung sei »Teil einer Umstrukturierung zur Effizienzsteigerung« gewesen. (Reuters/jW)
Erfurt war das erste Logistikzentrum Zalandos und hat nun seine Schuldigkeit getan?
Das Jahr 2025 ist für Zalando Geschichte, die Bilanz blendend, allein, da geht halt noch und weiterhin was. Erfurt war seit 2012 das erste Logistikzentrum des Online-Modehändlers. Es soll nun ersatzlos weichen. In Gießen entsteht das neueste, modernste Logistikzentrum. Und ein Zalando-Chef macht sogar den Erfurtern etwas Hoffnung in dem miesen Spiel. In der Gießener Allgemeinen findet sich dazu:
Zalando-Co-Chef David Schröter erklärte im Gespräch mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, dass es Ziel sei, dass möglichst viele Mitarbeiter aus Erfurt einen neuen Job finden – „beispielsweise am Zalando-Standort in Gießen“, der sich noch im Aufbau befinde. Laut Frohnmayer habe sich für Gießen auch an der geplanten Mitarbeiterzahl nichts geändert. „Dort werden bis zu 1700 Menschen arbeiten. Es ist aber unklar, wann diese Zahl erreicht wird. Zunächst werden wir mit ein paar Hundert Mitarbeitern starten.“ Stellen sind derzeit bereits ausgeschrieben.
Nebenbemerkung zu Schröter: Gießen ist von Erfurt 225 Kilometer entfernt, was für etwaige Pendler eine Fahrzeit von zwei Stunden 40 Minuten bedeuten würde. Oder meint der Zalando-Boss, dann sollen sie halt umziehen?
Entlarvendes PR-Deutsch auf der Webseite des Konzerns
Zalando-Vize Schröter und die anderen Bosse verkaufen ihre Unternehmensasozialität noch als ehrbares Handeln, lassen Erklärungen veröffentlichen, die unter der Gürtellinie sind:
Wir haben diese Entscheidung nicht leichtfertig getroffen. Wir sind allen betroffenen Mitarbeiter*innen für ihren Beitrag außerordentlich dankbar und bedauern zutiefst die Auswirkungen, die diese Entscheidung auf unsere Kolleg*innen haben wird.
Wir legen größten Wert auf ein faires und respektvolles Vorgehen. In Erfurt setzen wir als Arbeitgeber auf einen offenen Dialog mit unseren Mitarbeiter*innen, ihren Vertretern sowie allen relevanten Partnern. Wir werden Verhandlungen mit dem Erfurter Betriebsrat über einen Interessenausgleich und einen Sozialplan aufnehmen. Gemeinsam mit externen Expert*innen haben wir ein umfassendes Unterstützungsangebot entwickelt, um unsere Mitarbeiter*innen bei diesem Prozess mit Integrität und Mitgefühl zu begleiten.
(Quelle: Zalando)
Bosse: „Danke, Ihr dummen Zalandos“ – aber wir ziehen jetzt weiter
Die Zeilen lese ich für mich übersetzt so: Die Bosse sagen: „Danke, Ihr dummen Zalandos, aber wir ziehen jetzt mal weiter.“ Zuvor setzen sie dem Zynismus noch die Krone auf:
Über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren hat das hoch engagierte Team von rund 2.700 Zalandos in Erfurt einen wesentlichen Beitrag zu unserem Unternehmenserfolg geleistet und den Grundstein für unser heutiges Logistiknetzwerk gelegt. Wir fühlen uns mit Erfurt und der Region verbunden und werden mit lokalen Behörden und zivilgesellschaftlichen Organisationen zusammenarbeiten, um gemeinsam zu versuchen, die Auswirkungen zu mindern.
(Quelle: Zalando)
Titelbild: David Peperkamp/shutterstock.com





