Buchrezension „Wenn die Waffen sprechen“ – Der Beginn einer Fabel

Buchrezension „Wenn die Waffen sprechen“ – Der Beginn einer Fabel

Buchrezension „Wenn die Waffen sprechen“ – Der Beginn einer Fabel

Heinz Klippert
Ein Artikel von Heinz Klippert

Das Buch ist ein Buch gegen den Krieg – allerdings kein gewöhnliches Buch. Kein Moralisieren; keine Risikoanalysen, Opferstatistiken, Schuldzuweisungen oder sonstige friedensethische Reflexionen und Anklagen, wie sie in Wissenschaft, Politik und Medien durchaus üblich sind. Das Buch setzt ziemlich emotionslos beim Kampfgeschehen direkt an, d.h. beim „Agieren“ und Portraitieren einzelner Soldaten, die die unterschiedlichsten Waffen bedienen und/oder als todbringende Geschosse, Granaten, Bomben oder Raketen zu spüren bekommen. Von Dr. Heinz Klippert.

Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere zentrale Seite betrifft die Waffen selbst, d.h. deren Wirkungsweise, Gedanken und Tötungspotenziale. Martin Beck und Thorsten Bohnenberger lassen die unterschiedlichsten Waffen in fiktiver Weise von sich erzählen und am Beispiel des Ukraine-Krieges sehr konkret schildern, wie sie technisch funktionieren, wie sie ihre Opfer ansteuern und was sie dort Schreckliches anrichten. Dementsprechend wird in ebenso skurriler wie schockierender Weise die ganze Grausamkeit und Absurdität kriegstypischer Kampfhandlungen und Waffeneinsätze vor Augen geführt. Die Fratze des Krieges wird schonungslos offengelegt – ohne Relativierungen oder ideologische Schönfärbereien.

Konkret heißt dieses: Die angesprochenen Geschosse/Granaten/Raketen etc. monologisieren und berichten, wie sie in Arme, Brust oder Köpfe ihrer „Feinde“ eindringen, Körper zerfetzen, Arterien durchschlagen. Das Blut spritzt, Köpfe, Gliedmaßen und Gesichter zerbersten. Muskeln und Sehnen werden zerstört, Augäpfel explodieren, Leiber verbrennen, Innereien werden in Stücke zerrissen. Der Schmerz raubt den Getroffenen die Sinne; er lässt sie wimmern und nach ihrer Mama rufen. Dieser Horror ist zwar schwer auszuhalten, verdeutlicht aber in unverstellter Sprache den ganzen Irrsinn und die unsägliche Grausamkeit realer Kriege bzw. Waffeneinsätze.

Mit den sprechenden Waffen (Geräte, Gewehrkugeln, Granaten, Sprengköpfe etc.) bedienen sich die Autoren der Literaturgattung „Fabel“, wobei diesmal nicht Tiere, sondern die zum Töten und Zerstören bestimmten Waffen menschengleich zu Wort kommen – fiktiv und zugespitzt, aber in erschreckender Weise drastisch, mahnend und anstößig. Vieles im Buch erinnert an einen brutalen Horrorfilm, in dem diverse Horrorszenen entfaltet und so zum Besten gegeben werden, dass vernunftbegabte Menschen eigentlich zutiefst erschrecken und zur Umkehr finden müssten – zumal die waffengebundenen Gelder bestens für Soziales, Bildung und andere humanitäre Zwecke verausgabt werden könnten. Diese Mahnung findet sich im Buch einige Male.

Obwohl der Schwerpunkt des Buches erklärtermaßen auf den sprechenden Waffen mit ihrer geballten Zerstörungskraft liegt, geht es gleichzeitig doch auch darum, die hinter diesen Waffen stehenden Menschen ein wenig zu beleuchten – ihre Kampfmotive, Prägungen, Träume, Hoffnungen, Vorurteile, Zweifel und Zerrissenheiten. So werden z.B. auf den Seiten 32 ff. des Buches aus der Sicht verwandtschaftlich verbundener Russen und Ukrainer vorsichtige Zweifel u.a. am Maidan-Putsch, an der Rolle der NATO, am Wirken der Asow-Brigaden und Bandera-Anhänger oder auch an der Seriosität der Minsker Verträge geäußert und ukrainische Ultranationalisten ganz offen als „Faschisten“ bezeichnet. Kleine, aber wichtige Denkanstöße!

Die Frage ist nur, wer diese und andere Denkanstöße tatsächlich aufnimmt und schockresistent aus dem Labyrinth der waffenbezogenen Horrorschilderungen herausfiltert. Das Problem ist nämlich, dass die überbordenden waffentechnischen Details und Kriegsgräuel potenziellen Leser/innen schnell zu viel werden dürften. Denn egal, ob es nun eine Gewehrkugel ist, die ihren vernichtenden Lauf nimmt oder ein Mörser, eine Handgranate, ein Panzer, eine Drohne oder irgendeine Rakete, die Menschen und Gebäude zerstören – der Horror ist im Kern immer der gleiche und übersteigt in dieser Häufung schnell die Grenze des Erträglichen.

Das gilt umso mehr, als die detaillierte Beschreibung der vorgestellten Waffensysteme, Waffenarten, Sprengköpfe, Flugbahnen, Fluggeschwindigkeiten, Reichweiten, Kosten, Einsatzgebiete, Zerstörungskräfte etc. einerseits zwar beeindruckend ist, andererseits aber auch erdrückend und abstoßend wirken kann, da diese Details in der dargebotenen Fülle weder zu begreifen noch zu verifizieren sind – zumal die Autoren ganz offen bekennen, dass sie sich des fiktiven Schreibens bedienen. Von daher wäre es vielleicht besser gewesen, die Zahl der Fabeln bzw. „Waffenakteure“ stark zu begrenzen und so der drohenden emotionalen und motivationalen Überforderung entgegenzuwirken. Das gilt vor allem für den Schulbereich.

Zugegeben, die eine oder andere „Fabel“ im Unterricht bewusst aufzugreifen und zum Aufbau kriegskritischer Einsichten und Haltungen zu nutzen, ist ein fraglos sinnvolles und lernrelevantes Unterfangen. Dagegen scheint das Buch von Beck/Bohnenberger als klassisches Lesebuch weniger geeignet, da die ausgeprägten Redundanzen, Technikdetails und wiederkehrenden Horrorschilderungen die Leselust vieler Rezipienten rasch kappen dürften. Von daher steht zu befürchten, dass selbst gutwillige Leser/innen gar nicht zu der ebenso aufrüttelnden wie merkwürdigen Atomwaffen-Story in den letzten Abschnitten des Buches vordringen werden.

In diesem Schlussteil nämlich wird mit utopischem Zuschnitt geschildert, dass sich die von Russland und der NATO abgeschickten Nuklear-Raketen kurz vor der Detonation ihrer Atomsprengköpfe autonom und vernunftgeleitet entscheiden, ihren Dienst zu verweigern und damit etwas zu tun, was den amtierenden Politikern und Militärs nur selten gelingt, nämlich wirksam zu deeskalieren. Die Botschaft dieser wundersamen Wendung kann dahingehend interpretiert werden, dass die politisch und militärisch Verantwortlichen auf dieser Welt endlich zur Vernunft kommen und selbstkritisch erkennen sollten, dass Aufrüstung, Abschreckung, Kriegsertüchtigung und manisches Perfektionieren der militärischen Tötungsmaschinerie weder Frieden noch Menschenrechte sichern, sondern uns nurmehr der Apokalypse näherbringen.

Diese Destruktivität militärischer Waffen schonungslos sichtbar zu machen und entsprechende Abscheu anzubahnen, ist Anspruch und unbestreitbares Verdienst des Buches. Bleibt nur zu hoffen, dass die eine oder andere „Fabel“ ernsthaft aufgegriffen und so thematisiert wird, dass sich bei den Rezipienten eine nachhaltige Kriegsskepsis einstellt und ein Bewusstsein dafür bildet, wie dringlich gerade heute Abrüstung, Diplomatie, Entspannungspolitik, Vertrauensbildung, Toleranz und Völkerverständigung gebraucht werden! Waffen sind nun einmal keine Friedensbringer!

„Wenn die Waffen sprechen“ – Martin Beck und Thorsten Bohnenberger (epubli, Taschenbuch, ISBN: 9783565108947)

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