Ihr könnt Euch Eure Hall of Fame des Sports an den Hut stecken – Oder wie Ost-Radfahr-Idol Täve Schur sagt: Meine Ruhmeshalle ist das Volk

Ihr könnt Euch Eure Hall of Fame des Sports an den Hut stecken – Oder wie Ost-Radfahr-Idol Täve Schur sagt: Meine Ruhmeshalle ist das Volk

Ihr könnt Euch Eure Hall of Fame des Sports an den Hut stecken – Oder wie Ost-Radfahr-Idol Täve Schur sagt: Meine Ruhmeshalle ist das Volk

Ein Artikel von Frank Blenz

Deutschland. Bedeutet das Einheit, Miteinander, zugewandt Sein, interessiertes, ehrliches Verstehen, Respektieren und Akzeptieren im Besonderen zwischen West und Ost? Ich finde, dass wir nach wie vor weit weg davon sind, ersichtlich bei großen gesellschaftlichen und politischen Abläufen und auch bei kleinen Episoden. Beispiel Sport. Vor Jahrzehnten wurde eine Initiative gegründet, die begann, eine Art Ruhmeshalle des deutschen Sports für erfolgreiche Persönlichkeiten des (ganzen) Landes aufzubauen, kurz „Hall of Fame“ genannt. So weit, so gut. Was jedoch auffällt: Sportler aus dem Osten, aus der sportlich sehr erfolgreichen DDR, sind eher wenige zu finden. Liegt das an westdeutsch bestimmten Zugangsregeln? Das legt der aktuelle Fall nahe, bei dem einem Sportler die Aufnahme nicht gewährt wurde: Rad-Idol Täve Schur. Ein Zwischenruf von Frank Blenz.

Radsport-Idol des Ostens erneut und für immer (?) nicht in der Ruhmeshalle des Sports

Täve? Der heißt bürgerlich Gustav Adolf Schur und ist und bleibt einer der herausragenden deutschen Radsportler. Sein „Pech“ hinsichtlich Deutschland: Schur ist „nur“ eine DDR-Legende. Täve, inzwischen 95 Jahre, nimmt es mittlerweile gelassen, nach mehreren „Anläufen“ erneut nicht in die Ruhmeshalle aufgenommen worden zu sein. Was soll‘s. Man könnte sagen: Täve Schur kann sich so oder so der ehrlichen Beliebtheit bei den einfachen Leuten (besonders im Osten) und bei Kennern im Westen sicher sein. Und überhaupt, was braucht es solche Ruhmeshallen eines geeinten Landes, die nur spalten, indem es den einen, den westlichen, Teil hegt und den anderen, den Osten, fortwährend infrage stellt?

Der Westen ist die Norm, der Osten die Abweichung, unwürdig eines Leitbildes

Doch so einfach ist die Sache zum Abhaken nicht. Die anhaltende Praxis der „Hall of Fame“-Macher ist meiner Meinung nach so fern von gelebter deutscher Einheit wie die nächste Eiszeit. Am Ost-Sportidol Täve Schur wird exemplarisch exerziert: Der Westen wird zur Norm gemacht, der Osten ist eine Art Abweichung, ein Anhängsel und ja tatsächlich dokumentarisch belegt Anschlussgebiet an die alte BRD. Die westlich dominierte Lesart sagt zwar, dass die Hall of Fame des deutschen Sports den Sport in (ganz) Deutschland repräsentiert, indem sie herausragende Persönlichkeiten ehrt, die durch ihre sportlichen Erfolge oder ihren Einsatz für den Sport Geschichte geschrieben hätten. Und das sollte auch so sein. Doch wird in Wahrheit die westliche, ja ach so freiheitlich-demokratische Grundordnungskeule geschwungen. Frei zu lesen ist das im Leitbild:

Sportlerpersönlichkeiten, die für die Aufnahme in die „Hall of Fame“ in Frage kommen, weisen Eigenschaften wie die folgenden auf:

Herausragende sportliche Leistungen und Erfolge bzw. herausragendes Engagement im Sport und damit Vorbildwirkung als Persönlichkeit
Klare Haltung zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung
Klare Haltung zum Fairplay, gegen Sportbetrug und Doping
Klare Haltung zur eigenen Vergangenheit
Reflektion zu in der Vergangenheit gemachten Verfehlungen/Entscheidungen (Geheimdiensttätigkeit, Doping, etc.)
Besondere Biografien in Folge von Unterdrückung, politischer Verfolgung oder persönlicher Schicksalsschläge im Rahmen der Ausübung der Sport-Tätigkeit

Mehrere Punkte dieses Leitbildes hat Täve Schur, 95 Jahre alt, demnach nicht erfüllt und so Mängel bei den Eigenschaften für eine Eignung für die Halle des Ruhms offenbart. Ich maße mir nicht an, seine Biografie aufzublättern und darin zu finden, dass er DDR-Bürger war, dass er politisch links ist und, mehr noch, damals Parteimitglied der SED war. Im geeinten Deutschland schaffte Schur es sogar in den Bundestag (PDS, Linke). Und schon tauchte das Wort „Doping“ auf und in diesem Zusammenhang die Behauptung, dass Täve Schur sich von all dem bösen Treiben der DDR nicht distanziert habe.

Täve, ein Weltmeister unbestritten, doch sagt der Westen, er sei umstritten

Nur zur Erinnerung, Westdeutsche (wie Ostdeutsche) kennen die Tour de France. Besonders Ostdeutsche erinnern sich bis heute noch an die Internationale Friedensfahrt und besonders an einen Namen, diesen kurzen, liebevoll ausgerufenen Kosenamen: Täve. Am größten Radrennen der Welt für Amateursportler durch drei sogenannte Ostblock-Länder (DDR, Tschechoslowakei (heute Tschechien und Slowakei) sowie Polen) nahm dieser Täve Schur ein Dutzend Mal teil und gewann die Tour zwei Mal. Schur war weiter sechsmaliger DDR-Meister und gewann zweimal, 1958 und 1959, die Straßenweltmeisterschaft der Amateure. Die vielen, vielen Zuschauer riefen an der Strecke immerzu: „Täve, Täve!“ Die Sympathien blieben im Osten. Nach seiner aktiven Laufbahn im Jahr 1964 blieb Schur weiter dem Sport treu – als Trainer und Funktionär. Und seine Erfolge sind unbestritten, heißt es sogar bei den Kritikern. Ein ganz anderes Wort nehmen sie jedoch in den Mund, wenn sie Täve die Nähe zu seiner Heimat DDR vorwerfen. Dann nennen sie ihn umstritten. Und wie Bürger in diesen Zeiten immer wieder sehen, ist „umstritten“ betitelt zu werden ein gesellschaftliches Ausschlussargument, ein dicker Stempel, etwas, das hängenbleiben soll.

„Hall of Fame“-Macher arbeiten auf – den Osten, nicht den Westen

Wie es kommen musste und bis heute Realität ist: In der Ruhmeshalle stellt der Betrachter eine Unterrepräsentation von verdienten Sportlern aus dem Osten fest und eine Prägung made in West Germany. Die „Hall of Fame“-Macher dagegen finden, dass sie ihren Beitrag einer „Aufarbeitung des DDR-Sports“ leisten. Staatlich organisiertes Doping, politische Kungelei von Sport und Staat, konkret das „Regime der SED“ sind alles Ausschlusskriterien. Da kann der Sportler noch so viele Medaillen errungen haben. Dann sind sie eben leider, Beispiel Täve Schur, umstritten. Das Tor zur Ruhmeshalle des Sports bleibt zu. Und bei einer weiteren Ruhmeshalle sieht es nicht besser aus …

Da gibt es noch die Hall of Fame des Fußballs

Neben der Hall of Fame des deutschen Sports gibt es im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund eine Hall of Fame des deutschen Fußballs. Dass die alte Bundesrepublik mehrfach Fußballweltmeister wurde und später das geeinte Deutschland eben in dieser Sportart bis heute führend ist, spiegelt sich in dieser Halle besonders durch die Würdigung der Ikonen von Beckenbauer bis Sepp Maier, von Olli Kahn bis Miroslav Klose wider. Auch ein paar Fußballer aus dem Osten finden sich. Matthias Sammer, Michael Ballack und Joachim Streich.

Die ehemaligen DDR-Sport- und Fußballfreunde könnten aber viel mehr Fußballer aufzählen und wären froh, wenn deren vergleichsweise doch beachtlichen Erfolge für ein kleines Land wie die DDR wie mehrere Olympiasiege und Medaillen, die WM-Teilnahme 1974 in der Bundesrepublik (dabei der Sieg gegen die Bundesrepublik mit 1:0), nationale Meisterschaften, nationale und internationale Pokalwettbewerbe endlich Würdigung in der Halle des Ruhmes fänden. Und dies, ohne dass die Sportler „durchleuchtet“ würden, ob sie sich „würdig“ erweisen.

Doch so? Kein Jürgen Croy, der wahrscheinlich sogar bessere Torwart als Sepp Mayer zu seiner Zeit, noch Torjäger Peter Ducke, noch Jürgen Sparwasser aus Magdeburg und weitere gehören zur Gesamtdeutschland-Fußballstory dazu. Nicht anders muss aus dieser „Hall of Fame“-Besetzung mit großen Lücken geschlussfolgert werden. Nebenbei, das sage ich als Fußballfreund: im richtigen Fußballleben, im Profifußball der Bundesrepublik ist der Osten auch schön weit draußen, schön am Rand und schön klein gehalten.

Einig Volk wollen wir sein …

Ich erinnere mich gern an diesen hoffnungsvollen Satz: „Einig Volk wollen wir sein“, formulierte Willy Brandt das Ziel, die deutsche Einheit und Verständigung nach der langen Teilung Deutschlands zu erreichen. Und tatsächlich kam es zum Mauerfall, und Brandt konnte ausrufen, dass „damit zusammenwächst, was zusammengehört“.

Dazu zu gehören, dafür würdig zu sein, das betrifft neben Ost-Idol Täve noch einen weiteren Sportler aus der damaligen DDR: Waldemar Cierpinski. Der Ostdeutsche, seit 1965 in Halle lebend, ist zweifacher Marathon-Olympiasieger (1976 und 1980) der DDR. Was hat Cierpinski mit Schur neben herausragenden Erfolgen in der deutschen Sportgeschichte gemeinsam? Auch der Marathon-Olympiasieger ist nicht würdig, in der Hall of Fame des Sports aufgenommen zu werden.

Täve Schur hat kürzlich seinen 95. Geburtstag gefeiert, wurde vielfach umarmt und ins Herz seiner Fans geschlossen. Den Verantwortlichen der Initiative Hall of Fame fiel dagegen nicht ein: Mensch, wir könnten einfach sagen: „Ja, Täve, Du warst ein großer Sportler, auch wenn oder gerade weil Deine Laufbahn in der einstigen DDR (Teil des ganzen Deutschlands) stattfand. Dafür gebührt Dir Ehre.“ Aber so? Nein. Die Reaktion von Schur ist wundervoll: „Meine Hall of Fame ist das Volk.“

Quelle: Hall of Fame

Titelbild: Bundesarchiv, Bild 183-30479-0002 / Illner / CC-BY-SA 3.0

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