Und nun zum Wetter

Und nun zum Wetter

Und nun zum Wetter

Jens Berger
Ein Artikel von: Jens Berger

Früher hieß es immer, dass die Regierung die mittlerweile kurzen Zeiträume, in denen die deutsche Fußballnationalmannschaft bei Europa- oder Weltmeisterschaften im Fokus des Interesses steht, ausnutzt, um dem Volk besonders bittere Gesetze unterzujubeln. In diesem Jahr waren dies wohl die Pläne der Rentenkommission, die Rainer Heyse für die NachDenkSeiten kunstvoll seziert hat. Debattiert wurden sie kaum. Doch das lag nicht an König Fußball, sondern an einer Hitzewelle, die nicht nur die Thermometer, sondern auch die Debattenräume in den „sozialen“ Netzwerken zum Kochen brachte. Und wie immer, wenn die virtuellen Stammtische der Neuzeit zum Kriegsschauplatz im allgemeinen Kulturkampf werden, kam dabei außer Hauen und Stechen nicht viel raus. Von Jens Berger.

Erst mal ein kleines Vorwort: Wenn ich nun sage, dass es 2026 ja schon undankbar ist, überhaupt über das Wetter zu schreiben, bin ich schon mit Karacho auf die erste Tretmine gelatscht. „Wetter“, so weiß es die tendenziell eher junge und linke Bubble, sei eine Verharmlosung. Schuld an der Hitze sei ganz sicher der Klimawandel, den sie lieber Klimakatastrophe nennen. Von mir aus. Doch nun einfach über das „Klima“ zu schreiben, wäre der sichere Tritt auf die nächste Tretmine. Damit würde ich mir nämlich die offene Feindschaft der tendenziell eher älteren und rechten Bubble einfangen, die jede Extremtemperatur für ganz normales Wetter hält, wie es das schon immer gegeben habe. Ohne dem zustimmen zu wollen, entscheide ich mich dennoch für den Begriff „Wetter“, da er mir im konkreten Kontext einfach sprachlich richtiger erscheint; vielleicht ja auch nur, weil ich alter weißer Mann bin.

Und so begab ich mich frohgemut bei schönem Wetter – bitte kein Shitstorm, zu diesem Zeitpunkt waren es im traditionell eher kühlen Harz wunderschöne 32 Grad im reichlich vorhandenen Schatten – in meine Facebook-Blase und wollte mal schauen, was die Menschen so über die Rentendebatte denken. Offenbar gar nichts. Meine Timeline war stattdessen voll mit einem recht absurd wirkenden meteorologischen Kulturkampf. Was spielte sich da ab?

Die Fraktion „Klima-Alarmismus“

Gut ein Drittel meiner „Facebook-Blase“ gehört zur eher jungen, eher weiblichen, eher linken Fraktion. Wäre ich der Amazon-Algorithmus, würde ich sagen: Kunden, die die Linkspartei wählen, LGBTQ-Paraden prima finden und gerne gendern, empfinden die hohen Temperaturen der letzten Tage als Vorboten einer Klimakatastrophe, die uns ganz sicher alle töten wird. Schuld daran sind die Politik und natürlich „die Boomer“, die böse Autos fahren, böse Heizungen betreiben und oft sogar mit dem Flugzeug in den Urlaub fliegen. Klar, diese Vorwürfe sind nicht neu. Sie unterliegen jedoch einer Saisonalität. Mathematisch könnte man sagen: Der Alarmismus-Content korreliert positiv mit der Außentemperatur.

Und da wir ja nun ein paar Jahre selbst im Sommer überschaubare Höchsttemperaturen hatten, hat man als Otto Normaldebattenbeobachter die schrillen Weltuntergangsszenarien der „Klima-Alarmisten“ schon beinahe wieder vergessen. In den letzten Tagen kehrten sie mit voller Wucht zurück und kannten keine Gnade. Schon beim Lesen bekam ich, obwohl ich noch nicht einmal zu den Boomern gehöre, als doch schon etwas älterer weißer Mann, der das anfangs schöne Wetter auf seiner Terrasse genießt, ein schlechtes Gewissen. Darf ich mir ein kühles Bier aufmachen, wenn in den Häuserschluchten Berlins Millennials leiden?

Putzig finde ich hingegen den Lösungsansatz der „Klima-Alarmisten“. Denn wenn ich deren Schimpftiraden richtig verstehe, bin auch ich für die „Katastrophe“ verantwortlich. Ich fahre Auto – wenn auch Hybrid. Ich heize mit Gas. Und ja, ich trinke meine Cocktails mit einem Kunststoffstrohhalm. Aber Spaß beiseite. Ich persönlich empfinde es als Hybris, zu denken, ein globales Phänomen wie der Treibhauseffekt durch Emissionen sei durch das im globalen Maßstab geradezu winzige Deutschland zu stoppen. Und das Klima? Inshallah. Wir werden wohl Mittel und Wege finden müssen, damit besser klarzukommen.

Die Fraktion „Früher war’s auch warm“

Es ist jedoch keinesfalls so, dass die „Klima-Alarmisten“ nun die hegemoniale Deutungshoheit in den „sozialen“ Medien hätten. Im Gegenteil. Der Zeitgeist ist rechts und gerade bei Facebook – der virtuellen Alterstagesstätte – will eine Fraktion den Diskurs für sich bestimmen. Hier würde der Amazon-Algorithmus sagen: Kunden, die die AfD wählen, Windräder niederreißen wollen und sich ihr Zigeunerschnitzel nicht verbieten lassen wollen, sind tendenziell der Überzeugung, dass es auch früher schon heiße Sommer gegeben habe und so was im Sommer halt vollkommen normal sei. Gerne begleiten sie ihre oft hämischen Selbstaffirmationen mit dem alten Carell-Schlager „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer“, mal mit – man glaubt es ja kaum – Schlagzeilen der BILD von neunzehnhundertdrölf, die jedoch allesamt keiner näheren Prüfung standhalten.

Es sollte überflüssig sein, zu erwähnen, dass diese Fraktion inhaltlich falsch liegt. Nun genieße ich zwar – wie Helmut Kohl es mal in einem anderen Kontext sagte – die Gnade der späten Geburt. Aber in meiner Jugend haben wir – zumindest in den Breitengraden, in denen ich aufwuchs – nicht bei 40 Grad plus Datteln geerntet, sondern sprachen „schon“ bei 32 bis 34 Grad von einer unglaublichen „Jahrhunderthitze“. Als ich Kind war, galt bei uns in Niedersachsen die Regel, dass es in der Schule hitzefrei gibt, wenn um 11 Uhr morgens mehr als 25 Grad sind. Das war so ungefähr drei oder viermal während meiner Schulzeit der Fall. Am Wochenende fiel mein Außenthermometer auch nachts nicht unter 26 Grad. Es mag ja sein, dass es irgendwann im Paläozoikum tatsächlich in Deutschland wärmer war als heute – aber so alt sind die Boomer, die heute auf Facebook davon überzeugt sind, dass es früher genau so warm war, ja auch noch nicht.

Ich persönlich empfinde diese Sprüche übrigens auch als schäbig. Sicher, wenn man Rentner ist und ein schönes schattiges Einfamilienhaus, vielleicht ja sogar mit Planschbecken bzw. Pool, besitzt, kann man auch 40 Grad mal über ein paar Tage gut aushalten. Was aber ist mit den Rentnern, die in den kleinen Dachgeschosswohnungen der oft auch schlecht isolierten Mietskasernen leben? Was ist mit meiner Frau, die an diesem Wochenende im Krankenhaus ihren Dienst verrichten musste – bei Innentemperaturen über 35 Grad, ohne Klimaanlage, ohne Lüftung? Ich würde mir ja mal wünschen, dass die Großmäuler der „Früher war’s auch warm“-Fraktion mal eine freiwillige Schicht Sozialarbeit in einem deutschen Krankenhaus oder Altersheim ohne Klimaanlage verrichten. Mal schauen, ob sie danach auch davon schwärmen, wie „schön“ der Sommer in diesem Jahr ist.

In einem Kulturkampf bestimmen die Ränder den Diskurs

Vielleicht sind die extremen Aussagen der einen sowie der anderen Seite ja sogar verständlich. Unser Diskurs ist, zumindest dann, wenn er online auf Facebook und Co. stattfindet, ja nicht wirklich konstruktiv und ergebnisoffen. Es wird gepöbelt, was das Zeug hält, und je extremer die Meinung, desto mehr Likes. Früher gab es das, was Elisabeth Noelle-Neumann als „Schweigespirale“ bezeichnet hat – aus Angst, sozial isoliert zu werden, hat man sich die dümmsten Kommentare lieber verkniffen und seine Meinung tendenziell dem Mainstream angepasst.

Heute scheint das Gegenteil zu gelten. Keine Meinung – egal in welche Richtung – ist dumm genug, um sie nicht auf Facebook und Co. herauszuposaunen. Wer dummes Zeug postet, kriegt Likes. Wer versucht, eine abwägende Position zwischen den Extremen zu finden, kriegt am Ende von beiden Fraktionen an den Außenseiten des Spektrums virtuell eine Keule über den Schädel gezogen. Schöne neue Welt.

Absurditäten im politischen Spektrum

Dass die Parteien sich schwertun, bei dieser chaotischen Gemengelage selbst Position zu beziehen, ist klar. Aber es ist ja wieder einmal Wahlkampf und ganz schweigen kann man da doch nicht. Zu meinen persönlichen Highlights zählte an diesem Wochenende die Kommunikations-Volte der AfD. Klar, die AfD zeichnet sich in klimapolitischen Fragen eher durch Verharmlosung aus, aber wenn gerade in Sachsen-Anhalt, wo die AfD im September ja die absolute Mehrheit holen will, die Temperaturen flächendeckend die 40-Grad-Marke überschreiten, ist diese Position schwer zu halten. Was tat also die AfD? Sie startete eine Kampagne für Klimaanlagen. Deutschland braucht Klimaanlagen?

Inhaltlich will ich dem ja gar nicht widersprechen. Nur dass man wissen muss, dass Klimaanlagen und Wärmepumpen ein und dasselbe sind. Und spätestens hier wird es unfreiwillig komisch. Hätte die AfD nun mehr Wärmepumpen gefordert, wäre sie wohl von der eigenen Sympathisantenschaft mit Fackeln und Forken vom Hof gejagt wurden. Es kommt halt auf das „Wording“ an. Umgekehrt wären jedoch sicher auch die Grünen mit Strohhalmen aus Pappe von ihren Fans vom Hof gejagt worden, hätten sie nun mehr Klimaanlagen gefordert. Wenn zwei das Gleiche sagen, ist es nicht Dasselbe. Und wenn zwei das Gleiche meinen, es aber anders formulieren, schon gleich gar nicht.

Ist der Kulturkampf noch so schrill – es ist ja auch schon fast beruhigend, dass alle größeren Parteien eine „Lösung“ für das Problem haben, die auf den gleichen Mechanismus setzt: individueller Konsum. Egal ob Wärmepumpe, E-Auto, Solaranlage, Klimaanlage oder Notstromaggregat – Hauptsache, irgendwas kaufen. Mit welchem Geld, bleibt unbeantwortet, und die Verantwortung wird dabei mehr oder weniger geschickt von der politischen auf die persönliche Ebene verlagert.

Das ist fatal. Denn gerade eben deshalb, weil die Sommer auch in Zukunft nicht so sein werden wie die Sommer unserer Kindheit, wäre politisches Handeln dringend nötig. Und keine Angst, es soll hier nicht um die typisch deutsche Hybris gehen, die suggeriert, dass Oma Erna die Welt retten kann, wenn sie sich eine neue Heizung einbauen lässt. Nein, es sollte darum gehen, wie wir durch infrastrukturelle Maßnahmen, wie beispielsweise Aufforstung, Renaturierung versiegelter Flächen, Begrünung städtischer Gebiete und eine zeitgemäße Gebäudetechnik, die im Winter heizen und im Sommer kühlen kann, das Land fit für heiße Tage machen. Denn auch wenn wir davon sicher nicht aussterben – es wird sie künftig häufiger geben.

Aber jetzt regnet es ja zum Glück erst einmal und der Hitzespuk ist vorbei. Ich bin ja mal gespannt, worüber sich die Leute auf Facebook in dieser Woche die Köpfe einschlagen. Fußball? Vielleicht. Über die Rente werden sie jedenfalls sicher wieder einmal nicht diskutieren. Es ist zum Mäusemelken.

Titelbild: ChatGPT, mit künstlicher Intelligenz erstellt

Neu: unterstützen leicht gemacht

Unabhängiger Journalismus braucht unabhängige Finanzierung

Die NachDenkSeiten sind für eine kritische Meinungsbildung wichtig, das sagen uns sehr, sehr viele – aber sie kosten auch Geld. Deshalb bitten wir Sie, liebe Leser, um Ihre Unterstützung. Herzlichen Dank!

Jetzt unterstützen

Beitrag versenden

Sie kennen jemand der sich für diesen Beitrag interessieren könnte?
Dann schicken Sie ihm einen kleinen Auszug des Beitrags über dieses Formular oder direkt über Ihr E-Mail-Programm!