Terroranschlag auf den Bahnhof in Bologna: Wollen wir die Rolle von Stefano Delle Chiaie untersuchen?

Terroranschlag auf den Bahnhof in Bologna: Wollen wir die Rolle von Stefano Delle Chiaie untersuchen?

Terroranschlag auf den Bahnhof in Bologna: Wollen wir die Rolle von Stefano Delle Chiaie untersuchen?

Marcus Klöckner
Ein Artikel von: Marcus Klöckner

Am Sonntag war der 46. Jahrestag des Terroranschlags in Bologna. Als am 2. August 1980 die Bombe im Bahnhof der Stadt explodierte, riss sie 85 Menschen in den Tod, 200 wurden schwer verletzt. Was in Deutschland kaum bekannt ist: Bis heute ist der Anschlag in Italien präsent, gestern versammelten sich Tausende Menschen zum Gedenktag vor Ort, große Medien berichteten, teilweise auch live vor Ort. Auf ein Statement von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni folgte Kritik, und das hat einen Grund: Viele begreifen, dass trotz bemerkenswerter Ermittlungen etwas zum Himmel stinkt. Der Anschlag von Bologna verweist auf ein schwerwiegendes Problem: den tiefen Staat. Von Marcus Klöckner.

Die Uhr an der Fassade vom Bahnhof in Bologa zeigt am Sonntag, den 2. August 2026, 10:25 Uhr an. 10:25 Uhr – das war der Moment, als vor 46 Jahren die Bombe explodierte. 10:25 Uhr – das war der Moment, als 85 Menschen getötet wurden – darunter auch Kinder. Das jüngste Kind war Angela Fresu, drei Jahre alt. 10:25 Uhr – auf diese Zeit war die Uhr am Bahnhof auch am Samstag eingestellt – und auch an den Tagen, Monaten und Jahren zuvor. 10:25 Uhr – auf diese Zeit bleibt die Uhr auch weiterhin eingestellt, denn die Uhr ist zu einem Gedenksymbol geworden. Der Moment des wahr gewordenen Albtraums bleibt festgehalten. Als die Bombe explodierte, wurde eine Uhr schwer beschädigt und blieb auf 10:25 Uhr stehen. Die Bilder von der Uhr gingen um die Welt. Die Uhr mit ihren „hängenden“ Zeigern steht für das, was Italien will: nicht vergessen. „Bologna nicht vergessen“ – dieser Spruch ist immer wieder, auf die eine oder andere Weise formuliert, auf großen Transparenten an den Gedenktagen bei der Zusammenkunft vor dem Bahnhof zu sehen.

Das Nichtvergessenwollen hat einen Grund: Selbst nach weitverzweigten Prozessen – mehreren großen Verfahrenssträngen –, die zusammen insgesamt 45 Jahre dauerten und erst 2025 einen Abschluss fanden, stinkt der Anschlag auch weiterhin bis zum Himmel.

Zwar gab es weitreichende Ermittlungen – denn, das ist bekannt: Italienische Staatsanwälte können ermitteln, sie sind nicht weisungsgebunden wie in Deutschland. Und: Was sie ermittelt haben, hat ausgereicht, um Italien zu erschüttern. Hinter dem Anschlag steckten Neofaschisten. Während der Ermittlungen wurde der Blick frei auf ein geheimes Netzwerk der Macht, das sich in der berühmt-berüchtigten Freimaurerloge Propaganda Due, oder kurz: der „P2“ zeigte.

Zwar folgten Prozesse, in denen Schuldige benannt und zu lebenslänglichen Haftstrafen verurteilt wurden. Es folgten auch Verurteilungen von Hintermännern, etwa von Licio Gelli, dem Freimaurer-Großmeister der P2, wegen Vertuschung und Verhinderung von Ermittlungen – seine Haftstrafe durfte Gelli überwiegend im Hausarrest in seinem Haus in der Toskana verbringen. Zwar kam gar ein Gericht nach Gellis Ableben zu der Überzeugung, dass er den Anschlag finanzierte und als Drahtzieher verantwortlich war, wie es in der Publikation L’Espresso heißt.

Und doch entzündet sich weiterhin die Kritik an staatlichen Stellen, die über viele Jahre immer wieder Ermittlungen behindert, Akten manipuliert und mögliche Täter geschützt haben sollen. Zudem: Strukturelle, personelle, finanzielle und ideologische Verbindungen zum Umfeld der NATO-GeheimarmeeGladio“ kamen in den Prozessen zum Vorschein.

Der „tiefe Staat“, das heißt, wenn man so will: eine verborgene „Macht“ auch innerhalb der demokratischen Institutionen, aber außerhalb der demokratischen Kontrolle, war damals aktiv – und sie scheint einen langen Arm zu haben.

Die Aussagen des Präsidenten des Verbandes der Opfer, Paolo Lambertini, lassen tief blicken. Am Sonntag sagte er: „Aus unserer Sicht ist die Arbeit der Antimafia-Kommission besonders enttäuschend.“ Er merkt an: „Ich nenne einen Namen, um direkt und explizit zu sein: die Rolle von Stefano Delle Chiaie – wollen wir die untersuchen?“

Lambertini wirft die Frage auf, wer davon profitiere, die Untersuchung an der Stelle nicht weiter fortzuführen.

Chiaie, der 2019 verstarb, gilt als einer der zentralen Akteure im italienischen Neofaschismus. In seinem Wirken sehen Kritiker die Verbindungen zwischen Geheimdiensten, neofaschistischen Strukturen und verborgenen Auftraggebern.

Wichtig an dieser Stelle: Lambertini ist der Sohn von Mirella Fornasari, die am Tag des Anschlags in einem Büro über den Wartesälen des Bahnhofs arbeitete. Sie kam ums Leben und wurde als letztes Opfer aus den Trümmern geborgen.

Dass nach 46 Jahren noch immer Angehörige der Opfer des Anschlags von Bologna Fragen haben wie die von Lambertini, zeigt: Der politisch-staatliche Abgrund, der den Anschlag von Beginn an ausmachte, scheint noch immer zu existieren.

Als Meloni sich am Gedenktag äußerte und von einem „dunklen Kapitel“ sprach, hagelte es Kritik, da sie mit keinem Satz den neofaschistischen Hintergrund der Anschläge offen aussprach. Es gehe, so Lambertini, um die „schwärzeste Seite des italienischen Neofaschismus und der Teile des Staates“, die „die Republik verraten haben.“

Mit dem Wissen über die „Strategie der Spannung“, mit dem Wissen um die neofaschistischen Netzwerke, mit dem Wissen um die politischen Motivationen, linke Bewegungen in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg zu bekämpfen, müssten nicht nur in Italien, sondern europaweit die furchtbaren Terroranschläge, die viele Jahrzehnte Europas prägten, neu untersucht, aber vor allem auch mögliche Querverbindungen ausfindig gemacht werden.

Deutschlands „Bologna“ war der Anschlag auf das Oktoberfest in München. Auch was diesen Anschlag angeht, stinkt es. Nicht zu vergessen die Brabant-Anschläge – und viele mehr.

Es bräuchte dringend eine europäische Untersuchung, die mit Wissen, Macht und Unabhängigkeit ausgestattet ist, um dem Terror länderübergreifend nachzugehen.

Bemerkenswert in Sachen Bologna: Es gibt ein Foto von Luigi Ciavardini – einem der verurteilten Haupttäter – und einer Frau mit Namen Chiara Colosimo. Auf dem Foto sitzen beide zusammen an einem Tisch, aneinandergelehnt. Bei der Frau handelt es sich um die Präsidentin der Anti-Mafia-Kommission – ernannt von Giorgia Meloni.

Am Gedenktag veröffentlichte das Magazin L’Espresso eine Zeichnung des Karikaturisten Mauro Biano. Sie zeigt eine Mutter mit ihrem Kind am Tag vor dem Anschlag, wie sie in Richtung Bahnhof blicken. Die Mutter sagt: „Wir gehen die neue Badehose kaufen. Morgen um diese Zeit nehmen wir den Zug ans Meer.“ Die beiden Figuren stellen vermutlich Maria Fresu mit ihrer Tochter Angela dar. Beide waren am nächsten Tag um 10:25 Uhr auf dem Bahnhof …

Titelbild: Sebastián García / commons.wikimedia.org

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