Diese Nachricht im Deutschlandfunk (DLF) hörte ich und war sofort misstrauisch: Wegen historisch niedriger Pegelstände der Flüsse haben etliche Bundesländer das Sonntagsfahrverbot für Lastwagen vorübergehend gelockert. Diese sollen durch LKW-Transporte, auch am Wochenende, kompensiert werden, so der Ansatz. Doch dieser stellt sich als Schnapsidee heraus. Was noch mehr auffällt, ist, wie so oft in unserer sozialen Marktwirtschaft, dass die Arbeitsbedingungen derer, die den Laden am Laufen halten, schlicht hinten angestellt werden. LKW-Fahrer werden gebraucht, ihr Beruf ist aller Ehren wert und wird doch missachtet. Sie verdienen Besseres. Ein Zwischenruf von Frank Blenz.
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Die LKW-Fahrer können das Problem nicht lösen, sie haben selbst viele
Der Deutschlandfunk (DLF) informierte, dass unsere Flüsse historisch niedrige Pegelstände haben, die Binnenschifffahrt ins Stocken gerät und jetzt die guten alten LKW-Fahrer – sie sitzen eh schon ständig auf dem Bock – einspringen sollen. Die an und für sich in der verdienten Sommerpause ruhenden Politiker kommen, schon gut erholt, schöpferisch auf die Idee einer Lockerung: Aus sechs Tagen Arbeit mache sieben. Dass ihnen die Idee gleich um die Ohren fliegt, ist ihnen sicher egal:
Mit Bayern und Mecklenburg-Vorpommern haben zwei weitere Bundesländer das Fahrverbot für Lkw an Sonn- und Feiertagen gelockert. Hintergrund ist das Niedrigwasser in deutschen Flüssen. Der bayerische Innenminister Herrmann (CSU) erklärte, durch die Ausnahmeregel könnten mehr kritische Güter wie Rohstoffe und Chemikalien auf die Straße umgelenkt werden. Man wolle dadurch Produktionsstopps in der Industrie verhindern. Ähnlich äußerte sich das Verkehrsministerium in Schwerin. Wegen der historisch niedrigen Pegelstände in deutschen Flüssen hatten auch Baden-Württemberg, das Saarland, Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen Ausnahmeregeln für das Sonntagsfahrverbot erlassen. Der Logistikverband BGL warnte indes vor zu hohen Erwartungen. Zwar könnten Lkw-Transporte jetzt flexibler geplant werden, erklärte Verbandspräsident Engelhardt. Die Ausnahmeregel löse aber das Kapazitätsproblem im Straßengüterverkehr nicht. In Deutschland fehlten weiterhin mehr als 100.000 LKW-Fahrer.
(Quelle: DLF)
Bei dieser – meiner Meinung nach – Posse geht es gar nicht um den Rhein und dessen Niedrigwasser, sondern darum, dass in dieser zugegeben nicht einfachen Situation eine bis heute vernachlässigte, immer noch unfair, ja schlecht behandelte Berufsgruppe das „Problem“ anpacken soll. Die Aufhebung von LKW-Fahrverboten an Wochenenden durch mehrere Bundesländer bedeutet, folgt man dem Gedankengang der Schöpfer der Idee, dass die Kapitäne der Landstraße noch etwas mehr fahren oder zumindest noch etwas flexibler eingesetzt werden.
Unsere Flüsse landauf, landab haben derzeit wenig Wasser, die Binnenschifffahrt kann nicht so durchgeführt werden wie gewünscht. Abgesehen davon, dass der Transport von Gütern in Deutschland ohnehin in überwiegendem Maß über die Straße abgewickelt wird und der Transportumfang via Schiene erheblich Luft nach oben hat, bereitet die Knappheit an schiffbaren Strecken den Firmen entlang der Wasseradern Sorgen. Und ja, flexibel zu sein und Engpässen mit sinnvollen LKW-Fahrten beizukommen, ist unternehmerische Kreativität. Doch laut Bundesverband Spedition und Logistik können LKW die Binnenschifffahrt nicht ersetzen. Zahlenspiele dazu lassen staunen.
Ein mittleres Binnenschiff zu ersetzen, bräuchte zig LKW
Im Deutschlandfunk ist zu hören: Es gebe im LKW-Sektor keine stille Reserve, sagte der Hauptgeschäftsführer des Verbands, Huster. Außerdem verfüge die Branche nicht über genügend Fahrer. Huster erläuterte, wenn man ein Binnenschiff mit 3.000 Tonnen und einer vierköpfigen Besatzung ersetzen wolle, brauche man 150 Lastwagen. Vor diesem Hintergrund sei das Verlagerungsvolumen begrenzt.
Lockerung des Sonntagsfahrverbots rückt die Branche ins Licht
Ein Gutes hat die Maßnahme vielleicht: dass LKW-Fahrer wieder ins Blickfeld der Politik und der interessierten Wirtschaft geraten.
Bereits seit Jahren fehlten mehr als 100.000 Fahrer in Deutschland. Die Lockerungen könnten das grundsätzliche Kapazitätsproblem im Straßengüterverkehr daher nicht lösen.
(Quelle: Logistik Heute)
Dank dieser Zahl 100.000 werden Politiker schnell dabei ertappt, dass ihre Lockerungen, ihr Aktionismus Humbug sind. Sie wissen genau, dass wie in dieser Branche und in vielen anderen die Arbeiter und deren Interessen vernachlässigt werden. Tatsächlich nimmt sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk, hier die „ARD-Tagesschau“, dem Thema Beruf LKW-Fahrer an und zählt auf, warum dieser Beruf unattraktiv ist:
Der Beruf des Lkw-Fahrers gilt als anstrengend und wenig attraktiv: Lange Arbeitszeiten, viel Abwesenheit von zu Hause und hoher Zeitdruck prägen den Alltag. Gleichzeitig liegt das durchschnittliche Bruttogehalt in Deutschland laut Gehalt.de meist zwischen 2.700 und 3.500 Euro im Monat, bestätigt auch der StepStone Gehaltsreport 2025. Für viele ist das zu wenig angesichts der Belastung.
Dem nicht genug: Um überhaupt seiner Bereitschaft, sich dem Arbeitsmarkt als LKW-Fahrer zu stellen, Genüge zu tun, braucht es Geduld und Eigenkapital. Das betriebswirtschaftliche Risiko wird auf den Arbeitnehmer, hier noch Arbeitsuchender, abgewälzt. Clever.
Hinzu kommen hohe Einstiegshürden: Wer Lkw fahren möchte, braucht einen Führerschein der Klasse CE und oft weitere Qualifikationen, wie Ladungssicherungen oder Gefahrgut-Schulungen. Ausbildung und Führerschein können mehrere Tausend Euro kosten, die nicht immer vom Arbeitgeber übernommen werden, so die Bundesagentur für Arbeit.
(Quelle: „Tagesschau“)
Die Regale bleiben nur dann voll, wenn jemand den Lkw fährt
Eine Karikatur in einer Berliner Tageszeitung verdeutlichte die Krise derer, die auf dem Bock sitzen: Ein Mann im Fahrerhaus sieht seinen Chef auf sich zukommen. Der sagt: Jetzt kannst Du auch sonntags fahren. Der Trucker jubelt. Ironie aus. Der LKW-Fahrer liebt sicher seinen Job, doch erlebt er tagein, tagaus, dass er nicht mit wirklicher Wertschätzung rechnen kann. Was nimmt er alles in Kauf: unregelmäßige Arbeitszeiten, Staus, hohen Termindruck. Den Heimatort kennt er weit weniger als die Straßen dieses Kontinents. Man fahre nur einmal abends auf der Autobahn. In Einfahrten auf Parkplätzen und Zufahrten zu Autohöfen und Tankstellen drängeln und stauen sich die großen Fahrzeuge. Parkplätze, Ruheplätze, Sanitäranlagen sind Mangelware. Deutschland, 21. Jahrhundert. LKW-Fahrer sehen sich bei ihren Rasten hohen Preisen gegenüber, die WCs sind alles andere als vorbildlich. Und bei der Anlieferung der Waren werden sie oft nicht respektvoll behandelt. Doch die Regale bleiben nur dann voll, wenn jemand fährt.
Fundstück im Netz
In den sozialen Medien, hier Facebook, las ich ein paar Sätze eines alten Truckers, der offensichtlich auch Interessenvertreter in der Branche ist. Die Lockerung des Sonntagsfahrverbots ist das eine, die fehlenden Fahrer das andere. Er macht auf die Hauptursache aufmerksam – die fehlende Wertschätzung, die Verweigerung der Würde:
Den Fahrermangel hat die Branche selbst verursacht. Es hat fast 40 Jahre kein soziales und zwischenmenschliches Verhalten gegenüber den Kraftfahrern gegeben. „Wenn es dir nicht passt, dann geh doch, es gibt genug.“
Einen Funken Hoffnung äußerte der Autor auch und seine Kritik ebenso:
Diesen Satz „Wenn es dir nicht passt, dann geh doch, es gibt genug.“ spricht heute keiner mehr aus! Der Fahrer war lange ein durchlaufender Posten.
Nach der Sommerpause hätte die Politik einiges zu tun
Der Fahrermangel und die Arbeitsbedingungen sind eine Dauerbaustelle. Bessere Arbeitsbedingungen, eine attraktivere Bezahlung, eine vereinfachte, kostengünstige Ausbildung würden sich herumsprechen und mehr Personal zur Folge haben. Und da wir im Haus Europa leben, müssten diese Konditionen und Rahmenbedingungen auch für die Kollegen aus Osteuropa und aus sogenannten Drittstaaten gelten.
Die LKW-Fahrer werden noch lange auf diese Zukunft warten. Ein Trucker sitzt in einem Tankstellen-Imbiss, schlürft seinen Kaffee und liest die BILD: Zu sehen ist eine der täglich schäbigen Schlagzeilen:
Debatte um die Arbeitszeit
Weg mit der 35-Stunden-Woche!
Das fordern jetzt Unternehmer und Politiker.
Titelbild: New Africa / Shutterstock





