Leserbriefe zu „Der echte Antisemitismus kommt aus der selbsternannten Mitte“
Jens Berger diskutiert hier über den Begriff Antisemitismus. Die „Antisemitismusvorwurf-Maschinerie“ laufe seit der Berlin-Wahl auf Hochtouren und habe die Linkspartei als Ziel. Im Windschatten dieser Kampagne feiere „der echte, scharf zu kritisierende Antisemitismus ein Stelldichein“. Die Antisemitismusdefinition, die dieser Kampagne zugrunde liege, sei merkwürdig. Beim Antisemitismus heute gehe es um Juden, also Angehörige einer Religionsgemeinschaft. Die Umdeutung des Judentums von einer Religionsgemeinschaft in eine Rasse sei einer der Kernpunkte des klassischen Antisemitismus, der gerade in Deutschland zu Zeiten des Nationalsozialismus seinen Höhepunkt erreicht habe. Bundeskanzler Friedrich Merz habe jedoch im Berliner Wahlkampf den Antisemitismus wortwörtlich als „perfideste Form der Ausländerfeindlichkeit“ bezeichnet. Abseits aller modernen Antisemitismusdefinitionen würde unser Chefredakteur „sogar so weit gehen und diese Äußerung selbst als „antisemitisch“ brandmarken, da Merz mit ihr die Verbrechen, die die Deutschen im Namen des Antisemitismus im gewaltigen Ausmaß auch gegen inländische deutsche Juden begangen haben, negiert“. Auch eine Formulierung des Fernsehkomikers Florian Schroeder nach den Landtagswahlen wird hinterfragt.
Abgedruckte Leserbriefe geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Kürzungen aus redaktionellen Gründen bleiben vorbehalten.
Hierzu haben wir interessante E-Mails erhalten. Dafür bedanken wir uns. Die nun folgende Leserbrief-Auswahl hat Christian Reimann für Sie zusammengestellt.
1. Leserbrief
Lieber Herr Berger,
“Deutschland, mir graut vor dir.”
Konsequentes Schlusswort! Es konnte ein so schönes Land sein. Aber die schönen Seiten fallen mir dann ein, wenn ich an die Landschaften und die Bundesländer denke. Was Bismarck 1871 aus diesen Landen gemacht hat, war ein Fehler. Es wird Zeit, dass das wieder rückgängig gemacht wird. Friesland soll doch schon im Mittelalter eine Räterepublik gewesen sein.
Ja, es sind wieder Juden, die unter Antisemitismus leiden. Schon allein, dass sie in die Kontoversen der Deutschen Innenpolitik vermengt werden, ist eine Frechheit. Was geht Juden der erbärmliche Zustand dieses Landes an? Nichts.
Judentum ist keine Rasse, sondern eine Religionsgemeinschaft, das schreiben Sie richtig. Aber es ist noch mehr, eine vielfältige Kultur. Von den Ländern geprägt, in denen sie sich entfaltet hat. Aber auch mit spezifischen Eigenschaften, wie z.B. ein gewisser aufrechter Anarchismus und Friedensgeist (siehe z.B. Georg Kreisler, Albert Einstein, Leonard Cohen, Mel Brooks).
Damit haben die derzeitige Israelische Politik und die ihr zugrunde liegende Ideologie (Zionismus) nichts zu tun.
Aber im Artikel geht es ja nicht um Israel. Sondern um Deutschland und wie seine Politiker Andere dazu missbrauchen von ihren Problemen und ihrer Inkompetenz abzulenken.
“Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht” Heinrich Heine – Ooops, noch ein Jude, ein aufrechter.
Viele Grüße,
Rolf Henze
2. Leserbrief
Leider sehr wahr, was Jens Berger hier thematisiert.
Er macht deutlich, dass und wie der Antisemitismusbegriff inzwischen zur Worthülse verkommen ist.
Nicht nur der Fernsehkomiker Florian Schröder weiß die Antisemitismuskeule zu seinem Vorteil zu schwingen.
Siehe KI-Auskunft:
“Im Oktober 2023 hielt Kerkeling in der Düsseldorfer Synagoge eine Laudatio für Marie-Agnes Strack-Zimmermann zur Verleihung der Josef-Neuberger-Medaille.
Kerkeling würdigte Strack-Zimmermanns klare Haltung und ihren unermüdlichen, mutigen Einsatz gegen Antisemitismus, Hass und Intoleranz.
Die Verbindung entstand, weil Strack-Zimmermanns Büro den Entertainer für die Laudatio angefragt hatte. Beide schätzen sich gegenseitig für ihren klaren moralischen Kompass und ihren Einsatz für die Demokratie. (Später revanchierte sich übrigens Strack-Zimmermann im September 2025 mit einer Laudatio auf Kerkeling bei der Verleihung des Kulturpreis Deutsche Sprache).”
Aktuell hypen einige Medien den “Ich bin dann mal weg-Pilger” als möglichen Nachfolger für das Bundespräsidentenamt.
War es einst die Funktion des Narren, ihre Narrenfreiheit zur Spiegelung der Macht zu nutzen um unbequeme Wahrheiten auszusprechen, so setzen sich heutige Narren selbst auf den Herrschaftsthron.
Dass dabei nichts Gutes herauskommt, das können wir in Gestalt eines Volodymyr Oleksandrovytsj Zelensky sehen.
L.G.
Ute Plass
3. Leserbrief
Der Begriff „Antisemitismus“ ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich der Sinn eine Wortes im Laufe der Zeit wandeln kann.
Ich glaube, man kann davon ausgehen, dass die absolute Mehrheit der Bevölkerung nicht die geringste Ahnung hat vorher der Begriff Semiten stammt. Dafür müsste sie das Alte Testament und die Geschichte Noahs kennen. Genauer, was nach der Sintflut geschah, nachdem die gesamte Menschheit vernichtet war und nur Noah mit seiner Frau und den Familien seiner drei Söhne Sem, Ham und Japheth überlebt hatte. Laut Bibel sind die drei Söhne die Stammesväter der gesamten Menschheit. Sem begründete die Völker der arabischen Halbinsel (& Ägypter, Iraner etc.), Ham die dunkelhäutigen Afrikaner und Japheth die Europäer. (Dazu folgende Anmerkung: Chinesen, Japaner, Aborigines, etc. – Völker, die weit außerhalb des Großraumes des Mittelmeers lebten, waren den damaligen Autoren der Bibel ca. 600 v. Chr. unbekannt.)
Zu Beginn des 19. Jahrhundert versuchte man die jahrhundertelange Judenfeindlichkeit und -verfolgung mit einer angeblichen Wissenschaft „der Rassentheorie“ zu belegen, von einer minderwertigen Rasse der Semiten war die Rede, was logischerweise auch die Araber einschloss. Der Fokus der daraus folgenden Diskriminierung und Verfolgung zielte jedoch nur auf die jüdische Bevölkerung. (Die arabische Gemeinschaft spielte zu der Zeit zahlenmäßig in Europa keine Rolle.) So etablierte sich im allgemeinen Sprachgebrauch – insbesondere während des Nationalsozialismus – nur noch die Juden als Semiten zu bezeichnen.
Die Rassenlehre erwies sich als ein furchtbarer Irrtum der Geschichte. Um so unbegreiflicher ist es, dass ein Begriff aus ihrem Dunstkreis der „Antisemitismus“ als Synonym für Antijudentum bzw. Judenhass in den allgemeinen Sprachgebrauch Einzug gefunden hat. Die Verwässerung bei der Verwendung des Begriffs führt zu eigenartigen Kapriolen, Israel wirft ihren arabischen Nachbarn „Antisemitismus“ vor – obwohl zumindest die orthodoxen Juden ihre Tora (fünf Bücher Moses) etwas besser kennen sollten .
Mit freundlichen Grüßen Z.Blanck
4. Leserbrief
Hallo!
Ergänzend möchte ich etwas anmerken. Die Feststellung, wer Jude ist und wer nicht, ist leider nicht ganz so einfach. Es gibt zwei Arten von Definition. Eine religiöse und eine Blutsdefinition. Das hat nichts mit dem alten Göringschen Spruch “Wer Jude ist bestimme ich” zu tun. Denn es gibt einerseits die religiöse Zuordnung, aber andererseits eben auch die Regel, daß automatisch Jude ist, wer von einer jüdischen Mutter abstammt. Unabhängig davon, ob man religiös ist oder nicht. Und das ist, wenn keine rassische, so doch eine ethnische Definition einer jüdischen Volkszugehörigkeit. Das muß man nicht teilen, ich für meinen Teil sehe eher die Semiten als eine Ethnie an, wenn auch mit verschiedenen religiösen Bekenntnissen. Aber Juden selbst sehen das meist anders, um sich ihrerseits in rassistischer Absicht von Arabern abzugrenzen, die ja ebenfalls Semiten sind.
Zu Schröders Unsinn braucht man nichts zu sagen. Es passiert leider immer wieder, daß ausgerechnet die selbsterklärten “Antisemitismusbekämpfer” in ihrem blinden Hass die härtesten Antisemitsmen selbst verinnerlicht haben und nach ihnen denken und handeln. So wurde bekanntlich auch schon der Kabarettist Georg Schramm des Antisemitismus beschuldigt, weil er in seiner Rolle als “Lothar Dombrowski” harte Kritik an Bankern und dem Finanzwesen übte. Wörtlich sagte er, daß er sich wünsche, “daß Banker wieder ihren alten Ruf zurückerhalten mögen, als kein anständiger Christenmensch diesen Beruf ausüben wollte”. Den Kurzschluß Geld = Judentum besorgten die “Antisemitsmusjäger” selbst, nicht Schramm.
Gruß, Ole
5. Leserbrief
Sehr geehrter Herr Berger,
danke für Ihren Kommentar.
Florian Schröder ist genauso gedankenlos wie nach meiner Auffassung die Leute, die von “importiertem Antisemitismus” reden, wenn arabische Menschen Kritik an Israels Politik üben, insbesondere dem Genozid im Gaza- Streifen und / oder den Übergriffen von durch israelisches Militär geschützten “Siedlern” im völkerrechts-widrig besetzten Westjordanland. Nach meiner Kenntnis sind die Bürger nordafrikanischer Staaten den SEMITEN zugehörig. Und die sollen sich mit ihrer Israel-Kritik antisemitisch äußern?
Wenn Luther und die Nazis aus den europäischen Menschen jüdischer Religion ein “Volk” machen, sollte das nicht als Narrativ für Menschen jüdischer Religion schlechthin beibehalten werden. Denn dieser Denkweise folgend wären Katholiken Römer – oder doch Vatikaner??
Das eigetliche Betrübnis sehe ich darin, dass sich die drei grossen Religionen, die im Nahen Osten entstanden waren und auf den gemeinsamen “Stammvater” Abraham zurückgehen, sich bis aufs Blut bekriegen und massakieren, sobald ihre jeweilige (semitisch?) stämmige Religion mit der Staatszugehörigkeit eine unheilige Allianz eingegangen ist.
Dass aber die Zionisten aus der SHOHA keine Lehren, vielmehr ihren Profit gezogen haben, indem sie mit der NAGBA ähnliches Leid den Palästinensern nun über fast achtzig Jahre zufügen – sogar noch vor Gründung ihres Staates Israel damit begonnen hatten – bedeutet für mich, dass Israel auf der Asche von 6 Millionen “Juden” gegründet und aufgebaut worden ist. Hinzu gerechnet werden müssen noch die zahlreichen, von israelischen Militärs und “Siedlern” getöteten Palästinenser!
Die “Mutter des Terrors” sind für mich dedhalb die Zionisten Israels, nicht die Fatah, die HAMAS oder jede andere palstinensische Organisation, die sich gegen den zionistisch begründeten Terror wehrt. Dass damit auch andere als zionistisch orientierte Israelis getroffen werden können, ist leider unvermeidlich, trotzdem bedauerlich.
Mit freundlichen Grüßen
Günter Steinke
6. Leserbrief
Die “Antisemitismuskäule” von Florian Schroeder ist qualitativ so hochwertig = oberflächlich wie die sogenannte “Nazikäule” gegen die AfD.
Was aber verbindet Frau Weidel von der AfD mit einem Vertreter der “bürgerlich-liberalen Mitte” wie Florian Schroeder, wenn Frau Weidel Adolf Hitler als “Kommunisten” framt und Florian Schroeder die Linke als “antisemitisch”? Die Antwort ist: in beiden Fällen geht es gegen die Partei “Die Linke” bzw. die “Linken” und irgendetwas bleibt schon hängen, auch wenn es (historische) Lügen und/oder bloße Behauptungen sind.
Man kann davon ausgehen, dass es Antisemitismus in unterschiedlichen politischen Lagern und Parteien gibt. Antijüdische Vorurteile haben in Europa eine lange Geschichte, die weit vor die Entstehung des “modernen” Antisemitismus zurückreicht.
Bereits im frühen Christentum entstanden antijüdische Ressentiments. Jesus Christus wurde zwar unter römischer Herrschaft von den Römern gekreuzigt. Dennoch trugen bestimmte christliche Traditionen über Jahrhunderte dazu bei, den Juden kollektiv die Schuld oder eine Mitschuld am Tod Jesu zuzuschreiben. Hinzu kamen im mittelalterlichen Christentum religiöse und soziale Vorstellungen, die den Geldverleih und das Kreditgeschäft (Zinsen) als unchristlich oder als “Sünde” ansahen. Da Juden damals von vielen Berufen (“Zünfte”) ausgeschlossen waren und ihnen zugleich andere Erwerbsmöglichkeiten verschlossen blieben, spielten jüdische Geldverleiher in einigen Regionen Europas eine bedeutende Rolle. Daraus entstanden wiederum wirtschaftliche und soziale Vorurteile, die später in antijüdische Stereotype einflossen.
Für Adolf Hitler und die NSDAP wurden solche antijüdischen Vorurteile zu einem zentralen Bestandteil ihrer rechtsextremistischen Propaganda. Die NS-Ideologie machte Juden zu einem vermeintlichen Verursacher wirtschaftlicher, sozialer und politischer Krisen und konstruierte sie als Sündenbock für die Probleme der Weimarer Republik. Die NS-Schergen radikalisierten und rassifizierten vorhandene antisemitische Vorstellungen und setzten sie schließlich in staatlich organisierten Ausschluss, Entrechtung, Verfolgung, Deportation und systematischen Massenmord um.
Florian Schroeder missbraucht den Antisemitismus in mehrfacher Hinsicht:
(1) Er negiert die ökonomischen, sozialen und gesellschaftspolitischen Ursachen für den demokratischen Niedergang der Weimarer Republik.
(2) Er relativiert den fanatischen, radikalen und mörderischen Antisemitismus der NS-Zeit.
(3) Er lenkt von den ökonomischen und sozialen Ursachen ab, warum Bürger 2026 rechte und linke Parteien wählen und nicht die Parteien der “bürgerlich-liberalen Mitte”.
(4) Er liefert nebenbei eine “moralische” Legitimation für den brutalen Vernichtungskrieg der israelischen Regierung und der israelischen Armee gegen die Palästinenser im Gaza.
Vor allem über die ökonomischen Ursachen wollen “Satiriker” wie Herr Schroeder nicht reden. Mit Satirikern wie Kurt Tucholsky, Dieter Hildebrandt, Volker Pispers und Georg Schramm hat Florian Schroeder nichts gemeinsam. Satiriker weisen auf gesellschaftliche Missstände hin und setzen sich für die ökonomisch und sozial Schwachen ein, indem sie die Politik der Mächtigen, der herrschenden Klasse, der sogenannten “Superreichen”, der “Elite” hinterfragen und kritisieren. Florian Schroeder kritisiert die Kritiker, die die Politik der Regierung kritisieren. Wer aber über den Kapitalismus nicht reden will, der sollte auch über den Antisemitismus schweigen.
Dabei sollte auch Herrn Schroeder nicht entgangen sein: Auf dem Vormarsch sind nicht die Linken, die den exzessiven Kapitalismus kritisieren, sondern die Rechten und das nicht nur in Deutschland. Entgangen ist Herrn Schroeder und seinen Fans offenkundig auch, dass es im Artikel 15 des deutschen Grundgesetzes von 1949 explizit heißt:
“Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel können zum Zwecke der Vergesellschaftung durch ein Gesetz, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt, in Gemeineigentum oder in andere Formen der Gemeinwirtschaft überführt werden.”
Vielleicht waren die Väter und (vier) Mütter des Grundgesetzes aus der Sicht von Florian Schroeder auch “Antisemiten”?
Die “Brandmauer” zwischen der “bürgerlich-liberalen Mitte” und der rechten AfD ist ein Jägerzaun aus braun lackiertem Fichtenholz und Komiker wie Florian Schroeder pinseln den Jägerzaun mit Benzin ein. Die ideologische Brandmauer aus meterdickem Stahlbeton steht nämlich auf der anderen Seite.
Mit freundlichen Grüßen
Detlef Schmiedel
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