Seit den Wahlen in Berlin läuft die Antisemitismusvorwurf-Maschinerie mal wieder auf Hochtouren. Ziel ist die Linkspartei. Aufhänger ist deren Kritik an Israels Völkermord in Gaza. So was ist im politischen Diskurs hierzulande ja tabu. Es geht aber auch, so darf man annehmen um die Verteilungsfrage, an der die Linke mit ihrer Forderung, große Wohnungskonzerne zu vergesellschaften, rüttelt. Die Antisemitismusdefinition, die dieser Kampagne zugrunde liegt, ist merkwürdig. Noch merkwürdiger ist es jedoch, dass im Windschatten dieser Kampagne der echte, scharf zu kritisierende Antisemitismus ein Stelldichein feiert. Und dieser Antisemitismus kommt weder von links noch rechts, sondern mitten aus der selbsternannten Mitte. Von Jens Berger.
Als Antisemitismus werden heute – so der Eingangssatz von Wikipedia – alle pauschalen Formen von Judenhass, Judenfeindlichkeit oder Judenfeindschaft bezeichnet. Es geht um Juden, also Angehörige einer Religionsgemeinschaft. Laut Zentral der Juden in Deutschland gibt es davon hierzulande rund 118.000, der Großteil von ihnen besitzt die deutsche Staatsangehörigkeit. Eigentlich ist dies alles selbstverständlich und müsste nicht im Rahmen eines derartigen Artikels erklärt werden.
Die Umdeutung des Judentums von einer Religionsgemeinschaft in eine Rasse ist einer der Kernpunkte des klassischen Antisemitismus, der gerade in Deutschland zu Zeiten des Nationalsozialismus seinen Höhenpunkt erreichte. Es war niemand anderes als NS-Propagandaminister Joseph Goebbels, der in seinen Reden , Juden als „Ausländer“ bezeichnete, die „in deutschen Fragen nicht mitzureden [hätten]“ und „nur Gastrecht unter uns [genössen]“. Ich bin mir sicher, dass Bundeskanzler Friedrich Merz dies anders sieht. Aber warum in drei Teufels Namen bezeichnete er dann im Berliner Wahlkampf den Antisemitismus wortwörtlich als „perfideste Form der Ausländerfeindlichkeit“? Diese Formulierung lässt keinen anderen Schluss zu, als dass er deutsche Juden als Opfer in seiner eigenen Antisemitismusdefinition ausschließt. Das ist widerwärtig und geschichtsvergessen.
Abseits aller modernen Antisemitismusdefinitionen würde ich persönlich sogar so weit gehen und diese Äußerung selbst als „antisemitisch“ zu brandmarken, da Merz mit ihr die Verbrechen, die die Deutschen im Namen des Antisemitismus im gewaltigen Ausmaß auch gegen inländische, deutsche Juden begangen haben, negiert. Wer Juden – direkt oder indirekt – als „Ausländer“ bezeichnet, sieht sie nicht als Angehörige einer Religionsgemeinschaft, sondern im Sinne einer Rasse und ist damit selbst Rassist und Antisemit. Doch wo bleibt die Kritik? Sicher, wäre Merz „Linker“ würde es empörte Kommentare in den klassischen Medien hageln. Beim Antisemitismus aus der Mitte heraus sucht man die sonst üblichen Empörungsrituale jedoch vergebens.
Ein weiteres sehr typisches Beispiel für den Antisemitismus aus der “politischen Mitte” ist der Fernsehkomiker Florian Schroeder. Dazu muss man wissen, dass Schroeder, der ohnehin als besonders staatstragend gilt, vom ZDF offenbar als Nachfolger des Formats des scheidenden Jan Böhmermann vorgesehen ist und sich offenbar nun durch besonders niveaulose Kritik an den politischen Rändern beim ZDF-Fernsehrat lieb Kind machen will. Wie dem auch sei. Auf jeden Fall hat sich Schroeder nach den letzten Landtagswahlen durch einen besonders geschmacklosen Clip hervorgetan, den man eigentlich unter „Blödsinn as usual“ verbuchen könnte – wäre da nicht eine Zeile, die Schroeders tiefsitzenden Antisemitismus offenbart …
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Es geht um den Plan der Berliner Linkspartei, Wohnungskonzerne zu vergesellschaften. Eingespielt wird Spitzenkandidatin Elif Eralp mit dem Zitat: „Wir müssen vergesellschaften, den Volksentscheid umsetzen und die Spekulation aus Berlin verdrängen“. Dazu fällt Florian Schroeder dann nichts Besseres ein als der Satz: „Wenn ich mir die Linke in Berlin so anschaue, ist die Gefahr groß, dass zum ersten Mal seit langer Zeit wieder Juden enteignet werden. Und da muss man gar nicht viel spekulieren“.
Schroeder setzt also – ohne das direkt so zu sagen – „Spekulanten“ und „Wohnungskonzerne“ mit „Juden“ gleich. Was geht eigentlich in seinem Kopf vor? Schon Hitler schrieb in seiner Erklärung zum NSDAP-Programm von den „jüdischen Grundspekulationsgesellschaften“ und niemand anders als der NS-Vordenker Gottfried Feder war es, der in seinen Schriften zum NSDAP-Programm die Juden als „Schieber und Wucherer“ (so nannte man damals „Spekulanten“) bezeichnete, die den deutschen Besitzern, ihren „Grund und Boden […] oft um ein sogenanntes Butterbrot abgegaunert hätten“.
Nicht die Linkspartei, sondern Florian Schroeder denkt anscheinend in den Schablonen von Hitler und Feder. Das sind nicht die „antisemitischen Stereotype“, die in der Vergangenheit vor allem von linken Think Tanks Gott und der Welt – und auch mir – um die Ohren gehauen wurden, um einem „verkürzte Kapitalismuskritik“ zu attestieren – das ist echter Antisemitismus.
Doch auch hier blieb der Aufschrei aus. Quod licet Iovi, non licet bovi? Offenbar hat die „politische Mitte” einen Freifahrtschein für antisemitisches Denken. Aber wehe, jemand „von den Rändern“ kritisiert den Völkermord in Gaza. Dann schwingt die Antisemitismuskeule genau aus jenen Kreisen, die zum echten Antisemitismus aus der Mitte schweigen. So wird letztendlich Antisemitismus wieder salonfähig gemacht. Deutschland, mir graut vor dir.
Titelbild: Florian Schroeder via YouTube






