Manipulation des Monats durch den Bayerischen Rundfunk: Die gesamtwirtschaftliche Nachfrage steige bei Reallohnverlusten

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Natürlich wünschen sich die Arbeitgeber auch in Zeiten einer etwas anziehenden Konjunktur genügsame Arbeitnehmer, die mit spärlichen Lohnsteigerungen zufrieden sind. Also verfasste Hagen Lesch, Tarifexperte des arbeitgebernahen Instituts der Deutschen Wirtschaft, eine Studie, wonach die gesamtwirtschaftliche Nachfrage bei Reallohnverlusten steige (siehe Hinweis des Tages Nr. 1 vom 27.2.2007).
Dabei handelt es sich allerdings nicht etwa um eine empirische Untersuchung, sondern um eine theoretische Modellrechnung. Das ist ein wichtiger Unterschied. Mit empirischen Untersuchungen wird überprüft, ob Hypothesen in Übereinstimmung mit der Wirklichkeit stehen; nur dann haben sie Erklärungswert. Modellrechnungen hingegen bestätigen immer die Annahmen, auf denen sie beruhen – natürlich auch dann, wenn diese interessengesteuert sein sollten.

Hagen Leschs Studie soll in der Öffentlichkeit die Botschaft verbreiten, dass geringe Lohnsteigerungen nicht nur für die Wettbewerbsfähigkeit, sondern auch für die Konjunktur von Nutzen seien. Ziel ist es – wie sollte es bei einem von den Arbeitgebern finanzierten Wirtschaftsinstitut in Zeiten von Tarifauseinandersetzungen auch anders sein – die Verhandlungsposition der Gewerkschaften jedenfalls in der öffentlichen Debatte zu schwächen.
Das Wirtschaftsmagazin Plusminus des Bayerischen Rundfunks beweist, wie gut diese Taktik funktioniert. Auf der Homepage von plusminus steht zu lesen:

Genau diesen Zusammenhang hat Hagen Lesch vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln einmal genauer untersucht … „Wir haben herausgefunden, dass die Konsumentwicklung viel stärker, als durch die Reallohnerhöhung, durch das Beschäftigungswachstum beeinflusst wird. Der Effekt ist etwa zweieinhalbmal so groß. Das liegt daran, dass wenn wir Lohnzurückhaltung üben, also die Beschäftigten auf einen Teil ihrer möglichen Zuwächse verzichten, wir mehr Leute in Arbeit bringen und dadurch schaffen wir eine zusätzliche Nachfrage.” Und so sieht die Rechnung bei einem Verzicht bei der Lohnforderung von einem Prozentpunkt aus: zwar sinkt der Konsum erst einmal um 0,3 Prozent. Doch im gleichen Maß, wie der Reallohn sinkt, steigt jetzt die Zahl der Beschäftigten. Und deren Konsum nimmt um 0,8 Prozent zu.
Insgesamt profitiert also der Konsum durch den Abbau der Arbeitslosigkeit um 0,5 Prozent, trotz Lohnverzicht der Beschäftigten.

Quelle: Das Erste

Der Leser wird glauben gemacht, es handele sich um einen tatsächlich nachgewiesenen Wirkungszusammenhang. Jeglicher Hinweis auf den theoretischen Modellcharakter der Rechnungen des Hagen Lesch fehlt.
Die Plusminus-Redaktion ist sich offenbar nicht zu schade, einer wirtschaftlichen Interessenvertretung zu apportieren.
Sie beteiligt sich daran, weiterhin die Lehre zu verbreiten, dass niedrige Lohnkosten stets und vor allem in Deutschland zu mehr Arbeit und höherem Wirtschaftswachstum führten. Doch das ist Ideologie. Tatsächlich ist die Arbeitslosigkeit trotz der seit langem stagnierenden oder gar sinkenden Reallöhne dramatisch angestiegen, während das Wirtschaftswachstum bis heute schwächelt. Der ökonomische Sachverstand beim „Wirtschaftsmagazin“ des Bayerischen Rundfunks scheint nicht auszureichen, um diesen Widerspruch zu erkennen.

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