Über das traurige Leben der 10jährigen Kinder in Bayern und anderswo

Albrecht Müller
Ein Artikel von:

SpiegelOnline meldete am 4.5.:
„BAYERNS GRUNDSCHÜLER UNTER DRUCK.
Hauptsache nicht Hauptschule. – Mit drastischen Mitteln versuchen Eltern in Bayern, ihre Kinder fit zu machen fürs Gymnasium. Oder für die Realschule, auf keinen Fall sollen sie auf die Hauptschule. Klemmt es bei den Noten, müssen Privatpauker ran – oder Medikamente gegen den Prüfungsstress.“
Quelle: Spiegel Online
Ein Mitstreiter der NachDenkSeiten, ein mit seiner Familie in Bayern lebender US-Amerikaner, schickt dazu eine Mail mit der Skizze einer bedrückenden praktischen Erfahrung. Was er schildert, verstößt aus meiner Sicht schon gegen Artikel 1 unseres Grundgesetzes. Hier werden schon die Zehnjährigen nicht menschenwürdig behandelt.

Liebe NDS,

gestern kam unsere Tochter stolz und fröhlich nach Hause. Sie hatte das Übertrittszeugnis bekommen, und das, was da stand, war wirklich etwas, worauf sie stolz sein kann. Wir sind es ebenfalls.

Eine ihrer besten Freundinnen, mit der sie gerne zusammen aufs Gymnasium gegangen wäre, ging mit einem Notendurchschnitt von 3,0 nach Hause. Nicht ausreichend fürs Gymnasium. Auch nicht für die Realschule. Aber man denkt, sie hat gute Chancen, noch aufzuholen, und nach einem Jahr Hauptschule aufs Gymnasium wechseln zu können.

Eine andere Freundin schaute ihr Zeugnis gar nicht erst an. Sie hatte auch gehofft, aufs Gymnasium zu kommen. Ihr Bruder geht auf die Hauptschule im Nachbarort. Ihr Vater hatte sehr gehofft, dass sie den Sprung ins Gymnasium schafft, wenn auch unter Voraussetzung eines bestandenen Probeunterrichts. Wir waren mit ihr und ihrem Vater zusammen bei einem Vorstellungsabend in München gewesen. Jetzt aber will sie gar nicht mehr über das Thema sprechen. Sie sagt niemandem mehr, wo sie nächstes Jahr hin will. Sie hat es wahrscheinlich nicht geschafft, auch noch auf die Realschule zu kommen. Also Hauptschule. Der Vater ist nicht glücklich. Die Tochter schweigt.

Drei Mädchen, die beste Freundinnen sind, die aber jetzt getrennte Schulwege gehen müssen. Drei zehnjährige Mädchen. Schulmädchen, deren zukünftige Stellung in der Gesellschaft nun feststeht. Zehnjährige!

Wer weiß, wie sich die drei Mädchen noch entwickeln werden. Ein Paar Schulkameraden von mir, die in der Grundschule und auch bis weit in die High School hinein meist schlechte Noten bekommen haben, schafften es am Ende dann doch, ein College-Diplom zu verdienen. In Deutschland wären sie schon mit zehn Jahren aussortiert worden, und auf die Hauptschule verschoben. Damit wäre das Thema College für immer gestorben, bevor es überhaupt zum Thema werden könnte.

Es ist einfach nicht zu fassen, wie schon im zehnten Lebensjahr die Weichen fürs ganze Leben gestellt werden. Natürlich ist es theoretisch möglich, auf dem zweiten Bildungsweg doch noch zu studieren. Aber dieser Weg ist viel steiniger, als der übers Gymnasium.

Jetzt redet man darüber, Hauptschule und Realschule zusammenzuführen. Das Gymnasium soll aber erhalten bleiben. Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört: die Abschiebeschulen werden eins. Natürlich müssen die Schulen für die Auserkorenen vom gemeinen Pöbel noch getrennt bleiben.

Auf dem Gymnasium wird aber fleißig weiter aussortiert. Die Gymnasien planen fest damit, dass es mit jedem weiteren Schuljahr weniger Schüler gibt. Deshalb gibt es für die oberen Jahrgänge weniger Klassen. Am Ende sollen nur die “Besten der Besten” übrigbleiben. Die restlichen sollen sehen, wo sie bleiben.

Herzliche Grüße
Euer
R. S.

Nachtrag:
Heute fand meine Frau folgendes in ihrem Postfach. Die Botschaft ist klar:

Liebe Frau S….,
allgemein gilt: Vorhilfe ist besser als Nachhilfe. Falls Ihr Sprössling in einigen Schulfächern Nachholbedarf hat, bietet Tchibo in Zusammenarbeit mit dem Studienkreis jetzt Profi-Nachhilfe an. Für nur € 49,90 kann Ihr Kind einen Monat lang bis zu 12 Nachhilfestunden à 90 Minuten in einer der teilnehmenden Studienkreis-Schulen nehmen, z. B. in Mathe, Deutsch oder Englisch.
Die Lerngruppen werden für einen höheren Lernerfolg klein gehalten. Auf Wunsch kann ein monatlich kündbarer Anschlussvertrag abgeschlossen werden.

Mehr Erfolg in der Schule wünscht
Ihr Tchibo.de-Team

P.S. AM: Den Konservativen, die diese menschenunwürdige Frühauslese – und die sich abzeichnende Kommerzialisierung der Bildung – zu verantworten haben und sonst so gerne von Menschenwürde und Familie reden, sollte dieses verlogene Geschwätz im Halse stecken bleiben. Das wird aber erst passieren, wenn die Eltern und Großeltern außerhalb Bayerns und Baden-Württembergs aufhören, die dortige Schulpolitik samt dieser unmenschlichen Art von Auslese zu bewundern.

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Bildung

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