Rezension: Agro-Gentechnik: Die Folgen für Landwirtschaft, Mensch und Umwelt

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„Wir haben es satt“. Unter diesem Motto haben am 17. Januar in Berlin 50.000 Menschen gegen industrielle Landwirtschaft, Gentechnik und TTIP demonstriert. Im fünften Jahr haben sie damit einen Kontrapunkt zur Eröffnung der „Internationale Grüne Woche“ gesetzt.
Zahlen und Daten, klare Analysen und Argumente zu allen wichtigen Fragen rund um den Einsatz von Gentechnik in der Landwirtschaft finden alle Interessierten in dem vor wenigen Wochen erschienenen „Handbuch Agro-Gentechnik“ von Dr. Christoph Then. Er ist seit 2008 Geschäftsführer des von ihm mitgegründeten Vereins „Testbiotech“, der sich kritisch mit den Folgen der Agro-Gentechnik für Landwirtschaft, Mensch und Umwelt auseinandersetzt. Eine Rezension von Christoph Habermann

I

Christoph Then beschäftigt sich schon seit zwanzig Jahren mit diesen Themen, schreibt Gutachten und Stellungnahmen, bereitet Petitionen an den Deutschen Bundestag fachlich vor und klagt mit seinem Verein vor dem Gerichtshof der Europäischen Kommission gegen die Zulassung von gentechnisch verändertem Soja durch die EU-Kommission. Er warnt davor, dass die Risikoforschung und die staatlichen Kontroll- und Genehmigungsbehörden nicht unabhängig arbeiten können, weil sie auf unterschiedliche Weise dem Druck von interessierten Unternehmen, Wirtschaftsverbänden und mit ihnen verbundenen Wissenschaftlern ausgesetzt sind.

Mit seinem Buch leistet er Aufklärungsarbeit im besten Sinne des Wortes. Er informiert und erklärt. Er leuchtet Hintergründe aus und stellt Zusammenhänge her. Er spricht von Interessen und von Werten, vom Kampf um Märkte und Ressourcen und von der immer wieder gefährdeten Unabhängigkeit der Frauen und Männer der Wissenschaft.

Christoph Then bietet eine Einführung in die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Gentechnik, die auch alle verstehen können, die Biologie und Chemie nie zu ihren Lieblingsfächern gezählt haben.

Er vergleicht die Versprechungen der Saatgut-Konzerne mit den praktischen Erfahrungen und stellt fest, dass sie wenig gehalten haben, von dem was versprochen war und das oft das genaue Gegenteil eingetreten ist: Mehr Spritzmittel, nicht weniger, mehr Probleme mit
Resistenzbildung bei Pflanzen, nicht weniger, mehr „Unkräuter“.

Zugleich macht er deutlich, welche sozio-ökonomischen Folgen es hat, wenn wenige weltweit agierende Unternehmen mit Hilfe der Agro-Gentechnik versuchen immer mehr Saatgut durch Patentierung unter ihre Kontrolle zu bekommen.

Der Text ist anspruchsvoll, aber auch für interessierte Laien gut zu verstehen und nachzuvollziehen.

Then argumentiert sachlich und nüchtern, ohne Polemik und falsche Vereinfachung, aber er hat nicht nur aus fundierter Beschäftigung mit dem Thema gewonnene Überzeugungen, sondern auch eine klare Haltung.

II

Nach der Einführung gibt er im zweiten der zwölf Kapitel des Buches eine kurze inhaltliche und zeitliche Übersicht zur Geschichte der Gentechnik mit ihren wesentlichen Stationen.

Im zweiten Kapitel setzt er sich mit grundlegenden Fragen auseinander: mit der Verantwortbarkeit bestimmter technischer Möglichkeiten, dem richtigen Umgang mit Nichtwissen, mit der Unabhängigkeit oder der Abhängigkeit von Wissenschaftlern und wissenschaftlichen Einrichtungen von einzelwirtschaftlichen Interessen und mit der vielfältigen Problematik der Patentierung von Lebewesen.

Kapitel 4 ist der schwierige, aber gelungene Versuch, Grundzüge der Molekularbiologie zu vermitteln: Was ist ein Gen und wie wirkt es zusammen mit anderen Genen und mit verschiedenen Umwelteinflüssen? Was bedeutet Epigenetik? Wie unterscheidet sich traditionelle Züchtung von gentechnischen Methoden? Welche neuen Züchtungsmethoden sind möglich und was bedeutet synthetische Biologie?

In Kapitel 5 geht es um darum, wie die Entwicklung in den USA auch das Handeln in der Europäischen Union und ihren Mitgliedsländern beeinflusst.
Der Druck der großen Saatgutkonzerne, mit ihren gentechnisch veränderten Sorten auch in Europa groß ins Geschäft zu kommen, ist eines der wichtigen Themen, um die es bei den Verhandlungen über das TTIP geht. Hier treffen zwei unvereinbare „Philosophien“ aufeinander: In der EU gilt das Vorsorgeprinzip demzufolge genehmigungsfähig nur ist, was nach menschlichem Ermessen keine Schäden verursacht; in den USA muss umgekehrt nachgewiesen werden, dass Schäden zu erwarten sind, wenn eine Genehmigung abgelehnt werden soll, und in manchen Fällen ist gar keine Genehmigung notwendig.

Da muss man sich entscheiden: Entweder oder! Sowohl als auch geht nicht.

In den Kapiteln 6 und 7 geht es um die Risiken und die Auswirkungen gentechnisch veränderter Pflanzen und auch darum, ob die heute geltenden Verfahren zur Untersuchung von Risiken angemessen sind.

Christoph Then macht mit Beispielen deutlich, dass es viele Probleme, unvorhergesehene Folgen und Gefahren gibt, über die Monsanto, Syngenta, Bayer und Co nicht gerne sprechen, weil sie den schönen Schein von der Agro-Gentechnik als Lösung für alle Probleme nicht nur stören sondern zerstören.

Kapitel 8 informiert über den heutigen Stand und über absehbare Entwicklungen, mit unterschiedlichen Begründungen und zu unterschiedlichen Zwecken Tiere gentechnisch zu verändern und welche Folgen das haben kann.

In Kapitel 9 stellt er dar, warum die technischen Möglichkeiten der synthetischen Biologie, völlig neue Lebewesen zu schaffen, dringend neue gesetzliche Regelungen für die Prüfung von Risiken und für die Voraussetzung der Genehmigung brauchen.

In Kapitel 10 geht es um die wachsende wirtschaftliche Vermachtung bei der Herstellung und beim Handel nicht nur mit gentechnisch verändertem Saatgut und darum, welche Folgen es hat, dass immer mehr Saatgut-Unternehmen durch große Hersteller von Düngemitteln, Insektiziden und Pestiziden aufgekauft werden.
Außerdem stellt Then dar, wie im Zusammenspiel von Wirtschaftsinteressen und einer daran orientierten Wissenschaft das Vorsorgeprinzip ausgehebelt werden soll und welche Rolle dabei die wissenschaftliche Beratung der EU-Kommission spielt.

In den Kapiteln 11 und 12 setzt Then sich noch einmal sehr grundsätzlich mit der Bedeutung der Gene auseinander und der Frage, welche Folgen es hat, wenn der Mensch an immer mehr Stellen auf der Ebene des Genoms in die natürliche Evolution eingreift.
Er fasst seine Überlegungen so zusammen:

„Um die Zukunft der Biosphäre zu sichern, müssen wir auch Konzepte zum Schutz der belebten Natur auf der Ebene ihres Erbgutes entwickeln. Dieser Schutz muss sich an der Erhaltung des Systems der Evolution, der Selbstorganisation und der wechselseitigen Anpassung von Lebensformen orientieren.“

Da besteht nach Thens Überzeugung „konkreter gesetzlicher Handlungsbedarf“: Von Regeln über die Freisetzung von Organismen über ethische Grenzen, die die Frage der Integrität des Erbgutes berücksichtigen, bis hin zu unabhängiger Begleit- und Risikoforschung und dem Verbot der Patentierung von Genen und Lebewesen.

III

Wer sich für das wichtige und schwierige Gebiet der Gentechnik interessiert, wird das Buch von Christoph Then mit großem Gewinn lesen. Soweit ich das sehe, gibt es gegenwärtig kein auch nur annähernd vergleichbares Buch, das die naturwissenschaftlichen, die sozio-ökonomischen, die ökologischen und die politischen Fragen gleichermaßen und zusammen in den Blick nimmt.

Christoph Then gibt mit seinem Buch Denkanstöße, stellt wichtige Fragen, stellt Gewissheiten in Frage und er macht Vorschläge dafür, was anders werden soll.
Mehr kann man und mehr sollte man von einem Buch, das kein Roman und kein Gedichtband ist, nicht erwarten.


Christoph Then
„Handbuch Agro-Gentechnik
Die Folgen für Landwirtschaft, Mensch und Umwelt“
oekom, München Januar 2015
19,95Euro
ISBN -13: 978-3-86581-716-7

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