Zombie-Katholiken, Pseudolinke und Islamfeinde

Emran Feroz
Ein Artikel von Emran Feroz | Verantwortlicher:

„Wer ist Charlie?“, war die Frage, die der französische Soziologe, Historiker und Autor Emmanuel Todd kurz nach den Anschlägen auf „Charlie Hebdo“ im vergangenen Januar stellte und damit in Frankreich für Furore sorgte. Auch nach dem jüngsten Massaker in Paris ist Todds Werks aktueller denn je. Anhand von knallharten Fakten stellt es sich nämlich nicht nur unbequemen Fragen, sondern beleuchtet auch die Schattenseiten der französischen Gesellschaft. Von Emran Feroz

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Emmanuel Todd war schon immer ein kritischer Zeitgenosse. Egal bei welchem Thema, der sympathisch wirkende Mann legte stets seinen Finger auf die Wunde. „Was will der denn schon wieder?“, dachten sich wahrscheinlich viele Franzosen. Doch dann ging Todd zu weit. Nachdem das blutige Massaker in den Redaktionsräumen der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ stattfand und ganz Frankreich vereint gegen den Terror zu sein schien, zog Todd mit seinem neuesten Werk alle Register.

In „Qui est Charlie“ (Deutsche Ausgabe: „Wer ist Charlie? – Die Anschläge von Paris und die Verlogenheit des Westens“) geht Todd der Frage nach, welche Gesellschaftsschicht seines Landes sich tatsächlich mit „Charlie“ identifiziert, sprich, wer waren all die Hunderttausende von Menschen, die sich am 11. Januar, also wenige Tage nach den Anschlägen, auf den Straßen Frankreichs versammelten und an jenem berühmten Trauermarsch teilnahmen? Und wofür demonstrierten sie überhaupt?

Für die französische Gesellschaft ist das Ergebnis, zu dem Todd nicht nur anhand seiner persönlichen Meinung, sondern vor allem mittels Empirie, demografischen Tatsachen und allerlei anderen Fakten kommt, niederschmetternd. So kommt der Autor unter anderem zum Schluss, dass jene, die am 11. Januar für „Charlie“ auf die Straße gingen, nicht die Meinungsfreiheit verteidigen wollten, sondern lediglich ihr „Recht, auf die Religion der Schwachen zu spucken“.

Laizismus als Ersatzreligion

Diese Religion der Schwachen, sprich, der Islam, spielt in Todds Buch eine bedeutende Rolle. So wird unter anderem eingeräumt, dass es einfach nicht fair sei, die Religion einer Minderheit, die permanenter Diskriminierung und systematischer Benachteiligung ausgesetzt sei, zu verunglimpfen. Abgesehen davon ist es für Todd ohnehin mehr als offensichtlich, dass der französische Staat institutionell islamophob sei, was vor allem mit der Tatsache zu tun hat, dass die entchristianisierte Gesellschaft einen Sündenbock, ja, einen neuen Feind benötigt, den sie in Form des Islams gefunden hat.

Dies werde unter anderem deutlich, wenn man den streng ausgelegten Laizismus, der in Frankreich vorherrscht, beobachtet. Dieser sei, so Todd, mittlerweile zu einer Art „Ersatzreligion“ mutiert, welches sich als Zielscheibe vor allem den Islam ausgesucht hat. Damit hat der Autor nicht unrecht, was deutlich wird, wenn man einige abstruse Schlagzeilen genauer betrachtet. Vor wenigen Monaten wurde etwa ein muslimisches Mädchen aus ihrer Schule verwiesen. Der Grund: Ihr Rock sei zu lang gewesen. Ihr Kopftuch hat das Mädchen stets abgelegt, bevor sie die Schule betrat. Doch siehe da, sogar der Rock war plötzlich „islamisch“. Fälle wie dieser sind im vermeintlichen Land der Gleichheit keine Seltenheit. Universitätsstudien wie jene der Sorbonne oder Stanford haben mittlerweile belegt, dass Muslime im Vergleich zu Christen eher in den „Fängen“ der laizistischen Gesetzgebung geraten. Den Säkularismus an sich betrachtet Todd zwar als notwendig, allerdings ist er der Meinung, dass seine radikale Ausartung wie alle anderen Religionen verbannt gehöre.

Vorherrschende Ungleichheit

Ein weiterer Schwerpunkt, dem sich Todd widmet, ist das Prinzip der Gleichheit. Die französische Gesellschaft, so seine Schlussfolgerung, hat sich schon längst von dieser Gleichheit, die seit der Revolution hochgehalten und propagiert wird, entfernt. In Frankreich sind nicht alle Menschen gleich, sondern manche eben „gleicher“, wie es Orwell wohl ausdrücken würde. Verantwortlich für die vorherrschende Ungleichheit ist laut Todd der sogenannte MAZ-Block. MAZ steht in diesem Fall für Mittelklasse, Alte und Zombie-Katholiken.

Da das Interesse des MAZ-Blocks hauptsächlich darin besteht, seine elitäre Stellung zu behalten, ist er einerseits ein radikaler Unterstützer der neoliberalen Doktrin, andererseits araber- und islamfeindlich. Leiden tut darunter nicht nur die muslimische Jugend, die vor allem in den heruntergekommenen Vorstädten angesiedelt ist, sondern auch der Rest der jungen Franzosen. In diesem Punkt kritisiert Todd allerdings nicht nur Frankreich, sondern Europas neoliberalen Kurs, allen voran jenen Deutschlands, im Allgemeinen. Auch die französische Linke kommt dabei nicht gut weg. Francois Hollande, der sich immerhin als Sozialist bezeichnet, stellt laut Todd den „Prototyp eines Zombie-Katholiken“ dar. Auch jene, die weiter links vom Präsidenten stehen, seien nicht in der Lage, ihre Kritik sowie ihre Forderungen durchzusetzen. Stattdessen zogen die meisten von ihnen am 11. Januar hinter Hollande, Sarkozy, Cameron, Merkel, Juncker und anderen her. Folglich, so Todd, wurde auch deutlich, dass die meisten Linken zwar in der Theorie systemkritisch seien, in der Praxis jedoch – und gerade die ist so aussagekräftig – das vorherrschende System voll und ganz akzeptieren. Demnach outeten sie sich an jenem Tag als Teil des MAZ-Blocks.

Weg in den Konflikt

Obwohl Todd auf das Beste hofft, stellt er fest, dass Frankreich den Weg in den Konflikt bereits eingeschlagen hat. Sowohl politisch als auch ideologisch dominiert weiterhin der MAZ-Block, während eine kritisch-aktive Linke praktisch nicht vorhanden ist, wovon wiederum der rechte Front National profitiert. Währenddessen nimmt die Islamfeindlichkeit in der Mitte der Gesellschaft weiterhin zu, während ein gefährlicher Antisemitismus in den französischen Problemvierteln präsent ist. Laut Todd werde dieser allerdings vom Staat, der sich an seiner laizistisch-atheistischen Doktrin orientiert, bewusst verdrängt.

Gerade zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist Todds Werks aktueller denn je. Denn die blutigen Pariser-Anschläge im November haben deutlich gemacht, in was für einer prägnanten Lage sich Frankreich befindet. Doch obwohl die meisten Mörder junge Franzosen aus den Vorstädten waren, wird versucht, die Probleme vor Ort zu lösen, indem der sogenannte „Islamische Staat“ (IS) in Syrien bombardiert wird. Zum gleichen Zeitpunkt kann der Front National immer mehr Erfolge für sich verbuchen, was die Regionalwahlen vor Kurzem deutlich gemacht haben.

Und was macht „Charlie Hebdo“, während all das passiert? Nach den Anschlägen in Paris sorgte das Titelblatt des Satiremagazins ein weiteres Mal für Aufsehen. „Sie haben die Waffen, wir haben den Champagner“, titelte die Zeitschrift. Mit diesem Wir-und-sie-Denken wurden allerdings auch jene wieder ausgeschlossen, die ohnehin schon am Rand der Gesellschaft leben. Der MAZ-Block dürfte sich gefreut haben.

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