Jens Berger

Thomas Trares[*] hat sich für die NachDenkSeiten einmal Ulrike Herrmanns neues Buch „Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung“ angeschaut und ist zu einem zwiespältigen Ergebnis gekommen. Einerseits sei ihre Darstellung der Dogmen der klassischen Wirtschaftswissenschaften zwar durchaus unterhaltsam – andererseits sei ihre Kritik jedoch auch in weiten Teilen sinnlos, da der argumentative Strohmann, auf den sie genüsslich eindrischt, überhaupt nicht den zeitgenössischen wirtschaftswissenschaftlichen Positionen entspreche.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Ulrike Herrmanns Thema ist offenbar das Kapital und der Kapitalismus. 2013 erschien ihr Buch „Der Sieg des Kapitals“, in dem die „taz“-Wirtschaftskorrespondentin erläuterte, wie der Kapitalismus entstanden ist. Herrmann zufolge ist dieser das bislang einzige soziale System, das sich dynamisch entwickelt, das immensen Wohlstand produziert, aber auch wiederkehrende Krisen und eine zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich. „Ein System, in dem es darum geht, aus Kapital mehr Kapital zu machen“, wie Herrmann meint.

Siehe dazu auch die Rezension des Buchs „Der Sieg des Kapitals“ von Wolfgang Lieb auf den NachDenkSeiten

Seit Anfang September ist nun Herrmanns neues Buch „Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung“ auf dem Markt. Diesmal geht es um die Wirtschaftswissenschaften und deren Umgang mit dem Kapitalismus. Den Inhalt des Buchs gibt der Untertitel „Die Krise der heutigen Ökonomie oder Was wir von Smith, Marx und Keynes lernen können“ recht gut wieder. Herrmanns These lautet nun: Die vorherrschende Lehre der Neoklassik kann den Kapitalismus nicht erklären, also sollte man sich wieder auf die Klassiker des ökonomischen Denkens besinnen.

Entsprechend besteht das Buch aus zwei Dritteln Dogmengeschichte und einem Drittel Kritik an der Mainstream-Ökonomie. Die Idee ist gut. Denn eine der Forderungen heterodoxer Ökonomen ist es, mehr historisches und institutionelles Wissen zu lehren, statt sich wie die Neoklassiker hinter komplizierter und trügerischer Mathematik zu verschanzen. Um es an dieser Stelle bereits vorwegzunehmen: die Darstellung der Dogmengeschichte ist Herrmann gut gelungen, die Kritik an der Neoklassik leider weniger. Doch der Reihe nach.

Bei dem Blick in die Historie bilden die drei Granden Adam Smith, Karl Marx und John Maynard Keynes zwar den Schwerpunkt der Ausführungen, tatsächlich führt Herrmann den Leser aber nahezu lückenlos durch gut 200 Jahre des volkswirtschaftlichen Denkens. Als dessen Geburtsstunde gilt die Veröffentlichung von Adam Smith´ Werk „Der Wohlstand der Nationen“ im Jahr 1776. Dort findet sich bereits Vieles, was in der heutigen Ökonomie noch Allgemeingut ist, wie etwa die Geschichte von der Stecknadelfabrik, anhand der Smith die Vorteile der Arbeitsteilung beschrieb, oder aber die Metapher von der „unsichtbaren Hand“, die in Smith´ Werk nur einmal an einer unbedeutenden Stelle vorkommt. Bei Karl Marx wiederum hatte sich zwar die These von der (absoluten) Verelendung der Proletarier nicht bewahrheitet, wie Herrmann konstatiert, dafür habe er aber die Dynamik des Kapitalismus und dessen Tendenz zur Konzentration richtig beschrieben.

Der Verdienst von John Maynard Keynes dagegen ist es, dass er eine Antwort auf die in den 1930er Jahren grassierende Weltwirtschaftskrise gefunden hatte und damit zugleich auch einen Gegenentwurf zur Neoklassik formulierte. Berühmt ist heute etwa seine Forderung nach einer antizyklischen Fiskalpolitik. Zudem war Keynes der Erste, der den Begriff „Kasinokapitalismus“ prägte, obwohl er selbst gern an der Börse spekulierte. Und auch der Graben, der sich heute zwischen den heterodoxen und den neoklassischen Ökonomen auftut, war damals schon sichtbar geworden. „Es hat Keynes immer wieder empört, wie selbstgefällig viele Ökonomen waren. Sie hatten es sich gemütlich auf wohldotierten Lehrstühlen eingerichtet – predigten aber gern, dass andere verzichten sollten“, schreibt Herrmann.

Die Wirtschaftskorrespondentin der „taz“ belässt es aber nicht bei der Darstellung der Dogmengeschichte, sondern will gleich noch die ganze Mainstream-Ökonomie mit aus den Angeln heben. Dagegen ist freilich nichts einzuwenden, nur kritisiert Herrmann leider oftmals nicht die Neoklassik selbst, sondern nur ein Zerrbild derselben. Deutlich wird dies an solchen Passagen: „In der Ökonomie hat sich eine Schule durchgesetzt, die ihre Modelle so konstruiert, als würde die Wirtschaft nur aus Tauschhandel bestehen und als hätte es die Industrialisierung nie gegeben.“ Oder: „Die Mainstream-Ökonomie tut immer noch so, als könne man sich in die heile Welt der kleinen Wochenmärkte zurückziehen, wo nur Äpfel und Birnen gehandelt werden.“ Und weiter heißt es: „Die Neoklassiker stellten sich vor, dass alle Individuen miteinander in vollkommener Konkurrenz stehen.“

Was Herrmann mit diesen Sätzen kritisiert, ist das wirtschaftspolitische Leitbild der vollkommenen Konkurrenz. Dieses leitet sich in der Tat aus sehr restriktiven Annahmen ab und beschreibt eine marktwirtschaftliche Idylle, in der viele Anbieter um die Gunst vieler Nachfrager konkurrieren. Das Problem dabei ist: Das Leitbild der vollkommenen Konkurrenz ist schon längst veraltet. Das dort beschriebene totale Marktgleichgewicht ist nur deswegen interessant, weil es einen im ökonomischen Sinne optimalen Zustand beschreibt. Die Ökonomen sprechen in diesem Falle auch von „Pareto-Effizienz“. Der Wirtschaftspolitik dient ein solches Marktgleichgewicht heute allenfalls noch als Referenzkriterium, das beschreibt, was optimalerweise sein sollte. Anders als Herrmann vermutet, glauben noch nicht mal mehr die Neoklassiker, dass der Zustand der vollkommenen Konkurrenz die Realität angemessen und vollständig beschreibt.

Die Konfliktlinie zwischen den Schulen läuft heute vielmehr entlang der Frage, ob es in der realen Ökonomie eine Konvergenz zu solch einem umfassenden Marktgleichgewicht gibt (Neoklassiker, Monetaristen), oder ob das marktwirtschaftliche System instabil ist, etwa weil Inflexibilitäten, Restriktionen, Unsicherheiten, gesellschaftliche Dauerkonflikte, wirtschaftliche Macht, irrationales Herdenverhalten, usw den Anpassungsprozess stören (Keynesianer, Postkeynesianer, Postwachstumsökonomen, Marxisten).

Herrmanns Kardinalfehler ist es nun, dass sie die neoklassische Theorie auf eben jenen Zustand vollkommener Konkurrenz reduziert. Dies führt dann zu solchen Fehlurteilen: „Die Neoklassik ging davon aus, dass die Grenzkosten der Firmen steigen! Je mehr Kapital eingesetzt wurde – sei es Arbeit oder Maschinen -, desto teurer sollte die letzte produzierte Einheit werden. Die Marginalisten behaupteten ernsthaft, dass sich große Fabriken nicht lohnen würden.“

Diese Zeilen und mithin der ganze Abschnitt „Die Realität wird ignoriert: Großkonzerne sind angeblich unwirtschaftlich“, in dem sie geschrieben stehen, sind im Grunde schlichtweg falsch. Herrmann behauptet darin, dass die Neoklassik noch nie etwas von den Vorteilen der Massenproduktion gehört hat und somit auch nichts zur steigenden Konzentration in der Wirtschaft sagen kann. Über die Aussagekraft der neoklassischen Theorie kann man wahrlich geteilter Meinung sein, Fakt ist aber: Die Neoklassik kennt sehr wohl eine Monopol- wie auch eine Oligopoltheorie, denen eben jene Größenvorteile der Produktion („Economies of scale“) zugrunde liegen. Ein Blick in ein Mikroökonomie-Lehrbuch genügt, um das herauszufinden.

Leider finden sich in dem Text noch mehr derartige Aussagen. So behauptet Herrmann ständig, dass „wir“, obwohl Märkte existierten, keine Marktwirtschaft hätten, da Großkonzerne das Wirtschaftsgeschehen dominierten. Mal abgesehen davon, was diese Erkenntnis, dass wir keine Marktwirtschaft hätten, überhaupt bringen soll, muss man dazu sagen: Eine Marktwirtschaft ist dadurch gekennzeichnet, dass dezentrale Pläne das Wirtschaftsgeschehen prägen. Die Marktstruktur, ob Monopol, Oligopol oder vollkommene Konkurrenz, spielt bei dieser Frage keine Rolle.

Auch Herrmanns Analyse des Ordoliberalismus wirkt völlig aus der Luft gegriffen. In einem Abschnitt über den früheren Wirtschaftsminister Ludwig Erhard schreibt sie: „Erhards Reden zeigen, dass die deutschen ´Ordoliberalen´ nicht verstanden haben, in welcher Welt sie lebten. Mit dem real existierenden Kapitalismus hatten sie sich nie befasst, stattdessen zogen sie sich in eine imaginäre Welt der Wochenmärkte zurück, wo kleine Händler miteinander in Konkurrenz stehen.“

Im Grunde ergeben solche Sätze keinen Sinn. Der ordoliberale Vordenker Walter Eucken hat sich sehr wohl mit den Auswüchsen des „real existierenden Kapitalismus“ befasst. In seinem Werk „Grundsätze der Wirtschaftspolitik“ geht er seitenweise auf die soziale Frage und das Monopolproblem ein. Ähnlich wie Marx kam auch Eucken zu dem Ergebnis, dass der Wettbewerb die Tendenz hat, sich selbst zu zerstören. Während Marx aber glaubte, dass der Kapitalismus an seinen inneren Widersprüchen zugrunde geht, wollte Eucken diesen mit einer umfassenden Wettbewerbsordnung quasi vor sich selbst schützen. Der Name Eucken taucht in Herrmanns Buch aber kein einziges Mal auf.

Es soll hier natürlich nicht unterschlagen werden, dass Herrmann auch berechtigte Kritik an der herrschenden Ökonomie übt, etwa am neoklassischen Arbeitsmarkt, an der unsinnigen deutschen Exportstrategie (die dem Wesen nach aber auf den Merkantilismus zurückgeht) wie auch an der übermäßigen Mathematisierung der VWL. Was sie allerdings auf der einen Seite aufbaut, reißt sie an anderer Stelle mit etlichen schiefen und teilweise sogar falschen Behauptungen wieder ein.

Fazit: Das Buch bietet einen guten Überblick über die Geschichte des ökonomischen Denkens, Herrmann bringt dem Leser nämlich nicht nur die Lehre, sondern auch Leben und Persönlichkeit der Ökonomen näher und ordnet all dies gut verständlich in den zeitlichen Kontext ein. Auffällig ist aber auch, dass sich Herrmann, sobald es um Mikroökonomie geht, auf Glatteis begibt und dabei einige Male ins Rutschen gerät. Insofern wird sie mit diesem Buch die VWL nicht neu erfinden. Der Leser kann somit die Kapitel 1 – 5 sowie 7 und 8 ohne Vorbehalte lesen, die Kapitel 6, 9 und 10 sollte er dagegen nur mit spitzen Fingern anfassen.


[«*] Thomas Trares ist Diplom-Volkswirt. Studiert hat er an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Danach war er Redakteur bei der Nachrichtenagentur vwd. Seit über zehn Jahren arbeitet er als freier Wirtschaftsjournalist in Berlin.

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