Satire darf alles – wenn sie es nicht darf, ist es keine Satire

Wolfgang Bittner
Ein Artikel von Wolfgang Bittner | Verantwortlicher:

Die Politik fordert Satire heraus, sie ist nicht erst seit heute derart fragwürdig, dass in vielen Fällen nur noch der Ausweg in Spott, Ironie, Sarkasmus und Hohn bleibt. Denn bei genauerem Hinsehen liegt der Schluss nicht allzu fern, dass uns in unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit die reale Idiotie umgibt. Nehmen wir die in letzter Zeit so intensiv betriebene Aufrüstung auf Kosten des Volksvermögens gegen einen fingierten Feind. Dachten nicht die meisten Mitmenschen um die Jahrtausendwende, das sei vorbei? Doch nicht wenige unserer Zeitgenossen scheinen als Couch-Potatoes nichts als ihr tägliches Tittitainment zu genießen, und die Medien unterstützen sie fleißig und beflissen dabei. (…) Wozu Satire? Lässt sich mit Satire überhaupt etwas ändern? Wer Satire liest und versteht, weiß doch sowieso schon Bescheid. Aber bisweilen dachte ich dann, dass manche dieser Texte, die schließlich auch einen unterhaltenden Charakter haben, diesen und jene, wenn schon nicht aufrütteln, so doch wenigstens amüsieren oder bestätigen könnten. Und eine positive Seite hat die Satire auf jeden Fall, nämlich für den Satiriker: Er lässt den Dampf ab, der gefährlich angestiegen ist, und danach geht es ihm besser. Ist das etwa nichts? Von Wolfgang Bittner.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Satire-Buch „Die Abschaffung der Demokratie“ von Wolfgang Bittner.

Ein Beispiel für viele: „Kolonie Europa“ oder „Nach dem Euro kommt der Dollar“

Nachdem in den meisten Staaten der Europäischen Union der Euro eingeführt worden ist, nehmen Gerüchte zu, dass es sich dabei von vornherein lediglich um eine Übergangsregelung gehandelt hat. Wie an der Wall Street bekannt wurde, ist geplant, im Rahmen einer umfassenden Globalisierung aller Lebensbereiche und um der Finanzkrise entgegenzutreten, eine weltweite Einheitswährung einzuführen: den Dollar.

Vorteilhaft daran wäre, dass es in Zukunft nur noch eine Börse gäbe, Umrechnungskurse wegfielen und den bisherigen ausufernden Währungsspekulationen der Boden entzogen würde. Zugleich ließen sich durch weitere Fusionen unserer Kapitalgesellschaften unzählige Arbeitsplätze einsparen, was den positiven Effekt einer Steigerung des Shareholder-Values zur Folge hätte.

Angesichts der Herausforderungen des 21. Jahrhunderts ist außerdem daran gedacht, die antiquierten und Völkerverständigung behindernden Nationalsprachen abzuschaffen und global zum Amerikanischen überzugehen. Nachdem unsere Fernsehprogramme ohnehin schon seit Längerem gleichgeschaltet und auf US-amerikanische Serien und Spielfilme ausgerichtet sind, könnte demnächst auch die kostspielige Übersetzungsarbeit und Synchronisation entfallen. Das gilt übrigens in ähnlicher Weise für den Buchmarkt, der in den letzten Jahren bekanntlich sein Hauptgeschäft mit amerikanischen Bestsellern bestritten hat. Risikoreiche Investitionen in europäische Verlage, Medienanstalten, Filmproduktionen, Kinoketten usw. wären nicht mehr nötig.

Inzwischen sind unter dem Motto „Need a Change“ die ersten Weichenstellungen erfolgt. So ist beispielsweise unsere Bahnauskunft in Service Point umbenannt worden, Kinder sind Kids, Sportkleidung heißt Sportswear, die Einkaufsstraße Shopping Mall und das Ferngespräch Global-Call. Großstädte wie Köln und München gehen dazu über, sich dem allgemeinen Trend gemäß Cologne und Munich zu nennen. Zahlreiche Events mit Hamburgern, Cheeseburgern, Chicken Wings und Coca-Cola sollen uns für das New Age fit machen.

Kritischen Stimmen, die hier und da laut wurden, zum Beispiel im Verband der Börsenmakler, in der Filmwirtschaft, dem Börsenverein des Buchhandels und dem Verband deutscher Schriftsteller, ist der altbewährte Grundsatz entgegenzuhalten: Was der amerikanischen Wirtschaft dient, dient der ganzen Welt.

Wer nun befürchtet, in Zukunft gänzlich auf bestimmte nationale Eigenheiten verzichten zu müssen, sei beruhigt. Man schaue sich nur New York an, die Metropole des wirtschaftlichen und kulturellen Fortschritts, mit seinen ethnischen Biotopen wie Chinatown, Little Italy oder der Bronx; sogar deutsche Restaurants gibt es dort.

Wie ferner verlautet, ist die Europäische Union nach Chile, Brasilien, Mexiko, Kanada, Panama und El Salvador als weiterer amerikanischer Bundesstaat vorgesehen. Dass die USA trotz ihrer Staatschulden von 19 Billionen Dollar so gut dastehen, hat selbst die letzten Skeptiker im Europarat und in den europäischen Regierungen überzeugt. Wir werden also in nächster Zukunft mit einer einzigen Hauptstadt, einem Parlament und einer Regierung auskommen können; vielleicht sogar ohne ein Parlament und nur mit einem Präsidenten oder auch Generalmanager. Das dürfte in Deutschland zu gigantischen Einsparungen an Personalkosten auf Regierungsebene und infolgedessen zu ungeahnten Etatüberschüssen führen.

„Get the Power!“ lautet der Werbeslogan eines großen deutschen Pfefferminzproduzenten. Und eine bekannte Hamburger Modedesignerin meinte vor einiger Zeit, „dass man contemporary sein muss, das future-Denken haben muss, Sinn für das effortless“, dann könne man „diese refined Qualitäten mit spirit eben auch appreciaten“ und „miteinander combinen“.

Wir fügen relaxt hinzu: You me also!, und zwar in der Tradition eines ehemaligen deutschen Bundespräsidenten, der einmal sagte „equal goes it loose“, als er sagen wollte „gleich geht’s los“. Aber eigentlich ist es ja bereits losgegangen.

Aus: Wolfgang Bittner, „Die Abschaffung der Demokratie“, Westend Verlag, Frankfurt am Main 2017, ISBN 978-3-86489-167-0, 224 Seiten, 16 Euro.

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