Wie die Führung der Deutschen Post AG auf unsere Kosten dem Josef Ackermann entgegenkommt, wäre wieder einmal ein Fall für die Justiz.

Albrecht Müller
Ein Artikel von:

Heute kreuzten sich zwei Nachrichten, die wie so oft in letzter Zeit die Absurdität der öffentlichen Debatte schlaglichtartig aufzeigen: Im Bundestag pochten MdB Solms (FDP) und MdB Ramsauer (CSU) einvernehmlich darauf, dass (sinngemäß) der Staat in der Wirtschaft nichts zu suchen hätte, weil die Wirtschaftsführer kompetenter seien. Gleichzeitig wurde ein 4,8 Milliarden Loch bei der Deutschen Bank bekannt (siehe Anlage B) – einer der vielen Belege für die „besondere Kompetenz“ unserer „Wirtschaftsführer“. Die Debatte ist deshalb besonders absurd, weil das interessante an der heutigen Situation gerade die Verfilzung von Wirtschaft und Staat ist. Man kann Staat und Privatwirtschaft nicht mehr auseinanderhalten. Albrecht Müller

Weite Teile der Finanzwirtschaft haben deshalb besonders reüssiert und konnten von 25 % Rendite schwärmen und die entsprechenden Bezüge in ihre Taschen stecken, weil die Vertreter des Staates ihnen die Plünderung des öffentlichen Eigentums erlaubt haben. Die Plünderung geht weiter. Das zeigt jetzt auch der Postdeal (siehe Anlage A und Kommentar zum Hinweis Nummer 9 von heute).
Norbert Lohrke (Globalyze KG) analysiert (siehe Anlage C), wie die Führung der Deutschen Post AG der Deutschen Bank auf Kosten des Steuerzahlers beim Postbankdeal entgegenkommt. Meines Erachtens wäre das wieder ein klarer Fall für den Staatsanwalt. Aber unsere Justiz kümmert sich offensichtlich um die Rechtsverstöße der Führungsschicht nicht, auch wenn das zulasten des Staates geht.
Auch dieser neue Fall zeigt, dass Finanzwirtschaft und Politik unter einer Decke stecken. Im konkreten Fall hilft die Deutsche Post dem Josef Ackermann dabei, sein Gesicht zu wahren.

In der New York Times erschien Anfang Januar ein einschlägiger, interessanter Artikel über den Unterstaatsanwalt und Chefberater des US-Senats Ferdinand Pecora. Dieser hatte mit sachkundigem und oft vernichtendem Verhör die geheime finanzielle Geschichte der 1920-er Jahren aufgedeckt und die diversen Betrügereien und Missbräuche, die in den Crash von 1929 gipfelten, entzaubert. „Wo ist unser Freund Pecora?“, fragt die NYT.
Den Link dazu und eine Übersetzung ins Deutsche von Roger Strassburg finden Sie in der Anlage D.

Anhang A
13. Januar 2009, 22:27 Uhr
SPEKTAKULÄRER POST-DEAL
Ackermann lässt den Staat in die Deutsche Bank

Von Anne Seith und Jörn Sucher
Ausgerechnet bei der Deutschen Bank steigt jetzt indirekt der Staat ein: Größter Aktionär soll künftig die vom Bund mitkontrollierte Post sein. Möglich macht es eine Neuverhandlung des Postbank-Kaufs – die spektakuläre Wendung kommt Bankchef Ackermann sehr gelegen.
Quelle: SPIEGEL Online

Anhang B
14. Januar 2009, 11:02 Uhr
DEUTSCHE-BANK-QUARTALSZAHLEN
Finanzkrise reißt 4,8-Milliarden-Loch in Ackermanns Bilanz

Die Finanzkrise trifft die größte Privatbank der Republik mit voller Wucht: “Sehr enttäuscht” hat Deutsche-Bank-Chef Ackermann einen 4,8-Milliardenverlust im vierten Quartal bekanntgegeben – und offen Schwächen seines Instituts eingeräumt.
Quelle: SPIEGEL Online

Anhang C
Widerwärtiger Kuhhandel
Von Norbert Lohrke

09:15 14.01.09
Nehmen wir einmal an, dass sie im letzten Jahr etwas zu einem fest vereinbarten Preis verkauft haben. Z.B. ein Haus. Die Verträge wurden unterschrieben. Der Deal ist unter Dach und Fach. Und nehmen wir weiter an, dass sie – wie üblich – den damaligen Marktpreis zugrunde gelegt haben. Und nehmen wir weiter an, dass ihr Gegenüber den Immobilienmarkt falsch eingeschätzt hat und der bis heute enorm eingebrochen ist. Würden Sie dann nachverhandeln, ihrem Gegenüber den Preis deutlich reduzieren und dem anderen darüber hinaus noch einen Teil seines eigenen Hauses als Gegenleistung annehmen?
Niemals würden Sie das tun! Warum auch. Sie würden die Kohle einstecken und sich freuen, dass sie ihr Haus noch so gut verkauft haben.
Jetzt gehen Sie und ich wahrscheinlich davon aus, dass wenn schon Privatleute so handeln, Geschäftsleute um so mehr so handeln müssten. Da würde ich Ihnen Recht geben. Es sei denn, es werden Geschäfte zwischen der Deutsche Bank AG und der Deutsche Post AG, respektive dem Deutschen Staat gemacht.
(…)
Quelle: ARIVA.DE

Anlage D
Where Is Our Ferdinand Pecora?

By RON CHERNOW
Published: January 5, 2009
BARACK OBAMA has assigned a top priority to financial reform when the new Congress assembles today. If history is any guide, legislators can perform a signal service by moving beyond the myriad details of the rescue plans to provide a coherent account of the origins of the current crisis. The moment calls for nothing less than a sweeping inquest into the twin housing and stock market crashes to create both the intellectual context and the political constituency for change.
For inspiration, Congress should turn to the electrifying hearings of the Senate Banking and Currency Committee, held in the waning months of the Hoover presidency and the early days of the New Deal. In historical shorthand, these hearings have taken their name from the committee counsel, Ferdinand Pecora, a former assistant district attorney from New York who, starting in January 1933, was chief counsel for the investigation. Under Pecora’s expert and often withering questioning, the Senate committee unearthed a secret financial history of the 1920s, demystifying the assorted frauds, scams and abuses that culminated in the 1929 crash.
Quelle: The New York Times

Übersetzung Roger Strassburg:

Wo ist unser Ferdinand Pecora?
Barack Obama hat Finanzreform als oberste Priorität für den heute versammelnden Kongress gesetzt. Wenn die Geschichte uns den Weg zeigen kann, dann können Abgeordnete einen Signal setzen, indem sie über die unzähligen Details der Rettungspläne hinausgehen, und eine kohärente Erklärung der Ursachen der jetzigen Krise aufstellen. Der Moment ruft nach nichts geringeres, als eine umfassende Untersuchung der Immobilien- und Aktienmarkt-Crashes, um sowohl den intellektuellen Umfeld als auch den politischen Mandat für Änderung zu schaffen.

Zur Inspiration sollte der Kongress sich den spannenden Anhörungen des Senat-Banken- und Währungskommitee wenden, die in den letzten Monaten der Hoover-Regierung und in den frühen Zeiten des New Deals gehalten wurden. Dieser Komitee wurde nach seinem Berater Ferdinand Pecora, ehemaliger Unterstaatsanwalt von New York, der ab Januar 1933 Chefberater der Untersuchung war. Unter Pecoras sachkundigem und oft vernichtendem Verhör deckte der Senat-Komitee eine geheime finanzielle Geschichte der 1920-er Jahren auf, und entzaubert die diversen Betrügereien und Missbräuche, die in den Crash von 1929 gipfelten.

Die spannende Konfrontation zwischen Pecora und den großen Herren von Wall-Street war so theatralisch begabt, dass sie hätte von Hollywood stammen können. Der kämpferische Pecora war der perfekte Florett zu den feschen Bankiers, die vor die Mikorofone traten. In Sizilien geboren als Sohn eines eingewanderten Schuster, Pecora hatte für Teddy Roosevelt Wahlkampf gemacht, und war befeuert mit der Leidenschaft der progressiven Ära. Als Staatsanwalt in den 1920-er Jahren schloß er mehr als hundert „bucket shops“ – zwielichtige, unseriöse Invenstmenthäuser – und damit eine Lehre von der dunklen Seite von Wall-Street absolviert.

Mit zerknittertem schwarzem Haar und blitzenden Augen war Pecora ein derber Populist, der dem Depression-Publikum ansprach. Er spielte gern Pinochle [ein Kartenspiel – RS] und wurde oft mit dicker Zigarre zwischen den Zähnen dargestellt. Als er mit 255 Dollar im Monat beim Senat-Komitee eingestellt wurde, verdiente Pecora weniger, als die meisten Wall-Street Herren wöchentlich aus ihrem Kleingeld ausgaben.

Pecora war akribisch bei der Vorbereitung und legendär im Durchhaltevermögen, der Aktenberge meisterte und die halbe Nacht vor Verhören aufgeblieben ist, mit der Hilfe von John T. Flynn, ein irisch-amerikanischer Journalist, und Max Lowenthal, ein jüdischer Anwalt. Flynn schrieb, „ich sah mit Erstaunen diesen Mann an, der durch die komplizierten Labyrinthen von Banken, Syndikaten, Handeln und allermöglichen Schickanen, und in einem ihm neuen Fachbereicht niemals einen Namen vergessen hat, nie einen Fehler mit einem Zahl gemacht hat, und nie ausgerastet ist.“

Als Pecora unaufhörlich die berühmsten Namen in Finanz verhörte, erlebte die Nation erneut den Boom der 1920-er Jahren erneut als ein kollektiver Akt der nationalen Erinnerung. Die Anhörungen fingen in einem bescheidenen Komitee-Zimmer an, wechselte in einen stattlichen Fraktionsraum, von Kronleuchtern und Blitzlampen beleuchtet. Als sie richtig in Fahrt kam, breitete sich die Untersuchung aus, bis sie einen Scheinwerfer auf jede finstere Ecke von Wall-Street gestrahlt hat. Pecora belichtete einen von Spekulanten manipulierten zum Nachteil von Kleininvestoren, die plötzlich Namen und Gesichter auf ihre Verluste kleben konnten.

Banker waren die Halbgötter der 1920-er Jahren, deren Tun eifrig nachgeahmt, deren Marktanalysen mit Andacht zitiert wurden. Sie haben eine gemütliche Welt von Limosinen mit Chauffer und holzbekleideten Räumen, von gewönlichen Amerikanern abgeschottet, bewohnt. Jetzt stieß Pecora diese hohen Priester von ihren Podesten, und sie klein und schäbig erscheinen lassen.

Am Schwarzen Donnerstag 1929 hatte die Nation den scheinbar heroischen Versuch der wichtigsten Banker, einschließlich Albert Wiggin von Chase und Charles Mitchell von National City, den Marktniedergang einzugrenzen. Pecora zeigte, dass Wiggen eigentlich Chase-Aktien leerverkauft hatte, und von fallenden Preisen profitiert hat. Er offenbarte auch, dass Mitchell und obere Manager von National City sich 2,4 Millionen Dollar in unverzinsten Darlehen von der Bank genehmigt haben, um den Crash leichter verschmerzen zu können. Wie es sich herausgestellt hat, hatte National City faule Kredite an lateinamerikanische Länder verbrieft und an ahnungslose Investoren verkauft. Bis Pecora mit den Bankern fertig war, verglich der Montana Senator Burton Wheller sie mit Al Capone, und sie wurden in der Öffentlichkeit als „Bankster“ genannt, gereimt mit Gangster.

Mit einer Bevölkerung, die nach Vergeltung sehnte, spielte Pecora mit zündlichen Chemikalien, und Wall-Street beschwerte sich, dass er das Vertrauen zerstörte. Präsident Franklin Roosevelt erwiderte, die Banker „hätten daran gedacht, als sie das gemacht haben, was jetzt offenbart wird“. Es fiel Wall-Street schwer, eine legitime Verteidigung aufzustellen, während Pecora sie täglich anprangerte.

Seine Methoden als Ankläger wurden fragwürdig, als er sich der mysteriösen Welt des privaten Banking, die das Haus Morgan veranschaulichte, widmete. In unerbittlichem Stil hetzte Pecora die Morgan-Partner, zuzugeben, dass sie keine Steuern 1931 und 1932 gezahlt hatten – eine zündliche Offenbarung, als sich das Land gigantische öffentliche Projekte unternommen hatte, um die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Dass die Morgan-Männer Steuern wegen Aktienmarktverluste vermieden hatten ging im ganzen Stimmgewirr verloren.

Nicht weniger zündlich war die Offenbarung von Morgans „Vorzugsliste“, wodurch die einflussreichen Freunde der Bank an Aktienemissionen zu stark vergünstigten Preisen teilnehmen konnten. Die berühmten Namen auf der Liste, einschließlich des ehemaligen Präsidenten Calvin Coolidge, und Owen J. Roberts, Richter am obersten Gericht, schockierte wegen der ungehörigen Vermengung von Geld und Macht die Nation.

Ein Morgan-Partner, George Whitney, erklärte verlegen, dass die Absicht war, die Kleinanleger zu schützen, indem sie verhindert wurden, solch ein Risiko einzugehen. Dazu schrieb Pecora in seinem Bestseller „Wall-Street Under Oath“ [„Wall-Street unter Eid“ – RS], „Es gab viele, die ihnen gerne geholfen hätten, dieses entsetzliche Risiko zu tragen!“

Die Wut über die Morgan-Aussage war so, dass Senator Carter Glass von Virginia den Kopf schuttelte und stönte, „Hier habenwir einen Zirkus, und das einzige was fehlt, sind Erdnüsse und gefärbte Limonade.“ Auf den Kommentar eingehend nutzte ein Presseagent der Ringling Brothers Zirkus die Pause, um Lya Graf, eine Kleinwüchsige in einem blauen Satin-Kleid, auf den Schoß des überraschten J. P. Morgan Jr. zu plazieren. Der Komitee-Vorsizende, Senator Duncan Fletscher von Florida, plädierte mit den Zeitungen, diese Bilder nicht zu veröffentlichen, was sie nur dazu animierte, dies rasch zu tun.

Das Photo von Morgan mit einem Zirkus-Kleinwüchsigen auf dem Schoß wurde zum bezeichnendem Bild der Anhörungen, symbolisch für die verfallenen Sitten am Wall-Street. Der erbitteterte J. P. Morgan Jr .sagte, dass Pecora „die Manieren eines Anklägers, der einen Pferdedieb überführen wollte“ hat.

Mit welchen Mängel auch immer legte die Pecora-Anhörungen den Grundstein für Finanz-Reform-Gesetze. Bis sie Mai 1934 endeten, produzierten sie 12.000 gedruckten Seiten Zeugenaussagen, gesammelt in mehreren dicken Bänden. Diese Dokumente dienten Generationen von Historikern. Unsere nationale Erzählung vom Aktienmarktchaos in den 1920-er Jarhren besteht hauptsächslich aus den Charakteren und Anekdoten dieser Seiten.

Pecora dokumentierte nicht nur eine Litanei von Missbrauch. Er zeigte den Weg für korrigierende Gesetze. Die Securities Act von 1933, der Glass-Steagall-Act von 1933 und der Securities Exchange Act von 1934 – alle adressierte Missbrauch, der von Pecora aufgezeigt wurde. Es war nur poetisch gerecht, als Roosevelt ihn zum Kommissioner der neugeborene Securities and Exchange Comission ernannte.

Unser heutige Aktienmarkt- und Immobilienflaute kann wie eine Naturkatestrophe ohne identifizierbare Schuldige erscheinen, und auf nichts bestimmtes gerichtete Wut erzeugen. Eine von der finanziellen Führung schwer enttäuschten Bevölkerung sucht nach Antworten. Der neue Kongress hat die Chance, die Nation zu führen, Schritt für Schritt, durch alle Machenschaften, die zur gegenwärtigen Debakel geführt haben, und weise Gesetzesgebung zu gestalten, die eine Wiederholung verhindert.

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