Die Verantwortlichen in Berlin und ihre Entourage haben die Schwere der Konjunkturkrise nicht begriffen. Beleg: Auftragseingänge.

Albrecht Müller
Ein Artikel von:

Mit Heiner Flassbeck beriet ich gerade über die Dramatik der Einbrüche bei den Auftragseingängen. Siehe Tabelle der Bundesbank, Zeile 7. Die Auftragseingänge der Industrie liegen im Januar 2009 bei 81,7 (2005 = 100) Das ist ein dramatischer Einbruch in einer kurzen Frist, von 123,3 im 2. Quartal 2008 über 96,2 im 4. Quartal bis heute. Der Einbruch ist bei den Investitionsgütern noch dramatischer. Sie rutschten mit einem minus von 38,6 % auf das Niveau von 75,7 verglichen mit 2005. Siehe diese Tabelle [PDF – 20 KB]. Albrecht Müller

Was sich hier durchgehend und besonders bei den Investitionsgütern zeigt, konnte man ohne Schwierigkeiten vorhersehen. Hier wirkt der klassische Akzelleratoreffekt, diesmal negativ: die Aufträge bei allen möglichen Industrien, Handwerkern und anderen Wirtschaftsbetrieben stagnieren oder sinken. Selbst wenn sie nur stagnieren, wird nicht mehr investiert, weil die vorhandene Ausstattung mit Maschinen und anderen Investitionsgütern zur Produktion reicht. Die Stagnation wirkt dann bei den Investitionsgüter-Unternehmen beschleunigend, daher Akzelleratoreffekt.
Die Einbrüche dort haben wieder die Folge, dass weniger Löhne gezahlt werden, weniger Gewinne anfallen oder sogar Verluste, und weniger Steuern gezahlt werden, und deshalb weniger ausgegeben wird, so dass sich der Effekt verstärkt. Das ist eine höchst gefährliche Entwicklung, die Heiner Flassbeck wie mich in gleicher Weise umtreibt.

Die Gelassenheit der Regierenden in Berlin ist die Gelassenheit der Ignoranten. Das kann man wirklich nicht freundlicher sagen. Dort tut man so, als habe unsere Hauptsorge der Frage zu gelten, wie wir nach Überwindung der Krise weitermachen, was wir dann mit den Schulden machen und dass es dann mit den Reformen auch schön weitergehen kann. Und dass die mit öffentlichem Geld geretteten Banken dann schnellstens privatisiert werden müssen und so weiter. Diese Sorgen möchte ich haben.

Es wäre dringend notwendig, bei Investitionsprogrammen und der Förderung der Lohnentwicklung mit allen Mitteln nachzulegen, auch mit dem Mittel der Planung eines höheren Defizits. Höher jedenfalls als die heutige Planung aussieht, nicht höher als die Verschuldung de facto ausfallen wird, wenn die dramatische Abwärtsentwicklung weitergeht.

Die herrschende Politik ist fixiert auf die Finanzindustrie. Dort werden Milliarden nachgelegt. Mit einem Federstrich möglicherweise neue 10 Milliarden für die HRE, zusätzlich zu schon bereitgestellten 102 Milliarden. Einfach so. Aber wenn es um die Förderung von Beschäftigung und Aufträgen für unsere Industrie geht, dann bemüht man den Wust von Ideologie um Verschuldung, den man zuvor in einer unerträglichen öffentliche Debatte in sich hineingelöffelt hat.
Nebenbei: Mit Heiner Flassbeck bin ich mir auch darin einig, das uns zur HRE nicht die Wahrheit gesagt wird. Dort sind „Leichen im Keller“.

Es geht bei unserer Sorge um die Konjunktur- und Auftragsentwicklung nicht nur um Geld. Es geht auch darum, einer ganzen Generation die Berufs- und Arbeitschance zu erhalten bzw. zu geben. Wenn unsere Wirtschaft nämlich so einbricht, wie es sich bei den Auftragseingängen abzeichnet, dann wird die gerade ausgebildete Generation viel zu lange warten müssen, bis sie wieder eine Chance zur Berufsausübung erhalten wird. Es wird sehr viel mehr jungen Menschen so gehen, wie es heute viel zu vielen schon geht.

Es geht auch darum, Unternehmen zu erhalten, die im Vertrauen auf eine gedeihliche konjunkturelle Entwicklung investiert haben, ihre Investitionen mit Schulden finanziert haben und nun vor der Insolvenz stehen. Bei vielen Unternehmen wird schlicht Vermögen und es werden Existenzen vernichtet.
Und dies alles, weil unsere politischen und wirtschaftspolitischen Spitzen keine Ahnung von Makroökonomie haben. Unternehmen und Arbeitnehmern haben eigentlich einen Anspruch auf die Abwesenheit von Ignoranz bei der politischen Führung. Leider ist dieser Anspruch nicht einklagbar. Und leider besteht sogar die Gefahr, dass die Sanktion bei den Wahlen im September ausbleibt.
Das heißt dann auf lange Sicht betrachtet: die Eliten von Politik und Wirtschaft, von Wissenschaft und Medien können sich alles leisten. Sie werden wieder gewählt, weil sich dieses Mittelmaß in einem Geflecht gegenseitig stützt.

Noch ist Zeit bis zu den nächsten Bundestagswahlen. Sprechen Sie bitte mit anderen, auch mit Mittelständlern aus der gewerblichen Wirtschaft, dem Einzelhandel, dem Handwerk. Machen Sie auf die Datenlage bei den Auftragseingängen und die politische Verantwortung für die Makropolitik aufmerksam. Dieser Niedergang ist nicht vom Himmel gefallen.

Dass der Niedergang etwas mit der falschen Politik zu tun hat, wird wieder einmal auch von auswärtigen Wissenschaftlern bestätigt. So zum Beispiel aktuell auch von Nobelpreisträger Krugman.

P.S.: Morgen erscheint ein neues Buch von Heiner Flassbeck: Gescheitert. Warum die Politik vor der Wirtschaft kapituliert. Verlag Westend. Frankfurt 2009.

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