Umwelt- und Verkehrspolitik mit Stammtischparolen
Umwelt- und Verkehrspolitik mit Stammtischparolen

Umwelt- und Verkehrspolitik mit Stammtischparolen

Jens Berger
Ein Artikel von: Jens Berger

Nachdem 107 Lungenärzte via BILD und WELT in einem dünnen Positionspapier die Grenzwerte für Stickoxide und Feinstaub kritisierten (BILD: „Alles Lüge!“), nutzt nun die Politik die angerichtete Verwirrung, um eben jene Grenzwerte zu kippen. Verkehrsminister Scheuer begrüßte den „wissenschaftlichen Ansatz“, beklagte die Grenzwerte als „Masochismus“ und kündigte deren Überprüfung an. In den Konzernzentralen von VW, BMW und Mercedes dürften die Sektkorken knallen. Dabei ist das Papier der Ärzte eher auf Stammtischniveau und wird von der wissenschaftlichen Community bestenfalls belächelt. Keine Frage: In Deutschland regiert der Populismus – nur dass dieser spezielle Populismus sich gegen die Interessen der Bürger richtet. Von Jens Berger.

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100 Experten …

Eigentlich sollte man nur noch mit den Augen rollen, wenn wieder einmal so und so viele Wissenschaftler einen offenen Brief, einen Appell oder ein an das Publikum gerichtetes Positionspapier verfasst haben, das dann von Medien wie BILD, WELT, FAZ oder Focus ernsthaft als Beitrag zur wissenschaftlichen Debatte gefeiert wird. Es wird wohl keinen Fachbereich geben, in dem man nicht mindestens 100 Wissenschaftler auftreiben kann, die ihre Unterschrift unter jeden denkbaren Unsinn setzen. Zu trauriger Berühmtheit ist beispielsweise der 2005 von 243 marktradikalen Professoren der Wirtschaftswissenschaften veröffentlichte „Hamburger Appell“, der einer wissenschaftlich mehr als umstrittenen neoliberalen Wirtschaftspolitik das Mäntelchen des wissenschaftlichen Konsens´ umhängen sollte. Können 243 Professoren etwa irren? Natürlich können sie das und weit mehr Professoren irren täglich. Auf jedem Schiff, das schwimmt und schwabbelt, ist einer drauf, der dämlich sabbelt – dieses Sprichwort gilt auch für Wissenschaftler.

Streng genommen gehören die 107 Lungenärzte noch nicht einmal in diese Kategorie. Schließlich ist der Großteil von ihnen gar nicht in der Wissenschaft oder Forschung, sondern als niedergelassener Arzt tätig; womit der Kreis der potentiellen „Experten“ schon einmal streng genommen auf alle Akademiker heruntergebrochen wäre, die beruflich in einem ähnlichen Feld tätig sind. So gesehen könnte man auch 107 Bankberater mit BWL-Abschluss zur Sinnhaftigkeit der privaten Altersvorsorge befragen. Und ganz sicher gibt es auch 107 Medienwissenschaftler, die in einem Positionspapier das Verbot der BILD fordern würden. Nur, dass dieses Papier natürlich nicht in der BILD abgedruckt würde. Derartige Unterschriftensammlungen, Appelle und Positionspapiere sind stets nur ein Mittel, um die redaktionelle Linie und die damit verbundene Politik zu unterstützen. BILD und Co. sehen sich schon seit Ewigkeiten als Sprachrohr der Autofahrer und sind ein Sprachrohr der Autoindustrie – und da passt ein Papier von 107 Ärzten, das endlich mal mit dieser „Umwelthysterie“ aufräumt, natürlich gut ins Konzept.

Dass dieses Papier inhaltlich eher auf dem Niveau eines Mario-Barth-Witzes ist, spielt da offenbar keine Rolle. Echte Experten aus der Schweiz, Österreich und dem Rest der Welt gingen daher auch sofort auf die Barrikaden. Von einer „Stammtischdiskussion einiger älterer Ärzte“ war da schnell die Rede. Der Gesundheitswissenschaftler Joseph Kuhn erklärte gar, dass er „zunehmend den Eindruck [habe], dass nicht wenige pensionierte Chefärzte zu kompetenzgeminderter Querulatorik neigen“, was „vielleicht eine pathologische Spätfolge ihres lange geübten Dominanzverhaltens“ sei.

Zugegeben – wenn man auf den Fachbereichen, um die es hier geht, selbst über keine nennenswerte Expertise verfügt, ist es nicht einfach, sich selbst einen unabhängigen Überblick zu verschaffen. Ein unvoreingenommener Vergleich des Positionspapiers der 107 Lungenärzte (Zwei Seiten, keine einzige Quelle, kein einziger Bezug auf eine Studie o.ä.) und dem offiziellen Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (77 Seiten, 451 wissenschaftliche Fußnoten) zeigt jedoch bereits die Schieflage des wissenschaftlichen Anspruchs. Geht man dann noch näher auf die „Argumente“ der 107 Ärzte ein, kommt man nicht um den Verdacht herum, dass hier jemand vor allem seinem Ärger über die Politik auf Stammtischniveau Luft machen will. Wer sich für die inhaltliche Debatte interessiert, dem seien folgende Artikel ans Herz gelegt:

Die Medien geben ein katastrophales Bild ab

Natürlich ist es legitim, dass sich ehemalige Ärzte mittels „kompetenzgeminderter Querulatorik“ ihre Tagesfreizeit vertreiben und Appelle starten, die den Stand der wissenschaftlichen Debatte ad absurdum führen. Unverständlich ist es jedoch, dass derlei Pamphlete ernsthaft von den Redaktionen aufgegriffen werden und dann auch noch aufgrund ihrer von den Medien geschaffenen Akzeptanz ihren Weg in die politische Debatte finden. Stellvertretend für die gesamte aus dem Ruder gelaufene Berichterstattung sei hier auf die letzte Ausgabe der ARD-Talkshow „hart aber fair“ hingewiesen, in der der Initiator des Lungenärzte-Appells Dieter Köhler auf Barbara Metz traf, ihres Zeichens stellvertretende Geschäftsführerin der Deutschen Umwelthilfe, die mit ihren maßlosen Übertreibungen („13.000 Dieseltote“) munter am Kampf um die Hoheit über den deutschen Stammtischen mitmischt. Warum überlasst man dieses Thema dem Stammtisch und lädt keinen neutralen Wissenschaftler, der sich wirklich mit der Thematik beschäftigt hat, in eine derartige Sendung ein?

Etwas besser machte es gestern die Redaktion von Anne Will, die zwar mit Heinz-Erich Wichmann einen ernstzunehmenden Epidemiologen als Konterpart zum Stammtischarzt Köhler einlud, ihm dann jedoch Steffen Bilger aus dem Verkehrsministerium an die Seite setzte. Bilger ist Vorsitzender des CDU-Bezirksverbands Nordwürttemberg, in dem viele große Automobilfirmen und -zulieferer ihren Sitz haben und machte zuletzt durch den Antrag, der Deutschen Umwelthilfe die Gemeinnützigkeit zu entziehen, auf sich aufmerksam. Es lebe der Stammtisch!

Auffällig ist, dass schillernde Außenseitermeinungen immer dann ihren Weg in die Medien finden, wenn sie besonders wirtschafts- und industrienah sind. Man kokettiert dann gerne mit einem vermeintlichen Tabubruch, schickt ein paar ältere Vertreter der Zunft, deren Leben offenbar vom Entenfüttern und Rasenmähen nicht erfüllt ist, mit steilen Thesen in den Ring, die später zwar von der wissenschaftlichen Community widerlegt werden; aber dann ist die Empörungskarawane ja schon wieder weitergezogen und zofft sich am Stammtisch über das nächste Streitthema der Woche. Was bleibt, ist der Zweifel des Publikums, das plötzlich nicht mehr nachvollziehen mag, warum es überhaupt Grenzwerte für dies und das gibt, wenn „die Wissenschaft“ sich da doch gar nicht einig ist.

Kontrafaktischer Populismus

Was haben die Leitartikler sich nicht noch vor wenigen Jahren über die USA lustig gemacht. Da zöge mit dem Kandidaten und späteren Präsidenten Trump nun ein „postfaktisches“ Zeitalter ein. Am Beispiel der Klimadebatte wurde dargelegt, wie Trump wissenschaftliche Erkenntnisse ignoriert und ihr pseudowissenschaftliche Beschränktheit entgegensetzt. Das sei – so hieß es – Populismus. Das mag so sein. Aber worin unterscheidet sich Trump methodisch von Andreas Scheuer? Auch der begrüßt kontrafaktische Papiere, die keiner wissenschaftlichen Prüfung standhalten, als „wissenschaftlichen Ansatz“ und instrumentalisiert sie als Vorlage für eine Politik im Sinne der „alten Industrie“. Was dem Amerikaner Big Oil und Big Coal ist dem Deutschen seine heilige Automobilindustrie, als deren Interessenvertreter sich Andreas Scheuer offenbar begreift.

Sicher, man sollte bei der Frage von Fahrverboten die Verhältnismäßigkeit in den Mittelpunkt stellen. Nicht wenige ernsthafte Mediziner, die dem Papier der 107 Lungenärzte aufs Schärfste widersprechen, halten die Fahrverbote für Diesel selbst als einen Fehler; zumal sie eine falsche Anreizwirkung haben und zum Kauf eines nicht minder gesundheitsschädlichen Benziners oder zu einer Verlagerung des Verkehrs auf andere Straßen ohne Messstellen führen. Nötig wäre eine umfassende Debatte über die Mobilität der Zukunft und den Einklang von notwendigem Verkehr mit der Volksgesundheit und der Klimaproblematik. Ja, dies ist eine komplexe Debatte, bei der die Wissenschaft sehr viel beizutragen hätte. Aber in einem Klima des kontrafaktischen Populismus wird die Stimme der Vernunft nicht gehört werden. Dann bestimmen BILD, Scheuer und VW die Debatte und damit unsere Zukunft … und das wäre alles andere als erstrebenswert.

Titelbild: Umomos/shutterstock.com und photocosmos1/shutterstock.com