Klimadebatte – Angst und Panik sind schlechte Ratgeber
Klimadebatte – Angst und Panik sind schlechte Ratgeber

Klimadebatte – Angst und Panik sind schlechte Ratgeber

Jens Berger
Ein Artikel von: Jens Berger

Erst die junge Greta Thunberg, dann die Schülerproteste und zuletzt der große Wahlerfolg der Grünen – keine Frage, der Klimawandel und insbesondere die Debatte um die Reduzierung des Treibhausgases Kohlendioxid ist zur Zeit das bestimmende politische Thema im Lande. Und das ist auch gut so, ist das Thema doch immens wichtig und wurde allzu lange vernachlässigt. Gar nicht gut ist jedoch, dass die Debatte auch von Seiten der Wissenschaft immer emotionaler geführt wird und in Panik und Hysterie abzugleiten droht. Dabei wäre es gerade bei diesem wichtigen Thema nötig, Aktionismus und Schnellschüsse zu vermeiden und auf rationaler Ebene konstruktive Maßnahmen zu entwickeln, die sich nicht nur auf die Reduzierung der Emissionen, sondern auch auf die Bewältigung der Folgen des kommenden Klimawandels konzentrieren. Von Jens Berger.

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Zu den Hintergründen der Debatte sei hier wärmstens der Artikel „Das CO2-Syndrom“ von Friedrich Homann empfohlen, den Telepolis vor einer Woche veröffentlicht hat.

Um eine Ahnung von den Dimensionen zu bekommen, von denen in der Klimadebatte die Rede ist, lohnt sich ein Blick auf die Zahlen. Deutschland stößt zur Zeit 800 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr in die Atmosphäre aus. Bis 2030 soll diese Zahl auf 474 Millionen Tonnen sinken. Dafür müsste der Ausstoß um rund 325 Millionen Tonnen heruntergefahren werden. Das entspricht der Summe, die alleine Indien zur Zeit innerhalb von nur zwei Jahren zusätzlich(!) ausstößt – die CO2-Emissionen stiegen dort im letzten Jahr um 6,3%. Weltweit sind die CO2-Emissionen im letzten Jahr um 2,7% gestiegen, was in der Summe mehr ist als der komplette deutsche Ausstoß. Man sollte diese ernüchternden Zahlen um Himmels Willen nicht als Ausrede dafür benutzen, nichts zu tun, da man als „kleines Land“ ohnehin nichts ändern könne. Diese Zahlen sollten jedoch die Allmachtphantasien, die stellenweise bei der Debatte durchklingen, dämpfen. Deutschland wird die Welt nicht retten, egal wie sehr wir uns anstrengen.

Am 12. Dezember 2015 verabschiedeten die Staaten auf der UN-Klimakonferenz in Paris ein Übereinkommen, in dem sie sich verpflichteten, Maßnahmen zu ergreifen, um die menschgemachte globale Erwärmung auf deutlich unter 2 Kelvin gegenüber den Werten vor der Industrialisierung zu begrenzen. Dafür müsste jedoch nach den Rechenmodellen der Klimaforscher der Gipfel des globalen CO2-Ausstoßes spätestens im nächsten Jahr seinen Höhepunkt erreichen und je nach Rechenmodell müssten ab 2030 bis spätestens ab 2050 die globalen CO2-Emissionen auf Null gehen. Man muss wohl kein geborener Pessimist sein, wenn man diese Vorgaben anhand der aktuellen Entwicklungen für vollkommen unrealistisch hält.

Wir reden von der Energiewende, Indien feiert die Kohle

Auf globaler Ebene spielen nun einmal andere Faktoren eine Rolle als hierzulande. Die Weltbevölkerung wächst rasant und Globalisierung und technischer Fortschritt haben dazu geführt, dass in vielen Schwellen- und Entwicklungsländern der Lebensstandard merklich steigt. China ist da ein fast schon überstrapaziertes Beispiel, denn in fast allen südasiatischen Staaten findet dieser Wandel statt. Alleine Indien, das schon bald bevölkerungsreichste Land der Welt, wächst seit der Jahrtausendwende wirtschaftlich fast durchgängig um deutlich mehr als 5% pro Jahr. Im letzten Jahr waren es 8%. Befeuert wird dieses rasante Wachstum durch billigen Kohlestrom. Zur Zeit beträgt der Kohleanteil an Indiens Strommix 56%. Bis 2040 soll dieser Wert auf 48% sinken. Nicht nur Deutschland hat ein Problem, die in Paris gegebenen Zusagen einzuhalten. Indiens Problem ist jedoch anders gestaffelt. Auf dem Subkontinent ist nur jeder dritte Haushalt an das Stromnetz angeschlossen und das Ziel der Regierung ist es zunächst, möglichst viele Haushalte mit möglichst billigem Strom zu versorgen. Und Indien ist mit dieser Situation kein Einzelfall, sondern durchaus repräsentativ für die Entwicklungsländer des globalen Südens.

Doch derlei Feinheiten gehen in der oft postmaterialistisch geführten Debatte in Deutschland meist unter. Es macht aber schon einen Unterschied, ob ein Inder nun der Elektrifizierung seines Hauses und vielleicht seinem ersten Kühlschrank entsagen soll oder ein Deutscher auf Ökostrom umstellt und den dritten Kühlschrank stilllegt. Es ist ziemlich zynisch, den Menschen im Süden zu sagen, dass die Party, auf die sie nie eingeladen waren, nun vorbei ist, weil wir im Norden über ein Jahrhundert konsumiert haben, als gäbe es kein Morgen und „wir“ nun global den Gürtel enger schnallen müssen.

Ein paar Zahlen und Zusammenhänge

Ist die Lage also hoffnungslos und sollten wir lieber dem Fatalismus frönen? Auf keinen Fall. Sonst würden wir selbst in die Falle geraten, die Hysterie zu ernst zu nehmen, mit der einige Wissenschaftler die Politik anregen wollen, endlich überhaupt mal tätig zu werden. Schlussendlich geht es bei der gesamten Debatte darum, die Konzentration der Treibhausgase in der Atmosphäre so gering wie möglich zu halten. Es geht dabei um Kohlendioxid aus der Verbrennung von Wäldern und fossilen Brennstoffen, um Methan, um Lachgas und die F-Gase, aber auch um sogenannte Kohlenstoffsenken wie Wälder und Ozeane, die Kohlendioxid aufnehmen und speichern. Die gesamte Debatte wird jedoch gerne auf die Kohlendioxide reduziert, die bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe entstehen.

Kohlendioxid ist ein Treibhausgas, das in einem komplizierten Wechselspiel mit Wasserdampf dafür sorgt, dass die Erdwärme nicht unreflektiert in das All abgestrahlt wird. Ohne Treibhausgase hätten wir auf der Erde eine Durchschnittstemperatur von -18°. Vor der Industrialisierung lag die CO2-Konzentration in der Atmosphäre bei rund 280 bis 300ppm und die globale Durchschnittstemperatur betrug rund 15° C. Zur Zeit liegt die CO2-Konzentration bei etwas über 400ppm und die Durchschnittstemperatur ist bereits um 1,1 K gestiegen. Was gerne vergessen wird: Wir reden hier nicht nur über kommende, sondern auch über aktuelle Entwicklungen.

Um das 2°-Ziel einzuhalten, dürfte die Konzentration den Rechenmodellen bis 2050 zufolge nicht über 450ppm steigen. Im Worst-Case-Szenario, das eintritt, wenn die Weltgemeinschaft gar nichts unternimmt, wird die Konzentration bis 2100 auf 750ppm steigen und dementsprechend zu hohen Temperatursteigerungen zwischen 3,7° und 7,8° führen. Wir sprechen also im weitesten Sinne über einen Korridor, in dem sich die Temperatursteigerung abspielen wird. Die Welt wird nicht untergehen, wenn die Ziele von Paris nicht eingehalten werden und die Temperatur dann am Ende des Jahrhunderts nicht um 2,0°, sondern vielleicht um 2,3° oder 2,6° steigt. Die Folgen werden jedoch mit jeder Gigatonne Kohlendioxid und natürlich auch jeder Tonne der anderen Treibhausgase schlimmer. Und darauf müssen wir uns einstellen. Ob wir es wollen oder nicht. Der Klimawandel findet bereits statt und nun brauchen wir konstruktive Lösungen.

Don´t panic!

Bei der gesamten Debatte sollte man sich besser gar nicht ernsthaft mit exotischen Aussagen beschäftigen, die den menschgemachten Klimawandel bestreiten. Das kostet Zeit und Energie und führt zu nichts. Auf der anderen Seite sollten jedoch auch und gerade die Klimawissenschaftler wieder auf den Boden der Wissenschaft zurückkommen und nicht durch immer schrillere PR die Debatte emotionalisieren. Wissenschaft soll rationale Erklärungen liefern. Diese Unterscheidung wird von vielen Klimawissenschaftlern und insbesondere den „Scientists for Future“ leider nicht immer vorgenommen. Greta Thunberg ist mit dem Zitat „I want you to panic“ berühmt geworden. Das ist auch ihr gutes Vorrecht und ein 16-jähriges Mädchen darf natürlich emotional „überziehen“, um auf ihr Ziel aufmerksam zu machen. Für erwachsene Wissenschaftler gilt dies jedoch nicht.

Panik und Angst führen nur zu sinnlosem Aktionismus und gerade in der wichtigen Klimadebatte sollten wir uns lieber von kühler Ratio als von Aktionismus treiben lassen. Die allseits panisch gepriesene Elektromobilität ist beispielsweise bei näherer Betrachtung auch keine Lösung aus der Misere. Dummerweise bevorzugt unsere Politik jedoch stets Lösungen, die den Umsatz der Wirtschaft ankurbeln. Dabei wäre es aus ökologischer Sicht für einen „Wenigfahrer“ wesentlich sinnvoller, sich einen alten Gebrauchtwagen mit Verbrennungsmotor zu kaufen, als sich ein neues E-Mobil auf den Hof zu stellen. Doch „Ökoprämien“, mit denen man die Lebenszeit alter Gebrauchtwagen noch einmal um zwei, drei Jahre verlängern kann, werden wir wohl niemals zu sehen bekommen. Und in Zeiten des globalen Handels mit all seinen klima- und umweltschädlichen Folgen bleibt der Ruf nach einer Regionalisierung der Konsumkette auch meist ungehört.

Es ist ohnehin fraglich, ob wir gut beraten sind, die Menschen vor allem durch Verzichtsappelle und angedrohte Steuern auf klimaschädliche Aktivitäten zum Klimaschutz zu bewegen. Weil Massentierhaltung klimaschädlich ist, trinkt man halt morgens die Soja- oder Reismilch, die unter großem energetischen Aufwand oft mit importierten Rohstoffen aus Asien hergestellt wurde. Und um noch mehr Kohlendioxid zu sparen, fährt man nun nicht mehr mit dem SUV, sondern mit dem E-Bike zum Bäcker. Warum nicht mit einem klimaneutralen normalen Fahrrad, das mit Muskelkraft angetrieben wird? Sinnvoll ist das alles nicht. Und die Politik schafft es auch nicht, alte Pfade zu verlassen und konstruktive, vielleicht auch mal unkonventionelle Wege zu gehen.

Konstruktive Lösungen sind gefragt

Viel wichtiger als der reine Verzicht, der vor allem auf globaler Ebene ohnehin die Probleme nicht einmal im Ansatz lösen wird und von den Entwicklungs- und Schwellenländern auch ohne ein Übermaß an Zynismus kaum einzufordern wäre, ist die Entdeckung, Entwicklung und Verbreitung klimanützlicher Techniken und Prozesse. Man sollte den Menschen nicht ihren Wunsch auf Mobilität und Komfort beschneiden, sondern Mobilität und Komfort mittels technischer Innovationen klimafreundlich machen. Diese Techniken müssen natürlich zu einem großen Teil erst noch entwickelt werden. Aber wir sprechen hier immerhin von einem der wichtigsten, wenn nicht gar dem wichtigsten Projekt der Menschheit.

Warum diskutieren wir in den westlichen Staaten ernsthaft über ein 2%-Ziel bei den Rüstungsausgaben? Wäre nicht ein 1%-Ziel für Ausgaben in die Forschung und Entwicklung von Techniken zur Bewältigung der Klimawandelfolgen ein viel wichtigeres und nachhaltigeres Projekt? Dies wäre auch – um es mit abgeschmackten Worten zu sagen – alternativlos, da man vielleicht mit äußerster Anstrengung die Europäer und US-Amerikaner zu freiwilligem Verzicht überreden könnte, dies für die Bewohner von Regionen mit materiellem Nachholbedarf vollkommen illusorisch erscheint. Der 25-jährige Familienvater aus Yangon, Hyderabad oder Daressalam wird nicht deshalb auf den ersten Kühlschrank seines Lebens verzichten, weil die Erzeugung der Energie für dieses Gerät einen mikroskopisch kleinen Teil dazu beiträgt, dass es weltweit wärmer wird. Und angesichts der täglichen Katastrophen in diesen Ländern, die uns sonst ja auch nicht interessieren, wären dies ohnehin verlogen. Der richtige Ansatz wäre vielmehr, die Stromerzeugung in den Entwicklungs- und Schwellenländern klimafreundlich zu machen und keinen Verzicht einzufordern. Aber dafür müssen wir natürlich erst einmal selbst mit gutem Beispiel vorangehen und diese Techniken entwickeln. Es ist viel zu tun.

Warum spricht niemand über die Klimawandelfolgenprävention?

Wir müssen uns endlich von der Einengung der gesamten Debatte auf die Reduktion des CO2-Austoßes verabschieden. Dies ist zwar wichtig, keine Frage. Wir wissen aber auch, dass bestimmte Folgen des Klimawandels auch dann eintreten werden, wenn wir Deutschen schon morgen gar kein CO2 mehr ausstoßen würden. Wenn man ein wenig pathetisch sein will, könnte man sagen, dass wir die gesamte Debatte nur aus Tätersicht betrachten und die Opfer uns dabei nicht sonderlich interessieren.

Der Klimaforscher Hans von Storch stellte dazu schon 2003 in einem äußerst lesenswerten SPIEGEL-Interview die ketzerische Frage: „Sollen wir Unsummen für eine CO2-Reduktion ausgeben, damit der Wasserstand in Bangladesch in 100 Jahren um zehn Zentimeter weniger ansteigt – oder helfen wir den Menschen dort wirkungsvoller, indem wir ihnen heute Schutzbauten finanzieren?“ Diese Frage ist sehr berechtigt. Wenn wir aus dem Vollen schöpfen und allen Aspekten die maximal mögliche Energie zuteil lassen könnten, würde sich diese Frage natürlich nicht stellen. Dem ist jedoch nicht so. Bei den gesellschaftlichen Anstrengungen gegen den Klimawandel und dessen Folgen geht es schließlich auch um eine Verteilung der Ressourcen – finanziell, personell und organisatorisch. Für mich steht es außer Zweifel, dass das reiche und technisch hoch entwickelte Deutschland einen Anstieg des Meeresspiegels um einen oder gar zwei Meter schon gemanagt bekommt – höhere Deiche oder Dämme wie die niederländischen Deltawerke wären da denkbare Maßnahmen. Und wenn ein paar Koogen oder Polder weichen müssen, wäre dies zumindest keine Katastrophe. Ganz anders sieht dies jedoch in ärmeren Ländern aus. Nun wird ja tagein tagaus über den Klimawandel gesprochen. Aber haben Sie schon einmal gehört, dass ein Politiker vorgeschlagen hat, im Rahmen der Klimawandelfolgenprävention Dämme in Asien oder Afrika zu finanzieren?

Die sicheren Folgen des Klimawandels gehen jedoch über Überschwemmungen durch den steigenden Meeresspiegel hinaus. Lokal werden sich die Vegetation und die Niederschlagsmenge und -intensität durch den Klimawandel verschieben. Das macht vor allem im Agrarbereich innovative Antworten notwendig. Welche Getreidesorten eignen sich für die gegebenen Böden bei höheren Temperaturen und geänderten Niederschlagsmengen? Welche Präventionsmaßnahmen muss man ergreifen, um an einem Ort eine Versteppung und an einem anderen Ort die Folgen steigender Niederschlagsmengen in den Griff zu bekommen?

All diese Fragen gehen in der Debatte unter. Das liegt daran, dass die gesamte Debatte falsch geführt wird. Es geht schließlich nicht um eine „Entweder-Oder-Frage“ – entweder wir Deutschen meistern die klimapolitische Wende und dann ist alles gut oder wir scheitern und dann droht die Apokalypse. Wie schon gesagt – unser deutscher Entscheidungshorizont hat vielleicht die Bandbreite, ob der Meeresspiegel nun um 1,23 Meter oder um 1,26 Meter steigt. Global geht es dann um einen oder zwei Meter. Die Folgen sind mit oder ohne unser klimapolitisches Engagement massiv und vielleicht sollten wir zumindest einmal anfangen, die sicheren Klimawandelfolgen in unsere Debatte aufzunehmen und ruhig und konstruktiv zu erörtern, wie wir mit dem uns zur Verfügung stehenden Mitteln die bestmöglichen Ergebnisse herausholen. Oder um es zynisch zuzuspitzen – wollen wir lieber der Zahnarztgattin 8.000 Euro Zuschuss für ihren schicken Elektro-SUV zahlen und ein Dorf in Bangladesch absaufen lassen oder stellen wir diese 8.000 Euro lieber einer NGO zur Verfügung, die in Bangladesch einen Deich baut? Klar, BMW und Co. würden lieber ihre „Öko“-Prämien kassieren, aber das kann kein Maßstab für eine seriöse Politik sein. Dummerweise bewegen sich jedoch auch die Konzepte der derzeit so gehypten Grünen eher auf diesem Niveau. Man muss also in der Debatte, in der konstruktiver Pragmatismus nötig wäre, leider zur Zeit das Fazit ziehen, dass ziemlich viele Dinge in die falsche Richtung laufen.

Titelbild: FooTToo/shutterstock.com

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