Krimi-Flut im öffentlich-rechtlichen Fernsehen und ihre Folgen
Krimi-Flut im öffentlich-rechtlichen Fernsehen und ihre Folgen

Krimi-Flut im öffentlich-rechtlichen Fernsehen und ihre Folgen

Anette Sorg
Ein Artikel von Anette Sorg | Verantwortlicher: Redaktion

Deutschland schaut Tatort. Jeden Sonntagabend. Seit Jahrzehnten mit nicht nachlassender Begeisterung. Aber nicht nur das. Blättert man durch Programmzeitschriften, sieht man, dass Krimibegeisterte sogar täglich bedient werden, an manchen Tagen auch mehrmals. Da ermitteln SOKOS in Leipzig und in Stuttgart, jagen bayrische, türkische, französische, italienische Ermittler die zahlreich mordenden Verbrecher bereits ab den frühen Abendstunden. Sie sind immer erfolgreich, meist im Team, gerne auch mal als Einzelkämpfer. Wozu dieses überbordende Angebot? Ist die Nachfrage so hoch oder sind die Programmverantwortlichen nur sehr einfallslos? Anette Sorg.

Will man dem kanadischen Experimentalpsychologen und Linguisten Steven Pinker Glauben schenken, „ist unser Alltag heutzutage viel gewaltloser als in früheren Epochen“. In seinem Werk Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit stellt er die These auf, dass sich die Gewalt im Laufe der Menschheitsgeschichte deutlich verringert hat und wir Gewalt zelebrieren, weil wir sie im wahren Leben vermissen. „Fanden im Mittelalter noch öffentliche Hinrichtungen als Spektakel statt, so wenden wir uns heute einer fiktiven Leichenschau zu.“

In der Tat sinkt die Zahl der jährlichen Mordopfer. 2017 waren es deutschlandweit „nur“ 405 Menschen, ungleich weniger als die vielen geschriebenen und verfilmten Krimis vermuten lassen. Selbst wenn man die Totschlagsopfer mitrechnet, waren es „nur“ 731.

Aber lässt sich der Zustand einer Gesellschaft und ihrer Gewaltbereitschaft allein am Rückgang der Opfer von Gewaltverbrechen verlässlich beschreiben? Und wären demnach Krimis nur ein Zerrbild unserer Wirklichkeit und die Krimi-Konsumenten wären sich dessen bewusst und freuten sich nach jedem gelösten Fernsehfall, dass die Realität eine ganz andere ist? Oder hat die Krimi-Flut auch noch andere Funktionen und Wirkungen?

Medienpsychologen, Hirnforscher, Programmbeiräte oder Soziologen werden diese Frage jeweils unterschiedlich beantworten. Eine interessante Annäherung hat sich der Journalist Frank Zeller Anfang des Jahres in der Süddeutschen getraut. Er sucht Parallelen der heutigen Fernsehlandschaft mit einem vergleichbaren Massenmedium der Weimarer Zeit, dem Kino.

Ich teile seine Einschätzung, wenn er schreibt:

„Natürlich ist nichts dagegen einzuwenden, dass Filme die düsteren Seiten einer Gesellschaft erforschen, ganz im Gegenteil. Doch die Masse deutscher TV-Krimis hat sich längst zu einem schematisch produzierten Mainstream entwickelt. Anstatt von den Schattenseiten des Lebens zu erzählen, ist die vulgäre Tendenz entstanden, überall nur das Verderbte zu entdecken. Die Welt der Tatorte, der Sokos, Polizeirufe, der Teams für Zwei, der Rentnercops und wie sie alle heißen ist ein gewohnheitsgesteuertes Universum herbeifantasierter, böser Machenschaften, voll von Pessimismus und Aggression. Charme, Großzügigkeit und Offenheit, Spaß an der menschlichen Diversität oder sogar Humor haben hier wenig Platz.“

Es stellt sich die Frage, woher die große Toleranz gegenüber der Darstellung von Gewalt in den Medien seitens der Programmmacher als auch seitens der Fernsehkonsumenten rührt.

Sollen wir vielleicht mittels der vielfältigen fiktiven Gewaltdarstellungen abgestumpft werden gegenüber den sehr realen Gewaltdarstellungen in den mannigfachen kriegerischen Auseinandersetzungen auf unserem Planeten?

Was fasziniert uns an den Erzählsträngen? Wird in Krimis die Welt für uns geordnet, wo sie sonst so wenig berechenbar zu sein scheint? Wird klar zwischen Gut und Böse, moralisch verwerflich oder moralisch integer differenziert? Siegt immer – verlässlich und sehr beruhigend – die staatliche Gewalt in Gestalt der Ermittler über das „Böse“?

Sind es diese Funktionen, die uns – neben all dem Nervenkitzel – letztlich ein gutes Gefühl verschaffen sollen?

Wir sollten uns in diesem Zusammenhang wieder einmal intensiv Gedanken darüber machen, welche Auswirkungen der (unkontrollierte) Konsum von Gewaltmedienprodukten auf uns und insbesondere auf unsere Kinder und Jugendlichen hat. Wer täglich Gewalt im Vorabendprogramm sendet, nimmt doch billigend in Kauf, dass diese auch von Pubertierenden oder sogar Kindern gesehen werden.

Die Sozialpsychologin Barbara Krahé vermutet, dass dadurch die alltägliche Gewalt (z.B. auf den Schulhöfen) zunimmt, dass sich Menschen schneller provozieren lassen, dem Gegenüber schneller feindselige Absichten unterstellen und insgesamt weniger einfühlsam, weniger hilfsbereit sind.

Ein weiterer wichtiger Aspekt scheint mir auch, dass es nicht allen Konsumenten immer gelingt, Fiktion von Realität zu trennen. Das heißt, manche nehmen ihre Umwelt bedrohlicher wahr, als sie tatsächlich ist. Dies beeinflusst sicher die Art der Reaktion und führt gegebenenfalls zu einer Art Überreaktion, einer häufig unangemessenen Aggression.

Eine zunehmende Verrohung unserer Gesellschaft kann wahrgenommen werden. Schon länger beobachte nicht nur ich eine zunehmende Kaltschnäuzigkeit, einen zunehmenden Egoismus, eine niedrigere Frustrationstoleranz. Diese Beobachtungen haben sicher viel mit der politisch gewollten, zunehmenden Entsolidarisierung unserer Gesellschaft zu tun, die wir dem Neoliberalismus zu verdanken haben. Welchen (hilfreichen?) Beitrag hierzu Gewaltexzesse in Form von Dutzenden von Krimiformaten leisten, ist noch nicht ausreichend diskutiert und erforscht. Ein mulmiges Gefühl bleibt jedenfalls. Interessant wäre es zu erfahren, ob solche Diskussionen z.B. in den Programmbeiräten geführt werden. Ob sie sich dort ihrer Verantwortung bewusst sind. Im Jahr 2019 beschäftigt sich das 9-köpfige Gremium der ARD jedenfalls mit anderen Themen. Siehe hier. Mit den Wirkungen oder Nicht-Wirkungen der Rundfunk- und Fernsehräte, die dafür Sorge tragen sollen, dass der Sender seine ihm gesetzlich übertragenen Aufgaben erfüllt und die Einhaltung der Programmgrundsätze und der dazu erlassenen Richtlinien überwachen soll, beschäftigt sich dieser Artikel.

Laut Rundfunkstaatsvertrag (§ 11 e Absatz 2) haben die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten alle zwei Jahre einen Bericht über ihre Arbeit und Perspektiven herauszugeben.

Im Netz habe ich einen solchen Bericht relativ zügig finden können (von der ARD von 2015/2016). Das magere Format (46 Seiten für einen Bericht über einen Zeitraum von zwei Jahren und einer Vorschau auf die nächsten beiden Jahre!) lässt vermuten, dass man solche lästigen Diskussionen dort nicht führt. Zum Thema Krimis in der ARD sind lediglich folgende zwei Absätze zu lesen:

Bericht 2015/2016

„Tatort“, die beliebteste Krimireihe im deutschen Fernsehen, feierte 2016 ihre tausendste Folge. Zum Jubiläum gab es nicht nur eine TV-Dokumentation, die auf die Erfolgsgeschichte zurückblickt, sondern auch ein umfangreiches Web-Special mit Mitmachaktionen für die Fans und Social TV. Am 27. Juni 1971 ging erstmals das Ermittlerteam des „Polizeiruf 110“ auf Verbrecherjagd, damals noch im DDR-Fernsehen DFF. 2016 feierte die Krimireihe, die als ostdeutsches Pendant zum „Tatort“ gestartet war, ihr 45-jähriges Bestehen. Zum Jubiläum widmete ihr DasErste.de ein Special mit Quiz und Bildergalerie, Interviews und Berichten zum Fall „Endstation“ (MDR/Magdeburg) und Backstage-Videos.

Und

Leitlinien 2017/2018

Unterhaltung: „Babylon Berlin“ heißt das gemeinsame Serienprojekt von ARD und Sky. Derzeit werden zwei Staffeln à acht Folgen mit je 45 Minuten produziert. „Babylon Berlin“ zeigt opulent auf Basis der erfolgreichen Bestsellerreihe von Volker Kutscher um Kommissar Gereon Rath, der im Berlin der 1920er-Jahre ermittelt, das gesamte Panoptikum der Stadt zwischen Drogen und Politik, Mord und Kunst, Emanzipation und Extremismus. Regie führt Tom Tykwer. „Babylon Berlin“ ist das aufwändigste deutsche TV-Serienprojekt…

Wenn in diesen Gremien die Diskussionen um mögliche Auswirkungen offensichtlich nicht geführt werden, müssen sie anderswo geführt werden. Wir sind gespannt, Ihre Meinung zu diesem Themenkomplex, zu den aufgeworfenen Fragen und Vermutungen zu erfahren.

Übrigens: Wenn man sich vergegenwärtigt, wie dürftig die Beschäftigung der ARD mit den gesellschaftlichen Auswirkungen ihrer Programminhalte ausfällt, muss man zwingend fragen, ob dieses Medium damit nicht das Recht verwirkt, sich über andere Medien zu erheben und sie zu beurteilen, wie sie das u.a. mit dem „Faktenfinder“ tut.

Titelbild: Fer Gregory / Shutterstock

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