Als sie 1945 als „Rucksackgesindel“ Weihnachten feierten

Wolfgang Bittner
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Auszug aus dem Roman „Die Heimat, der Krieg und der Goldene Westen“
Von Wolfgang Bittner

Weihnachten rückt immer näher. Die Frauen und ihre Kinder hungern und frieren. Die winterliche Natur bietet nichts, was man essen könnte. Allerdings ist der Wald in der Nähe. „Besorgen Sie sich einen Leseschein!“, empfiehlt Herr Kapitzke. „Wenn Sie ohne Genehmigung Holz sammeln, bekommen Sie Probleme mit dem Dorfpolizisten.“ Der Wald gehört dem Bauern, der einen Schein ausstellt, sodass Fallholz, Reisig und Tannenzapfen gesammelt werden dürfen und der Herd von Zeit zu Zeit angefeuert werden kann. Heimlich holt die Mutter Kartoffelschalen und Essensreste vom gegenüberliegenden Misthaufen. (…)

Dann ist der 24. Dezember gekommen. Edmund hat ein Bündel Äste aus dem Wald geholt, sodass es leidlich warm wird. Immerhin. Nur ist kaum noch etwas vorhanden, was für eine Mahlzeit reicht, die alle satt machen würde. Die Frauen zerbrechen sich den Kopf darüber, was sie kochen könnten. „Irgendetwas müssen wir doch tun, sonst verhungern wir“, sagt die Mutter. Ihr fällt ein, dass sie an der Landstraße ein Feld mit Zwiebeln gesehen hat, Winterzwiebeln, die im Herbst gepflanzt wurden und im Frühjahr geerntet werden sollen. „Heute wird niemand aufpassen“, vermutet sie. „Wir gehen Zwiebeln klauen“, freut sich Edmund, und Tante Franziska meint: „Uns bleibt nichts anderes übrig.“ Also gehen sie Zwiebeln stehlen.

Der Boden ist zwar hart gefroren und das Lauch reißt ab, aber ein Beutel voll Zwiebeln lässt sich dann doch einsammeln. Wieder zurück, sichten die Frauen nochmals die Vorräte. Ein paar Kartoffeln sind noch da, und mit Gries und ein wenig Öl lässt sich eine Einbrenne machen. Zusammen mit den Zwiebeln und dem Lauch, dazu die pürierten Kartoffeln, gibt das zu Mittag eine recht gehaltvolle köstliche Suppe. Es schmeckt so gut, dass die Teller abgeleckt werden, um ja nichts zu vergeuden.

Gerade hat Edmund die Abfälle, also auch die Zwiebelschalen, auf den großen Misthaufen schräg gegenüber der Tür geworfen, da erscheint der Dorfpolizist. Der Bauer, dem das Zwiebelfeld gehört, hat Anzeige gegen „das Polackenpack“, wie er es nennt, erstattet, und die Unterkünfte werden durchsucht. Bei Kapitzkes wird die Staatsgewalt fündig: Eine ganze Tasche voll Zwiebeln kommt zum Vorschein. Der Polizist lässt sich durch das Geschimpfe und Gefluche von Herrn Kapitzke nicht beeindrucken, das Diebesgut wird sichergestellt. Als ein Handgemenge entsteht, kommt der Bauer, der vor der Tür gewartet hat, dem Beamten zu Hilfe. Beiden gelingt es, Herrn Kapitzke mit der Drohung, ihn zu verhaften, zur Ruhe zu bringen. Ein Protokoll wird aufgenommen und dazu eine Anzeige wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt und Beamtenbeleidigung geschrieben. Danach kann für die Familie Kapitzke der Heilige Abend beginnen.

Die Mutter regt sich fürchterlich auf, das Kind ist ganz erschrocken. „Diese Verbrecher!“, empört sie sich. „Alle waren Nazis und haben friedliche Menschen drangsaliert. Jetzt spielen sie sich schon wieder auf und machen so weiter.“ Allmählich verwandelt sich ihre Aufregung in Zorn. „So eine Schande!“, schimpft sie. „Die haben Würste und Speck und essen heute Braten, während wir hungern müssen.“ Ein eigenartiger Stolz kommt hinzu, der sich in den Worten ausdrückt: „Diese Kerle“ – gemeint sind der Polizist und der Bauer – „haben sich die ganze Zeit zu Hause herumgedrückt, während unsere Männer an der Front ihre Knochen hinhalten mussten.“ Nachdem der Polizist fort ist, geht sie kurz entschlossen zusammen mit Tante Franziska in den Wald.

Die Dämmerung bricht schon herein, da kommen die beiden Frauen mit einem Tannenbaum, Reisig und Holz zurück. Der Herd wird nochmals angeheizt und der Weihnachtsbaum geschmückt. Aus dem Silberpapier einer Zigarettenschachtel lässt sich Lametta machen, aus Watte Engelshaar. Die Frauen backen sogar ein Kuchenblech Plätzchen aus Gries und etwas Zucker. Ein paar von den Plätzchen hängen die Kinder an den Weihnachtsbaum, der ihnen allen wunderschön erscheint.

Und während die Frauen beschäftigt sind, spielen die Kinder Elektriker. Das neben dem Fenster hängende Stromkabel mit den zerfaserten Drähten ist immer noch nicht isoliert worden. „Wenn du das berührst, kitzelt es ein bisschen“, sagt Edmund. „Das ist ein tolles Gefühl.“ Ein tolles Gefühl möchte das Kind ausprobieren und fasst vorsichtig an. Im selben Moment spürt es im Arm einen heftigen Schlag, der sein Herz einen Moment stillstehen lässt. Als es wieder zu sich kommt, blickt es in die besorgten Gesichter der Mutter und der Tante. Es vernimmt Edmunds Stimme wie von weither: „Ich habe ihm gesagt, dass er das Kabel nicht anfassen soll, aber er hört ja nicht auf mich.“ Das Kind kommt ins Bett, bis es sich erholt hat.

Endlich Heiliger Abend. Eine Kerze wird angezündet, im Ofen Holz nachgelegt, es gibt heißes Wasser mit dem erahnbaren Geschmack von Tee und Zucker, dazu die ziemlich harten Plätzchen, die ganz köstlich schmecken und jede Delikatesse ersetzen. Später kommt der Knecht, der oben im Haus ein Mansardenzimmer bewohnt, herunter, um mitzufeiern. Als Geschenk bringt er ein Brot und ein Töpfchen Griebenschmalz mit. Es ist gemütlich wie lange nicht mehr, alle haben frohe Gesichter und schwelgen. Sie singen „O du fröhliche“, „Es ist ein Ros entsprungen“ und „Stille Nacht, heilige Nacht“. Die Mutter erzählte Geschichten vom Rübezahl und von Ausflügen ins Riesengebirge mit dem Vater, der jetzt verwundet in einem Lazarett in Norddeutschland liegt. Dorthin wollen sich die Frauen mit ihren Kindern in den nächsten Tagen auf den Weg machen. Sie weinen ein bisschen und beten, dass es ihnen gelingen möge, wohlbehalten in den Westen zu gelangen.

(Aus: Wolfgang Bittner, „Die Heimat, der Krieg und der Goldene Westen“, Roman, zeitgeist Verlag 2019)