Lernen für Google. Wie die Digitalisierung der Schulen unsere Kinder systematisch und vorsätzlich entmündigt.
Lernen für Google. Wie die Digitalisierung der Schulen unsere Kinder systematisch und vorsätzlich entmündigt.

Lernen für Google. Wie die Digitalisierung der Schulen unsere Kinder systematisch und vorsätzlich entmündigt.

Ein Artikel von: Redaktion

Der vor einem Jahr beschlossene Digitalpakt ist ein echter Rohrkrepierer. Bis zuletzt wurde nur ein Bruchteil des milliardenschweren Förderprogramms abgerufen. In Zeiten der Pandemie soll nun alles besser werden. 100 Millionen Euro wollen Bund und Länder ganz unbürokratisch locker machen, damit der Auf- und Ausbau von Online-Lernplattformen rascher vonstatten geht. Das wäre bitter nötig, um die Kinder in den Zwangsferien aus der Ferne fachgerecht unterrichten zu können, heißt es. Der Pädagoge, Medienwissenschaftler und Buchautor Ralf Lankau sieht die Entwicklung mit Sorge. Die Corona-Krise sei ein Einfallstor für IT-Industrielle, Privatisierer und Bildungsökonomen in den Schutzraum Schule, erläutert er im Interview mit den NachDenkSeiten. Das Gespräch führte Ralf Wurzbacher.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Ralf Lankau

Zur Person: Ralf Lankau, Jahrgang 1961, ist Professor für Mediengestaltung und Medientheorie an der Hochschule Offenburg. Er leitet dort die grafik.werkstatt an der Fakultät Medien und Informationswesen, forscht zu Experimenteller Medienproduktion in Kunst, Lehre und Wissenschaft und publiziert zu Design, Kommunikationswissenschaft und (Medien-) Pädagogik. Lankau betreibt das Projekt „futur iii – digitaltechnik zwischen freiheitsversprechen und totalüberwachung“ (futur-iii.de) und ist Mitinitiator des „Bündnisses für humane Bildung – aufwach(s)en mit digitalen Medien“ (aufwach-s-en.de). Von Lankau erschien 2017 im Beltz-Verlag: „Kein Mensch lernt digital: Über den sinnvollen Einsatz neuer Medien im Unterricht“ und vor einem Jahr gemeinsam mit Paula Bleckmann: „Digitale Medien und Unterricht: Eine Kontroverse“.

Interview:

Herr Lankau, wegen der Corona-Krise sind seit mittlerweile drei Wochen Deutschlands Schulen flächendeckend dicht. In der Medienberichterstattung zum Thema taucht seither immer wieder die Wendung von plötzlich sichtbaren „Versäumnissen“ in der Schul- und Bildungspolitik auf. Davon gibt es bekanntlich reichlich, ohne dass dies bisher in der Öffentlichkeit wirklich breit diskutiert, geschweige denn politisch dagegen vorgegangen worden wäre. Jetzt aber schon, wobei die Sache auf eine einzige vermeintliche Baustelle verengt wird, nämlich die Digitalisierung. Nun, da der Unterricht quasi im Homeoffice stattfinden müsse, räche sich, dass die Bundesländer und Kommunen bei der Umsetzung des „Digitalpakts Schule“ noch nicht richtig vorangekommen wären, lautet der einhellige Vorwurf. Haben Sie andere Sorgen?

Alles, was für interessierte Kreise jetzt zählt, ist doch, die Kinder und Jugendlichen möglichst schnell an die Bildschirme und ins Netz zu bringen. So eine gute Gelegenheit der Frühdigitalisierung ohne Widerrede kommt nicht so schnell wieder. Die Kritiker sind sprachlos, die Bevölkerung paralysiert, die Eltern überfordert und die Online-Anbieter plötzlich die Retter in der Not. Jetzt können die Lernplattformen demonstrieren, was sie alles können und alle sind gerettet. Es ist erschreckend, wie wenig Bewusstsein über die Strukturen hinter den Bildschirmen vorhanden ist.

Und deshalb ja, ich habe andere Sorgen: Ich bin entsetzt, wer alles das Hohelied des Digitalen singt und aufgrund angeblicher Sachzwänge für Home-Schooling und Schul-Cloud plädiert. Ich bin konsterniert, wie wenig Widerstand es selbst von Lehrer- oder Elternverbänden gegen die Durchdigitalisierung der Lebensräume und des Alltags von Kindern und Jugendlichen gibt. Und ja, ich habe Sorgen, was mit den Menschen vor dem Bildschirm passiert.

Aber Sie wollen doch auch nicht, dass die Schülerinnen und Schüler über Wochen, vielleicht sogar Monate zu Hause Däumchen drehen. Wie anders als mittels digitaler Lern- und Arbeitsformen sollte man die Kinder durch die „schulfreie“ Zeit bringen?

Noch reden wir nicht über Monate, sondern über drei Wochen plus Osterferien. Da sollte man erst einmal entspannt sein. Das ist zwar für Eltern anstrengend, aber noch kein Drama, was den Schulstoff angeht. Kinder lernen unentwegt, nicht nur in der Schule. Wenn sie mehr Zeit zum freien Spielen, Malen, Basteln oder in die Luft gucken haben, lernen sie auch Elementares: sich zu konzentrieren oder zu langweilen, sich etwas auszudenken und selbst zu gestalten. Phantasie und Kreativität kommen ja in den meisten Schulen zu kurz, wie Musik und Sport. Und schulfrei heißt ja nicht lernfrei, zumal das bei Kindern nicht geht. Sie lernen immer.

Für all diese Sachen gab es bisher auch schon Zeit genug, am Nachmittag nach Schulschluss. Jetzt hat man das von morgens bis abends …

Deshalb muss man sich überlegen, wie mit dieser besonderen Situation umzugehen ist. Und das ist der erste Punkt: Die Familie und der Umgang miteinander entscheidet darüber, wie diese Zeit konstruktiv genutzt – oder nur überstanden wird. In jedem Fall ist es wichtig, daran zu denken, dass die elterliche Wohnung keine Schule ist und auch keine werden soll.

Das verlangt bisher ja auch niemand, oder?

Dazu komme ich noch. Zunächst zur Frage, wie die Zeit bis Schulbeginn sinnvoll zu nutzen ist. Entscheidend ist immer das Gespräch mit der Klassenlehrerin oder dem Klassenlehrer. Was wird gerade durchgenommen, was kann bis Ostern wiederholt und geübt werden? Wiederholen und Üben sind ja die Basis für gefestigtes Können.

Die nächste Frage ist: Was kann mit Hilfe von Schulbüchern oder Arbeitsblättern vorbereitet werden? Eine bundesweite Schulschließung gab es meines Wissens noch nicht. Da darf und muss man auch improvisieren können. Im Moment ist eine Mischung aus Aktionismus, Enthusiasmus und Durcheinander zu beobachten. Gerade in außergewöhnlichen Situationen ist daher die Rücksprache mit den Lehrkräften besonders wichtig. Viele Lehrerinnen und Lehrer schicken derzeit Briefe oder E-Mails an die Eltern mit Aufgaben und Lernplänen für die Kinder. Das sollte bis Ostern reichen, zumal die Kinder dann ja erst mal Ferien haben. Kinder brauchen diese Freiräume.

Nach Ostern sollten sich die Kollegien so weit besprochen haben, dass sie als Schule strukturiert vorgehen und ein Gesamtpaket für die unterschiedlichen Klassen zusammenstellen. Es ist ja niemandem damit geholfen, wenn Kids Berge von Übungsblättern ausfüllen oder Komaglotzen mit Lernvideos machen.

Was, wenn die Zwangspause doch länger geht?

Dann muss man darüber reden, welche Aufgaben die Eltern und welchen Part die Lehrerinnen und Lehrer mit Hilfe von analogen und gegebenenfalls digitalen Medien oder sogenannten Lernplattformen übernehmen können. Aber: Nicht in allen Elternhäusern gibt es PCs, Laptops oder Drucker. Die soziale Spaltung wird sich vermutlich vertiefen. Und die wenigsten Eltern sind Lehrerinnen und Lehrer, dieser Rollenwechsel in der Familie ist schwierig. Auch ältere Geschwister können diese Rolle nicht übernehmen, können zwar helfen, aber nicht altersgerecht unterrichten. Lösungen gibt es daher immer nur vor Ort und für den Einzelfall und Rücksprache zwischen Eltern und den jeweiligen Kolleginnen und Kollegen vor Ort.

Sie sagten eben, derzeit gebe bei der häuslichen Beschulung ein großes Durcheinander. Genau da setzen viele Kritiker an und verkünden, bei einer weiter fortgeschrittenen Digitalisierung der Schulen, mit ausgereiften und vereinheitlichten Lernplattformen und mehr Vernetzung zwischen Klassenzimmer und Elternhaus käme man jetzt viel besser durch die Krise. Und das kommt nicht nur aus der Ecke der IT-Industrie. Zum Beispiel äußerte zuletzt der Bundesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), Udo Beckmann: „Jetzt rächt sich, dass sich in Deutschland bei der Digitalisierung der Schulen so lange nichts richtig bewegt hat.“ Täte den Schulen ein bisschen mehr Fortschritt nicht gut?

Welche Art von Fortschritt? Sind Fortschritt und digitale Systeme quasi dasselbe, wie es mantramäßig propagiert wird? Digitaltechnik ist vor allem da gut, wo etwas automatisiert und standardisiert werden soll. Das ist die Systemlogik algorithmischer Systeme. Die sogenannte Künstliche Intelligenz, auch bei Lernprogrammen und Learning Analytics, ist ja im Kern nichts anderes als Mustererkennung, Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung.

Diejenigen, die Lernprozesse in Schulen automatisieren und standardisiert testen wollen, sind zugleich die eifrigsten Verfechter der Digitalisierung, also angewandte Psychologen mit immer neuen Methoden und Testreihen und die empirischen Bildungsforscher, die glauben, man müsse nur genug Zahlen erheben, um Bildungsprozesse valide steuern zu können. Fortschritt und Digitalisierung in Schulen übersetzt man daher korrekt mit Messbarkeit statt mit Verstehen lehren und lernen. Der Begriff dafür ist datengestützte Schulentwicklung. Die Konsequenz hat die Hamburger Kollegin Sigrid Hartong gerade in einer Studie der GEW publiziert – und ein datenpolitisches Alternativprogramm zu dem gefordert, was derzeit mit Schul-Cloud und kommerziellen Anbietern in die Schulen kommt.

Was wäre die Alternative? Festklammern an der guten alten Tafel und Frontalunterricht?

Oh ja, das Argument der Kreidezeit … Dabei ist die Kreidetafel so effektiv, dass wir als technische Hochschule in neuen Gebäuden in den Seminarräumen neben einem Whiteboard mit Beamern auch die klassische Tafel wieder aufhängen. So können Dozenten entscheiden, was sie nutzen. Das ist übrigens das Mindeste, was man auch für Klassenräume fordern muss: die Wahlfreiheit für die Lehrerinnen und Lehrer. Bei Kreidetafeln wird nichts gespeichert oder übertragen. Schulen und Klassenzimmer sind Schutzräume, in denen vertrauensvoll gelernt und Fehler gemacht werden dürfen. Das sollte nicht protokolliert und ausgewertet werden.

Während Learning Analytics und Big Data genau darauf aufbauen?

Digitale Endgeräte mit Netzanschluss machen aus Klassenräumen ein Benthamsches Panoptikum. Ich stehe permanent unter Beobachtung, auch wenn es „nur“ Algorithmen sind, die mein Tun analysieren. Die Auswertung über Lernleistung, Dauer, Fehlerquote und vieles mehr bekommen aber die Lehrkräfte. Wie soll da Vertrauen entstehen? Vertrauen ist die Voraussetzung für freies Lernen.

Und was spricht gegen Frontalunterricht? Die Instruktion am Anfang einer Stunde gehört in vielen Fächern dazu. Auch als Mathematiklehrer erklärt man Neues, zeigt den Weg, rechnet vor, bevor selbst geübt wird. Hier werden seltsame Schwarzweiß-Schemata bemüht, die mit Unterrichtspraxis nichts zu tun haben. Aus meiner Sicht dienen Schlagworte wie Kreidezeit und Frontalunterricht nur dazu, den Kern des Umbaus der Schulsysteme zu kaschieren. Dabei ist das Arbeiten am Display mit Lernapplikationen nichts anderes als permanenter und ausschließlicher Frontalunterricht. Aber die Stereotypen lauten: Tradiert und im Dialog: schlecht – neu und technikbasiert: per se gut. Dahinter verbirgt sich nichts anderes als der Wechsel vom Unterrichten durch qualifizierte Lehrkräfte zum automatisierten Beschulen durch IT-Systeme, wie es Isaac Asimov bereits 1957 in seinem Text „Die Schule“ beschrieben hat.

Merkwürdig nur, dass das selbst Gewerkschaften und Bildungsverbände so schwarz nicht sehen. Zwar betonen sie ständig das „Primat der Pädagogik“, begrüßen aber vom Grundsatz her sehr einhellig das Vordringen des Digitalen in die Schulpraxis. Wie erklären Sie sich das?

Die Gewerkschaften sind gespalten wie die Lehrer- und Elternverbände. Die meisten Eltern sind verunsichert. Alle haben Angst, sie selbst oder ihre Kinder könnten „abgehängt“ werden von technischen Entwicklungen. Das ist das gewünschte Resultat jahrzehntelanger Propaganda der Global Education Industries, bei uns vertreten durch Stiftungen, den zugehörigen Unternehmen, die an digitalen Dienstleistungen oder Bildungsangeboten verdienen, und Interessenverbände wie Bitkom.

Das Schema ist einfach: Wenn man jemandem immer wieder sagt, andere Länder und deren Bildungssysteme seien so viel besser und „fortschrittlicher“, glauben sie irgendwann daran. Schaut man selbst in diese Länder, stellen sie das Scheitern der Technikkonzepte fest: Wieder eingesammelte Laptops statt Laptop-Klassen, insolvente Steve-Jobs-Schulen, deren Schüler keinen Vergleichstest bestanden haben, ein Boom an Privatschulen.

Können Sie das an Beispielen festmachen?

Nehmen wir Facebooks „Summit Learning“ in Kansas. Das Versprechen war: Die Eltern kaufen die Laptops, den „Rest“ erledigt Facebook per Web. Die Schule wird zum Aufbewahrungsort, damit die Eltern ihren vielen Jobs nachgehen können. Es war ein Desaster. Eltern und Schüler haben reihenweise gestreikt und ihre Kinder auf kostenpflichtige Schulen umgemeldet. Oder: Die staatlichen Schulen in den USA und sogar Kindergärten werden digital aufgerüstet, während wohlhabende Eltern ihre Kids auf teure Privatschulen mit ausgebildeten Lehrkräften schicken. Die würden dann beim Lernen auf den „Luxus der menschlichen Interaktion zurückgreifen“, wie es in der „New York Times“ stand. Fakt ist: Der Sozialstatus der Eltern entscheidet über die Alternative Bildschirm oder Unterricht mit Lehrkraft.

Nun sind wir aber nicht in den USA, wo Sozialpolitik traditionell kaum eine Rolle spielt und das Konzept „Privat vor Staat“ Staatsdoktrin ist.

Aber Vorreiter sind die US-Amerikaner trotzdem in so ziemlich allem, was Technologie zu bieten hat. Ein Wort zum „Primat der Pädagogik“ in Deutschland. Das ist eine Floskel, die meist in einem Satz abgetan wird. Dieses Gebot steht am Anfang oder Ende der meisten Artikel zum Thema, genauso wie die Betonung der Bedeutung von Interaktion zwischen Lehrern und Schülerinnen und Schülern. Aber der Haupttext schwärmt dann von den vielen tollen digitalen Möglichkeiten.

Ist es nicht auch denkbar, diese Möglichkeiten sinnvoll und nutzbringend zum Einsatz zu bringen?

Genau darum geht es. Dieses Entweder-Oder ist falsch und schafft unsinnige Gegnerschaften. Entscheidend ist, welche Systeme werden eingesetzt, welche Daten werden dabei erhoben und wer hat Zugriff darauf? Armin Grunwald, Professor für Technikphilosophie und Technikethik am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und Leiter des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag, hat in einem Artikel in der „Süddeutschen Zeitung“ formuliert, es gehe bei der Künstlichen Intelligenz als Grundlage der Automatisierungstechniken auch in Lernprogrammen „nicht einfach um Technik mit ihren Chancen und Risiken, ihren Innovationspotenzialen und Nebenfolgen. Vielmehr betrifft der Kern der Debatte uns selbst als Menschen, vor allem unser Menschenbild.“ Der vermeintliche Technikdeterminismus verschleiere, dass jede Software von Menschen gemacht werde „in Unternehmen und Geheimdiensten, nach deren Interessen, Werten und Weltanschauungen“.

Wir müssen daher als erstes lernen, die richtigen Fragen zu stellen. Nicht, was kann die Technik, sondern wozu und von wem wurde sie entwickelt und was passiert hinter dem Bildschirm, das, was ich „The Dark Side of Digital Hype“ nenne, das Geschäft der Datenökonomie und IT-Monopole.

Nun kommt die Branche hierzulande längst nicht so in Fahrt, wie man sich das nach dem Bund-Länder-Beschluss für den „Digitalpakt Schule“ versprochen hatte. Von den ausgelobten 5,5 Milliarden Euro war bis zuletzt nur ein Bruchteil durch die Bundesländer abgerufen worden. Woran hapert es?

Die Mittel des Digitalpakts sind zweckgebunden an Investitionen in die technische Infrastruktur. Bis zu 80 Prozent der Gelder sind für Netzwerktechnik und Beratungsdienstleistungen vorgesehen. Für Endgeräte bleiben höchstens 20 Prozent. Eine Schule am Bodensee hat das für sich durchgerechnet: Von den maximal abrufbaren Mitteln in einer Gesamthöhe von 384.000 Euro stünden lediglich 25.000 Euro für Endgeräte zur Verfügung. Das sind nicht einmal sieben Prozent. Dafür hätten die Lehrer mit vorgegebener Software arbeiten müssen.

In Baden-Württemberg wurde die Bindung an Microsoft-Produkte vom Kultusministerium erst nach massiven Protesten aus der Open-Source-Bewegung zu einer Option unter mehreren abgeschwächt. Dafür verpflichtet man sich über die Paktlaufzeit hinaus, die angeschaffte Hard- und Softwareinfrastruktur weiter zu finanzieren. Im Klartext: Wer Gelder abruft, verpfändet die Schuletats auf Jahre hinaus an IT-Dienstleister und Hardwareanbieter.

Und weil die Schulen das nicht wollen, lassen sie das schöne Geld einfach versauern? In der medialen Berichterstattung kommt es eher so rüber, dass bürokratische Fallstricke, ministerielle und behördliche Behäbigkeit die Entwicklung bremsten.

Das ist die übliche Ausrede. Das Fazit der erwähnten Schule lautet: „Mit einer Zustimmung zum Digitalpakt würden wir uns in undurchschaubare Abhängigkeiten von Staat und Softwareunternehmen begeben.“ Stattdessen hat das Kollegium ein eigenes Medienkonzept entwickelt und die dafür notwendigen Geräte über Elternspenden finanziert. Das ist nur ein Beispiel und ja, das ist eine Waldorfschule am Bodensee, nicht in Berlin, Bottrop oder Bremen.

Aber die Argumente der Okkupation auch des Pädagogischen gilt für alle Schulen gleichermaßen. Das wissen auch die Schulleiter und Schulträger. Möglicherweise gibt es an Schulen drängendere Probleme als Anträge für Medienentwicklungspläne zu schreiben, bei denen die Kultusminister und die IT-Wirtschaft festlegen, was installiert wird. Dazu kommt, dass die Laufzeit des Förderprogramms bis zum 31. Dezember 2024 geht. Möglicherweise wird die Zeit auch genutzt, um erst einmal die Verwaltungsvereinbarung zu studieren, die zwar Geld verspricht, aber die Schulen in ihrem Wesen radikal verändern wird. Vielleicht schreckt das ab?

Wegen der plötzlichen Herausforderungen durch die Corona-Krise will die Politik jetzt einen Zahn zulegen. Bund und Länder sollen kurzfristig 100 Millionen Euro aus Mitteln des Digitalpakts für den Auf- und Ausbau von Online-Lernplattformen bereitstellen. Man könnte meinen, die Politik wollte die Schulen zu ihrem Glück zwingen, oder?

Das ist die aktuelle Strategie: Angeblicher Sachzwang zur Durchsetzung wirtschaftlicher Interessen. Da weder die immer gleichen Argumente der IT-Wirtschaft noch das Wedeln mit Milliarden überzeugen, kommt jetzt der Ausnahmezustand wie gerufen. Covid-19 macht alle, Eltern, Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer, zu Bildschirmnutzern, die nach der Systemlogik der IT-Systeme miteinander agieren. Damit wird im Windschatten der Pandemie das erreicht, was pädagogisch und sozial ein Desaster ist: die Abhängigkeit von Bildungsbiographien von Digitaltechnik, der Hilfe im Elternhaus und damit leider allzu oft dem Sozialstatus der Eltern.

Es geht aber noch weiter. Um insbesondere die lernschwachen Schülerinnen und Schüler in schwierigen Verhältnissen zumindest versuchsweise beim Lernen zu unterstützen, müssen sich die Lehrkräfte per Fernzugriff auf die Endgeräte zuschalten, um zu schauen,wer denn vor dem Rechner sitzt und die Aufgaben macht. Aus Unterstützung wird zwangsläufig Kontrolle.

Sie sind zu Anfang des Gesprächs die Antwort auf Frage schuldig geblieben, ob die Schule perspektivisch in die eigenen vier Wände ausgelagert wird oder werden soll. Ist die digitale Vernetzung zwischen Schule und Elternhaus vielleicht eine erste Etappe auf dem Weg dahin?

Auf alle Fälle verschwimmen hier die Grenzen und das ist nicht nur eine Corona-verschuldete Notwendigkeit. Die Krise soll und wird den Prozess beschleunigen. Damit komme ich zum eigentlichen Drama: der systematischen und vorsätzlichen Entmündigung von Menschen durch das maschinelle und automatisierte Beschulen. Wir erleben gerade, wie sich dank Corona zwei Denkschulen – die angewandte Psychologie und die Ökonomie – zur Alleinherrschaft aufschwingen.

Das sagt sich so leicht, aber können Sie das auch belegen?

Die „Psychologisierung des gesamten menschlichen Lebens“ hat der Namensgeber der Allgemeinen Psychologie, William Stern, bereits um 1900 prognostiziert. Stern und Kollegen wie Hugo Münsterberg gaben schon 1912 die psychotechnische Maxime aus: „Alles muss messbar sein.“ Psycho-Technik wurde zur Leitdisziplin des Psycho-Ingenieurs, der daraus die „Lehre der unbegrenzten Formbarkeit des Einzelnen“ ableitete. Selbst Emotionen sind nach diesem Verständnis Kompetenzen, die man trainieren und zur Selbstoptimierung verändern kann. Der Psychologe David McClelland leitete daraus später das „pädagogische Versprechen einer umfassenden Formbarkeit des Menschen“ ab.

Im Wissen darum muss man sowohl die Kompetenzorientierung mit ihren kleinteiligen Kompetenzrastern und -stufen kritisch betrachten wie auch die empirische Bildungsforschung als Ganzes – Stichwort PISA. Aus Lernen wird Messen. Digitaltechnik und Netzwerke sind nur die dafür notwendige Infrastruktur. Wer realisiert, dass diese Psychotechniken auch bei Apps eingesetzt werden, um menschliches Verhalten zu modifizieren, sollte erkennen, wie mit Mobile Devices und Apps die permanente Vermessung und Selbstvermessung der Nutzer möglich wird.

Und Sie meinen, das steht über kurz oder lang den Schulen bevor?

Ja, denn diese Psychotechniken werden nicht nur bei Konsum-, sondern auch Lern-Apps eingesetzt. Social-Media-Kanäle und Lernplattformen sind letztlich auf Dauer gestellte Assessmentcenter. Sie liefern rund um die Uhr Nutzerdaten an die Plattformen. Wir sind nur Datenlieferanten. Damit werden Geschäftsmodelle der Datenökonomie bedient. Die US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin Shoshana Zuboff nennt es das „Zeitalter des Überwachungskapitalismus“.

Die entscheidende Frage ist daher, ob wir das an Schulen und Hochschulen wollen. Wer über IT in Bildungseinrichtungen redet, muss klar sagen, wessen Interessen er oder sie vertritt. Wer sich um die Lernenden sorgt, wird IT neu denken und konzipieren, bevor er sie in Schulen nutzt. Statt der Optimierung technischer Systeme muss der Mensch und dessen individuelle Entwicklung als autonome Persönlichkeit im Mittelpunkt stehen. Dazu gehören Privatsphäre und Schutz der Persönlichkeitsrechte.

Wie wäre das technisch umsetzbar?

Dafür kappt man als erstes den Rückkanal für Daten und arbeitet lokal mit Rechnern, so man welche im Unterricht braucht, also mit Intranet, Edge Computing oder Offline-Rechnern. Nicht benötigte Daten werden nach Gebrauch gelöscht. Persönlichkeits- und Leistungsprofile werden weder erstellt noch vermarktet. Technisch wird das mit offenen Betriebssystemen wie Linux und Open-Source-Software realisiert. Für die Kommunikation nutzt man verschlüsselte Messenger wie Signal oder Threema, die keine Meta-Daten aufzeichnen, und für das Web Tor-Browser. Dadurch werden Rechner und Software wieder zu Werkzeugen der privaten Kommunikation und Unterhaltung – ohne erzwungene Datenprostitution.

Gibt es dafür Vorbilder?

Das sind Ideen und Konzepte, die in den USA mit Projekten wie „SOLID“ von Tim Berners-Lee, dem „Vater des Web“, bereits umgesetzt werden. Das sind Gegenmodelle zu dem, was mit der vom Bundesbildungsministerium finanzierten HPI Schul-Cloud vom Hasso-Plattner-Institut oder Systemen von Anbietern wie Apple, Google oder Microsoft angestrebt wird. Es gibt technische Alternativen, mit IT und Netzwerken verantwortlich umzugehen, wenn nicht Geschäftsmodelle im Vordergrund stehen, sondern die Autonomie und Freiheit des Einzelnen in der Gemeinschaft demokratischer Gesellschaften.


Titelbild: dennizn / Shutterstock