Leserbriefe zu „Corona-App – ein soziales Experiment mit Risiken und Nebenwirkungen“

Ein Artikel von:

In diesem Beitrag hat sich Jens Berger mit der neuen Smartphone-App befasst, die über das neue Coronavirus informieren soll. Er bezeichnet diese App – auch wenn sie datenschutzrechtlich konform ist – als „ein soziales Experiment mit Risiken und Nebenwirkungen“. Ein fehlendes Begleitgesetz verstärkt diesen Eindruck und nicht auszuschließen bzw. zu befürchten ist, dass mit Hilfe von „medialer Schützenhilfe und einem Angstszenario“ weitere App-Entwicklungen folgen, die juristisch fragwürdig sein könnten. Auch zahlreiche Leserinnen und Leser der NachDenkSeiten machen sich Gedanken über diese neue App. Wir bedanken uns sehr für die Leserbriefe. Hier nun eine Auswahl der eingereichten Antworten. Zusammengestellt von Christian Reimann.

1. Leserbrief

Lieber Jens Berger,

ich danke Dir herzlich für Deine akribische Recherchearbeit und die gut verständlich aufgearbeitete Darstellung der entscheidenden Punkte.
Für mich hast Du im Artikel ein weiteres Regierungsversagen, ein weitgehendes Versagen der Opposition und der kritischen Gegenöffentlichkeit, auch in diesem Fall, sehr gut beschrieben.

Nur ein Punkt ist mir nicht ganz klar: Warum ist Deiner Meinung nach die Bundesregierung nicht für die intransparente API-Schnittstelle von Apple und Google verantwortlich? Müsste mit dieser Unsicherheit das Projekt nicht gestoppt werden, wenn es dem Auftraggeber Bundesregierung nicht geheuer wäre? Oder ist es der Regierung schlicht egal? Oder ist das Risiko vernachlässigbar? Also für mich nicht.

Bin heute ein umso glücklicherer Besitzer eines älteren, nicht kompatiblen Smartphones. Habe es vor etlichen Jahren auch aus Gründen des Datenschutzes ausgewählt, da es sich noch per Kabel mit dem PC syncronisieren lässt, eben gerade nicht über eine Cloud. Benutze unsichere Programme wie Whatsapp nicht. Und jetzt sollte ich alle Bedenken über Bord werfen, wegen eines feuchten Traums von Herrn Spahn, der davon handelt, das Virus elektronisch beherrschen zu können?
Noch dazu mit den von Dir beschriebenen zweifelhaften Ergebnissen und zusätzlichen, wie z.B.  Störungen durch weitere Personen und Glasscheiben, die sich zwischen den Protagonisten befinden. Ich würde keinesfalls installieren, auch wenn es möglich wäre.

Das Entscheidende ist aber, ich finde den aufgebauten psychosozialen Druck enorm und äußerst bedenklich. Eine App, die einem vielleicht mitteilt, dass man sich einen Tag zuvor in der Nähe einer erkrankten Person aufgehalten hat, ist für mich, egal wovor sie warnt, keine reale Option, niemals und auf keinen Fall. Ich habe keine Lust darüber nach zu denken, wer das wohl gewesen sein könnte, zu „verdächtigen“, denn genau das wird passieren. Oder ist das ein Teilziel der App? Ja, ich weiß, Verschwörungstheorien allerorten.

Vielleicht sollten Herr Spahn und die Mitglieder der Bundesregierung, die „Oppositionellen“ und App-Bejubler mal darüber nachdenken, auch wenn diese App letztlich aus den von Dir genannten, vielfältigen Gründen an sich eine Farce ist. Mit Abstand betrachtet wirkt heute vieles unserer Geschichte auch wie eine Torheit.

Herzliche Grüße und nochmals vielen Dank für Deine unermüdliche Aufklärungsarbeit,
Harald Martin

Antwort von Jens Berger: Lieber Harald,
manchmal muss man halt mit dem Vorlieb nehmen, was verfügbar ist. Frankreich hat bei seiner App-Entwicklung ja m.W. zumindest Kritik in diesem Punkt geäußert. Aber auch das wird folgenlos bleiben, da hier die Machtverhältnisse klar verschoben sind. Wie Du siehst, habe ich auf Deine Frage auch keine “echte” Antwort. Wenn man das – begründete – Misstrauen gegen Google, Apple, Facebook, Twitter usw. ernst nehmen würde, müsste die Regierung wohl wieder analog kommunizieren und generell auf Apps verzichten. Das kann aber doch auch nicht die Lösung sein. Für dieses Problem werden wir wohl keine Lösung finden.

liebe Grüße
Jens


2. Leserbrief

Liebe NDS,

seit Corona (genauer seit dem 31. März) ist Markus Lanz neben der Anstalt das Einzige, was ich im TV sehe.
Am 2. April war Linus Neumann, Sprecher des Chaos-Computer-Club, bei Lanz eingeladen zum
Thema “Corona-App”. Zuvor hatte ich am 30. März den Artikel “Handydatennutzung in Pandemiezeiten?” von Jens Berger gelesen und war dementsprechend ablehnend eingestellt angesichts einer auf GPS basierenden Corona-App.
Linus Neumann erklärte indes bei Lanz, dass eine solche App Bluetooth basiert sei. Darauf änderte ich meine Meinung und habe mir – mangels Smartphone – am nächsten Tag ein gebrauchtes iPhone gekauft. Naiverweise nahm ich an, dass eine App im Laufe des Aprils zur Verfügung gestellt werden würde, alsbald entstand bei mir eher der Eindruck, dass die App nicht vor SARS-CoV-4 zur Verfügung stehen werde!

Einige der Maßnahmen, die der Bund und Landesregierungen im Kontext von Corona ergriffen haben, betrachte ich aus meiner Nicht-Expertensicht als unverhältnismäßig und gesellschaftlich mehr schad- als nutzbringend. Ich bin der Auffassung, dass es nicht die Aufgabe des Staates ist, mich vor einer Infektion zu schützen, es aber sehr wohl Aufgabe des Staates ist, mir im Falle einer COVID-19 Erkrankung eine medizinische Behandlung zu gewährleisten, so wie Maßnahmen zu ergreifen, die geeignet sind, eine Epidemie zu unterbinden. (Daher halte ich z. B. eine Maskenpflicht im ÖPNV für geboten; eine Maskenpflicht wie z. B. auf dem Wochenmarkt jedoch schon fast als konterkarierend.) Das Verfolgen und Unterbrechen von Infektionsketten erachte ich als eine angemessene staatliche wie gesellschaftliche Maßnahme, die ich mit der Installation der App uneingedenk alle datenschutzrechtlichen Bedenken unterstützen wollte.

Die Kritik, die Jens Berger in seinem zweiten Artikel zur App äußert, finde ich im hohen Maße nachvollziehbar. In meinen Augen ist diese App per se sinnlos, wenn eine Benachrichtigung per App von den Krankenkassen nicht als ausreichend betrachtet wird, um unbürokratisch einen Test zu bezahlen.

Ich möchte bei der Gelegenheit bitte noch Folgendes mitteilen:
In der von der Bundesregierung beauftragen Risikoanalyse 2012 (Drucksache 17/12051) im Fall einer möglichen Pandemie heißt es auf Seite 68: “Für die Akzeptanz der kommunizierten Botschaften ist essentiell, dass die Behörden „auf Augenhöhe“ mit der Bevölkerung kommunizieren. Der Bürger sollte als Partner, nicht als „Befehlsempfänger“ verstanden werden.”
Was ich in dem Kontext für kontraproduktiv gehalten habe, war der zeitweise paternalistische Tonfall, der seitens der Politik gegenüber der Bevölkerung angeschlagen worden ist. Sinngemäß in etwa dergestalt: “Wenn die Bevölkerung in der nächsten Zeit das geforderte Verhalten an den Tag legt, könne eine Lockerung der Verbote in Betracht gezogen werden.”

Da ich mich anfangs als Lanzfan geoutet habe, möchte ich gerne erklären dürfen warum.
Die Sendungen von Lanz hatte ich vor Corona – bitte den Ausdruck zu entschuldigen – wie die Pest gemieden.
Exemplarisch für meinen Sinneswandel in Sachen Lanz möchte ich die Sendung vom 28. Mai anführen.

Was man hier – vom Inhaltlichen ab – sehen kann, halte ich für bemerkenswert: Es wird einander zugehört, es wird nachgedacht und dann entgegnet und zwar nicht in ideologischer Weise in Form von unverrückbaren Standpunkten und Behauptungen wie in Talkshows üblich sondern argumentativ! Ich finde andere Sichtweisen und Positionen alles andere als ärgerlich, wenn sie begründet und in einer argumentativen Form vorgetragen werden. Daher ist für mich nicht jeder, der mit den Maßnahmen der Bundesregierung weitestgehend konform geht, ein “Merkel-Bewunderer” (“Bewunderer der Corona-Politik von Angela Merkel”). Mir ist jemand, der eine andere Meinung als ich vertritt, aber seine Position nachvollziehbar und vor allem argumentativ begründet, lieber als jemand, der meine Meinung vertritt, diese aber manipulativ und voreingenommen vorträgt. In Corona-Zeiten hatte ich bei den NDS zuweilen den Eindruck, dass sich der Fokus mehr auf die inhaltlichen Aspekte eines Artikels richtet als auf die Art und Weise, wie diese dargelegt werden. Dies empfinde ich aber gerade bei einer Seite, die sich von ihrem Ursprung her aufklärerisch gegen einen manipulativen Journalismus(stil) engagiert, als bedauerlich. Denn Inhalte sind im Grunde austauschbar, die Techniken der Manipulation indes bleiben im Prinzip immer die gleichen.

Zurück zu Lanz: Irritierend bis nervig finde ich es, dass Markus Lanz eine Vorliebe für immer die gleichen Gäste praktiziert: Allein in den 14 Sendungen zu Corona im April war fünfmal Karl Lauterbach (SPD) zu Gast. Ginge es nach Karl Lauterbach, hätte es keinen Anpfiff für die Bundesliga gegeben.

(Obwohl diese, um ihren Beruf nachgehen zu können, ein mehr als plausibles Konzept zur Unterbrechung von Infektionsketten vorgelegt haben. Folgendes Argument Lauterbachs war in meinen Augen völlig verfehlt: Er meinte, die Bundesliga gebe damit ein falsches Signal an die Jugend – geben sozusagen ein schlechtes Vorbild ab – also seinen Beruf nicht ausüben, um als Vorbild für das Abstandsgebot zu fungieren …),
die Schulen und Kitas wären vermutlich immer noch dicht und der Lockdown hätte mindestens noch zwei Wochen länger gedauert. Das ehemalige Aufsichtsratsmitglied der Klinikkette Rhön hatte 2013 noch für die Schließung weiterer Krankenhäuser plädiert.

Ich würde mir wünschen, dass irgendjemand Karl Lauterbach fragen würde, ob er jetzt aufgrund von Corona froh ist, dass er sich damals mit seinem Ansinnen nicht hat durchsetzen können. Aber auch ein Gregor Gysi huldigt lieber Karl Lauterbach, als ihn mit so was zu konfrontieren.

Karl Lauterbach habe ich als jemanden erlebt, der sich auf einer Art Mission zu befinden scheint: Als Hardliner, dem der Lockdown eher noch nicht zu weit ging und der jede Stimme, die sich für weniger restriktive Maßnahmen ausgesprochen hat, fachlich und moralisch diskreditiert hat und der sich auch nicht scheut, für diese seine Mission Angst zu streuen. In der Lanz-Sendung vom 29. April spekuliert Karl Lauterbach im Disput mit Boris Palmer wie aus dem Stegreif, dass es möglich sei, dass ehemalige Infizierte sich später erneut infizieren könnten, dann aber durch die Erstinfektion möglicherweise vorgeschädigt seien und daraufhin beim zweiten Mal einen schwereren Krankheitsverlauf als beim ersten Mal durchlaufen müssten.

Auch wenn ich, wie sollte es auch anders sein, wenn einem an jemanden liegt und man denjenigen ernstnimmt, zuweilen pflichtschuldig Kritik an den NachDenkSeiten äußere, verbleiben die NDS für mich doch weit vor Markus Lanz und allem anderen, die wichtigste und liebste Informationsquelle.

Viele Grüße
Stefan Eichardt


3. Leserbrief

Sehr geehrter Herr Berger,

Bei Millionen von ÖPNV-Pendlern wird, anders als z. B. bei Restaurantbesuchen, dank Monatstickets nicht registriert, wer wann in welcher Bahn fährt. In diesem Szenario sehe ich durchaus Sinn der Nutzung der App.

Mit freundlichen Grüßen
Matthias Schmidt

Antwort von Jens Berger: Lieber Herr Schmidt,
das ist richtig. Ich würde das Infektionsrisiko dank der Maskenpflicht hier aber nicht für so groß einschätzen.

Danke und beste Grüße
Jens Berger


4. Leserbrief

Hallo Herr Berger,

lt. Medien hat die Entwicklung der App 20 Mio. € gekostet. Für 20 Mio. könnte man eine Menge sehr guter Programmierer ziemlich lange beschäftigen. Wieso muss das Geld dann an SAP und Telekom fließen?
Der Quellcode schaut jetzt nicht derart komplex aus, als bräuchte man Konzernkapazitäten.
Aber vielleicht sind 20 Mio. in Zeiten, in denen nur noch über Billionen geredet wird auch wirklich nur noch peanuts?

Mit Grüßen
Martin Sutor


5. Leserbrief

Hallo Herr Berger,

vielen Dank für Ihr kritisches Nachdenken. Wie Sie richtig bemerkt haben ist nicht alles so klar oder transparent wie es kommuniziert wird. Denn was passiert wenn Sie Corona bekommen, dann sind Sie positiv getestet und das wird auf Ihrem Handy gespeichert … UND vom Gesundheitsamt weitergegeben auf den RKI Server, was ich wohl als Zentral betrachten kann. Und was liegt auf dem RKI Server noch, richtig, die Bewegungsprofile die das RKI von den Telekommunikationsfirmen freigebig bekommen hat. Und damit haben wir wieder das ursprüngliche Problem digitaler Datenverarbeitung, vereinzelt gesammelt mag alles harmlos sein, aber wenn die verschiedenen Daten zusammenkommen dann kann man oft mit Hilfe einfacher Verknüpfungen den feuchten Traum der Stasi wahrmachen, die Totalüberwachung. Die gemütliche Diktatur der Bürokratie geht weiter, was für eine schöne neue Welt !

Viele Grüße
Ingo Erik Moltzen


6. Leserbrief

Hallo Jens Berger,

die kritische Einschätzung zur Corona-App teile ich,
aus Sicht “Datenschutz”  klar verbessert und inzwischen ok,
zur Pandemiebekämpfung  vermutlich wenig hilfreich,

enorme Kosten  – bekanntlich 20 mio. Entwicklungslkosten + 2-3 Mio monatlich für Hotline

erstaunlich wenige konkrete Einschätzungen von den sonst medial sehr präsenten Virologen,
interessieren würden mich vor allem die 15 min, damit App  meldet,   heißt das im
Umkehrschluss, dann in kürzerer Zeit kaum Ansteckungsgefahr besteht …

Falls es funktioniert, dass positive Laborergebnisse rasch an Infizierte gemeldet werden, was bislang über die Gesundheitsämter anscheinend 3-4 Tage dauerte, so ist dies wenigstens ein Zeitgewinn.

Ärgerlich finde ich vor allem, dass Kanzleramtschef Braun auch noch meint, nun von der “besten Coronna-App weltweit” sprechen zu müssen, das ist peinlich bis überheblich.
Angemessen wäre gewesen zu sagen, dass mit gespannt beobachten wird,  ob die App in den nächsten Tagen sich positiv für die Pandemiebekämpfung erweisen wird.

Aber die Politik hatte die letzten Wochen immer nur als Hoffnungszeichen die mögliche Impfung bzw. die App  anzubieten, nach all dieser Verzögerung  muss man sich nun selbst mit einem Presseshow  bzw. PR-Show hochloben …..

Gruß
Gerhard Günther


7. Leserbrief

Guten Tag Herr Berger,

Sie schreiben so gute Kommentare; eine klare, verständliche Sprache und hervorragend recherchiert!

Ich bin eine dankbare Leserin!

Die Corona-Warn-App, die stößt ein unheilvolles Hintertürchen auf, das so schnell nicht mehr zu schließen sein wird, denn die Begehrlichkeiten sind riesengroß!

Die Kosten sind auch kein Pappenstil: 20 Millionen und weitere 3 bis 4 Millionen, die Monat für Monat zu zahlen sind!
Ein Prestigeobjekt, das heute mit geschwellter Brust belobigt wurde, einschließlich des Datenschutzbeauftragten Ulrich Kelber; Herrn Spahn platzte bald das Jackett, sein breites Grinsen sprach Bände!

„Never ever“, dieser App traue ich nicht und ich glaube, sie schützt mich auch nicht vor Ansteckung.
Ihre Beispiele Herr Berger, die bestätigen mich in meiner Haltung und Entscheidung!

Alles Gute!
M.R.


8. Leserbrief

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

Es war einmal ein Bundesfinanzminister Steinbrück, der sich einfach nicht damit abfinden wollte, daß die Bewohner dieses schönen Landes die Maßnahmen aus der Agenda 2010 ablehnen. Deshalb hat er ein Gutachten in Auftrag gegeben, in dem zusammengefaßt werden soll, mit welchen sozialwissenschaftlichen Methoden die Kälber dazu gebracht werden können, die Metzger als ihre besten Freunde zu betrachten. Das Gutachten heißt “Psychologie, Wachstum und Reformfähigkeit” hrsg. von Friedrich Heinemann u.a. es ist der Band 88 der ZEW Wirtschaftsanalysen (ZEW: Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung, Mannheim. Das ist der neoliberale Think Tank des Landes Baden-Württemberg, 1990 gegründet. BA-Wü wollte auch so was haben); erschienen 2008 in Baden-Baden (Nomos). Man muß aber nicht versuchen, es zu beschaffen. Erstens war der Preis für so ein Heftle sehr, sehr hoch, zweitens ist es in einem kaum verständlichen Soziologen-Chinesisch geschrieben und drittens ist es schon längst vergriffen, man sieht, es war nicht für die Allgemeinheit bestimmt.

Ein paar Zitate gefällig, die die Vermutung von Jens Berger vom Experiment bestätigen?

“Realistischer sind Experimente im Bereich des Arbeitsmarktes zu beurteilen, wo ja in Bezug auf das arbeitsmarktpolitische Instrumentarium ohnehin schon lange eine Art Trial and Error-Prozess praktiziert wird.” S. 195 (gehört zwar nicht direkt hierher, macht aber deutlich, wie Sozial- und Wirtschaftpolitik “umgesetzt” wird.)

“[…] hat gezeigt, dass die Krisenhypothese (Reformen werden typischerweise nach krisenhaften ökonomischen Entwicklungen implementiert) robust bestätigt wird.” ebd.

“In jedem Fall ist es essenziell, dass Reformvorhaben ‘neutral’ ohne offensichtlich einseitige Einflussnahme von bestimmten Lobbys konstruiert [sic!] werden. Die nachvollziehbare Basierung von Reformen auf Gemeinwohlkategorien im Gegensatz zu Partikularinteressen ist essenziell für deren allgemeine Akzeptanz.” S. 198

“Die Motivation lässt sich vor allem durch Betonung individueller Betroffenheit oder der Betroffenheit des nahen und persönlichen Umfeldes (z.B. der Kinder) des Adressaten steigern. Im Hinblick auf Reformen kommt es hier darauf an, den oftmals anonymen Reformgewinnern ein Gesicht zu geben. Dies erleichtert es den Adressaten, sich in die Situation von (positiv) Betroffenen hineinzuversetzen., kann Empathie erzeugen und erhöht dann die Motivation zur Informationsverarbeitung.” S. 199 (wird dann wohl in einer weiteren Phase erfolgen)

“Sie [die Zielgruppen] beurteilen die Validität von Argumenten z.B. anhand bestimmter Merkmale des Kommunikators wie seiner grundsätzlichen Glaubwürdigkeit oder der Sympathie, die sie ihm entgegenbringen. […] Demzufolge ist bei einer wenig motivierten und fähigen Zielgruppe auf Merkmale des Kommunikators, die optische Gestaltung eines Mediums oder die Glaubwürdigkeit und Reputation eines Medium zu achten.” S. 200

“In den Datailanalysen verschiedener Experimente hat sich gezeigt, dass der Grad der wahrgenommenen Fairness und sozialen Verträglichkeit eines Reformvorhabens die Akzeptanz maßgeblich beeinflusst.” S. 201

“Je unausweichlicher eine Veränderung dargestellt wird, desto eher werden die Menschen beginnen, auch die positiven Aspekte dieser Veränderung zu betrachten.” S. 201 f.

Im Grunde genommen müßte man jetzt die unterschiedlichen Akteure (Bundeskanzlerin – good guy, Bundesgesundheitsminister – bad guy, Bundesdatenbeauftragter, Computer Chaos Club) auf die Rollen hin untersuchen, die sie gemäß dieses Gutachtens eingenommen haben bzw. einnehmen, sei es als Treiber oder als instrumentalisierte Trottel. Ebenso wird damit deutlich, warum regelmäßige Corona-Tests auf der Basis von repräsentativen Stichproben nicht durchgeführt worden sind bzw. werden – jeder hätte dann aufgrund von Stand und Entwicklung der Krankheit bewerten können, ob und wie Maßnahmen sinnvoll sein können oder auch nicht. Was im übrigen auch die Debatte darüber hätte sehr versachlichen können. Auch wird deutlich, wieso von Beginn an von Politik und Medien dermaßen Angst geschürt wurde. Ohne die wäre doch eine App, die aus gutem Grund privates Einverständnis voraussetzt, niemals zu vermitteln gewesen. Das private Einverständnis deshalb, weil Datenschutz und Grundgesetz diesen Eingriff in die Privatsphäre verbieten. Staatliche Anordnungen zum Schutz der Bevölkerung sind nämlich immer möglich – sofern sie nicht gegen elementare Gesetze verstoßen!

Zum Schluß übrigens befürchten die Autoren des Gutachtens, daß sie ertappt sein könnten: “Dabei sollte allerdings vor einem möglichen Missverständnis gewarnt werden: Es ist nicht möglich (und schon gar nicht wünschenswert), mit irgendwelchen kommunikativen ‘Tricks’ für jede Art von Reform, egal wie mangelhaft sie auch konzipiert sein mag, Akzeptanz zu erzeugen.” S. 219. Soso.

Und wenn sie nicht gestorben sind, so verappeln sie noch weiter.

Viele Grüße
Jürgen Falkenstein


9. Leserbrief

“Die App ist vor allem eins – ein riesiges soziales Experiment.”  Genau, daher sehr richtig, dass Jens Berger das in den Fokus rückt.

Auch ohne App haben die sog. Corona-Schutzmaßnahmen gezeigt, wie rasch es geht mit der Aussetzung von Grundrechten durch ‘fürsorgliche Entmündigung’. Die Nähe von Politik zur Gesundheitsindustrie zeigt ja bereits jetzt die Tendenz in Richtung ‘Gesundheitsdiktatur’. Menschen wird zunehmend das eigene Gespür für Gesundheit und Wohlbefinden durch die Sicherheitsversprechen von Apparatemedizin, Pharmakologie, Impfungen….. ‘aberzogen’. Auch wenn die App scheitert, dürfte damit die Begehrlichkeit eines digitalen Überwachungskapitalismus noch nicht vom Tisch sein.

Empfehle den Roman von Juli Zeh zu lesen: “Corpus Delicti” und/oder  ihre “Fragen zu Corpus Delicti”.

L.G.-Ute Plass


10. Leserbrief

Liebes NDS-Team,

entsprechend dem Infektionsschutzgesetz ist es doch sicher mindestens regelwidrig, wenn ein Infizierter sich wissentlich in die Nähe anderer Menschen begibt.

Noch dazu bei einer so hochinfektiösen und tödlichen Krankheit hat kann das doch in kürzester Zeit zur Katastrophe führen ! Mit dieser App wird also die Meinung verbreitet, etwas anderes als konsequente Quarantäne wäre auch o.k.

Es tut einfach nur noch weh, was heutzutage passiert.

Mit freundlichen Grüßen
Ihr Leser. Drechsel


11. Leserbrief

Liebe Nachdenkseiten-Macher,

vielen Dank für den Artikel.

Es paßt, daß heute in der (unerträglichen) WAZ eine ganzseitige Werbeanzeige geschaltet war, mit der für den Download der App geworben wurde, und daß meine Nachbarin von ihrem Arbeitgeber aufgefordert wurde, die App zu installieren.

Noch einige Aspekte:

Die App ist auf Github gespeichert. Das ist ein riesiger Speicher für Software, der Microsoft gehört. Die App ist damit nicht nur von Apple oder Google Abhängig, sie ist auch in der Verfügungsgewalt von Microsoft.

Für den Betrieb werden die sogenannten Google-Dienste benötigt, für die der Programm-Text nicht eingesehen werden kann. Mit dem Zugang zum Programmtext ist es also nicht so weit her.

Damit ist klar, daß die App nicht über den sehr zu empfehlenden Freien App Store F-Droid (F-Droid.org) angeboten werden kann. Um die App unter Android zu installieren, wird deshalb ein Account im Google Playstore benötigt. Gerade die Leute, die sich Gedanken darüber machen, welche Software sie auf ihrem Smartphone installieren, sind also von der Nutzung ausgeschlossen. Bei diesen Personen findet sich aber sicher ein hoher Anteil von Verweigerern.

Es ist allerdings zu erwarten, daß die App in vermutlich nicht so ferner Zukunft in das Betriebssystem integriert wird. Dann kann man sich ihr nur entziehen, indem man ein Google freies Betriebssystem verwendet wie beispielsweise das freie FairPhone OpenOS oder auf ein Linux Smartphone wechselt, von denen einige im Laufe des Jahres 2020 angeboten werden. Da auf diesen Geräten der Quellcode der gesamten Software zugänglich ist, wäre
man damit wohl auf der sicheren Seite.

Die zusammenfassende Bewertung von Digitalcourage, daß die App ein Placebo mit Nebenwirkungen ist, paßt sehr gut auch zu Ihrem Artikel.

Herzliche Grüße
Wolfgang Romey


12. Leserbrief

Liebe Nachdenker,

Passend zu Euren Corona App-Beiträgen zeigt eine Äußerung des obersten Schützers unserer Daten (Ulrich Kelber), die er  – von vielen wohl überhört – gestern abend als krönenden Abschluß der Phoenix-Runde  zum Thema: Mit dem Handy gegen das Virus – Was bringt die Corona-App? von sich gegeben hat.

Seine Sätze lassen erkennen, warum die Regierung und ihre Koalitionäre keine gesetzliche Regelung für diese App wollen.

Kelber scheint bereits zu wissen und zu akzeptieren, dass die Befürworter dieser App noch weitere Dinge mit diesem Instrument vorhaben: z.B. unsere Daten der “forschenden” Pharma-Industrie zur Verfügung zu stellen sowie “andere Verbesserungen” vorbereiten.

Zuhören und zu sehen ab ca Minute 43.20 der Sendung. Dort sagt er auf die Frage ob die App ihre eigentliche Wirkung in Zukunft noch entfalten würde:”Sie wird sich noch weiter entwickeln, es wird die Interoperabilität über die Landesgrenzen geben, wir werden vielleicht mit zusätzlicher Einwilligung zusätzliche Daten für die  epidemologische Forschung von einem Teil der Nutzer bekommen und es wird noch andere Verbesserungen geben”

Vielleicht ist dieser Hinweis für Eure Leser von Interesse.

Beste Grüße
Hans-Reimar von Mutius


13. Leserbrief

Die App soll ja Sicherheit suggerieren.

Wie ist es aber, wenn ich vielleicht mehreren Menschen begegnet bin, die infektiös waren, aber keine bedeutenden Symptome hatten und nie getestet wurden ? Was nützt es dann, dass alle die App hatten?

Mit freundlichem Gruß
E. Seubert


14. Leserbrief

Liebe NDS-Redaktion,

vermutlich würden sich gerne der ältere und gefährdetere Teil der Bevölkerung die App herunterladen. Oft hat diese Generation zumeist noch tadellos funktionierende Smartphones, die vor 2016 hergestellt wurden. Diese müssten erstmal durch neue ersetzt werden. Die App ist also eine versteckte Wirtschaftssubvention – willkommen im Konsumismus.

VG Michael Wrazidlo


15. Leserbrief

Sehr geehrte Damen und Herren,

danke für ihren Artikel über den Corrona-App.
Auf meine Webseite “freistadt.online” habe ich meine begründete Zweifel an diesen App formuliert.
Ich habe Medizin studiert und arbeite schon lange in der EDV.
Wenn Sie wollen können Sie die Text nutzen (…).

Mit freundlichen Grüßen,
Jan van Leeuwen

Corona App – 10.5.2020
Was ist es?
Momentan laufen in verschiedenen europäischen Ländern Initiativen für die Programmierung einer sogenannte „Corona-App“, welche in der Bevölkerung möglichst weit verbreitet werden soll. Vorbild ist Südkorea, wo solch eine App schon früh im Einsatz war.Ich werde hier nicht alle Details erklären, denn dafür gibt es Wikipedia

Wozu dient es?
Auf den Handys soll aufgezeichnet werden, welche andere Handies in der Nähe waren. Falls ein Benutzer sich mit Corona infiziert, werden alle anderen Benutzer gewarnt, die sich in unmittelbarer räumlicher Nähe aufgehalten haben, und aufgefordert, sich einem Test zu unterziehen. Damit soll die Verbreitung des Virus eingedämmt werden.
Wer produziert so ein App?
Es sind viele Organisationen und Betriebe, kleine und große, die sich mit der Programmierung profilieren wollen.
In Holland hat das Gesundheitsministerium sogar ein „Appathon“ ausgerufen. Jeder, der eine solche App anbieten kann, durfte Vorschläge einreichen. Von 300 wurden 7 ausgewählt, die sich letztlich sämtlich als ungeeignet erwiesen.
Google und Apple arbeiten ebenso an der App, bisher ohne Ergebnis.
In Österreich haben wir die Coronavirus-Tracking-App “Stopp Corona”.
Es ist ein Streit entbrannt über den Datenschutz und die Privatsphäre, und wie diese geschützt werden können. Auch die EU hat dazu einige Ideen vorgebracht. Die technische Terminologie ist Laien fremd und der Inhalt nicht nachvollziehbar.
Wo hakt es?
Ein Virus und eine Infektion sind biologische Begriffe. Um zu verstehen, wie ein Virusinfekt sich verbreitet, haben wir Epidemiologen und Virologen. Techniker hingegen haben meist kaum Ahnung von biologische Prozessen, beide sprechen ein völlig andere Sprache.
Dazu kommt, dass nicht jeder ein Handy besitzt, nicht jeder so ein fragwürdiges Programm auf seinem Handy haben will. Es soll freiwillig sein, aber es müßten ungefähr wenigstens 60% der gesamte Bevölkerung mitmachen, um eine Chance auf Erfolg zu haben.
Dazu kommt, daß viele Handys für diese Anwendung gar nicht geeignet sind. Laut arstechnica
Ein Problem ist auch die Ungenauigkeit der Messungen. Radiowellen – wie Bluetooth- gehen durch Wände, das Virus aber nicht, daher ist ein Kontakt laut Handy nicht immer wirklich ein potentiell infektiöser Kontakt.

Hr. Boos (in Deutschland in der „Digitalrat“ – Merkel nah) behauptet, die App könne registrieren, ob Wände das Signal dämpfen.
Der Erfinder von Bluetooth Jaap Haartsen hat da eine völlig andere Meining.
Original:
Volgens bluetooth-uitvinder Jaap Haartsen is bluetooth niet nauwkeurig genoeg voor contactonderzoek naar corona. Hij benadrukt dat het bereik van het signaal, dat in de huidige generatie van de draadloze technologie varieert tussen de één en de twintig meter, onvoldoende zekerheid geeft over afstand. Dat leidt volgens Haartsen tot onbetrouwbare uitkomsten.
‘Met bluetooth kun je bijhouden wie er binnen radiobereik is geweest. Bereik is niet hetzelfde als afstand. Bereik wordt bepaald door het zendvermogen, de ontvangstgevoeligheid, de afstand (ja) en de omgeving (muren, obstakels, reflectoren et cetera). Uit bereik kun je de afstand afleiden, maar dit is niet erg nauwkeurig.’
Übersetzt:
Laut dem Bluetooth-Erfinder Jaap Haartsen ist Bluetooth für die Coronakontaktforschung nicht genau genug. Er betont, dass die Reichweite des Signals, die in der aktuellen Generation der drahtlosen Technologie zwischen einem und zwanzig Metern variiert, keine ausreichende präzise Angabe über die Entfernung bietet. Die Ergebnisse seien unzuverlässig.
„Mit Bluetooth können Sie verfolgen, wer sich in Funkreichweite befunden hat. Reichweite ist nicht dasselbe wie Entfernung. Die Reichweite wird durch die Sendeleistung, die Empfangsempfindlichkeit, die Entfernung (ja) und die Umgebung (Wände, Hindernisse, Reflektoren usw.) bestimmt. Außerhalb der Reichweite kann man die Entfernung ableiten, aber das ist nicht sehr genau”.

Es gibt eine Menge Vorschläge, die Privatsphäre nicht mal beachten, aber auch bei „besseren Apps“ muss man Kontakte protokollieren, was jedenfalls kritisch für den Datenschutz ist.
Es gibt viele große Worte von Behördenseite über die Garantie des Datenschutzes, aber ich glaube das nicht, weil ich die Technik verstehe.
Dazu haben Behörden einer generell zu großen Datenhunger, weil man damit so schön kontrollieren kann.
Zitat:
„Es könne aber nicht angehen, dass das Gesundheitsministerium auf den Einbau weiterer Funktionen dränge, um etwa mit der App auch das Einhalten von Quarantäneauflagen zu überwachen“
Bis jetzt haben wir in Österreich Erfolg gehabt mit Abstand, Hände waschen und begrenztem Lockdown. Die Zahlen der Infizierten senken ebenso die Zahlen der Toten.
Warum soll jetzt ein ungeeignetes Mittel alle Kontakte protokollieren?
Beschreibungen bei heise/golem kommen zu derselben Schlussfolgerung wie ich:

https://www.heise.de/hintergrund/Corona-Tracking-Wie-Contact-Tracing-Apps-funktionieren-was-davon-zu-halten-ist-4709903.html

https://www.golem.de/news/coronakrise-schneier-haelt-contact-tracing-apps-fuer-unbrauchbar-2005-148227.html

https://www.heise.de/newsticker/meldung/Kommentar-Der-digitale-Seuchenpass-darf-keine-Loesung-sein-4717904.html

https://www.heise.de/newsticker/meldung/Corona-Apps-und-Big-Data-Ammesty-warnt-vorm-Schlafwandeln-in-die-Ueberwachung-4718679.html

Die meisten Politiker werden wahrscheinlich guten Willens sein, aber wenn ich lese, dass Herr Sobotka Februar 2019 auf einem EU-Polizeikongress öffentlich für das chinesische Modell der völligen Überwachung (Social Scoring) plädierte, werde ich mißtrauisch.
Was Herr Axel Voss will (ohne App kein Zugang) ist so undemokratisch wie der EU.
Momentan lasse ich sogar mein Handy Zuhause, wenn ich ausgehe, denn GSM-Daten werden momentan wegen Corona gesammelt – angeblich anonymisiert.
Ich bin schon lange in der EDV tätig und ich mag mein Beruf, aber es ist eine Tendenz zu einem immer stärkeren Appetit von Behörden und Unternehmen auf Daten aus der Privatsphäre der Menschen. Die EDV liefert leider die Mittel dazu.
Deswegen werde ich nie so ein Corona-App laden und weil es das vollkommene falsche Hilfsmittel für diesen Zweck ist!

J. van Leeuwen


16. Leserbrief

Lieber Jens Berger ,
Liebe Nachdenkseiten Redaktion,

Zu dem Artikel:
Corona-App – ein soziales Experiment mit Risiken und Nebenwirkungen.

Beim lesen Ihres Artikel fiel mir eine Karikatur aus der HAZ vom 16. Juni 2020, die das Thema darstellt.

Nachdenkseiten Leser seit 9 Jahren, Bitte weiter so.

Jürgen Hecht

Rubriken:

Überwachung Gesundheitspolitik Leserbriefe

Schlagwörter:

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