Professor Seltsam oder: Wie ich lernte, Talkshows zu hassen
Professor Seltsam oder: Wie ich lernte, Talkshows zu hassen

Professor Seltsam oder: Wie ich lernte, Talkshows zu hassen

Jens Berger
Ein Artikel von: Jens Berger

So seltsam es klingt – wenn die Corona-Krise einen Gewinner hat, dann ist es Karl Lauterbach. Vor Beginn der Pandemie schien Lauterbachs politische Karriere am Ende zu sein. Heute ist der SPD-Politiker, der von seinen Genossen passenderweise früher schon „Karlchen Überall“ genannt wurde, in den Talkshows und als Zitatgeber omnipräsent. Dabei hat Lauterbach die Rolle des obersten Hardliners in Sachen Lockdown eingenommen. In seinem näselnden rheinländischen Singsang kritisiert er jede noch so kleine Lockerung, mahnt, warnt und sät dabei vor allem Angst. Kollateralschäden nimmt er dabei gern in Kauf. Es ist jedoch anzunehmen, dass es Lauterbach dabei weniger um die Volksgesundheit, dafür aber mehr um seine eigene politische Karriere geht. Von Jens Berger.

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Lanz, Maischberger, Lanz, Lanz, Illner, Lanz, Lanz, Lanz, Plasberg, Lanz, Will, Lanz, Lanz, Maischberger und noch mal Plasberg – 15 Auftritte in noch nicht einmal vier Monaten. Am 18. März schaffte Lauterbach es sogar, zeitgleich bei Maischberger im Ersten und Lanz im ZDF die Kassandra zu geben und die von der Kanzlerin verkündeten „Maßnahmen“ zu verteidigen. Das hatte vorher noch kein Politiker geschafft. Hinzu kommen unzählige Interviews und Zitate in den klassischen Medien. Alleine der Suchbegriff „Karl Lauterbach warnt“ liefert bei der Google-News-Suche für den Zeitraum von März bis heute über 110 Einzeltreffer … Doubletten durch z.B. mehrfachen Abdruck von Agenturmeldungen sind dabei wohlgemerkt nicht inbegriffen.

Karl Lauterbach warnt vor Großdemos, Urlaubsreisen, Aerosolen, Leichtsinn durch die Corona-Warn-App, Corona-Lockerungen, Pleitewellen, dem Wachstum der Infiziertenzahl, einer „zweiten katastrophalen Welle“, weiteren Pandemien, bleibenden Schäden und natürlich den Folgen des Bundesliga-Neustarts. Manchmal fordert er auch etwas. Etwa einen Lockdown, ein Signal des Bundes gegen Lockerungen in Thüringen, strengere „Corona-Regeln“, die Absage des RTL-Dschungelcamps, mehr Klimaanlagen in Altenheimen, Schulschließungen für mindestens ein Jahr und keine Rückkehr zur Normalität vor 2022. Das ist zum Teil grotesk. Wer soll sich nach den Vorstellungen von Herrn Lauterbach beispielsweise über ein Jahr lang um die Kinder kümmern, die durch die Schließungen ganztags von einem Elternteil betreut werden müssen? Je härter, desto besser und die Kollegen juchzen vor Freude. Wer ein möglichst starkes Zitat zu irgendeinem „Corona-Thema“ braucht, muss nur Karl Lauterbach anrufen. Der liefert. Garantiert.

Und es gibt viele Verteidiger. Aber Karl Lauterbach ist doch immerhin so eine Art gesundheitspolitischer Sprecher der SPD! Nein. Er sitzt in den Ausschüssen für Recht und Verbraucherschutz und im Finanzausschuss. Die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion ist Sabine Dittmar, die jedoch Talkshow-Deutschland gänzlich unbekannt sein dürfte. Was Lauterbach betrifft, so vertritt er in den Talkshows seine Privatmeinung.

Dafür ist Karl Lauterbach aber doch ein anerkannter Epidemiologe, also ein echter Experte, ein Professor sogar! An Lauterbachs fachlicher Qualifikation gibt es ernste Zweifel – anders als üblich, hat er keine wissenschaftliche Habilitationsschrift verfasst, sondern wurde von der Universität Köln zum Professor berufen, um ein neugegründetes Institut für Gesundheitsökonomie zu leiten. Es darf spekuliert werden, welche politischen und wirtschaftlichen Ränke im Hintergrund mitspielten. Die Dissertation, mit der dieser außergewöhnliche Vorgang begründet wurde, war ebenfalls keine wissenschaftliche Arbeit, sondern ein einhundert Seiten starkes philosophisches Essay, das Lauterbach bis vor kurzem unter Verschluss gehalten hat. Geforscht hat Lauterbach schon sehr lange nicht mehr. Seit 15 Jahren sitzt er hauptberuflich im Bundestag.

Ok, aber Karl Lauterbach gilt doch als SPD-Linker und Parteirebell! Schön wär’s. Lauterbach gehört vielmehr zu den halsstarrigen Verteidigern der Agendapolitik und hat sich im Bundestag vor allem dadurch ausgezeichnet, dass er stets im Einklang mit der Fraktion stimmte. Sein angebliches „Rebellentum“ ist vor allem das Produkt geschickter Eigen-PR. Lauterbach schaffte es bei den letzten Bundestagswahlen sogar, die Plattform Campact für sich einzuspannen, die ihn unterstützte, weil er sich angeblich dem Kampf gegen Glyphosat angeschlossen hätte. Im Bundestag stimmte Lauterbach jedoch gegen ein Verbot von Glyphosat.

Seine eigentliche Spezialität ist der politische Spagat zwischen Image und Wirklichkeit. Da stört es dann auch nicht, dass der oberste Lockdown-Hardliner die Gefahr durch Corona noch Ende Januar „für die Mehrheit der Bevölkerung zum Glück [für] sehr überschaubar“ hielt. Von einem Mundschutz riet er damals ab, dies mache „schlicht keinen Sinn“. Damals kritisierte er China für seine harten Lockdown-Maßnahmen, die „medizinisch nicht wirklich sinnvoll“ seien. In Deutschland „würden wir das nicht machen“, so Lauterbach damals gegenüber der Funke-Mediengruppe. Aber was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?

Dies muss sich Lauterbach auch gedacht haben, als er Deutschland wenige Tage später als „gut gerüstet“ für das Virus bezeichnete. Darüber ließe sich natürlich vortrefflich streiten. Sicher ist hingegen, dass Deutschland wesentlich schlechter für das Virus gerüstet wäre, wenn man Lauterbachs „Geschwätz von gestern“ befolgt hätte. Schon 2013 machte er nämlich vor allem mit Forderungen Schlagzeilen, die Zahl der Krankenhäuser massiv zu reduzieren. Im letzten Jahr nutzte er eine Bertelsmann-Studie dazu, seiner alten Forderung Nachdruck zu verleihen und abermals die Schließung jeder zweiten Klinik in Deutschland zu fordern.

Wie ist das mit dem Image des SPD-Linken zu vereinbaren? Gar nicht. Dazu muss man wissen, dass Lauterbach auch zwölf Jahre – zusammen übrigens mit Bertelsmann-Chefin Liz Mohn – im Aufsichtsrat des privaten Klinikkonzerns Rhön-Kliniken saß und dafür ein Salär von rund einer halben Million Euro bezog. Ende 2019, nach dem erfolglosen Versuch, zusammen mit Nina Scheer den Parteivorsitz zu übernehmen, näherte sich Lauterbachs politische Karriere dem Ende. Da war es sicher für die Anschlussverwendung nicht eben abträglich, für Schließungen kleiner – meist kommunaler – Kliniken zu werben, was wirtschaftlich vor allem den großen Klinikkonzernen nutzen würde.

Und dann kam Corona und aus dem politischen Absteiger Karl Lauterbach wurde plötzlich der Mann, den der Tagesspiegel jüngst zum „Schatten-Epidemieminister“ kürte. Sogar seine angestaubte rote Fliege landete nun im Schrank – er wolle bei jüngeren Wählern besser ankommen. Der Mann hat noch Großes vor und dies ist durchaus als Drohung zu verstehen.

Durch seine Arbeit als Ein-Mann-PR-Armee in Sachen Lockdown hat Lauterbach so sehr wie wohl kein anderer die politische Linie in der Corona-Krise mitgeprägt. Geht es ihm dabei tatsächlich um die Volksgesundheit? Unwahrscheinlich. Viel wahrscheinlicher ist es, dass es Karl Lauterbach bei seinen PR-Aktivitäten auf allen Fronten vor allem um eins geht: Um Karl Lauterbach, beziehungsweise dessen politische Zukunft.

Kaum tauchte Lauterbach in allen Talkshows auf, suchte der angebliche Parteirebell auch die Nähe zum Kabinett und schmierte Olaf Scholz gleich erst mal kräftig Honig um den Bart.

Mit Karl Lauterbach ist also wohl auch in Zukunft zu rechnen – vielleicht und so die SPD überhaupt noch mal in die Regierungsverantwortung kommt als nächster Gesundheitsminister. Dann kann er auch sein Geschwätz von gestern in die Tat umsetzen – Risiken und Nebenwirkungen inbegriffen.

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