Feierwütig – Zum Verhältnis von Partymachen und Gewalt
Feierwütig – Zum Verhältnis von Partymachen und Gewalt

Feierwütig – Zum Verhältnis von Partymachen und Gewalt

Götz Eisenberg
Ein Artikel von Götz Eisenberg | Verantwortlicher: Redaktion

Nun haben die Ereignisse von Stuttgart, wo in der Nacht zum 21. Juni hunderte junger Männer Polizisten angriffen und Läden in der Innenstadt plünderten und zerstörten, in der Nacht vom 18. auf den 19. Juli in Frankfurt/Main eine Resonanz gefunden. Seit Wochen schon versammelten sich dort an den Wochenenden Tausende vor der Alten Oper, um zu feiern. Über deren Portal steht die Widmung: „Dem Wahren, Schoenen, Guten“. Weil die dafür vorgesehenen und etablierten Lokalitäten wegen der Pandemie geschlossen sind, sucht die Szene der Feier- und Tanzwütigen Alternativen unter freiem Himmel. Eine After-Work-Party auf dem Opernplatz: Die Hipster trinken ihren Wein, kiffen, hören ihre Musik und tanzen – unter weitgehender Missachtung der Corona-Regeln. Die Ordnungskräfte dulden das und greifen nur in Ausnahmefällen ein. Auch Minister Spahn schmolz vor lauter Verständnis für das Feierbedürfnis dahin und hob lediglich mahnend den Zeigefinger. Die Regierenden wissen, dass die Partyszene politisch vollkommen harmlos ist und ein sozialpsychologisches Ventil darstellt, durch das Frust und Aggressionen entweichen können. Zurück blieben an den Tagen nach den nächtlichen Partys riesige Müllberge. Das war in Frankfurt neben den schlaflosen Nächten der Anwohner bislang das Hauptärgernis. Von Götz Eisenberg.

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Doch in der Nacht vom 18. Juli zum 19. Juli eskalierte auch in Frankfurt die Situation. Auf dem Opernplatz hatten nach Polizeiangaben zunächst rund 3.000 Menschen friedlich gefeiert. Doch dann kippte die Stimmung. Hunderte Menschen randalierten und lieferten sich eine stundenlange Auseinandersetzung mit der Polizei. Auslöser war offenbar eine Massenschlägerei. Auf einer Pressekonferenz schilderte der Polizeipräsident Bereswill die Situation so: Gegen 3 Uhr seien rund 30 Personen an einem Brunnen auf dem Opernplatz aufeinander losgegangen. Weil eine Person stark blutete, seien die Beamten eingeschritten und hätten versucht, den Streit zu schlichten und dem Verletzten zu Hilfe zu kommen. „Die Stimmung hat sich gegen uns gerichtet“, berichtete Bereswill. Polizisten seien „massiv“ mit Flaschen beworfen worden, woraufhin die Umstehenden zu klatschen und zu johlen begonnen hätten. Rund 500 bis 800 Feiernde seien zu diesem Zeitpunkt noch auf dem Opernplatz gewesen. 40 Leute seien festgenommen, etliche Polizisten seien verletzt worden. Das Gros der Festgenommenen sei aus dem Umland angereist, die meisten von ihnen hätten einen Migrationshintergrund und seien bereits wegen anderer Straftaten in Erscheinung getreten. Die Stadt Frankfurt reagierte mit einem „Betretungsverbot“ auf die Ereignisse: An Wochenenden werde der Opernplatz bis auf Weiteres nach Mitternacht gesperrt. Auch über ein Alkoholverbot werde man nachdenken. Diese Maßnahmen erinnern an das Verhalten jenes antiken Seehelden, der, als er bei seiner Heimkehr die Gattin beim Beischlaf mit einem Liebhaber antrifft, die Bettstatt aus dem Haus entfernen lässt, auf dem die illegitime Paarung stattgefunden hat.

Palliative lindern laut Wörterbuch die Symptome einer Krankheit, ohne ihre Ursachen anzugreifen: Es sind Notbehelfe mit vorübergehender Wirkung, Ausdruck einer gewissen Rat- und Hilflosigkeit. Palliative im Bereich der Innenpolitik einsetzen, heißt: Statt auf Abhilfe zu sinnen und grundlegende Veränderungen der Lage der Menschen anzustreben und durchzusetzen, wird die Polizeipräsenz verstärkt und die innere Sicherheit militarisiert. Staat und Gesellschaft lassen es sich wieder einmal etwas kosten, die Ursachen der Gewalt bestehen zu lassen und ihre Folgen repressiv zu bekämpfen. Kriminell wird man nicht, weil man einen Migrationshintergrund aufweist, sondern viele vor allem junge Migranten in eine soziale Lage geraten, die die Entstehung von Kriminalität begünstigt. Sentimentalität ist im Umgang mit Straftätern und Kriminalität schädlich und versperrt den Zugang zu möglichen Lösungsstrategien. Sie nutzt weder den Straftätern noch der Gesellschaft, die auf sie reagieren muss. Wir müssen uns also fragen: Wie ist die Lage der Migranten? Welche kriminogenen (das heißt die Entstehung von Kriminalität begünstigenden) Faktoren bringt sie mit sich? Speziell: Wie ist die Lage zugewanderter junger Männer? Was an ihrer Lage begünstigt die Begehung von Straftaten? Ich nenne nur ein paar Stichworte: Viele junge Migranten leben im Zustand einer permanenten Frustration: Sie werden tagein-tagaus mit Bildern des Luxus vollgestopft und gleichzeitig verfügen sie nicht über die Mittel, um die Gegenstände auf legalem Weg erwerben zu können. Sie sehen all die Dinge, die sie gern besäßen, aber sie sind durch Schaufensterglas von ihnen getrennt und finanziell weit außerhalb ihrer Möglichkeiten. Deutschland erscheint als ein Land, in dem es alles gibt, aber nicht für sie und Ihresgleichen. Und schließlich sollten wir fragen: Was kann die aufnehmende Gesellschaft tun, um diese Risiken zu verringern? Wie könnte ein vernünftiger Weg zwischen der Scylla der Bagatellisierung und der Charybdis der Panikmache aussehen? Vor allem dürfen wir die mit der Migration verbundenen Kriminalitätsrisiken nicht ignorieren, weil dieses Ausblenden von der politischen Rechten gnadenlos ausgeschlachtet wird.

Ich halte die Unterscheidung zwischen friedlich feiernden „guten“ und randalierenden „bösen“ (und migrantischen) Partyteilnehmern für problematisch und falsch. Es ist an der Zeit, über das „Party-Machen“ und „Feiern“ selbst zu reden. Die Partyszene besitzt kein Immunsystem, das sie vor dem Eindringen „böser“ Randalierer und Gewalttäter schützt. Es sind nicht gemeinsame Ideen und Ziele, die diese Szene eint, sondern das Partymachen ist Selbstzweck. Die Partyszene ist Teil der Konsumkultur, die ihrem Wesen nach nihilistisch ist, das heißt, die hat keine Werte und Ideale. Es ist kein Zufall, dass die Randalierer und Krawallanten ihre Nähe suchen. Sie wissen, dass die Partyszene über keine Abstoßungskräfte verfügt. Das Feiern hat keinen Sinn, und aus dieser Entleerung und Sinnlosigkeit steigt die Gewalt auf. Oskar Negt hat in seinem 1997 erschienenen Buch Kindheit und Schule in einer Welt der Umbrüche bereits darauf hingewiesen, dass es einen Zusammenhang zwischen Utopieverlust und diffuser Gewalt gibt: „Kinder und Jugendliche, die gesellschaftlich-geschichtlicher Ideale beraubt sind, werden nicht nur in ihrem Wachstum behindert, sondern auch in ihren Lebenseinstellungen entmutigt und auf Ersatzgefühle gedrängt. Utopien mögen für realitätstüchtig gewordene Erwachsene wenig Bedeutung haben, für Kinder und Jugendliche und deren Reifungsprozess sind sie lebenswichtig. Diffuse Gewalt, das rebellische Umsichschlagen gegen Raumumzäunungen, welche die gute Gesellschaft und die säuberliche Ordnung bestimmen, kann Ausdruck einer Lebenskraft sein, der die gesellschaftlichen Ideale fehlen.“ In den vom Neoliberalismus beherrschten Gesellschaften hat sich ein steinerner Realismus breitgemacht, der jugendliche Suchbewegungen nach Sinn und Orientierung ins Leere gehen lässt. Träume und Wünsche finden keinen politischen Ausdruck, sondern ziehen sich ins Private zurück, wo sie sich verbarrikadieren und die merkwürdigsten Sumpfblüten hervorbringen. Es fehlt eine regulative Idee, die den frei-flottierenden Sehnsüchten eine emanzipatorische Richtung weisen könnte. Mit welchen Argumenten und im Namen welcher Werte sollte ein feierwütiger Hipster einem auf Krawall gebürsteten jungen Mann entgegentreten? Außer „Spaßhaben“ kennt der Feierwütige nichts. Was also soll er einem erwidern, der behauptet, ihm mache das Bewerfen von Polizisten mit Glasflaschen Spaß? Da ist nichts außer einer großen inneren Leere, die wiederum die Verinnerlichung der Leere der Konsumgesellschaft ist. Der Beifall, der den Flaschenwerfern vom verbliebenen Partyvolk gespendet wurde, zeugt davon, dass die Randalierer nicht als Fremdkörper erlebt wurden, sondern eher als militante Avantgarde.

Ich bin inzwischen in einem Alter, in dem Sätze immer öfter mit einem „Früher“ beginnen. Auch dieser Satz beginnt so: Früher waren Feste eine Unterbrechung des mühevollen und arbeitsreichen Lebens und hatten einen besonderen Anlass und eine Form. Heute ist Feiern und Partymachen im Begriff, zur dominanten Lebensform zu werden. Würde man heutige Feiernde fragen: „Was feiert ihr denn hier?“, würde man wahrscheinlich verständnislos angeschaut. Oder man erhielte eine zeitgenössische Fassung der cartesianischen Seinsgewissheit zur Antwort: „Celebramus, ergo sumus“, zu der das Partyvolk die konsumistische Fassung „consumo, ergo sum“ weiterentwickelt hat. Darin drückt sich eine objektive Tendenz aus. Der Kapitalismus benötigt die Menschen nicht mehr in erster Linie als Arbeitskräfte, sondern als Konsumenten. Die für die Produktion überflüssig gewordenen Menschen sollen einkaufen und Daten produzieren, das ist alles. Askese und Puritanismus sind passé, Behinderungen eines entfesselten und hemmungslosen Konsums. Max Weber würde jedenfalls heute nicht mehr auf die Idee kommen können, im Herz des Kapitalismus den Puritanismus auszumachen. Würde ein hinreichend großer Teil der Bevölkerung sich an den asketischen Maximen des Puritanismus orientieren, wäre ein auf den Massenabsatz von Waren angewiesenes System schnell am Ende.

Vor ein paar Tagen sagte in der Sendung Kontraste eine Barfrau, die im Winter in Ischgl, im Sommer am Goldstrand in Bulgarien, zwei Hotspots der Partyszene, arbeitet, es gebe ihrer Meinung nach ein „Recht auf Party“. Es hat nur noch gefehlt, dass sie von einem Menschenrecht auf Party spricht. Feiern ist keine transitorische Entregelung der Sinne, sondern Rausch und Extase als Dauerzustand und Normalfall. Es sind sinnentleerte und wahrheitsvergessene Exzesse der Konsumgesellschaft, in denen sie sich und ihre eigene Leere feiert. Die permanente Reklame der Selbstverwirklichung fördert ein Dasein in der Unmittelbarkeit, die in einer repressiven Gesellschaft im Hegelschen Sinn nur schlechte Unmittelbarkeit sein kann. Herbert Marcuse hat diese Tendenzen früh heraufziehen sehen und uns Linken ins Stammbuch geschrieben, dass die mit dieser Art von Selbstverwirklichung einhergehende Entsublimierung insofern selbst repressiv ist, als sie die Notwendigkeit und Macht des Intellekts schwächt und jenes unglückliche Bewusstsein untergräbt, das zum Katalysator der Revolte werden kann. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Nichts gegen das Feiern, wenn es wirklich etwas zu feiern gibt und das Feiern Teil einer befreienden Praxis ist. Ich sah dieser Tage Bilder davon, wie das chilenische Volk den Wahlsieg Salvador Allendes und der Unidad Popular im Jahr 1970 feierte. Der Traum der Freiheit machte die Menschen freundlich, die Gesichter offen und die Augen strahlend. Öffentliches Glück, nicht das heutige Amüsement, das von Unterwerfung zeugt und mit dem real existierenden massenhaften Unglück problemlos koexistiert.

Nochmal zurück zur Inschrift über dem Eingang der Alten Oper. Das Wahre, Gute und Schöne müssen sich, wenn sie sich nicht in einem bildungsbürgerlichen Gestus – „tatenarm und gedankenvoll“, wie Hölderlin spottete – erschöpfen sollen, an einem tiefen Punkt berühren, sonst bleiben alle Teile als beschädigte und mit Defiziten behaftete zurück. Will sagen: Spaß ohne Berührung mit Wahrheit und Schönheit ist leer und verlogen. Und vor allem: Aus purem Hedonismus – ohne Bezug auf Wahrheit – lässt sich kein Argument gegen Gewalt und Mord herleiten. Auch einer Faschisierung hätte diese Szene inhaltlich nichts entgegenzusetzen. Man findet die Rechtsradikalen bestenfalls uncool, unsexy und prolo, sonst stehen diesen Leuten keine Kategorien zur Verfügung. Insofern gehören das Feiern und Partymachen zu den „Ethiziden“, von denen John Berger gesprochen hat, die mit dafür verantwortlich sind, dass es um die Werte, die angeblich unser Zusammenleben bestimmen, so schlecht bestellt ist. (Siehe Teil 4 von Götz Eisenbergs Durchhalteprosa)

Hören wir zum Schluss noch einmal Herbert Marcuse: „ … es gibt Situationen, in denen der Spaß danebengeht, in jedem Sinn albern wird, weil er von politischer Ohnmacht zeugt. … Natürlich soll man tun, wozu man Lust hat; aber im Augenblick geht es darum, zu begreifen, dass nicht irgendetwas genügt; dass es vielmehr auf Dinge ankommt, die von der Intelligenz und Sinnlichkeit von Männern und Frauen zeugen, die zu mehr fähig sind als dazu, zu tun, wozu sie Lust haben; die unter ihresgleichen für eine Gesellschaft ohne Ausbeutung leben und arbeiten.“

Der hier veröffentliche Text stammt aus Teil 5 von Götz Eisenbergs Durchhalteprosa, die im Online-Magazin der GEW Ansbach erscheint.

Titelbild: Pradeep Thomas Thundiyil/shutterstock.com

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