Arme Schweine. Eine Knochenmühle ist das System Tönnies für Tier und Mensch.
Arme Schweine. Eine Knochenmühle ist das System Tönnies für Tier und Mensch.

Arme Schweine. Eine Knochenmühle ist das System Tönnies für Tier und Mensch.

Ein Artikel von: Redaktion

Besser arbeiten und „schöner wohnen“ mit Tönnies? Seit die Schlachthäuser des größten deutschen Fleischfabrikanten als Corona-Hotspots in die Schlagzeilen geraten sind, präsentiert sich Firmenboss Clemens Tönnies als Geläuterter: Werkverträge weg, Festanstellung für alle und lauschige Apartments statt Lagerhaltung. Aber wie echt und nachhaltig ist der Sinneswandel? Elmar Wigand von der „Aktion gegen Arbeitsunrecht“ traut den schönen Versprechen nicht. Im Interview mit den NachDenkSeiten rechnet er ab mit einem Geschäftsmodell, das außer den Machern nur Verlierer produziert – und eigentlich ein Fall für die Justiz sein müsste. Mit ihm sprach Ralf Wurzbacher.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Zur Person

Elmar Wigand
Foto: Aktion gegen Arbeitsunrecht

Elmar Wigand, Jahrgang 1968, ist Sprecher der „Aktion gegen Arbeitsunrecht – Initiative für Demokratie in Wirtschaft & Betrieb“. Der 2014 gegründete Verein mit Sitz in Köln leistet laut Eigendarstellung Aufklärungsarbeit und Kampagnenführung gegen aggressive Arbeitgeber und deren Netzwerke und berät Betriebsräte und Gewerkschafter in strategischer Konfliktführung. Den zugehörigen Blog arbeitsunrecht.de betreibt Wigand unter anderem mit dem Journalisten und Publizisten Werner Rügemer und der Campaignerin Jessica Reisner.


Herr Wigand, wie unlängst das „Handelsblatt“ berichtete, buhlt das US-Onlineversandhaus Amazon um Beschäftigte des deutschen Schlachtereigiganten Tönnies. Amazon suche demnach für seinen neuen Logistikstandort in Oelde noch 500 Versandmitarbeiter und werbe mit Flugblättern und Radiospots im Kreis Gütersloh gezielt um Abwanderungswillige des nahen Tönnies-Stammwerks in Rheda-Wiedenbrück. Würden Sie den Betroffenen zum Wechsel raten?

Der Beitrag im „Handelsblatt“ ist von atemberaubender Unkenntnis. Ich vermute, dass hier keinerlei Eigenrecherche betrieben wurde, sondern nur die PR-Abteilung von Tönnies und zwei Gewerkschaftssekretäre von Ver.di und der NGG geredet haben. Tönnies jammert jetzt herum, dass ohne Werkverträge die Arbeitskräfte knapp würden. Ich dachte, wir leben in einer Marktwirtschaft. Dann müssten sie halt mehr zahlen und vor allem bessere Bedingungen schaffen! Aber wie auf magische Weise gelten die angeblichen Marktgesetze wohl nicht, wenn es um Lohndumping geht.

Sie zweifeln also an der Geschichte?

Dass rumänische Wanderarbeiterinnen und -arbeiter jetzt durch Amazon angeworben werden, glaube ich erst, wenn sie mit Flyern auf Rumänisch angesprochen werden. Die Arbeit für Amazon erscheint mir weitaus anspruchsvoller als die für Tönnies. Da sind gute Deutschkenntnisse und eine Vertrautheit mit hiesigen Gepflogenheiten sicher von Vorteil: um die Waren zu unterscheiden und die komplizierten, ständig wechselnden Vorgaben des Managements zu verstehen. Amazon sucht weltweit bevorzugt ehemalige Soldaten und Soldatinnen. Zwar werden die Leute auch verheizt und rennen sich die Hacken wund, werden krank, stehen unter extremer Überwachung und Leistungskontrolle, aber doch auf ganz andere Weise als am Fließband der industriellen Fleischproduktion.

Soll heißen: Schweineschlachten ist schlimmer?

Na klar. Das ist extrem gesundheitsgefährdend. Da wäre die Temperatur: Das Fleisch darf laut EU-Verordnung nicht wärmer als drei Grad Celsius werden, die Raumtemperatur darf zwölf Grad nicht überschreiten. Wenn draußen 30 Grad herrschen und in der Kantine Zimmertemperatur, muss der Körper täglich durch drei Klimazonen. Daher sind Gicht und multiple Sklerose typische Berufskrankheiten von Fleischern. Dann ist die Arbeit – Töten, Zerschneiden, Entbeinen – grausam und psychisch belastend. Und gefährlich dazu. Die Leute müssen mit scharfen Messern unter großem Zeitdruck arbeiten und schneiden sich dabei häufig. Das ist schon etwas anderes, als bei Zimmertemperatur Bücher, CDs und Elektronik zu kommissionieren. Bei Amazon leiden die Beschäftigten durch das extrem viele Herumlaufen eher an orthopädischen Schäden und Stresssymptomen.

Also wäre man bei Amazon immer noch besser aufgehoben …

Die Lage in der Region Warendorf, aus der ich selbst stamme, ist so: Trotz Arbeitslosigkeit und Strukturwandel – etwa die endgültige Zechenschließung in Ahlen 1999, Rückgang der Stahlindustrie, der Möbel- und Schuhproduktion, des Maschinenbaus – ist für Einheimische die Arbeit bei Tönnies nicht attraktiv. Das ist ein Durchlauferhitzer für osteuropäische Wanderarbeiter. Tönnies investiert ja längst in Serbien und China. Auf Dauer wird er dorthin abwandern, wo er seinen wichtigsten Rohstoff findet: billige Arbeit.

Wobei es darauf auch Amazon abgesehen hat?

Ja, auf gewisse Weise gleichen sich Amazon und Tönnies auch: Beide sind Knochenmühlen und beide waren Corona-Hotspots. Bereits im März 2020 streikten Beschäftigte in Mailand und Long Island, New York, gegen mangelhafte Covid-19-Schutzbestimmungen. In Frankreich erzwang eine Gewerkschaft im April die Schließung von sechs Amazon-Logistikzentren. Amazon fördert wie Tönnies durch Belohnen und Strafen gezielt Präsentismus – also dass Beschäftigte krank zur Arbeit gehen.

Aber um sich einen Tönnies-Job anzutun, um das ein paar Monate auszuhalten, muss ein gewisses Maß an Verelendung und Hoffnungslosigkeit vorhanden sein, das im Kreis Warendorf nicht erreicht ist. Nach meiner Prognose verlässt Tönnies Deutschland irgendwann, wenn der Konzern nicht gar zerschlagen wird oder wie ein Kartenhaus einstürzt. Und dann geht noch einmal ein großer Bocksgesang los. Die Arbeitsplätze! Aber um diese Art von Arbeit mit 80 Prozent sogenannten Werkverträgen ist es wirklich nicht schade.

Warum sagen Sie „sogenannte“ Werkverträge?

Der wichtigste Punkt ist zur „Qualitätspresse“ noch gar nicht durchgedrungen. Bei Tönnies angeblichen Werkverträgen handelt es sich um illegale Arbeitnehmerüberlassung, also um verdeckte Leiharbeit.

Das müssen Sie erläutern. Es sind ja gerade diese Werkverträge, die jetzt etwa Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) als großes Übel erkannt hat und weshalb die Bundesregierung sich anschickt, sie aus der Fleischindustrie zu verbannen. Allerdings kommt das in der Diskussion so rüber, als werde hier ein zwar übles, aber bisher legales Instrument unschädlich gemacht. Dem ist nicht so?

Der Bundesarbeitsminister und seine Länderkollegen wollen offenbar mit dem Verbot von Werkverträgen und Leiharbeit in der Fleischindustrie eine Art Generalamnestie für systematische Verstöße gegen das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz (AÜG) verbinden. Eigentlich müsste Clemens Tönnies als haftender Generalunternehmer in den Knast. Die sogenannten Werkverträge, die bei ihm rund 80 Prozent der Arbeitsverhältnisse ausmachten, waren unter Anlegung der Bestimmungen der Bundesagentur für Arbeit (BA) im Kern illegale Arbeitnehmerüberlassung.

Was besagt das BA-Regelwerk?

Gleich mehrere zentrale Kriterien eines Werkvertrags waren bei Tönnies nicht erfüllt: eigene Produktionsanlagen und Werkzeuge, eigenständige Arbeitsleistung, Weisungsbefugnis, unternehmerisches Risiko, erfolgsorientierte Abrechnung. Hier haben sich findige Juristen zwar das Konstrukt „On-Site-Werkverträge“ einfallen lassen. Aber das ist bei kurzer Betrachtung selbst für Laien schon als Bullshit erkennbar. Ein starkes Indiz: Tönnies und sein PR-Mann André Vielstädte sprechen in ihren Verlautbarungen selbst immer über „unsere Mitarbeiter“, wenn sie über die Wanderarbeiter reden.

Der Skandal im Skandal ist, dass dieser Betrug jahrelang massenhaft durchgegangen ist. Da müssen sich auch die zuständige Gewerkschaft oder EU-Projekte wie „faire Mobilität“ an die Nase fassen. Die waren jahrelang damit befasst. Warum skandalisierte das niemand? Stattdessen ging es butterweich gegen einen „Missbrauch“ von Werkverträgen und für „Werkfairträge“. Au backe!
Wir haben uns jetzt vorgenommen, in diese Eiterbeule zu pieken.

Welches Strafmaß drohte Clemens Tönnies, würde sich die Justiz seines Falles annehmen?

Verstöße gegen das AÜG sind leider nur Ordnungswidrigkeiten. Aber: Den Arbeiterinnen und Arbeitern wurde hier massenhaft und jahrelang Lohn geraubt – also gesetzlich vorgeschriebenes Equal-Pay in der Leiharbeit, also gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Möglicherweise wurde ihnen gar eine Festanstellung vorenthalten. In der Folge dieses Lohnraubs kam es zur Hinterziehung von Lohnsteuern und Sozialabgaben in Millionenhöhe. Da kommen vermutlich Summen zusammen, für die ein anderer Wurstfabrikant und Fußballboss namens Uli Hoeneß damals – wegen Steuerhinterziehung – ins Gefängnis musste.

Wie aussichtsreich ist es, dass auch Tönnies zur Verantwortung gezogen wird?

Tönnies wankt. Er ist durch massive Proteste von verschiedensten Seiten zur Persona non grata geworden. Aufstrebende Politiker wollen nicht mehr mit ihm fotografiert werden. Wer wie Armin Laschet Bundeskanzler werden will, kann Bilder von Karnevalssitzungen mit Clemens Tönnies nicht gebrauchen. Dass die Fans von Schalke 04 ihn Ende Juni 2020 endlich als Aufsichtsratsvorsitzenden losgeworden sind, ist ein weiteres Indiz. Glückwunsch dazu! Vielleicht kommt der Punkt, an dem sich die eigene Meute irgendwann gegen ihn wendet, ihn ausschließt. Ich kenne mich in diesem Milieu nicht allzu gut aus, aber ich denke da an den gelernten Maurer Josef Esch, der als Baulöwe den Kölner Oppenheim-Esch-Fonds dirigierte.

Wer konkret könnte Clemens Tönnies fallen lassen?

Wer da bei Staatsanwaltschaften und im Justizministerium jahrelang die schützende Hand über Tönnies gehalten hat, ist mir unklar, auch welche Leichen da im Keller liegen, welche Seilschaften bestehen mögen. Ebenso interessiert mich die Frage, wo eigentlich das Geld herkam, mit dem Bernd Tönnies, der Bruder von Clemens, aus einer familiären Metzgerei in Rheda-Wiedenbrück einen Weltkonzern machte. Das geht normalerweise nicht ohne Risikoinvestment, aber die klassischen Finanzinvestoren wie Fonds oder Banken fehlten hier offenbar.

Welche Rolle spielte und spielt die Politik bei all dem? Wie Sie sagten, ist Tönnies bei den Regierenden in Nordrhein-Westfalen unten durch. Zum Beispiel wurde ja sein Antrag auf Lohnkostenerstattung wegen der behördlichen Schließung seines Hauptwerks infolge der massenhaften Corona-Infektionen durch Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) brüsk zurückgewiesen.

Der Gütersloher Landrat Sven-Georg Adenauer galt jahrelang als Tönnies` Schoßhündchen. Hier wurde alles durchgewunken: Schlachthoferweiterung, Abwasser, Nitratverschmutzung der Ems, eigener Autobahnzubringer an der A2. Alles null problemo. Man war stolz und profitierte womöglich von staatlichen Zuwendungen an Kommunen und den Kreis. Interessanterweise gibt es aber gerade im katholischen Milieu Widerstand. Da ist etwa Prälat Peter Kossen, der als Priester in Vechta das Elend der Wanderarbeiter in der Region Oldenburg mitansehen musste und zu einer Art Galionsfigur des Widerstands geworden ist. Zusammen mit dem Münsteraner CDU-Bundestagsabgeordneten Karl Schiewerling konnte er bewirken, dass der Bundestag am 1. Juni 2017 das „Gesetz zur Sicherung von Arbeitnehmerrechten in der Fleischwirtschaft“ (GSA Fleisch) verabschiedet hat.

Das Gesetz blieb zwar weitgehend unbekannt und wirkungslos, so wie auch die kommenden Gesetze zur angeblichen Abschaffung von Werkverträgen und Leiharbeit in der Fleischindustrie leicht umgangen werden können. Aber die staatlich-politische Phalanx um Tönnies begann zu bröckeln. Jetzt spuckt selbst der Adenauer-Enkel Sven-Georg markige Töne. Man werde Tönnies „die Rechnung präsentieren“ und er glaube, der Konzern sei zu groß geworden.

Denken Sie, das sind mehr als nur Empörungsgesten, die nach dem Ende der Corona-Krise wieder vergessen sind?

Wir müssen den öffentlichen Druck aufrechterhalten und auch mit der Recherche kontinuierlich dranbleiben. Jetzt gilt es, die Verantwortlichen wie NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) beim Wort zu nehmen. Er muss sich jetzt überlegen, ob er Teil der Lösung sein möchte oder ob er Teil des Problems ist. Einerseits hat Laumann bereits 2019 intensive Kontrollen in Schlachthöfen veranlasst. Damit hat er schon mehr gemacht als sein Amtsvorgänger Guntram Schneider von der SPD. Andererseits fragen wir uns, welche Ergebnisse und Konsequenzen diese Kontrollen denn nun hatten. Da kam nicht mehr viel. Genauer gesagt: nix.

Was folgt daraus?

Wir haben eine Petition an Laumann gestartet, die genau diese Frage stellt: Wollen Sie Teil der Lösung sein, oder sind sie Teil des Problems? Außerdem machen wir am kommenden Freitag, 11. September 2020, ab 18 Uhr eine Demo ab dem Düsseldorfer Hauptbahnhof durch die Innenstadt. Meine Organisation, Aktion gegen Arbeitsunrecht, hat Mietwucher und Schein-Werkverträge sowie eidesstattliche Falschaussagen von Subunternehmen bei den Behörden angezeigt. Auch hier bislang ohne Ergebnisse.

Auffällig ist der Eifer, den NRW-Behörden bei der Bekämpfung der sogenannten „Clan-Kriminalität“ an den Tag legen. Wenn es um Familien aus dem arabischen oder türkischen Raum geht, lässt CDU-Innenminister Herbert Reul die Muskeln spielen – und befeuert meines Erachtens bewusst rassistische Diskurse. Die Razzien finden nicht zufällig in Shishabars statt, als hätte es die Morde von Hanau nie gegeben. Wir würden uns ein ähnliches Engagement gegen den Tönnies-Clan und seine Subunternehmer wünschen. Und das meine ich keineswegs provokativ: Die rumänischen Schlepper, die Leute aus Transsylvanien oder Moldau anlocken und an die Fließbänder schleusen, weisen durchaus mafiaähnliche Strukturen auf.

Nun scheint sich Tönnies ja immerhin von seinem Beschäftigungsmodell verabschieden zu wollen. Bis Mitte September will er 1.000 seiner bisherigen Werkvertragsarbeiter fest in den Konzern eingliedern, bis zum Jahresende sogar ausnahmslos alle. Wäre das kein Fortschritt?

Das Schlupfloch heißt „sachgrundlose Befristung“. Scheinwerkverträge und Leiharbeit können mit Hilfe von Kettenbefristung mühelos in scheinbare Festanstellung umgewandelt werden. Deshalb müssen nach unserer Überzeugung sachgrundlose Befristungen und Kettenbefristungen ebenfalls verboten werden. Andrea Nahles wollte das als Arbeitsministerin 2018 schon durchsetzen, scheiterte aber leider damit. Das wäre mal ein richtiger Coup geworden, der die SPD nach vorn gebracht hätte! Vielleicht hätte ich sie dann sogar gewählt (lacht).

Ende August 2020 hat Tönnies mit der Lazar GmbH einen Schlachtdienstleister übernommen, der ihm bisher – neben einem Dutzend anderen – Werkvertragsarbeiter gestellt hat. Eine Armada aus findigen Anwälten wird es so drehen, dass diese hauseigene Leiharbeitsagentur nicht als Fremdfirma gilt. Bisherige Subunternehmer werden vermutlich auf ähnliche Weise in das Firmengeflecht integriert.

Unser Gradmesser für demokratische, halbwegs erträgliche Arbeitsbedingungen sind aktive Betriebsräte und ernstzunehmende Tarifverträge. Und selbstverständlich müssen die Arbeitsbedingungen so gestaltet sein, dass die Beschäftigten es dort überhaupt längere Zeit aushalten können. Dazu braucht es intensive Kontrollen von außen und unabhängige Interessenvertreter, die von innen heraus auf die Einhaltung von Arbeitsstandards achten.

Sind Sie ähnlich skeptisch, was Tönnies neu entdecktes Engagement für bessere Wohn- und Lebensbedingungen seiner Beschäftigten angeht? Konkret will sein Unternehmen dafür rund 70 Häuser mit bis zu 1.500 Einheiten für bis zu 3.000 Bewohner errichten, um „günstige und gut ausgestattete Wohnungen nach einem festen Standard“ bereitzustellen.

Aus schäbigen Ghettos und baufälligen Bruchbuden werden jetzt so etwas wie Studentenwohnheime oder Plattenbausiedlungen. Das ist sicher eine Verbesserung. Aber es führt den industriellen Rassismus im Kern weiter fort. Denn auch dieses Prinzip beruht auf Segregation – Abgrenzung und Ausgrenzung. Wir fordern dezentralen, angemessenen Wohnraum. Problematisch ist es auch, wenn Arbeitgeber und Vermieter identisch sind oder wirtschaftlich verfilzt. Dann kann der Lohn durch erhöhte Mietzahlungen hintenherum gekürzt werden, zudem werden die Arbeiterinnen und Arbeiter noch stärker erpressbar, da sie nicht nur von Jobverlust, sondern auch gleich von Obdachlosigkeit bedroht werden, wenn sie bei Tönnies in Ungnade fallen.

Ist das „System Tönnies“ deckungsgleich mit dem „System Fleischwirtschaft“?

Tönnies setzt den Standard und gibt den Takt vor. Der Konzern ist nicht nur mit Abstand der größte deutsche Fleischproduzent. Das Unternehmen erzielte 2019 mit 6,65 Milliarden Euro mehr Umsatz als Vion und Westfleisch – also die Schlacht-Konzerne Nr. zwei und drei – zusammen. Tönnies hat auf seinem Gebiet eine ähnliche Marktmacht wie Amazon im Versand. Es lohnt sich einfach nicht mehr, selbst zu schlachten. Viele Wurstproduzenten lassen sich von Tönnies mit Rohmaterial beliefern. Auch beim türkischen Knoblauchwurstproduzenten Egetürk in Köln fahren Tönnies-Trucks durchs Werkstor. Wenn wir Tönnies boykottieren wollen, kratzen wir bei seinen Hausmarken Böklunder und Gutfried nur noch an der Oberfläche. Man weiß gar nicht mehr, wo überall Tönnies drin ist. Vermutlich muss man das gesamte Billigfleisch von Aldi, Lidl, Kaufland und Co. einfach meiden.

Wie sieht es jenseits der deutschen Landesgrenzen aus?

Tönnies, Westfleisch und Vion profitierten nicht nur von der Schließung kommunaler und genossenschaftlicher Schlachthöfe, durch das Preisdumping dieser Turboproduktion starben regionale Schlachthöfe in ganz Europa. Es ist ein Teufelskreislauf. Durch den Kollaps der regionalen Wirtschaft werden wiederum Arbeitskräfte, Tiere und Rohstoffe wie Futtermittel freigesetzt, die von den Schlachtfabriken begierig aufgesogen und wieder ausgespuckt werden. Man muss sich das vorstellen: 30.000 Schweine jeden Tag in Rehda-Wiedenbrück, 20.000 in Weißenfels! Mit ihren Billigprodukten zerstören sie das bisherige Gleichgewicht und schaffen sich ihre eigenen Grundlagen. Da jubeln die neoliberalen Ideologen: schöpferische Zerstörung! Leider ist das Endergebnis verheerend.

Was waren Ursachen und Grundlagen für diese Entwicklung?

Durch die Einführung der Hartz-Gesetze und die dramatische Absenkung des hiesigen Lohnniveaus ab 2003 gerieten auch Schlachthöfe in Frankreich, Belgien, Österreich zusehends in Bedrängnis. Der zweite Schlag war die EU-Osterweiterung um Rumänien und Bulgarien 2007, die ein riesiges Potential an frei verfügbaren Arbeitskräften erschloss. Deshalb haben Konkurrenten wie Danish Crown aus Dänemark und Vion aus den Niederlanden Standorte in Deutschland aufgebaut.

Weltweiter Vorreiter der Schlachtindustrie sind seit 1865 die USA, damals die Schlachthöfe von Chicago, die Union Stockyards. Hier wurde mit dem Fließband eine der wichtigsten Grundlagen der industriellen Produktion und der wissenschaftlich gestützten Ausbeutung und Entwertung handwerklicher Arbeit geschaffen. Diese Vorherrschaft haben die USA bis heute. Gegenüber dem US-Fleisch-Konzern Tyson Foods mit 42,4 Milliarden US-Dollar weltweitem Umsatz im Jahr 2019 ist Tönnies immer noch ein vergleichsweise kleiner Fisch. Aber auch Tönnies macht längst mehr Geld im Ausland. Während die Deutschen die Lust am Fleisch verlieren, liefert Tönnies nach Russland, China und sonstwohin.

Was wäre Ihre Perspektive? Wohin sollte es in Zukunft gehen?

Nötig wäre es, den irrsinnigen Import und Export von Tieren, Fleisch und Fleischwaren einzudämmen – allein schon wegen des ökologisch unverantwortbaren Transports. Zurück zu einer regionalen Wirtschaft. Das fordern neuerdings auch die Freien Wähler in Bayern. Im Freistaat gibt es im Gegensatz zu den traditionellen SPD-Bastionen Niedersachsen und NRW noch deutlich regionalere Strukturen. Beispielsweise leistet sich München als eine der letzten deutschen Großstädte immer noch einen kommunal betriebenen Schlachthof, während der Kölner Schlachthof nach 600-jähriger Geschichte 2010 dichtmachte.

Ich predige keinen Fleischverzicht, auch wenn ich die kulinarischen Leistungen von veganer und vegetarischer Küche immer mehr schätze, sondern einen bewussten Konsum, wie ihn die Landbevölkerung seit Jahrhunderten kannte: am Wochenende und an Festtagen. Dann aber Qualität und Genuss.

Wenn es demokratische, erträgliche und nachhaltige Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie geben würde, hätte sich das System Tönnies vermutlich bald von selbst erledigt. Dann würde Tönnies auswandern oder pleitegehen. Wenn der Konzern klug wäre, würde er sich von einem Fleischproduzenten zu einem Produzenten von günstigem, qualitativ hochwertigem Grillgut wandeln – also auch vegan und vegetarisch. Aber das dürfte einen Typen wie Clemens Tönnies überfordern. Der Konzern scheint von einem zwanghaft anmutenden Drang zur ständigen Expansion getrieben.

Titelbild: David Tadevosian / Shutterstock


Hinweis

„System Tönnies stoppen!“ Unterschriftenaktion und Demonstration der „Aktion gegen Arbeitsunrecht“ am 11. September in Düsseldorf. Beginn um 18 Uhr am Hauptbahnhof in Düsseldorf. Um 12.30 Uhr wird eine Petition an NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) übergeben, die hier unterzeichnet werden kann.