Politischer Kitsch – eine Rezension
Politischer Kitsch – eine Rezension

Politischer Kitsch – eine Rezension

Udo Brandes
Ein Artikel von Udo Brandes | Verantwortlicher: Redaktion

Deutschland versinkt in Rührseligkeit und politischem Kitsch. Das ist die These des Philosophen und Kultur- und Wissenschaftsjournalisten Alexander Grau, der beim politischen Magazin Cicero auch die Kolumne Grauzone schreibt. Udo Brandes hat sein Buch „Politischer Kitsch. Eine deutsche Spezialität“ für die NachDenkSeiten gelesen.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

„Es gibt ein Bedürfnis nach politischem Kitsch, sonst gäbe es ihn nicht“

Das ist der Befund von Alexander Grau. Gleich zu Anfang seines Buches schreibt er:

„Politischer Kitsch hat Hochkonjunktur. Sentimentale Worthülsen, penetrante Gefühligkeit, süßliche Bilder und betroffenheitsschwangere Gesten bestimmen den öffentlichen Diskurs. Die gesellschaftlichen Debatten sind geprägt von einer Mischung aus aggressiver Rührseligkeit, überspannter Empfindsamkeit und peinlichen Politritualen. Doch Konjunktur hat nur, was erfolgreich ist. Das bedeutet: Kitschige Politkommunikation wird häufig nicht als unpassend oder peinlich empfunden, sondern als authentisch und ehrlich. (…) Kitschige Kommunikation, so ist zu vermuten, gilt als Indiz für Menschlichkeit, echte Gefühle und Anteilnahme. Und Gefühle und Anteilnahme sind etwas, was Menschen zunehmend auch von Politikern erwarten. Kurz: Es gibt ein Bedürfnis nach politischem Kitsch, sonst gäbe es ihn nicht“ (S. 7-8).

Steinmeiers Kitschaktion

Stimmt dieser Befund von Alexander Grau? Ich glaube ja. Das jüngste Beispiel dazu lieferte erst kürzlich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ab. Er regte an, für die ca. 9300 am Corona-Virus Verstorbenen eine offizielle Gedenkstunde zu veranstalten. Laut Tagesschau sagte Steinmeier: „Der Corona-Tod ist ein einsamer Tod. Wir müssen den Menschen in ihrer Trauer helfen und darüber nachdenken, wie wir unser Mitgefühl ausdrücken können”. Da hätte ich dann doch ein paar Fragen: Warum wurde für die 25.000 Grippetoten in der Wintersaison 2017/18 keine Gedenkfeier veranstaltet? Ganz zu schweigen davon, dass es keinen Lock-Down, keinen Maskenzwang usw. gab, kurz: überhaupt keine Schutzmaßnahmen. Und das, obwohl das Virus trotz Impfung so viele Tote verursacht hat, also ebenfalls hochaggressiv gewesen sein muss. Und was ist mit den vielen Toten, die letztlich an Luftverschmutzung verstorben sind? Laut einer Studie des Max-Planck-Instituts an der Universität Mainz werden in Europa jährlich bis zu 800.000 Todesfälle durch den Feinstaub in der Luft verursacht. Was ist mit den Zehntausenden von Menschen, die jährlich an den Folgen von Infektionen sterben oder dadurch schwer versehrt werden (z. B. Amputationen), weil sie sich bei einer Behandlung im Krankenhaus einen sogenannten multiresistenten Krankenhauskeim eingefangen haben? Infektionen, die auch zustande kommen, weil die Krankenhäuser mit zu wenig Personal arbeiten müssen und unterfinanziert sind. Was ist mit den Menschen, die an den Folgen von Armuts- und Arbeitsstress sterben? (siehe dazu die aufschlussreiche Studie von Kate Picket und Richard Wilkinson: Gleichheit: Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind).

Mit anderen Worten: Steinmeier käme aus dem Gedenken gar nicht mehr heraus, wenn er all der Toten gedenken wollte. Vor allen Dingen müsste sich die politische Klasse andauernd entschuldigen wegen politischer Nichtstuerei. Kurz: Steinmeier hat nach meiner Meinung genau so, wie Alexander Grau es in seinem Buch beschrieben hat, die Gelegenheit zu einer rührselig-sentimentalen politischen Kitschaktion genutzt. Und das Schlimme ist: Er wird damit wahrscheinlich Erfolg haben und bei vielen Menschen politisch punkten können. Dass er tatsächlich von den ca. 9300 Toten gerührt ist, nehme ich ihm nicht eine Sekunde ab. Denn wenn er tatsächlich so ein empfindsames Gemüt wäre, hätte er schon längst gegen die Hartz-4-Gesetze Stellung bezogen. Tatsächlich ist er aber deren maßgeblicher politischer Architekt als Minister im Bundeskanzleramt unter Gerhard Schröder gewesen. Also: Architekt von Gesetzen, die objektiv schon vielen Menschen das Leben ruiniert haben. Und es dürften nicht wenige sein, die durch den chronischen Stress, den Hartz-4 verursacht, schwer krank wurden und vorzeitig starben. Dass dies keine phantasierten Zusammenhänge sind, kann man wie schon erwähnt in der oben genannten Studie von Picket und Wilkinson nachlesen.

Politischer Kitsch: Ein Kampfinstrument

Politischer Kitsch, das wird aus diesem Beispiel deutlich, kann wunderbar genutzt werden, um Politik zu legitimieren oder politische Forderungen durchzusetzen. Man könnte auch sagen: Politischer Kitsch ist ein Kampfinstrument. Aber ein Kampfinstrument, das in einer Demokratie fehl am Platze ist. Alexander Grau führt dafür verschiedene Gründe an:

„ (….) wenn die Gesellschaft rhetorisch in einen andauernden Alarmzustand versetzt wird, wenn überspannte Emotionen und süßliches Pathos die öffentliche Debatte bestimmen, dann sind rationale Diskussionen kaum noch sinnvoll führbar. Dann dominieren von Aktivisten geschürte Affekte und Ressentiments die öffentlichen Diskussionen. Der Raum, der überhaupt noch als legitim empfundenen Meinungen wird permanent enger“ (S. 9-10).

Denn:

„Das kitschige Bewusstsein, will nicht verstehen, es will dazugehören und geborgen sein. Geborgen aber fühlt es sich nur in einer überschaubaren und geordneten Welt. Deshalb basiert der moralische Kitsch (den Grau als die Basis des politischen Kitsches sieht; UB) auf Komplexitätsreduktion. Für ihn gibt es nur Gut und Böse, Hell und Dunkel“ (S. 15).

Hier wäre aus meiner Sicht noch eines zu ergänzen: Grau spricht von „Aktivisten“ und hat wahrscheinlich ausschließlich linksliberale „zivilgesellschaftliche“ Organisationen vor Augen (Auf das Thema „Zivilgesellschaft“ komme ich gleich noch). Wie die jetzige Debatte um den Giftanschlag auf den russischen Oppositionspolitiker und Rechtsextremisten Nawalny zeigt (die rechtsextremistische Ideologie Nawalnys wird gerne von den deutschen Medien verschwiegen, deshalb sei hier darauf hingewiesen), sind es durchaus nicht nur „Aktivisten“, die mit „überspannten Emotionen“ den Raum legitimer Meinungen einengen, sondern auch das politische Establishment, Regierungen und vor allem: die großen öffentlich-rechtlichen und privaten Konzernmedien.

Graus Resümee:

„Das ist auch deshalb problematisch, weil politischer Kitsch unverkennbar autoritäre Politik zu legitimieren scheint“ (S.9).

Wohl wahr, kann man da nur sagen.

„Zivilgesellschaftliches Engagement“: Politischer Kitsch und ein einträgliches Geschäft

Vollkommen zu Recht kritisiert Grau den seit einigen Jahren in Mode gekommenen Begriff „Zivilgesellschaft“ und den ganzen Bohei darum:

„Da der demokratische Politikbetrieb aber auf Kompromissen beruht, auf der Organisation von Macht und einem berechnenden Zweckrationalismus, also auf etwas, was dem kitschigen Bewusstsein wesensfremd ist, formiert es sich gerne außerhalb staatlicher oder parteipolitischer Institutionen. Zumindest in postindustriellen Wohlstandsdemokratien wird politischer Kitsch weniger vom Staat organisiert und präsentiert, er ist viel mehr eine Kommunikationsform der ‚Zivilgesellschaft’ geworden, also einer gesellschaftlichen Struktur, deren Existenz und gebetsmühlenartige Beschwörung ihrerseits Produkt des kitschigen Bewusstseins ist. Hier, in der Zivilgesellschaft, also in imaginierter Gemeinschaft der politisch Erleuchteten, der Nichtkorrumpierten und Aufrechten, findet der moralische Kitsch seine ideale Agitationsform. Entsprechend organisiert er sich bevorzugt in Stiftungen, NGOs oder anderen Vereinen und Verbänden. Unbelastet von realpolitischen Erwägungen kann er hier seinem moralischen Maximalismus frönen“ (S. 15-16).

Ein Beispiel für so eine Organisation ist der Berliner Verein „Postkolonial e. V.“, der sich selbst als „zivilgesellschaftliches Bündnis Decolonize Berlin“ bezeichnet und vom Berliner Senat mit 3,5 Mio. Euro für seine Projekte beglückt wurde (siehe dazu den ironisch-bösen Kommentar des Historikers Götz Aly in der Berliner Zeitung). Man sieht: „Zivilgesellschaftliches Engagement“ ist ein einträgliches Geschäft.

Aus dem Wörterbuch des politischen Kitsches

Grau nennt einige Floskeln und Wortbildungen für politischen Kitsch. Zum Beispiel: „Wertegemeinschaft“, „Zeichen setzen“, „Gesicht zeigen“. Aber auch die Begriffe „Solidarität“ und „soziale Gerechtigkeit“. Bei den beiden zuletzt genannten Begriffen kann ich ihm nicht folgen. Es erschließt sich mir nicht, warum die Forderung nach „sozialer Gerechtigkeit“ politischer Kitsch sein soll. Ist es etwa kitschig, wenn ein Paketbote, der aufgrund eines ausgeklügelten Werkvertragssystems de facto zu einem Sklavenlohn und ohne soziale Absicherung arbeiten muss und massiv ausgebeutet wird, soziale Gerechtigkeit einfordert? Zumal er ja wirklich extrem hart arbeitet, was man von so manchem hoch bezahlten Manager (siehe David Graeber: Bullshit Jobs: Vom wahren Sinn der Arbeit) nicht behaupten kann. Aus der Perspektive eines Paketboten betrachtet ist soziale Gerechtigkeit schlicht eine dringende Notwendigkeit. Und eine vollkommen sachliche Forderung, die nichts mit Rührseligkeit zu tun hat. Wie aber kommt Grau zu der Ansicht, der Begriff „soziale Gerechtigkeit“ gehöre zu den Kitschvokabeln? Die Antwort ist einfach: Weil er ein Konservativer ist. Ein konservativer Bildungsbürger. Und die haben nun mal eine große Angst vor Umverteilung. Denn Politik ist ein Nullsummenspiel: Was dem einen gegeben wird, wird dem anderen genommen. Und wie ein berühmter Mann mal geschrieben hat: Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Deshalb darf man wohl voraussetzen, dass der konservativ argumentierende Grau zu den gut betuchteren Bildungsbürgern zählt und deshalb stets unangenehm berührt ist von der Forderung nach sozialer Gerechtigkeit. Denn sie könnte ihn ja was kosten.

In seiner historischen Analyse des politischen Kitsches kommt Grau zu einem Ergebnis, das ich ebenfalls fragwürdig finde. Er schreibt:

„Hinzu kam, dass dem Bürgertum in Gestalt des städtischen Proletariats ein direkter machtpolitischer und damit auch kultursoziologischer Konkurrent erwuchs. Die Arbeiterschaft erwies sich allerdings, bedingt durch ihre soziale Situation, den Verlust ländlicher Kultur und ihre Tätigkeit in fortschrittlichen Industrien, offen für ein radikal unsentimentales, materialistisch-monistisches Gedankengut. Die Vorstellung einer transzendenten Welt, von jenseitigen Wesen oder metaphysischen Entitäten verloren sich in stickigen Hinterhöfen und lärmenden Fabrikhallen. Ideologisch befand sich das Bürgertum somit eingekeilt zwischen einer weitgehend materialistisch orientierten Arbeiterschaft und dem Adel, der seine Stellung und sein Selbstverständnis religiös und metaphysisch legitimierte. Beide Positionen, sowohl der radikale Materialismus als auch die traditionelle, metaphysische Religiosität, waren mit bürgerlichen Interessen und Lebensvorstellungen nicht vereinbar“ (S. 43-44).

An dieser Stelle seines Buches hat Grau höchstselbst politischen Kitsch produziert, indem er ausgerechnet dem Bürgertum unterstellt, dass „radikaler Materialismus“ nicht mit dessen Interessen und Lebensvorstellungen vereinbar sei. Eine wirklich schöne Pointe! Ich habe schallend gelacht. Kleiner Tipp an Herrn Grau: Einfach mal die „Die Buddenbrooks“ von Thomas Mann lesen. Da wird auf allerhöchstem literarischen Niveau beschrieben, dass radikaler Materialismus nicht nur mit den Interessen und Vorstellungen des Bürgertums vereinbar ist, sondern dessen zentrales Handlungs- und Lebensmotiv ist.

Dies ändert aber nichts daran, dass Graus Analysen in ihrer Allgemeinheit grundsätzlich zutreffend sind. Im Konkreten wie gesagt allerdings nicht immer. Das ist überhaupt eine Schwäche seines Buches: Er beschreibt den politischen Kitsch fast nur allgemein ohne konkrete Beispiele. Wie etwa hier:

„Als Hochfeste des politischen Kitsches erweisen sich die Großveranstaltungen der Kirchen. Insbesondere die Kirchentage bedienen sich eines von penetranter Rührseligkeit triefenden Vokabulars, unerträglich sentimentaler Bilder, einer zutiefst einfältigen Sprache und einer gedanklichen Vereinfachung, die man erwachsenen Menschen zunächst kaum zutraut“ (S. 12-13).

Man hätte sich als Leser gewünscht, hier mal veranschaulichende Zitate lesen zu können. Also etwa Redeauszüge, Veranstaltungsbeschreibungen, Slogans auf Plakaten usw. Es ist mir ein Rätsel, warum Grau darauf verzichtet. War ihm die Recherche zu aufwendig? Oder ist ihm das Thema so vertraut und selbstverständlich, dass er gar nicht erst auf die Idee kommt, dem Leser seine Thesen auch einmal durch Beispiele zu verdeutlichen?

Damit wäre ich schon beim nächsten Kritikpunkt: Alexander Grau ist promovierter Philosoph. Das wiederum kann er bei seinen Lesern nicht voraussetzen. Ich unterstelle politischen Publizisten, dass sie eine möglichst große politische Wirkung erzielen wollen, wenn sie sich die Mühe machen, ein ganzes Buch zu schreiben. Aber Grau schreibt Sätze, bei denen man den Eindruck gewinnt, also ob ihm die Verständlichkeit und Breitenwirkung seines Essays gleichgültig wäre:

„Erfüllung findet das nach Orientierung strebende Subjekt der Spätmoderne daher im idiosynkratischen Erfühlen der Welt. Da man aber die Welt nicht erfühlen kann, sondern letztlich immer nur sich selbst, endet, was einmal als Aufklärung im Namen der Wissenschaften begann, in Empfindsamkeit und Eskapismus“ (S. 96).

Ich finde, es muss nicht sein, dass man für das Verstehen eines politischen Buches ein Fremdwörterbuch neben sich liegen haben muss. Mir ist zwar auch einiges an Fremdwörtern geläufig. Aber „idiosynkratisch“ musste auch ich nachschlagen (Idiosynkrasie bedeutet „heftige Abneigung, Widerwille“). Und es wird auch nicht jeder etwas mit den Begriffen „Spätmoderne“ und „Eskapismus“ anfangen können. Ich vermute, hier schimmert der Bildungsbürger durch, der sich gerne sozial abgrenzt und zu schade ist, sich dem „gemeinen Volk“ verständlich zu machen.

Wenn man von den genannten Schwächen absieht, ist das Buch aber durchaus lesenwert. Eine eindeutige Leseempfehlung möchte ich aber trotzdem nicht abgeben. Wäre dies eine Amazon-Rezension, würde ich drei von fünf möglichen Sternen vergeben.

Hier noch die Inhaltsangabe:

Inhalt

Vorwort

Einleitung

  1. Kitsch und Religion: Das kitschige Bewusstsein
  2. Die Erfindung des Kitsches
  3. Die Erfindung des politischen Kitsches
  4. Vom totalitären zum absoluten Kitsch
  5. Infantilisierung, Emotionalisierung, kitschiges Bewusstsein
  6. Eine deutsche Spezialität

Anmerkungen

Alexander Grau: Politischer Kitsch, Eine deutsche Spezialität, Claudius-Verlag, München 2019, 128 Seiten, 14,00 Euro.

Titelbild: Hanka Steidle / Shutterstock

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