Vom Talent, sich dumm zu stellen. Von Michael Ewert
Vom Talent, sich dumm zu stellen. Von Michael Ewert

Vom Talent, sich dumm zu stellen. Von Michael Ewert

Ein Artikel von Michael Ewert | Verantwortlicher: Redaktion

Vorbemerkung: Die NachDenkSeiten bringen diesen satirisch angelegten Denkanstoß, weil damit Hintergründe einer wichtigen Affäre, der handelnden Personen und der medialen Behandlung des Themas gut sichtbar werden. Albrecht Müller

In einer der nicht von ungefähr Talk-Show genannten TV-Sendungen („Anne Will“) wurde am 6. September der Alibi-Gast mit der abweichenden Meinung [*] von den anderen Teilnehmern harsch zurechtgewiesen. Jürgen Trittin fiel gar aus der Rolle.

Es ging um das so ziemlich unzuverlässigste Kampfgift der Welt, das berüchtigte Nowitschok, und den größten Tollpatsch unter den Machthabern, Wladimir Putin. Seine Rolle als chronischer Versager könnte einer Comedy-Serie entnommen sein. Schon 2018 schafften es die Skripals in England nach Kontakt mit einem Stoff, der menschliches Leben gemäß werksseitiger Anpreisungen nach nur flüchtigem Kontakt binnen Sekunden beenden soll, von der kontaminierten Türklinke ihres Hauses bis zu einer weit entfernten Parkanlage. Dort fand man sie auf einer Bank bewusstlos vor. Nicht einmal, dass sie schließlich spurlos verschwanden, kann sich Putin an seine Fahnen heften. Das war das Werk britischer Geheimdienste, von denen er einiges lernen könnte. Man denke an den einzigen Auftritt der Skripals nach ihrer Rettung: In einem Video leiert die Tochter wie unter Drogen stehend eine Erklärung herunter. Danach war Schluss!

Beim jetzigen Fall Navalny hat der Dilettantismus neue Höhen erklommen. Man greift sich einen Politiker der Opposition, der Putin soviel Kopfschmerzen bereitet wie ein Fahrrad, das in einem Moskauer Vorort umfällt. In einem Flugzeug treten bei ihm Vergiftungserscheinungen auf. Na gut, könnte man noch sagen, manchmal klebt die Seuche am Fuß und nichts klappt. Aber wieso hat man den Mann überhaupt ins Flugzeug steigen lassen? Ein Flugzeug ist ein öffentliches Verkehrsmittel. Öffentlich! Im Klartext: Das Ding kommt irgendwann an, und dann weiß Gott und die Welt, dass der eine Passagier, der nicht aussteigt, tot ist.

Was sich anschließend abspielte, kann nur so interpretiert werden, dass Russland drauf und dran ist, aus dem Leim zu gehen. Die eine Hand wusste nicht mehr, was die andere tat, und diese andere ließ das Flugzeug in Omsk zwischenlanden, den Patienten ins Krankenhaus bringen und von den dortigen Ärzten retten. Das war nicht alles. Jetzt verlor man völlig die Nerven und kümmerte sich nicht um die mit Nowitschok beschmierte Wasserflasche, die dann von einer „Begleiterin“ Navalnys, der (nicht einmal vernommenen) britischen Staatsangehörigen Maria Pevchikh, eingesammelt wurde, und ließ alle und alles samt dem Genesenen ins westliche Ausland ausfliegen.

Es war zwar beachtlich, präzise ausgerechnet zu haben, welcher Gegenstand wann von Navalny und nur von ihm berührt werden würde, aber die Tatsache, daß auch auf dem Weg von Sibirien bis zum Bundeswehr-Labor niemand durch das Gift zu Schaden kam, spricht Bände über die Zustände in Russland. Da ist der Westen von anderem Kaliber.

Am 17. September hat das EU-Parlament mit überwältigender Mehrheit wegen der Vorgänge um Navalny Sanktionen gegen Russland beschlossen. Auch die Kommentare von SZ, FAZ, taz über Zeit, Spiegel bis zu Sendern wie DLF waren wie aus einem Guss. Die sondersamen Details wurden zu einem Gesamtbild zusammengefügt mit einer Entschlossenheit, wie sie eine von sehr spezifischen Werten geprägte Gemeinschaft auszeichnet. Niemand dachte, so viel Blödheit ist nicht möglich, was nicht mit einer Ignoranz russischer Verhältnisse erklärt werden kann. Das ginge am Kern der Sache vorbei, wie sich bei Trittin, Opfer einer solchen Missdeutung (s. Ulrich Heyden, „Mord in Russland“ – Eine Replik, NachDenkSeiten 10. Sept. 2020), gezeigt hat.

Trittin wurde nicht nur vorgeworfen, keine Ahnung zu haben, worüber er redet. Das wäre noch in Ordnung. Aber mit dem Einwand, er, Trittin, habe einst dem linken Flügel der Grünen angehört, wurde suggeriert, er habe alte Positionen verraten. Das geht ins Persönliche und kann so nicht stehenbleiben.

Wie viele Grüne in der Riege des Führungspersonals gehörte Trittin mit dem Kommunistischen Bund einer der zahllosen leninistisch-trotzkistisch-stalinistisch-maoistischen Kaderorganisationen an (wie Reinhard Bütikofer, Winfried Kretschmann oder Ralf Fücks). Gemeinsamer Nenner ist ein frühes Rebellentum, das nichts mit einem revolutionären, kreativen Charakter zu tun hat. Paradebeispiel ist Joseph Fischer, der als „Sponti“ auf am Boden liegende Wehrlose eintrat und später (wie Daniel Cohn-Bendit) alles dafür tat, dass Zivilisten bombardiert wurden. Auch er blieb sich treu.

Das Verhältnis der Rebellen zur Außenwelt besteht in symbiotischen Bindungen, die erst zu machtlosen Schichten hergestellt werden und, sobald sich ein Sprungbrett anbietet, zu etablierten Kräften. Eigenes, selbstbewusstes Handeln steht nicht auf dem Plan, sondern die situationsbedingte Anpassung beim Aufstieg zur Machtelite. Dieses Streben prägt psychischen Haushalt und Auffassungsvermögen. Von hier aus ist nachvollziehbar, dass Trittin von Sevim Dagdelen verlangt, sie soll sich nicht dümmer stellen, als sie ist.

Trittin geht davon aus, seine von ihm und seinen „Mitdiskutanten“ einschließlich der „Moderatorin“ geteilte Ansicht der Abläufe in einem von ihnen imaginierten Absurdistan sei dermaßen schlüssig, dass auch ein Idiot sie nachvollziehen können müsse. Zur Untermauerung werden Vorfälle wie jetzt mit Navalny in eine Reihe vorangegangener Ereignisse gestellt. Die bislang erhobenen Anschuldigungen reichten zwar nicht aus, einen Ladendieb zu überführen, aber das spielt in der Propaganda keine Rolle. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht — man muss immer lügen, dann haben wir „ein Muster!“

Wer diese Logik nicht anerkennt, kann nur entweder von Bösartigkeit oder einem psychischen Defekt geprägt sein. „Analysen“ dieser Art ließ bereits Wladimir Lenin den Vertretern oppositioneller Ansichten angedeihen — vornehmlich an „Hysterie“ leidenden Frauen (wie Maria Spiridonowa). Diese scholastische Anmaßung hat Trittin seit seinen politischen Anfängen offenbar so stark verinnerlicht, dass ihm die methodologischen Voraussetzungen dafür, mindestens so dumm zu sein, wie er sich stellt, nicht zu Bewusstsein kommen.

Ein Freund sah auf einem Bob-Dylan-Konzert, wie sich jemand im vollbesetzten Auditorium von hinten durch die dichtgedrängt Stehenden bis an den Bühnenrand durchruderte. Er war sich sicher, dass es Trittin war. Alle Schweinchen sind gleich, aber manche sind gleicher. Das sind die Kader, die per se nicht links sind und es nie waren. Ihr ganzes Streben ist danach ausgerichtet, nach vorne in die erste Reihe zu gelangen — da, wo die Kettenhunde der Macht der Erteilung ihrer Aufgaben entgegenfiebern.

Man kann Trittin vieles vorwerfen, nicht aber die angemessene Berücksichtigung politisch dominierender Gesichtspunkte. Dieser Rahmen ist sicher kein Beleg, dass, so Immanuel Kant, „das beharrliche Fortschreiten des Menschengeschlechts zum Besseren […] möglich [ist]“ (zit. nach Klaus Reich, Einleitung, in: Kant, Der Streit der Fakultäten, hrg. von Klaus Reich, Hamburg 1959, XIX). Uns stünde es gleichwohl gut an, Trittin nicht unser Mitgefühl zu verweigern, dass über all die Jahre der Prozess hin zu einer reiferen Persönlichkeit spurlos an ihm vorbeigegangen ist.

Wenn an dem Gerede von Putins Schreckensherrschaft nur etwas dran ist, müsste die Chaotentruppe, die das Prozedere um Navalny zu verantworten hat, bereits in einem GuLag gelandet sein. Bei uns landet man mit einer Gesinnung von der Stange, die wie ein Maßanzug aufzutreten beliebt, auf dem Sessel einer Talkshow. Jeder Mensch mit einem Restverstand wird sich fragen, was als verheerender für die zivilisatorische Entwicklung einzuschätzen ist.

Titelbild: Herr Loeffler / shutterstock.com


[«*] Gemeint ist Sevim Dagdelen

Die NachDenkSeiten sind für eine kritische Meinungsbildung wichtig, das sagen uns sehr, sehr viele - aber sie kosten auch Geld und deshalb bitten wir Sie, liebe LeserInnen, um Ihre Unterstützung.
Herzlichen Dank!