+++ Trumps Corona-Infektion +++ Willkommen im medialen Gagaland
+++ Trumps Corona-Infektion +++ Willkommen im medialen Gagaland

+++ Trumps Corona-Infektion +++ Willkommen im medialen Gagaland

Jens Berger
Ein Artikel von: Jens Berger

Friedrich Merz, Boris Johnson, Jair Bolsonaro, Silvio Berlusconi und nun auch Donald Trump – wäre man zynisch, könnte man sagen, es gab schon Viren mit besserem Geschmack. Dass die Corona-Infektion des mächtigsten Mannes der Welt auch und vor allem die deutschen Medien in einen hysterischen Rausch versetzt, war ja leider zu erwarten. Trump plus Corona, die beiden Lieblingsthemen deutscher Medien in einer Story? Das lässt die Herzen der Qualitätsjournalisten schneller schlagen. Der SPIEGEL war derart begeistert, dass er (Stand 6. Oktober 10:00) bislang ganze 67 redaktionelle Artikel, unzählige Agenturmeldungen, zahlreiche Eilmeldungen und einen Ticker mit dem Namen „+++ Trumps Corona-Infektion +++“ zur präsidialen Infektion veröffentlichte, nur um sich heute auch noch ernsthaft über das „PR-Spektakel“ zu echauffieren. Doch dies ist nicht die einzige skurrile Randnotiz. Eine Polemik von Jens Berger.

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Sehen wir die ganze Debatte doch zunächst einmal kühl rational. Als an Covid-19 erkrankter Mann Mitte 70 hat Donald Trump eine statistische Überlebenswahrscheinlichkeit von 99,52%. Sieht man sein Übergewicht als „Vorerkrankung“, sind es immer noch 95,65%. Und diese Zahlen beziehen sich auf den Durchschnitt und nicht auf einen Patienten mit der wohl besten medizinischen Versorgung der Welt, dem sogar eine Behandlung mit experimentellen „monoklonaren Antikörpern“ zur Verfügung steht. Davon kann ein gleichaltriger Bewohner eines Trailerparks im mittleren Westen ohne Krankenversicherung natürlich nur träumen. Doch rationale Argumente dürfen natürlich keine Rolle spielen, wenn die Kommentatoren die Story des Jahres gewittert haben. Stattdessen spielte man wenige Stunden nach Trumps Krankmeldung via Twitter beim Redaktionsnetzwerk Deutschland bereits das Szenario durch, was nun passiert, wenn Trump stirbt, und der SPIEGEL sah sogar die Gefahr einer „Staatskrise“ – schließlich zeige der präsidiale Patient ja „leichte Symptome“.

Nachdem bereits am Freitag mehr geschrieben wurde, als zu schreiben war, füllten ab Samstag immer absurdere Nebenkriegsschauplätze die Zeilen. Wer hat wann was gewusst? Welcher Arzt sagt die Wahrheit? Wen hat Trump angesteckt? Die Botschaft dabei: Trump ist der „Superspreader Nr.1“ (Zitat Theo Sommer in der ZEIT). Irrtum ausgeschlossen. Die Möglichkeit, dass Trump – ein wenig pathetisch formuliert – nicht Täter, sondern Opfer sein könnte und bei einem der von den Medien akribisch aufgelisteten Events selbst angesteckt wurde, wurde nicht einmal thematisiert. Seltsam, irgendwoher muss Trump das Virus ja haben. Und wenn Trump schon der Täter ist, muss es ja auch Opfer geben und das sind nach Ansicht der Medien – welch Überraschung – natürlich allen voran die Journalisten. Mit denen haben Trump und seine „verseuchte“ Entourage nämlich – so munkeln es die Kommentatoren – sogar noch ohne Maske gesprochen, als sie womöglich bereits über ihr positives Testergebnis informiert waren. Ja, haben die Journalisten, die Trump tagtäglich für dessen sparsame Nutzung der Maske kritisieren, beim Zusammentreffen mit diesem potentiellen Superspreader keine Maske zum Eigenschutz getragen?

Vollends abstrus wurde die Berichterstattung am Montag, als Trump offenbar wieder so fit war, dass er sich mit seinem gepanzerten SUV an einem Spalier von jubelnden „guten Patrioten“ vor dem Krankenhaus vorbeifahren ließ und damit genau die Bilder produzierte, die sein Wahlkampf benötigt. Doch anstatt diese offensichtliche PR-Aktion zu analysieren, machten sich die Kommentatoren in den Medien nun ernste Sorgen um die Gesundheit der beiden Secret-Service-Agenten, die mit Trump im Wagen saßen. „Unverantwortlich“ sei das, so der mediale Tenor. Ein Präsident, der seine Mitarbeiter derart fahrlässig einer tödlichen Krankheit aussetzt! Nun ja, Trumps Agenten hatten – so zeigen es die Bilder – FFP-Masken und medizinische Schutzanzüge an. Nach dieser Logik wäre auch jede Krankenschwester, die einen Covid-Patienten behandelt, einer tödlichen Gefahr ausgesetzt. Überflüssig zu erwähnen, dass Krankenschwestern in deutschen Krankenhäusern schlechter mit Schutzkleidung ausgerüstet sind als die Leibwächter des US-Präsidenten. Ist Jens Spahn etwa auch „unverantwortlich“? Aber nicht doch.

Und überhaupt – wie kommt ein deutscher Journalist ernsthaft auf die Idee, dass ein US-Präsident nicht, ohne mit der Wimper zu zucken, Gesundheit und Leben seiner Untergebenen für gute Schlagzeilen opfern würde? Hat Bill Clinton seine „Jungs“ nicht in den Krieg und damit in den Tod geschickt, um von seiner sexuellen Übergriffigkeit auf eine Praktikantin abzulenken? Haben George W. Bush und Everybody’s Darling Barack Obama etwa nicht als oberste Befehlshaber tausende junge Untergebene für ihre Kriege geopfert? Ja, auch Donald Trump opfert Tag für Tag das Leben junger Amerikaner für die Kriege des US-Imperiums. Neu ist das nicht. Aber wehe, er fährt mit zwei gut geschützten Leibwächtern in einem Auto, die er mit einer Krankheit anstecken könnte, die für Menschen in dieser Altersgruppe nur unwesentlich gefährlicher als die Grippe ist – dann bricht das mediale Trommelfeuer der Entrüstung über ihn her. Das ist verlogen.

Mindestens ebenso verlogen ist die gespielte Sorge um mögliche Opfer aus der „Washingtoner Blase“, die sich beim Präsidenten der USA angesteckt haben könnten. Auch deren Leben habe er – so behaupten es zumindest die Medien – dadurch fahrlässig gefährdet, dass er sein Testergebnis zu spät bekanntgegeben habe und es ohnehin mit den „Hygieneregeln“ ja nicht so genau nehme. Waisen in Afghanistan oder Jemen, deren Eltern von Trumps Killerdrohnen zerfetzt wurden, wird da sicher eine Träne der Rührung durchs Knopfloch rinnen. Ein US-Präsident gilt offenbar nur dann als fahrlässiger Gefährder von Menschenleben, wenn es um Corona geht und die potentiellen Opfer amerikanische Spitzenpolitiker, Journalisten oder Spender sind, die für ein Treffen mit ihm zwischen 2.800 und 250.000 Dollar berappen. Was zählen da die zahllosen Opfer, die Trump und seine Vorgänger im Nahen und Mittleren Osten auf dem Kerbholz haben? Und die wurden von den US-Präsidenten zum großen Teil nicht einmal fahrlässig, sondern vorsätzlich umgebracht. Zu einer Eilmeldung oder einem Ticker auf spiegel.de werden es diese Opfer Trumps jedoch nie bringen.

Titelbild: Official White House Photo by Joyce N. Boghosian