„Meine Schwester wurde auf einen Wehrmacht-Lkw geworfen …
„Meine Schwester wurde auf einen Wehrmacht-Lkw geworfen …

„Meine Schwester wurde auf einen Wehrmacht-Lkw geworfen …

Ein Artikel von: Redaktion

… und dann vermutlich im KZ Ravensbrück vernichtet.“ – Vor kurzem habe ich den Berichterstatter dieses Vorgangs und Autor des Romans Geboren in der Hölle getroffen: Bojan Peroci, so der Name des Autors, hat ein spannendes und zugleich nachdenkliches Buch geschrieben. Die NachDenkSeiten stellen dieses Buch vor, obwohl es zu zwei Dritteln ein Roman und kein Sachbuch ist. Aber viele NachDenkSeiten-Leserinnen und -Leser werden mit der Geschichte wahrscheinlich einiges anzufangen wissen. In Bojan Perocis Text werden zwei zeitlich weit auseinanderliegende Vorgänge aufgegriffen: der Balkankrieg und der damit verbundene Partisanenkrieg zum einen und die spätere Gepflogenheit, dass die Nachkommen der von Deutschlands Kriegen betroffenen Völker im Südosten und Osten Europas bei uns die Täter und ihre Nachkommen pflegen. Albrecht Müller.

Das erste Viertel ist ein Bericht, jedenfalls weitgehend: Die damals 22-jährige Slowenin Bina ist zusammen mit ihrem 4-jährigen Bruder auf dem Weg nach Hause. In unmittelbarer Nähe eines Flusses und eines Schlosses im Umfeld von Novo mesto taucht ein Lkw der deutschen Wehrmacht und ein Wehrmachtoffizier im Beiwagen eines Motorrades auf. Die junge Frau wird auf Befehl des Offiziers von deutschen Soldaten auf den Lkw verfrachtet. Dort sind schon eine Reihe anderer Gefangener und wohl auch Kollaborateure. Bina wird, offenbar verraten von Mitbewohnern ihres Dorfes, verdächtigt, zu Partisanen Kontakt zu haben. Das trifft offensichtlich zu. Binas Mann ist in den Partisanenuntergrund verschwunden. Die junge slowenische Frau wird mit dem Lkw in die nächste berüchtigte Polizeistation gebracht und dort verhört. Im Laufe dieser Verhöre wird ein falscher katholischer Priester eingesetzt. In der Beichte bekennt Bina ihre Verbindungen zu den Partisanen. Sie wird in das KZ Ravensbrück verbracht und später dann vermutlich dort umgebracht.

In Ravensbrück gebar Bina ein kleines Mädchen, Maria. Diese entkommt der Hölle mit Hilfe einer deutschen Kfz-Wärterin und einer polnischen KZ-Insassen. Sie schmuggeln das Baby aus dem KZ. Die Polin nimmt es mit nach Polen. Maria geht dort zur Schule und macht Abitur, sie will studieren, ist dann aber gezwungen, ihren Pflegeeltern zu helfen. Sie muss Geld verdienen und geht deshalb als Pflegekraft nach Deutschland. Sie landet in einer „besseren“ Familie, in einem eher bildungsbürgerlichen Haushalt, mit einer gegen Ausländer aggressiven Frau und einem eher ausgeglichenen Herrn des Hauses. Die Frau stirbt. Zwischen dem zu pflegenden Hausherrn Max und Maria entwickelt sich ein rundum schönes, nicht erotisches Verhältnis.

Anderen polnischen Pflegekräften begegnet Maria in der Regel bei Heimreisen nach Polen im Bus. Diesen Pflege-Kolleginnen und -Kollegen geht es lange nicht so gut wie Maria, oft sehr schlecht. Sie werden ausgebeutet und drangsaliert. Auf den Busfahrten zurück in die polnische Heimat und wieder zurück nach Deutschland lernt Maria so auch diese andere Welt des Umgangs der gepflegten Deutschen mit ihren pflegenden Gästen kennen.

Von ihrer Mutter Bina ist ihr nur ein einziges Blatt Papier geblieben. Sie weiß, dass Slowenien die Heimat ihrer Mutter und ihrer Familie ist. Aber diese Heimat kennt sie bisher nicht. Auch Polen und auch Deutschland ist keine neue Heimat geworden.

Max, der gepflegte Herr im Haus, trifft sich gelegentlich mit alten Freunden aus gemeinsamer Soldatenzeit. Wenn sie sich im Haus von Max Müller treffen, bekommt Maria mit, wie sehr diese Herren von alten Zeiten schwärmen, offensichtlich gemeinsamen Zeiten bei der deutschen Wehrmacht. Max holt dann gelegentlich Fotos aus einer Kommode. Maria entdeckt in der Fotosammlung ihres Arbeitgebers und Freundes Max ein Foto mit dem Fluss und dem Schloss, fotografiert von der Stelle, an der Marias Mutter aufgegriffen und letztlich ins KZ verschickt worden war.

Maria war einige Zeit vorher zusammen mit einer Gruppe in die Heimat ihrer Familie, nach Slowenien, gereist. Sie unternimmt dort eine Tour in ihre engere Heimat und entdeckt das Schloss und den Fluss. Nach dem Tod von Max entschließt sie sich, dorthin zu ziehen.

Wer die Geschichte Deutschlands und des Balkan ein bisschen kennt, wird bei der Lektüre dieses Buches oft und anschaulich dorthin versetzt. Mich hat es schon deshalb sehr berührt.

Ohne Penetranz vermittelt der Autor ein paar politische Einblicke. Zum Beispiel in die verbliebene Hypothek des Umgangs mit Partisanen und umgekehrt. Wer die Rolle der deutschen Wehrmacht nicht zu verschweigen gewillt ist, wird bestärkt werden.

Das Buch vermittelt die Einsicht in die seltsame Konstellation, dass die Nachkommen der Opfer unserer Kriege heute die Täter und ihre Nachkommen pflegen – weil das wirtschaftliche Gefälle und ihre wirtschaftliche Lage sie dazu zwingen.

Der Autor Bojan Peroci, geboren 1940, hat in Slowenien als junger Mann Forstwirtschaft gelernt, er hat 1961 Slowenien verlassen und ist bei Siemens als Techniker gelandet – bis zur Rente. Er hat auf seinem Weg nach Mitteleuropa vor über 50 Jahren hier in Pleisweiler seine Frau gefunden. Diese Nähe veranlasste ihn, mich auf sein Buch aufmerksam zu machen. Das ist gut so.

Die Lektüre seines Buches kann ich Menschen, die sich für das Zusammenleben der Völker interessieren und dabei auch Stücke schwieriger deutscher und europäischer Geschichte berühren wollen, sehr empfehlen.

Geboren in der Hölle“ von Bojan Peroci ist 2014 auf Slowenisch und 2016 auf Deutsch erschienen, verlegt vom Hermagoras Verlag/Mohorjeva zalozba, Klagenfurt/Celovec – Ljubljana – Wien.

270 Seiten – 12 €

ISBN 978-3-7086-0885-3

P. S.: Fragen Sie bei Ihrem Buchhandel. Wenn Sie es dort nicht finden, dann können Sie das Buch auch direkt hier bei Buchkomplizen bestellen. 12 € + versandkostenfrei.

Titelbild: Billion Photos / Shutterstock

Die NachDenkSeiten sind für eine kritische Meinungsbildung wichtig, das sagen uns sehr, sehr viele - aber sie kosten auch Geld und deshalb bitten wir Sie, liebe LeserInnen, um Ihre Unterstützung.
Herzlichen Dank!