„Mutti Merkel“-CDU: Auflösung in Männerbünde und in den Staat
„Mutti Merkel“-CDU: Auflösung in Männerbünde und in den Staat

„Mutti Merkel“-CDU: Auflösung in Männerbünde und in den Staat

Werner Rügemer
Ein Artikel von Werner Rügemer | Verantwortlicher: Redaktion

Kurzes Nachspiel zu „Der neue CDU-Vorsitzende Armin Laschet: Gelernter Mehrfach-Populist – mit Hintermännern“. Der Vater des NRW-Staatskanzlei-Chefs Nathanael Liminski, Jürgen Liminski, betrieb ein Netzwerk des politischen Katholizismus: Es reichte vom Deutschlandfunk bis Junge Freiheit. Und Merkel lässt als letzte Amtshandlung das Bundeskanzleramt in ein „gigantisches Sicherheitsschloss“ erweitern. Von Werner Rügemer.

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In dem Artikel hatte ich Nathanael Liminski als „Mann hinter Laschet“ geschildert, so wie ihn auch die FAZ betitelt hatte. Liminski wurde 2017 im Alter von 31 Jahren Chef der NRW-Staatskanzlei, dem Regierungszentrum von Ministerpräsident Laschet (CDU). Einen so jungen Staatskanzlei-Chef hatte es bis dahin in Deutschland noch nicht gegeben. Der hatte als 20-Jähriger beim Welt-Jugend-Katholikentag in Köln aus Begeisterung für den reaktionären deutschen Papst Benedikt XVI. die Kampfgruppe „Generation Benedikt“ gegründet, wurde Redenschreiber bei Ministerpräsident Roland Koch (CDU) in Hessen, dann beim Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU), bevor ihn Laschet nach Düsseldorf holte. Liminski wie die Führung der CDU-Jugendorganisation ist stramm rechts ausgerichtet, Friedrich Merz und Markus Söder sind ihre Idole. Deshalb wurde in der NRW-Staatskanzlei auch Merz als Mehrfach-Berater angesiedelt.

Vater Jürgen Liminski: Deutschlandfunk, Junge Freiheit…

Ein Leser des Laschet-Porträts machte mich erstaunt darauf aufmerksam: Wissen Sie denn nicht, wer der Vater von Nathanael Liminski ist? Der Vater heißt Jürgen Liminski, war bis vor einiger Zeit Redakteur des Deutschlandfunks und schreibt regelmäßig in Junge Freiheit!

Jürgen Liminski war bis zu seiner Pensionierung 2015 Redakteur des DLF. Er moderierte politische Sendungen wie die Informationen am Morgen. Er schreibt auch nach seiner Pensionierung in katholischen und sonstigen rechten Postillen wie Katholische Sonntagszeitung, in der Preußischen Allgemeinen Zeitung, in der Südtiroler Zeitung Dolomiten, in der Online-Zeitung FreieWelt.net und regelmäßig auch in der Jungen Freiheit, die als zentrales Sprachrohr der „Neuen Rechten“ gilt.[1] Man könnte staunen, wie vielfältig die diffuse rechte Szene ist.

Jürgen Liminski agierte und agiert als militanter katholischer Fundamentalist. „Volk“ und „Familie“ sind seine Leitbegriffe. Mit seiner Frau stellte er im Buch Abenteuer Familie – Erfolgreich erziehen: Liebe und was sonst noch nötig ist (Sankt Ulrich Verlag der Diözese Augsburg, 2002) seine eigene Vorbild-Familie vor, die bei Bonn lebt: Die 10 Kinder haben biblische Namen: Nathanael wie Laschets Kanzleichef, dann Gwenael, David, eine Tochter trägt den hebräischen Vornamen Noemi; eine Ausnahme ist Arnaud: der Vorname bedeutet „der wie ein Adler herrscht“, berichtete bewundernd etwa der Bonner General-Anzeiger.[2]

Mütter streiken nicht“ mit Opus Dei

Die Liminskis beklagen das „Geburtendefizit, das durch die Abtreibungsmentalität verschärft“ werde. „Die Politik“ habe „den Herd zum Feind der Frau erklärt“. Dagegen müsse „Mutter ein Beruf“ sein! „Mütter streiken nicht“, erklären die Liminiskis. Nach Kardinal Ratzinger sei „die Familie Kern jeder Sozialordnung“. Der DLF-Redakteur gründete mit Frau und Freunden das Europäische Institut zur Aufwertung der Familie. Er wurde Geschäftsführer im Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie (iDAF): In den Räumen der CSU-Hanns Seidel-Stiftung tagte sie und die bayerische Familienministerin Christine Haderthauer trat zum Grußwort an. Das Ministerium fördert die Zeitschrift Familienbunt, herausgegeben vom Erzbistum Augsburg. Liminski wie auch etwa der DLF-Mitarbeiter Reinhard Backes sind Mitglied im katholischen Elite-Bund Opus Dei.[3] Dessen Deutschland-Zentrale sitzt seit Kardinal Frings in Köln und betreibt dort nebenbei unauffällig katholische Studenten- und Männerwohnheime.

Auch der Intendant des DLF ist (war) dabei

Von 2009 bis 2017 war Willi Steul Intendant des DeutschlandRadio (DLR). Von 1994 bis 1998 war er schon dessen Chefredakteur gewesen. DLR ist die Dachgesellschaft für drei öffentlich-rechtliche Radiosender: DLF (Köln), DLF Nova (Jugendsendungen, Köln) und DLF Kultur (Berlin).

Steul hat katholische Theologie und Journalismus studiert, am Institut zur Förderung des publizistischen Nachwuchses (ifp) in München. Das ist die katholische Journalistenschule. Steul erhielt dafür ein Stipendium der Deutschen Bischofskonferenz. Wie CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak ist auch Steul Alter Herr und Mitglied einer katholischen Studentenverbindung, der K.D.St.V. Ferdinandea-Prag zu Heidelberg.[4]

Intendant Steul war Fördermitglied von Jürgen Liminskis Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie. Der Journalist Stefan Niggemeier fragte beim DLF nach: Trifft es zu, dass Intendant Steul Fördermitglied des iDAF ist? Antwort: „Herr Steul und Jürgen Liminski kennen sich seit 1972 und gemeinsamen Studienzeiten.“ Nach Niggemeiers Anfrage wurde der Name Steul von der website des iDAF gelöscht.[5]

CDU: Auflösung einer Volkspartei

„Mutti Merkel“ tut so, als hätte sie mit der CDU wenig zu tun. Als Bundeskanzlerin hält Merkel die in ihrer Führung ungeklärte CDU als Regierungspartei (noch) auf dem Niveau einer gefährdeten „Volks“partei, mit Hilfe von staatlichen wie privaten Leitmedien und von PR-Agenturen. In ihrer Vielfachrolle wirkt Merkel zunehmend verbraucht, noch formelhafter als zuvor schon, ja manchmal marionettenhaft.

Die vor zwei Jahren gewählte Nachfolgerin Merkels als CDU-Vorsitzende, Annegret Kramp-Karrenbauer, stürzte schnell ab. Der Anfang 2021 gewählte neue CDU-Vorsitzende Laschet ist eine ungeklärte Zwischenlösung. Aber die Macht-Maschinisten gleich in der zweiten Reihe sind die beiden Junge-Union-Fundis und rechtsgerichteten Fans von Friedrich Merz, Nathanael Liminski als Chef der NRW-Staatskanzlei und Paul Ziemiak als CDU-Generalsekretär.

Den christlichen Großkirchen laufen die Schafe weg

Den beiden christlichen Großkirchen mit ihren zahlreichen Privilegien und staatlichen Funktionen – Ausnahmen vom Arbeitsrecht; hohe staatliche Subventionen; Begleitung der weltweiten Militäreinsätze; keine Bestrafung von Priestern vor staatlichen Gerichten, selbst nicht bei sexuellem Missbrauch – laufen aus verschiedenen Gründen die Schafe und Schäfinnen weg. Damit auch ein traditioneller Teil der CDU-WählerInnen.

Die Kirchenführer haben mit ihrer Zustimmung zu den vier Hartz-Gesetzen und zum niedrigen Mindest-Armutslohn zur Verarmung eines großen Teils der abhängig Beschäftigten beigetragen. Und da kann man sich durch Austritt auch noch die Kirchensteuer sparen. Schon das Erzbistum unter dem verstorbenen Kardinal Meisner ließ ermitteln: Die eigentlichen Kirchensteuerzahler sind die Besserverdiener, zudem eher in den älteren Jahrgängen.

Deshalb dringen in den deutschen Kirchen, wie in den USA und in Lateinamerika, die kleinen militanten Fundi-Sekten vor. Im reichsten katholischen deutschen Erzbistum, in Köln, hatte Kardinal Meisner leere Klöster und schlecht besuchte Kirchen an ein Dutzend solcher Sekten vergeben: Eine davon predigt wie Liminski die kinderreiche Mutterschaft.[6]

Mutti Merkel“: noch mehr Männer

Angela Merkel galt für die CDU als Fortschritt: jung, aus dem Osten, weiblich. Doch sie wurde schrittweise eingefangen und verbraucht. Kardinal Meisner zwang sie über BILD vor ihrer Wahl zur CDU-Vorsitzenden, eine ordentliche Ehe abzuschließen. Die Heiratsanzeige erschien natürlich in der FAZ (2.1.1999), und zwar die kleinste, die dort jemals veröffentlicht wurde: 8,4 x 2,4 Zentimeter.

Und unter der gelobten weiblichen CDU-Vorsitzenden und dann Bundeskanzlerin nahm die vorher ohnehin gering angestiegene Zahl an weiblichen CDU-Abgeordneten wieder ab, die Zahl der männlichen Abgeordneten nahm zu. Und die weibliche Nachfolgerin Kramp-Karrenbauer war schnell weg vom Fenster. Zuletzt stritten sich die drei Männer Laschet, Merz und Röttgen um den CDU-Vorsitz, und der mögliche Kanzlerkandidat ist der CSU-Vorsitzende Markus Söder aus dem Freistaat Bayern.

Und die kleine, aber zahlungskräftige Unternehmer-Fraktion mit ihrem Idol Friedrich Merz – bekanntlich wollte der die Vergewaltigung in der Ehe straflos lassen – meldet frecher denn je öffentlich ihre Forderungen an.

Bei dieser reaktionären Vermännlichung halfen auch Liminski, Steul, Ziemiak & Co: „Mutter als Beruf“. DLF-Redakteur Jürgen Liminiski hielt die Preisrede auf Ellen Kositza, die 2008 für ihr Buch „Gender ohne Ende“ den Gerhard-Löwenthal-Preis erhielt. In der Verlagsankündigung für das Buch heißt es: „Gibt es noch Männer, nach 40 Jahren Gleichheits-Feminismus, staatlich verordnetem gender mainstreaming und einer Verweiblichung des Verhandlungs-, Erziehungs- und Führungsstils? Stoßen wir nicht überall auf den Familientrottel, den Zahlvater und Frauenversteher?“

Merkel-Truppe flüchtet zu PR-Agenturen

Unter Merkel kauften die neuen, unregulierten Kapitalorganisatoren wie Blackrock, Vanguard, Blackstone, KKR, Carlyle, EQT & Co sich in tausende der wichtigsten Unternehmen ein, trimmten sie auf zusätzlichen Gewinn und weitere Senkung der Arbeitseinkommen. US-Kanzleien wie Freshfields und Unternehmensberater wie McKinsey und Accenture (in der Bundesagentur für Arbeit) bekamen und bekommen dafür immer mehr Aufträge. Männerbünde konnten zu ungeahnten Großbetrügereien aufblühen: Abgas-Betrug, Cum-Ex-Steuerbetrug, Wirecard. Gleichzeitig verfällt die für die Bevölkerungsmehrheit wichtige Infrastruktur oder wird verteuert.

Mühsam halten kann sich die Merkel-Truppe nur noch mithilfe von PR-Agenturen und professioneller Werbung. Die eigene Arbeit und Argumentation überzeugen immer weniger. 2019 betrugen die Ausgaben der Bundesregierung für politische Werbe-Kampagnen schon 60 Millionen Euro, 2020 waren es 150 Millionen.[7]

Merkel-Truppe flüchtet in den noch größeren Staatsapparat

Gleichzeitig lässt die Merkel-Truppe den Staatsapparat ausbauen, sprich das Bundeskanzleramt. Schon das im Hype der deutsch-kapitalistischen Vereinigung erbaute neue Bundeskanzleramt in Berlin war überdimensioniert: Mit einer Geschossfläche von 64.000 Quadratmetern ist es das größte Regierungsgebäude der Erde, etwa achtmal so groß wie das Weiße Haus in Washington. „Das Kanzleramt steht abgeschlagen und einsam wie der Traum eines Dschungel-Despoten am Tiergarten,“ beklagt sogar die FAZ.[8]

Im Oktober 2020 aber ließ die Merkel-Truppe verlauten, „der größte Regierungssitz der Welt sei leider zu klein, man müsse ihn für 485 bis 600 Millionen Euro über die Spree hinaus erweitern.“ (FAZ) Beim Einzug hatte das Amt 450 Mitarbeiter, unter Merkel wurden es 750. Aber auch das reicht der abstürzenden „Mutti der Nation“-Truppe nicht mehr.

Merkel-Truppe flüchtet in ein „gigantisches Sicherheitsschloss“

400 weitere Mitarbeiter sollen hinzukommen, und dazu auch ein Hubschrauberlandeplatz für unauffällige wichtige Besucher, ein hauseigener Kindergarten, neun fünfgeschossige Wintergärten und zwei Brücken über die Spree: und das Ganze als „gigantisches Sicherheitsschloss“ in den „Dimensionen eines Kleinstaats“, so der staunende FAZ-Schreiber. Der Bundesrechnungshof hat unterwürfig angemahnt, dass mit noch höheren Kosten zu rechnen sei – alles egal. Die von Wählern und Steuerzahlern immer weiter entfernte Merkel-Regierung „ballert Geld raus, als gäbe es kein Morgen“.(FAZ)

Die FAZ rapportiert zwar kritisch-brav aus ihrem regierungsnahen Wissen. Aber die „Zeitung für Deutschland“ bzw. für die Interessen von BlackRock & Co am Standort Deutschland stellt sich und ihr Publikum auf den aufsteigenden und noch nicht verbrauchten Populismus-Ersatz namens Söder ein. Und Mann Merz steht auch noch in Reserve, für alle Fälle: Warum nicht wie jetzt in Italien mit einem „Finanzfachmann“ an der Spitze mit einer Expertenregierung ins neue Bundeskanzleramt einziehen?

Leute, Menschen, Männer, Frauen, Diversis, Deutsche, BürgerInnen, Wahlberechtigte und Flüchtende aller Nationen, abhängig Beschäftigte und Nicht- und Teil- und Unter- und Überbeschäftigte, DemokratInnen: Was wollt Ihr noch ertragen?

Titelbild: Land NRW / R. Sondermann


[«1] Jürgen Liminiski in Wikipedia, abgerufen 8.2.2021

[«2] Ein Abenteuer Familie mit zehn Kindern, General-Anzeiger 7.2.2004

[«3] Ein Abenteuer Familie mit zehn Kindern, General-Anzeiger 7.2.2004/Marvin Oppong: Ein absolutes Muss, Frankfurter Rundschau 30.12.2008

[«4] Willi Steul in Wikipedia, abgerufen 8.2.2021

[«5] Stefan-niggemeier.de/blog/?s=Liminski, 20.1.2014, abgerufen 8.2.2021

[«6] Werner Rügemer: Die Legende vom „umstrittenen“ Kölner Kardinal Joachim Meisner, Nachdenkseiten 7.7.2017

[«7] Regierung gibt viel mehr für Werbung aus, FAZ 19.11.2020

[«8] Neuer deutscher Größenwahnsinn, FAZ 17.10.2020

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