Wie Ideologinnen und Ideologen bestimmen, was gut und böse ist
Wie Ideologinnen und Ideologen bestimmen, was gut und böse ist

Wie Ideologinnen und Ideologen bestimmen, was gut und böse ist

Ein Artikel von: Redaktion

Judith Sevinç Basad empört sich – und stemmt sich vehement gegen die sich aufgeklärt wähnende Meinungsmache, gegen Denkverbote und Unschärfen in den Argumenten einer selbsternannten kulturellen Elite. Ist es denn, genau betrachtet, wirklich so, dass die „Privilegierten“ den sozialen Aufstieg von Migrantenkindern verhindern? Kann es sein, dass eine selbsternannte Elite bestimmt, wie sich unsere Sprache entwickelt und welche Filme wir sehen dürfen? Ist es im Kampf gegen Rassismus mit der Entmachtung des „alten weißen Mannes“ getan? Judith Sevinç Basad stellt in ihrem Buch „Schäm dich – Wie Ideologinnen und Ideologen bestimmen, was gut und böse ist“ unangenehme Fragen und warnt vor den vermeintlich couragierten Kriegern für eine bessere Welt. Ein Auszug.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Im Januar 2020 warf mir die Antirassismus-Aktivistin Jasmina Kuhnke auf Twitter vor, dass ich mich nicht über Rassismus äußern dürfe, weil ich »privilegiert« sei. Der Grund: Meine Haut sei »zu weiß« und mein Name zu deutsch. Ein anderer User forderte mich dazu auf, Reparationsleistungen an die Autorin Sibel Schick zu zahlen, weil sie türkische Wurzeln hat – also Rassismus erfährt – und ich aufgrund meiner Hautfarbe zum ausbeuterischen Westen gehören würde.

Das ist schon häufiger vorgekommen. Und es ist witzig. Denn hier zerstört sich die Theorie der kolonialen Matrix selbst. Fakt ist: Ich habe türkischen Migrationshintergrund. Mein Vater ist in den 60ern nach Deutschland gekommen und hat meine deutsche Mutter geheiratet. Meine Eltern zogen in eine oberfränkische Kleinstadt und arbeiteten erst auf dem Markt, dann in eigenen Geschäften als Blumenhändler. Das bedeutete: mitunter prekäre Verhältnisse, körperlich harte Arbeit und wenig Freizeit. Migrationshintergrund, niedriger Schulabschluss der Mutter und Arbeiterklasse: Nach allen Statistiken über den Bildungserfolg von Migrantenkindern gehöre ich, zumindest formal gesehen, nicht zu der sozialen Gruppe, der man besonders hohe Erfolgschancen im intellektuellen Bereich nachsagt.

Hier wird deutlich, wie rassistisch es ist, Menschen wegen ihrer Hautfarbe irgendwelche Privilegien zu unterstellen. Denn ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man die Empfehlung fürs Gymnasium nicht bekommt, weil der Vater Türke ist und im Gegensatz zum bayrischen Ärztesohn »nur« Blumen verkauft. Oder wie bitter es ist, wenn die eigenen Eltern nicht genügend Geld haben, um dir den Führerschein zu bezahlen, während deine Freunde ihr knallgelbes Cabriolet vor der Schule parken.

Ich habe keine Lust aufzuzählen, wie oft, wann und wie meine Familie ausgegrenzt wurde, weil meine Eltern sich nie als Opfer der Gesellschaft gesehen haben. Wenn es Menschen gab, die meiner Familie blöd gekommen sind, haben wir den Fehler nicht bei uns gesucht, sondern bei denen, die sich uns gegenüber rassistisch verhalten haben.

Oder anders gesprochen: Meine Eltern wollten das Beste für ihre Kinder. Und das Beste für die eigenen Kinder zu wollen, heißt nicht, bei Ungerechtigkeiten demonstrativ einzuknicken oder den Kindern einzureden, dass sie Opfer des Systems sind und sowieso nichts erreichen werden. Eltern, die ihre Kinder lieben, stehen hinter ihnen. Sie bestärken sie darin, trotz aller Hürden und Widerstände die Dinge im Leben zu erreichen, die sich die Kinder wünschen.

Dass ich ein Opfer sein soll, fand ich erst heraus, als ich an der Uni von den ausbeuterischen Strukturen erfuhr, und seitdem ich die Artikel lese, die fast täglich in Zeitungen publiziert werden und auf Social Media Tausende Klicks abräumen. »Arbeiterkindern fehlen in der Regel die Beziehungen, der Habitus und das Selbstbewusstsein, die so wichtig sind für den akademischen und beruflichen Erfolg«, stand neulich auf einem Sharepic des Deutschlandfunks.[1] Das ist natürlich wahr, statistisch gesehen. Aber seit einiger Zeit reiten viele Medien so offensiv auf diesem Stereotyp herum, dass ich keinen Unterschied mehr zu meinem oberfränkischen Grundschullehrer sehe, der mir den Weg in die höhere Schulbildung versperrte. Denn noch mal: Ich habe mich nie als Opfer gesehen. Wie können sich Medien und Aktivisten also anmaßen, mich anhand irgendwelcher Statistiken immer wieder in die Rolle des unterprivilegierten Migranten zu pressen?

Auf was ich eigentlich hinaus will, ist Folgendes: Dass das ganze Gerede von einer »sozialen Konstruktion« Bullshit ist. Denn es geht im Social-Justice-Aktivismus um nichts anderes als um Hautfarben. Und darum, dass man Weißen aufgrund ihres »zu weißen« Erscheinungsbildes unterstellt, reiche Eltern zu haben, in sicheren Verhältnissen aufgewachsen zu sein und keine Ausgrenzung erfahren zu haben. Kurz: Dass sie »privilegiert« sind und deswegen die Welt nur aus einer ausbeuterischen »weißen« Perspektive betrachten können.

Da stellt sich mir aber noch eine andere Frage: Wie muss eine Türkin genau aussehen, damit sie von den Aktivisten als volle, als »genuine Türkin« anerkannt wird? Haben die Aktivisten immer eine Palette mit Hautfarben parat, der sie entnehmen, ab wann jemand dunkel genug aussieht, um zu den »wahren« Ausgegrenzten zu gehören?

Tatsächlich traten neulich sieben schwarze Autorinnen, darunter Alice Hasters, von der Nominierung des »25 Frauen Awards« des feministischen Magazins »Edition F« zurück.[2] Der Grund: Sie seien zwar schwarz, aber sähen dennoch »zu weiß« aus und würden somit den Platz für die Frauen versperren, die eine noch dunklere Hautfarbe haben und daher noch stärker ausgegrenzt werden. Die ganze Aktion endete damit, dass die Veranstalter den Preis nicht vergaben. Wahrscheinlich, weil sie aufgrund der nun einheitlich weißen Nominierten Angst hatten, in der Öffentlichkeit als Rassisten dazustehen.

Es ist grotesk, wie diese Suche nach »dem echten Schwarzen« in aller Öffentlichkeit gehypt wird, ohne dass diese im Kern rassistische Denkart auf große Kritik stoßen würde. So schreibt Alice Hasters in ihrem Buch, dass die Figur »Carlton« in der Serie »Der Prinz von Bel-Air« eigentlich kein »richtiger« Afroamerikaner sei, weil er sich »zu weiß« verhalten würde – also uncool ist, einen Pulli über den Schultern trägt und zu oft mit Weißen in der High Society abhängt.[3] Und Beyoncé wurde von Aktivisten dafür kritisiert, dass sie auf den Promo-Fotos für ihr neues Album »zu weiß« aussehen und damit Schwarze und Asiaten »verraten« würde.[4]

Es scheint also nicht nur eine Sehnsucht danach zu geben, Weißsein per se zu verteufeln und abzuwerten. Bizarr ist auch, wie man sich auf die Suche nach einer Person macht, die ein noch größeres Opfer ist als man selbst. Die Grundlage für diese Diskriminierungsolympiaden ist wieder ein Ansatz, der aus der Social-Justice-Disziplin kommt: die Intersektionalität.

Das Konzept fußt auf der Annahme, dass es unterschiedliche Arten von Diskriminierung gibt, die sich summieren können: Eine weiße Frau erfährt etwa mehr Schmerz wegen Sexismus als ein weißer Mann. Eine schwarze Frau erfährt aber mehr Schmerz als eine weiße Frau, während eine lesbische Schwarze mehr Leid erfährt als eine homosexuelle Frau mit weißer Hautfarbe. Das endet dann mit folgender Logik: Nur die Person, die das größte Leid erfährt, darf Vorteile genießen, wie etwa Preise gewinnen, Artikel in Zeitungen schreiben oder befördert werden. Alle anderen sind »privilegiert« und sollen Auszeichnungen ablehnen, keine Artikel schreiben und auf ihre Karriere verzichten.

Und genau das wird auch gefordert. So plädierte ein Artikel in der taz mit dem Titel »Man muss auch mal verzichten«[5] dafür, dass Menschen mit »Privilegien« den Platz für Unterprivilegierte frei machen sollten. Erfolg und Status sind hier so etwas wie eine kulturelle Ressource, »Stücke von einem Kuchen«, die man gerecht verteilen müsse.

»Privilegierte müssen aktiv verzichten«, liest man in der taz. Das bedeutet: Männer und Weiße sollten zum Beispiel ihre Beförderung ablehnen und sie lieber einer Frau oder einem »People of Color« überlassen. Ich frage mich, wie das in der Realität aussehen soll. Vielleicht so: »Hey Gülgün, ich habe mir überlegt, meine Kolumne an dich abzugeben, weil du türkischer aussiehst, dein Name türkischer klingt und du dazu noch auf Frauen stehst … du Opfer.« Oder so: »Hey Lisa, ich habe erfahren, dass du als Frau ein viel größeres Opfer bist als ich und nicht richtig zum Zug kommst. Willst du meine Beförderung haben?« Fakt ist: Gülgün oder Lisa wären sicher nicht begeistert, wenn ein Arbeitskollege sie derart gönnerhaft auf ihr Geschlecht oder ihre Hautfarbe reduzieren würde.

Aber das ist dem taz-Journalisten egal. Für ihn zählt nur die Täter-Opfer-Relation. Deswegen fordert er auch, dass man »den Privilegierten« ihre Jobs »ohne Rücksicht« wegnehmen solle. Das ist vor allem eines: totalitär. Dennoch werden in den Medien die Ansätze der »Intersektionalität« wie eine neue Heilslehre gefeiert.

Natürlich gibt es Diskriminierungserfahrungen von Minderheiten. Natürlich gibt es Statistiken, die belegen, dass Frauen, Migranten oder Kinder, die in bildungsfernen und finanziell schwachen Milieus aufwuchsen, karrieretechnisch häufig auf der Strecke bleiben. Es ist auch evident, dass kopftuchtragende Frauen und Menschen mit dunklerer Hautfarbe oder einem ausländisch klingenden Namen bei der Wohnungs- und Jobsuche benachteiligt werden. Gewalt und Hasskriminalität gegen Muslime, Frauen, Juden und Homosexuelle sind in Deutschland Realität. Ganz klar: Das ist ein Missstand, den man beseitigen sollte.

Aber diese Erfahrung als einzige Ursache dafür zu sehen, dass Frauen und Migranten ihre Ziele im Leben nicht erreichen können, ist falsch.

Lesetipp: Judith Sevinç Basad: „Schäm dich! Wie Ideologinnen und Ideologen bestimmen, was gut und böse ist“, 224 Seiten, Westend Verlag, 29.3.2021


[«1] twitter.com/dlfkultur/status/1288026950146170880

[«2] »25 Frauen Award: Wir machen Platz«, Edition F, 10. Juli 2020, online unter: editionf.com/wir-machen-platz/

[«3] Hasters, S. 114

[«4] Eriksen, Alanah: »White out of order! Beyoncé is looking several shades lighter in promo shoot for her new album«, Daily Mail, 17. Januar 2012, online unter: dailymail.co.uk/tvshowbiz/article-2087388/Beyoncwhite-skin-row-Controversial-photo-shows-singer-looking-shades-lighterusual-tone.html

[«5] Sales Prado, Simon: »Das Konzept der Privilegien – Man muss auch mal verzichten«, taz, 05. September 2020, online unter: taz.de/Das-Konzept-der-Privilegien/!5706891/

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