Die Nachhaltigkeit der Wissenschaft  – Jörg Phil Friedrich im Gespräch mit Hans von Storch
Die Nachhaltigkeit der Wissenschaft – Jörg Phil Friedrich im Gespräch mit Hans von Storch

Die Nachhaltigkeit der Wissenschaft – Jörg Phil Friedrich im Gespräch mit Hans von Storch

Ein Artikel von: Redaktion

In der vorletzten Woche fand in Hamburg die 12. Deutsche Klimatagung der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft statt. Genauer gesagt fand sie natürlich online statt, auch die Klimaforschung ist im Griff der Pandemie. Aber auch im Programm der Tagung spielte die Pandemie eine Rolle, nämlich bei der Frage, wie sich das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Gesellschaft wandeln muss. Hans von Storch, früherer Institutsleiter des Helmholtz Zentrums Geesthacht und Professor an der Universität Hamburg, ist der Meinung, die Klimaforschung könnte hier einiges von den Virologen lernen. Darüber sprach Jörg Phil Friedrich mit dem Klimaforscher.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Sie haben die These vertreten, dass die Kommunikation der Wissenschaft in der Pandemie eigentlich besser gelungen ist als in der Klimaforschung. Was könnte diese von der Virologie lernen?

Wenn Wissenschaftler in der Öffentlichkeit auftreten, muss der Grundsatz sein, dass sie nicht Wahrheit, sondern die beste Erklärung im Rahmen des derzeitigen Wissens anbieten. Das ist der Epidemiologie nach meiner Wahrnehmung wesentlich besser gelungen als der Klimawissenschaft, weil wir in der Klimawissenschaft eben doch eine ganze Menge aktivistische Kollegen haben, die vor allem daran interessiert sind, dass eine motivationsstarke Deutung der Situation entsteht, auf der dann möglichst ungehindert eine entsprechende Politik aufbaut. In der Epidemiologie, so ist in meine Wahrnehmung, wurde nicht damit hinter dem Berg gehalten, dass verschiedene Wissenschaftler verschiedene Meinungen haben.

Der zweite Punkt ist, dass sich die Virologen und Epidemiologen weniger direkt in die Politik einspannen lassen, so wie das in der Klimawissenschaft bei den aktivistisch eingestellten Kollegen oft ist. Da wird suggeriert, aus der Wissenschaft folge direkt politisches Tun. Das ist im Falle der Epidemiologie nicht so. Da wird immer deutlich, dass am Ende eine politische Entscheidung zu fällen ist, die eben die verschiedenen Aspekte einschließlich der epidemiologischen zu berücksichtigen hat. Das, fand ich, war sehr vernünftig und es hat eben auch klargestellt, dass die Politik nicht so tun kann, als folge sie nur den Anweisungen der Wissenschaft. Tut sie auch nicht. Das wäre furchtbar, wenn sie das täte. Politik hat den Auftrag, Interessen abzuwägen, verschiedene Aspekte abzuwägen, gesellschaftliche Verhandlungen zu führen. Das ist natürlich etwas ganz anderes als Wissenschaft.

Wissenschaftliche Wahrheit ist eben keine Wahrheit im Sinne von „letzter Wahrheit“. Es sind die aktuell besten Erklärungen, die wir anbieten. Das wäre schon gut, wenn das verstanden würde. Es wäre gut, wenn wir deutlicher machen würden, dass Wissenschaft nicht Politik-Ersatz ist und dass wir die Sehnsucht nach Wahrheit, nach Reinheit, nach Eindeutigkeit nicht befriedigen können.

Sie sagen, dass Wissenschaft keine letzten Wahrheiten bietet und dass es durchaus auch unterschiedliche Ansichten gibt, unterschiedliche Perspektiven. Die Frage ist, soll man diese Unterschiedlichkeit wirklich öffentlich kommunizieren? Man könnte doch auch sagen, dass die Wissenschaft sich erst mal zurückziehen sollte, um einen Konsens zu bilden, und dann diesen Konsens öffentlich macht.

Das ist natürlich ein paternalistischer Ansatz, dass man der Öffentlichkeit nicht zutraut, mit divergenten Meinungen umzugehen, und das ist natürlich zutiefst antidemokratisch. Wie kommt denn ein Konsens zustande? In einer idealen Welt kommt er dadurch zustande, dass die klugen Menschen so lange miteinander argumentieren, bis sie zu einem Konsensus kommen. Es kann aber auch sein, dass es eben die Mächtigen sind, die sich da einigen, die, die in den Komitees sitzen. Deshalb sitzen sie in den Komitees, weil sie dem Forschungsministerium und dem Umweltministerium besonders gut gefallen. Es ist ja nicht so, dass da eine vollständige Abbildung aller Ansätze stattfindet.

Die Politik bekommt die Wissenschaftler, die sie haben will. Und diese sind dann in den entsprechenden Komitees. Mit wem spricht Frau Merkel? Das sind doch nicht irgendwelche Leute, die verschiedene Meinungen haben. Da ist die Leopoldina z.B., die ja in dieser Hinsicht ein treuer Diener zu sein scheint. Politik schafft sich auch jene Wissenschaftlergruppen, die das sagen, was der eigenen Linie nützt.

Woher kommt überhaupt die Idee, dass die Wissenschaft unmittelbar politische Handlungsvorgaben machen könnte?

Es ist eine Vorstellung, die ich immer wieder vor allem bei Physikern sehe, dass sie glauben, sie könnten der Gesellschaft sagen, wie es geht, weil die Gesellschaft im Grunde eben so ähnlich berechenbar ist wie der Ozean. Man hat zwar viele Freiheitsgrade und da schwimmt dann einiges herum. Aber im großen Ganzen können wir das schon so berechnen. Das stimmt natürlich nur sehr eingeschränkt. Und tatsächlich spielt natürlich in der Gesellschaft die Wahrnehmung der Menschen als politische Treiber eine ganz erhebliche Rolle.

Als Wissenschaftler kann ich sagen, wenn die Politik dieses tut, dann muss sie damit rechnen, dass in dem Bereich, in dem ich kompetent bin, jenes geschieht. Ich muss auch gleichzeitig zugeben, dass ich nicht sagen kann, was in dem Nachbarbereich geschieht. Weil ich da eben genauso viel Kompetenz habe wie sie. Das heißt, wir sind in dem Moment, wenn wir aus unserem Fachgebiet heraustreten, so kompetent wie jeder andere auch. Diese Bescheidenheit geht leider sehr vielen Wissenschaftlern ab, weil sie glauben, weil sie Professor sind oder ähnliches, weil sie eine Menge in ihrem Fach verstehen, verstehen sie überall sehr viel.

Allerdings müssen Wissenschaftler in der Klimaforschung und in der Pandemie immer auch auf die Aussagen anderer Wissenschaftler aus anderen Disziplinen zurückgreifen.

Ja, als Wissenschaftler vertraue ich den Aussagen anderer Wissenschaftler deshalb, weil sie nach der wissenschaftlichen Methode erarbeitet worden sind. Ich habe Vertrauen in die Aussagen, weil ich davon ausgehe, dass die Kollegen da tatsächlich vorurteilsfrei herangehen, ohne die Absicht, dass eine bestimmte politische Agenda damit durchgezogen wird.

Tatsächlich ist es ja so, dass wir Wissenschaftler mit einem Kapital arbeiten, nämlich dass man uns zutraut, dass wir Dinge einigermaßen richtig verstehen. Wissenschaft hat ein Vertrauens-Kapital. Wie gehen wir mit diesem Kapital um? Unsere aktivistischen Kollegen verbrauchen dieses Kapital. Das heißt, sie gehen nicht nachhaltig mit unserem Kapital um. Irgendwann kommen dann verstärkt Zweifel auf, man meint, Wissenschaftler sagen nur das, was irgendwie jemandem nützt. Es ist natürlich interessant, dass insbesondere jene Leute, die ununterbrochen von Nachhaltigkeit reden, selbst nicht nachhaltig mit ihrem Kapital umgehen.

Sie sprachen von Prozeduren und Verfahren, die Vertrauen schaffen. Gerade die Prozeduren des IPCC und auch die Berichte, die dort erstellt werden: Das ist doch eigentlich ein positives, ein gutes Beispiel dafür, wie Wissenschaft die Informationen aufbereiten sollte, oder?

Ja, also im großen Ganzen würde ich das auch sagen. Es gibt ja schon ein paar Probleme, die wir gerade in der Folge von Climategate gesehen haben, dass das IPCC nicht darauf vorbereitet war, dass sich Fehler herausstellen. Das ändert aber nichts daran, dass im großen Ganzen doch verlässliche Erkenntnisse produziert werden. Andererseits sehen wir natürlich auch eine Konvergenz von Leuten, die eine bestimmte Richtung vertreten. Zudem haben Sie die Tatsache, dass es Leute von Greenpeace da im IPCC als Autoren und Mitarbeiter gibt, das finde ich schon ziemlich problematisch. Aber es ist natürlich so, dass jede Organisation verbesserungsfähig ist. Gerade was den Teil des IPCC-Sachstandsberichts angeht, in dem es um die naturwissenschaftlichen Grundlagen geht, da habe ich ein sehr großes Vertrauen, und das ist auch ein gutes Beispiel für die Kommunikation der Wissenschaft mit der Öffentlichkeit.

Was wünschen Sie sich für die Kommunikation zwischen Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit?

Ich würde mir wünschen, dass wir eine öffentliche Diskussion haben über das, was Wissenschaft der Gesellschaft bieten sollte. Wozu soll Wissenschaft gut sein? Da kann man verschiedene Antworten geben. Man kann natürlich sagen, Wissenschaftler sollen die Hilfstruppen des Guten sein. Was, so glaube ich, viele Menschen meinen. Oder Wissenschaftler sollten vorgeben, was die Wahrheit ist. Das ist aber alles nicht das, was Wissenschaft leisten kann, sondern es ist eben ein besonderes Wissen, was hier erzeugt wird, mit besonderen Methoden, das auch seine Limits hat. Und es wäre schön, wenn auch der Öffentlichkeit gegenüber klargemacht würde, wo diese Limits sind. Es muss aufhören, dass Wissenschaft weiter als Popanz durch die Straßen getragen wird, dem man zu folgen habe. Es kommt darauf an, dass man auch unsere Grenzen akzeptiert und wir Wissenschaftler müssen das selbst auch. Dadurch werden wir auch leistungsstärker in den Aussagen, die belastbar sind.

Titelbild: ekapol sirachainan/shutterstock.com und © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

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