Traurige Goldene Stadt
Traurige Goldene Stadt

Traurige Goldene Stadt

Ein Artikel von Frank Blenz | Verantwortlicher: Redaktion

Bei einem Prag-Besuch vor dem erneuten Inkrafttreten von Verschärfungen offenbarten sich deren Folgen, es bereitete wenig Freude, keine Leichtigkeit war zu spüren, außer vielleicht in den schönen Parks der schönen Metropole an der Moldau. Wo soll das noch hinführen, in Tschechien wie bei uns und anderswo, wo so agiert wird, dass einem angst und bange wird? Von Frank Blenz.

In Prag (und anderswo in Tschechien) ist dieses Jahr kein schönes Sommergefühl zu erleben. Der Corona-Pandemie-Mutationen-Modus herrscht, die Verantwortlichen, die Medien, Mitmachende aus der Bürgerschaft bis hin zur Verkäuferin im Feinkostladen (Setzen Sie ihre Maske richtig auf!) halten bis heute eisern die Spannung hoch oder die Zügel straff (von wegen Lockerung), obwohl die Lage keineswegs dramatisch ist. Die Regierung von Andrej Babiš und ihre Botschafter schlechter Nachrichten leisten ganze Arbeit. Arbeiten für einen Neuanfang, für eine Entspannung, für eine Differenzierung leisten sie nichts.

Die Stadt fühlt sich teilweise geradezu menschenleer an. Mit dem Auto über die Brücken fahren ist wie über Land fahren, nur wenige Fahrzeuge sind unterwegs. Die Freisitze der Gastronomie an den Ufern der Moldau sind zahlreich und – meist leer. Reisebusse – Fehlanzeige. Der Wenzelsplatz, das Herzzentrum Tschechiens, bietet einen traurigen Anblick. Wenigstens das Geschehen in der Altstadt mit der berühmten Karlsbrücke und der Burg vermittelt einen einigermaßen vitalen Eindruck. In den Einkaufsmalls herrscht mehr Leben, mit Mund-Nasen-Schutz, man muss wissen, Tschechen gehen gern Einkaufen. Und Freiluftkonzerte stehen tatsächlich auf dem Programm, indes ohne ausländische Bands.

Der Gang durch die Stadt offenbart: Handel und Wandel, Gastronomie, Kultur, Hotellerie – alle gehen sie mehr und mehr in die Knie. Zwar wird gekämpft und gehofft und geöffnet und mit vielerlei Aktivitäten ein Neuanfang versucht. Die Wahrheit ist aber eher die wie im Artikel des deutsch-tschechischen Blattes Landesecho, in welchem steht, dass die Prager Hotels am Rande des Zusammenbruchs stünden.

In der Tat: Viele Hoteleingänge sehen aus, als würden dort keine Gäste mehr einchecken, dunkle Fensteraugen schauen den Passanten an. Mitten im Zentrum beräumen Bauarbeiter das Innere nicht weniger Hotels, die geschlossen wurden für immer oder tapfer vonseiten der Eigentümer chic für eine Zeit nach Corona gemacht werden. Die Hotels, die (noch) offen haben, bieten ihre Appartements überaus preiswert, offen gesagt: billig, an.

Derweil machen nicht alle Prager den Angst-Modus-Alltag mit. Bei Besuchen in kleinen Galerien und auf Märkten ist Renitenz zu spüren. Die Gastgeber beharren nicht auf das Tragen einer Maske. Unter der Prager Burg protestierten beim Besuchsrundgang mehrere tausend Menschen, junge, ältere, alte, friedlich, laut, vielfach die tschechische Fahne schwenkend. Im Hintergrund warten paramilitärische Polizisten auf eine Eskalation. Die Passanten der Szenerie schauen auf sie, wohl denken sie: Die Polizei ist die Eskalation. Demos, Protest sind Alltag.

Über ein Jahr dauert das Drama. Was wurde sich im Sommer und Herbst 2020 medial über das leichtsinnige und vielfach „dumme“ Verhalten der Tschechen mitten in der Corona-Pandemie aufgeregt. Deutsche Auslandskorrespondenten wie Danko Handrick, eigentlich Botschafter zwischen den Ländern und Beschreibende der Realität, bogen sich ihre Erzählweise über unsere Nachbarn zusammen, als bräche die Welt zusammen. Die Karlsbrücke als Ort sündigen Verhaltens in Massen wurde zum Symbol. Ein Jahr später befindet sich Prag immer noch im Ausnahmezustand. Und wie 2020 herrscht trotz geringer „Virus-Belastung“ die Behauptung vor, ja nicht zu einer Normalität zurückzukehren, die den Namen verdient. Und nein, es werde keine neuerliche Party auf der Karlsbrücke geben.

2020 lautete die Überschrift eines NachDenkSeiten-Artikels:

Zwei Sequenzen reichen, um unser Nachbarland madig zu machen.

Darin hieß es:

Die Redaktion der öffentlich-rechtlichen ARD-Tagesthemen leistet es sich, mit hinterlistig kommentierten Bildern den gegenwärtigen Angstmacherkurs in Sachen Corona durchzuziehen, so zu erleben am vergangenen Freitagabend mit einem Beitrag über Tschechien. Als Zuschauer dieser Sendung und Freund unseres Nachbarlandes blieb mir die Spucke angesichts der Plattheit und Boshaftigkeit gegen Tschechien weg. Es ist geboten, eigene Beobachtungen vor Ort als eine Art Gegendarstellung dieser journalistischen Missetat zur Diskussion zu stellen.    

Die eine Seite. Die erste Szene der „Schalte nach Tschechien“ in den ARD- Tagesthemen trägt enormen Symbolcharakter und wird auch so verkauft: Menschen sitzen an einer langen Tafel auf der berühmten Karlsbrücke in Prag. ARD-Kommentator Danko Handrick dreht während der ersten Bilder aus Prag seine Fahrt ordentlich auf:

„…Eine Stadt ist im Sommer in Partylaune. Doch das geht nicht lange gut.“

Der Tagesthemen-Autor macht einen Schwenk in diese Tage und zählt auf, dass die Maske wieder überall getragen werden müsse, dass Restaurants in Prag 22 Uhr schließen müssten, dass in Prag für Corona-Patienten freigehaltene Betten fast komplett belegt und Kapazitäten erweitert werden müssten. Und Danko Handrick ergänzt in geradezu süffisantem Ton: „Am Abend stuft Deutschland g a n z Tschechien als Risikogebiet ein.“ Ohne die Grenze zu schließen, verbaut so die Bundesrepublik die Einreise nach Tschechien, wer es dennoch tut (außer Pendlern), bei dem sind Quarantäne, Test und bei Nichtbeachten finanzielle Strafe und gesellschaftliche Ächtung sicher, formuliert sich mir der Gedankengang darauf.

Nun ein Jahr später heißt es aus Tschechien, berichtet von der ARD-Tagesschau (6.7.21): „Wir dürfen die Fehler nicht wiederholen“.

Noch sind die Infektionszahlen niedrig, aber die Delta-Variante breitet sich auch in Tschechien aus. Die Regierung will rechtzeitig reagieren, auch mit verschärften Einreiseregeln für die eigene Bevölkerung.

Peter Lange, vom ARD-Studio Prag sagt:

Wer sich am vergangenen Donnerstag gleich zu Beginn der tschechischen Sommerferien auf den Weg in Richtung Adria gemacht hatte, der musste erst einmal einen Stresstest bestehen: Drei Stunden Wartezeit bei der Einreise nach Kroatien, meldete der Nachrichten-Moderator vom Tschechischen Fernsehen. Und Tschechien verschärft Einreiseregeln. Denn über Nacht hatte die kroatische Regierung die Einreisebestimmungen geändert. Die Grenzbeamten verlangten nun einen Impfnachweis oder negativen Coronatest. Prag reagierte verärgert, verkündete dann aber selbst eine Verschärfung der Reiseregeln. Wenn die Urlauber zurückkehren, dann steht ihnen zu Hause die gleiche Prozedur bevor.

Wer nach Tschechien einreisen will, muss eine zweifache Impfung nachweisen, wobei die zweite Impfung mindestens zwei Wochen zurückliegen muss. Anderenfalls ist ein Covid-Test fällig. “Die Corona-Situation bei uns stagniert”, sagt Adam Vojtech, neuerdings wieder Gesundheitsminister. “In Prag verschlechtert sie sich sogar, auch wenn die absoluten Zahlen noch niedrig sind. Außerdem beobachten wir die Verbreitung der Delta-Variante.” Deshalb müsse man auf diese Situation reagieren.

Es verschlechtert sich. Keine Fehler machen (auch wenn die absoluten Zahlen noch niedrig sind). Wo soll das noch hinführen? Vielleicht ändern sich Methoden und Ansätze nach der im Oktober bevorstehenden Parlamentswahl, der amtierende Ministerpräsident Andrej Babiš ist unter Bedrängnis, gar ein neuer Chef könnte auf der Prager Burg einziehen: Ivan Bartoš, einer der Piratenpartei.

Am 12. Juli meldete Prag betreffs Coronaneuinfektionen 145 Neufälle. Tschechien hat knapp 11 Millionen Einwohner.

Der Sommer 2021 kann, will man ohne Stress und freudvoll in Tschechien die Zeit verbringen, abgeschrieben werden.

Bildnachweis: © Frank Blenz

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