Man kann nie alles, aber immer etwas tun
Man kann nie alles, aber immer etwas tun

Man kann nie alles, aber immer etwas tun

Ein Artikel von: Redaktion

Die Frage, der die australische Journalistin und Bloggerin Caitlin Johnstone im folgenden Artikel nachgeht, stellt sich wahrscheinlich jeder von uns immer wieder: Wie schafft man es, angesichts der grundlegenden Schieflage der herrschenden Verhältnisse, der schieren Masse ungelöster Probleme und der Übermacht der Kräfte, die das Elend der großen Mehrheit in Kauf nimmt, nicht die Flinte ins Korn zu werfen? Johnstone plädiert dafür, nicht zu viel von uns selbst zu erwarten, sondern beharrlich im Kleinen auf Veränderungen hinzuarbeiten. Übersetzt von Susanne Hofmann.

Man kann nie alles, aber immer etwas tun

von Caitlin Johnstone

Wann immer ich darüber spreche, dass unsere Welt von Psychopathen regiert wird, die die Menschheit auf den Weg zur Vernichtung mittels Klimakatastrophe oder Atomkrieg gebracht haben, stellen Menschen eine vollkommen verständliche Frage: „Was können wir denn tun, um das aufzuhalten?“ Damit meinen sie im Allgemeinen, wie wir unser aller Denken aus dem Propaganda-Gefängnis manipulativer Beherrscher befreien und die Übermacht unserer schieren Zahl dafür einsetzen können, eine gesunde Welt zu schaffen.

Die Antwort darauf lautet im Grunde: Tun Sie, was Sie können und wo Sie es können. Sie sind nur ein einzelner Mensch und die Maschine ist so dermaßen mächtig und tief verankert, so dass jeder immer nur sein Möglichstes tun kann. Nutzen Sie jede Gelegenheit, aufzuklären und Sand ins Getriebe der Maschine zu werfen, und seien Sie versichert, dass Sie damit alles in Ihrer Macht Stehende getan haben.

Mit Aufklären meine ich, Menschen bewusst zu machen, was hier passiert. Ihnen dabei helfen zu verstehen, dass man uns schon von Kindesbeinen an belogen hat über das Wesen unserer Regierung, unserer Gesellschaft und unserer Welt, und dass mächtige Menschen gigantische Summen dafür ausgeben, mithilfe der Massenmedien unsere Denk- und Verhaltensweise sowie unser Wahlverhalten zu manipulieren. Machen Sie ihnen die Verbrechen bewusst, die unsere Regierungen und Institutionen auf nationaler Ebene und weltweit begehen. Nutzen Sie dafür jedes erdenkliche Medium – von Unterhaltungen, bis hin zu Demonstrationen, Flyern, Tweets, dem Verfassen von Texten, dem Produzieren von Podcasts und Videos.

Mit Sand ins Getriebe streuen meine ich, es ihnen schwermachen. Es der Maschine schwer machen zu laufen. Wenn Sie bemerken, dass sie dabei sind, ein neues Narrativ zusammenzuschustern, um die Zustimmung für mehr Sanktionen oder militärische Interventionen herzustellen, weisen Sie jeden, der dafür offen sein könnte, auf die Lücken im Narrativ hin und lassen Sie jeden wissen, dass sie wahrscheinlich lügen. Wenn Sie sehen, dass sie einen Journalisten oder Whistleblower ins Gefängnis bringen wollen, lassen Sie jeden wissen, wer die wahren Kriminellen sind. Arbeiten Sie mit der Wahrheit, um ihre Propagandaoperationen zu durchkreuzen, wann immer sie auftauchen.

Die Antwort auf die Frage „Was können wir tun?“ ist recht einfach, lässt aber die Menschen oft mit einem unbefriedigten Gefühl zurück. Wir wollen alle die Welt retten, und die Vorstellung, dass jeder von uns nur eine winzige kleine Person ist, die eben nicht so viel ausrichten kann, befriedigt das Ego nicht und passt auch nicht zu den Erwartungen, die uns die Heldengeschichten, die Hollywood am laufenden Band produziert, vor Augen halten.

Doch das hier ist nicht Hollywood, und wir sind keine muskelbepackten Profiwrestler. Niemand wird die Maschine ganz alleine niederringen; wenn das überhaupt je gelingt, dann, weil immer mehr Menschen die Augen öffnen und sehen, was da läuft, und wir die Maschine dann gemeinsam zu Fall bringen. Niemand wird dafür Lorbeeren einfahren. Es wird niemandem das Ego befriedigen. Niemand wird den Bösewicht in die geschmolzene Lava treten. Niemand wird am Ende das Mädchen bekommen.

Mir begegnen immer Menschen, die mir sagen, dass ich unbedingt über dieses oder jenes Thema auf diese oder jene Weise schreiben soll, und behaupten, wenn ich mich nur ihres Lieblingsprojektes annähme und ihre persönliche Flagge hisste, dadurch die großartige, weltverändernde Revolution entfacht werden könnte. Aber so funktioniert das einfach nicht. Weder ich noch sonst jemand wird der Messias der Revolution sein. Nur das Ego will glauben, dass es an ihm sein werde, diesen Dampfer zu wenden. Wir werden das gemeinsam schaffen, als Gleichgestellte, oder wir werden scheitern.

Und darüber, ob das gelingen wird oder nicht, haben wir keinerlei Kontrolle, das macht es so schwer zu akzeptieren. Menschen mögen im Allgemeinen das Gefühl nicht besonders, etwas nicht kontrollieren zu können, und wenn es um das Schicksal der gesamten Welt geht, kann diese Erfahrung als umso belastender empfunden werden. Menschen macht es nicht so viel aus, zu kämpfen und dann zu gewinnen oder zu verlieren, solange sie das Ergebnis selbst in der Hand haben.

Und genau das ist eben nicht der Fall. Niemand hat das im Griff. Je früher wir mit der Realität unseren Frieden machen, wie vollkommen die Welt unserer Kontrolle entglitten ist, desto besser für uns. Dann können wir einfach um des Kampfes Willen kämpfen und müssen uns nicht quälen mit der Vorstellung, die Welt alleine retten zu können. Im Frieden mit der Einsicht, dass wir nie alles, aber immer etwas tun können.

Von Chris Hedges stammt ein toller Ausspruch: “Ich bekämpfe die Faschisten nicht, weil ich gewinnen werde. Ich bekämpfe die Faschisten, weil sie Faschisten sind.“ Für mich weist dieser Satz den Weg zu richtig effektivem Handeln, weil man sich ganz und gar einsetzt, ohne sich von Bedenken kirre machen zu lassen, ob die eigenen Bemühungen wohl erfolgreich sein werden oder nicht.

Anders ausdrücken lässt sich das in den Worten der Bhagavad Gita: “Hänge dein Herz an deine Arbeit, nicht aber an ihren Lohn. Arbeite nicht für den Lohn; doch höre nie auf, deine Arbeit zu verrichten. Erledige deine Arbeit im Frieden mit Yoga, frei von egoistischen Wünschen, sei ungerührt von Erfolg oder Misserfolg.“

Diese Einstellung zur Revolution ist nicht befriedigend für das Ego, aber, da die Lösung unserer existentiellen Krise wahrscheinlich ein massenhaftes Erwachen aus dem ichbezogenen Bewusstsein – der Ursache all unserer Probleme – voraussetzt, ist das vielleicht genau der richtige Weg.

Titelbild: TheVisualsYouNeed/shutterstock.com

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Aufbau Gegenöffentlichkeit Wertedebatte

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