ZDF: „Aufstand der Jungen“ – genauer betrachtet, eine Kritik am herrschenden Kurs

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Man nehme die eindimensionalen Fortschreibungen der Untergangspropheten des Sozialstaats, wie etwa die von Meinhard Miegel, schreibe deren apokalyptischen Vorhersagen in ein Drehbuch und konstruiere darum eine abstruse Geschichte eines „Millenniumkindes“, das im Jahre 2030 gleich zweimal untertauchen musste und dann von einer auf der Sonnenseite des Systems lebenden gleichaltrigen Freundin gesucht wird. Und man nenne dann diesen abstrusen Film „Doku-Fiction“. Abschließend erklärt man noch bedeutungsschwer den ganzen Unsinn als die „Geschichte einer Generation“, die so verlaufen könne, aber nicht müsse, „wenn jetzt die richtigen Entscheidungen getroffen werden“. Von Wolfgang Lieb

Die „Doku“ lässt keine Parole der Alarmisten aus: die „Rentenfalle“ in die junge Leute gerieten, weil sie gleichzeitig für die Alten bezahlen und für sich selbst privat vorsorgen müssten; nach 35 Jahren Einzahlung in die Pflegeversicherung bleibe nur noch die Grundversorgung; die Erben von Pflegebedürftigen oder Kranken erbten nur noch Schulden; Krankheiten müssen verschwiegen werden, um die Beitragssätze niedrig zu halten; prädikative Diagnostik senkt den Beitrag zur Krankersicherung; Kliniken suchen sich nur noch die Patienten aus, die zahlen können; Operationen in städtischen Kliniken, die noch alle aufnehmen müssen, werden verschoben, bis dass die Patienten sterben; drastisch erhöhte Studiengebühren zwingen die Studierenden, zum Studium nach Indien auszuwandern; die Schule kann nur noch mit teurer privater Nachhilfe bewältigt und mit einer Erbschaft finanziert werden; die Mittelschicht stürzt ab; Festangestellte werden wegen der Konkurrenz aus Indien in Tochterfirmen als freie Mitarbeiter oder als Zeitarbeiter mit 2.50 Euro ausgelagert; es entstehen „Arbeitsnomaden“; Stadtteile werden zu No-Go-Areas von Untergetauchten mit eigenen Gesetzen und einer eigenen Subsistenzwirtschaft; die Illegalen trauen sich wegen der Videoüberwachung nicht mehr zu den Discountern und kaufen überteuerte Waren und rezeptpflichtige Medikamente bei Schwarzhändlern.

Um der Geschichte überhaupt einen roten Faden zu geben, wird das zweifache Untertauchen des Doku-Helden damit erklärt, dass er sich in die totalüberwachende zentrale Datenbank einhacken wollte, um Krankenversicherungspolicen für seine krebskranke Frau zu fälschen. Was bei seiner Verfolgung durch ein Sondereinsatzkommando zu tödlichen Schussverletzungen führt, wird nach der Rückholung des Helden durch seine Freundin ins gutbürgerliche Leben, dann – des Happy-Ends zu liebe – nur noch mit einer harmlosen zweijährigen Bewährungsstrafe aufgefangen. Ein Schluss, der genauso unschlüssig ist, wie die ganze sog. Doku-Fiction.

Die schwersten sozialen Unruhen „seit Bestehen der Bundesrepublik“ brechen in vielen Städten aus, selbst die Bewohner der besseren Stadtteile ereilt „Todesangst“. „Aus einem Generationenkonflikt ist ein Klassenkonflikt geworden“, wir dann aus dem Pulverdampf der Straßenkämpfe verkündet. Und als Erklärung für die ganze Katastrophe kommt dann die klassische Antwort der Katastrophisten: Das alles sei „der Preis für die jahrelang versäumten Sozialreformen“.

Zwar wurden im Hintergrundtext an zahlreichen Stellen, ohne Zusammenhang mit den filmischen Szenen, immer wieder so Sätze eingeworfen, wie etwa der „Solidarpakt sei in den Trümmern untergegangen“ oder es wurde über den „Generationenvertrag“ oder den „langsamen Abstieg der Mittelschicht“ geschwafelt. Der Film hat an kaum einer Stelle den Zusammenhang zwischen einer angeblich schrumpfenden und vergreisenden Gesellschaft, mit dem „Aufstand der Jungen“ herstellen können. Im Gegenteil: die nach dem Verbleib des Helden recherchierenden Damen haben versinnbildlicht, dass es sich auch 2030 für die Oberschicht noch ganz gut leben lässt. Sie werden Gesellschafter von Beraterbüros oder Fernsehjournalistinnen, kleiden sich in modischem Outlook und fahren Sportwagen (lächerlich wirkende Volkswagen Prototypen). Und das High-Life geht offenbar auch nach dem „Aufstand“ fröhlich weiter.

Wohl eher unfreiwillig und geradezu konträr zur Absicht der Autoren wurde in dem Film, wenn man genauer hinschaut, eigentlich dargestellt, was uns blühen könnte, wenn der schon derzeit eingeschlagene politische Kurs beibehalten wird. Folgt man dem Film „muss“ die Bundesregierung (trotz aller derzeitigen „Konsolidierung“) tiefe Einschnitte vornehmen, die gesetzliche Rente wird vollends abgeschafft, die private Rentenversicherung rechnet sich ausschließlich für hohe Einkommen, die Pflegeversicherung reicht nur noch für die Grundversorgung, der Einstieg in die Studiengebühren war nur der Anfang für eine drastische Erhöhung, prekäre Arbeit weitet sich noch weiter aus. Usw. usf. All das, was in diesem Film zum „Aufstand führt“, ist mit der „Reformpolitik“ der letzten Jahre angelegt und vorgezeichnet.
Wenn man diese „Doku-Fiktion“ also nur ein bisschen mit einem kritischen Auge auf die zurückliegenden Entscheidungen auf den Feldern der Renten-, Gesundheits- und Arbeitsmarktpolitik betrachtet, könnte man auch sagen, dieser Film führt vor, was bei einer Fortsetzung und Intensivierung des neoliberalen politischen Kurses in zwei Jahrzehnten herauskommt.

Offenbar hat das ZDF erkannt, dass die Sache mit dem „Generationenkonflikt“ in dem Film eigentlich gar nicht vorkommt. Sonst hätte man sich die aufdringlichen Interpretationsvorgaben um diese „Doku-Fiction“ herum wohl auch erspart. Die Vorgabe der Bortschaften wirkt so aufdringlich, als hätte das ZDF Angst, dass der Film womöglich als massive Kritik am bestehenden Kurs verstanden werden könnte.

So resümiert schon die Inhaltsbeschreibung: „Die Geschichte von Tim Burdenski zeigt einen jungen Menschen als Opfer eines Staates, der keine Vorsorge betrieben hat und jetzt, im Jahr 2030, durch die hohen Kosten für Renten, Alters- und Gesundheitsversorgung der jungen Generation die Luft zum Atmen nimmt.
Da musste das ZDF in den tatsächlichen Ablauf der Story ganz schön viel hineindichten, um zu diesem Fazit zu kommen. Wo der Held doch an den Studiengebühren scheitert ein Studium aufzunehmen und trotz seiner Begabung aus einer Festanstellung entlassen wird und als Billiglöhner wieder eingestellt wird und deswegen seine Krankenkassenbeiträge zu senken versuchen muss. Was sollte diese Biografie mit der „Vergreisung“ der Gesellschaft zu tun haben?

Oder nehmen wir die ZDF-Rubriken „Tipp Interaktiv, Wie werden wir leben? – Thesen zur Gesellschaft von morgen“: Da werden etwa in der Rubrik Rente der eindimensionale Blick [PDF – 183 KB] die Kaffeesatzleserei aus den Modellrechnungen über die demografische Entwicklung angeboten. Mit der platten Werbebotschaft: „Private Vorsorge heißt das Gegenmodell. Junge Leute sollen Kapital für ihr Alter ansparen. Mit der Riester-Reform ist diese zweite Säule der Altersversorgung bereits auf den Weg gebracht.“ Aus dem Film selbst kann man eigentlich nur die Botschaft entnehmen, dass die Pflegeversicherung (bei der Oma des Helden) kaputt gemacht worden ist und die Gesundheitsversorgung davon abhängt, wie viel (Zusatzversicherungen) man zahlen kann (auch wenn man privat versichert ist).

Da wird dann wahrheitswidrig in der Rubrik Pflege einfach behauptet: „Die Pflegeversicherung gilt bereits jetzt als pleite“. Dabei meldete jüngst sogar das Bundesgesundheitsministerium: „Aktuelle Berichte, die finanzielle Lage der Pflegeversicherung habe sich verschlechtert, treffen nicht zu. Durch die steigenden Beschäftigtenzahlen hat sich die Einnahmesituation der Pflegeversicherung deutlich besser entwickelt. So ist auch für 2010 ein Überschuss zu erwarten. Entgegen bisheriger Einschätzung werden die Rücklagen der Pflegeversicherung daher länger reichen.“ Nach neuen Berechnungen steigt der Beitrag im Jahr 2014 von 1,95 Prozent auf 2,1 Prozent und bis zum Jahr 2050 auf 2,8 Prozent. (Siehe dazu auch: Zu laut, aber richtig)

Schon in der Vorankündigung versuchte das ZDF das Publikum und die anderen Medien darauf einzustimmen, dass der Film die Botschaft habe, dass die junge Generation aufgrund des demografischen Wandels zu den „Verlierern“ gehöre, damit bloß niemand auf den falschen Gedanken kommen könnte, der Film sei eine Kritik an der herrschenden Politik.
So ist das halt beim ZDF, bei dem der frühere hessische Ministerpräsident Roland Koch bestimmen kann, wer ihm ein angenehmer Chefredakteur ist. Es ist und bleibt ein Propagandasender für den herrschenden konservativen Kurs. Das war auch beim Vorläufer dieses teuren Machwerks, beim „Aufstand der Alten“ schon so.

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