„Die Tschechen wollen einfach nur gut leben“

„Die Tschechen wollen einfach nur gut leben“

„Die Tschechen wollen einfach nur gut leben“

Ein Artikel von Frank Blenz

Eine Radtour durch unser Nachbarland (mit drei Bahnfahrten zwischendurch) unternahm ich, um unseren Nachbarn näherzukommen und vielleicht zu erfahren, wie es nach über zwei Jahren Pandemie um die Lebensumstände bestellt ist. Nach Besuchen 2020 und 2021 erlebte ich in diesem Sommer ein Land, in dem das Lächeln zurückgekehrt ist, ein stolz wirkender Mut zu spüren ist, aber auch Wut gegenüber der aktuellen Regierung. Nicht wenige Bürger machen die Führung des Landes für sich mehrende Probleme in der Gesellschaft, in der Wirtschaft, im Alltag verantwortlich, welche die Menschen überfordern. Sie nehmen es nicht hin. Von Frank Blenz.

Die NachDenkSeiten-Redaktion hat in ihrer Sommerklausur unter anderem beschlossen, mehr „Positives“ zum Thema zu machen. So beschloss ich, die Gelegenheit bei meiner Reise nach Tschechien zu ergreifen, dies zu versuchen. Siehe da: ja, ich wurde fündig, auch wenn dem Plus stets auch ein Minus gegenübersteht. 2020 schrieb ich, dass man ein Land, in dem Fall Tschechien, seitens der Mainstreammedien mit wenigen Worten „madig“ machen kann und protestierte. 2021 erlebte ich die Hauptstadt Prag in einer Art depressiven Dornröschenschlaf. Und dieses Jahr? Mit dem Drahtesel fuhr ich los. Zwei Wochen. Fazit: Es war wunderbar. Zwei Dutzend Städte, etliche Dörfer, Begegnungen mit vielen Menschen. Viele Eindrücke nahm ich mit nach Hause.

Echtes Fahren statt mit dem Akku unterm Hintern

Radfahren ist langsam genug, um viel zu sehen. Nebenbei, Radfahren durch Tschechien ist sehr anstrengend. Ich meine richtiges Radfahren. Bergauf, bergab, das böhmische oder das mährische Mittelgebirge fordert den Reisenden permanent. Dennoch bereitet es Freude, durch die Landschaft zu kurven, durch kleine Dörfer, durch schöne, malerische Städte zu fahren und vor allem auch anzuhalten. In den Orten nahm ich stets eine optimistische Geschäftigkeit der Menschen auf, in den kleinen Läden (Potraviny) versorgte man sich mit den Waren des täglichen Bedarfs, hielt einen Plausch und der Tag konnte weitergehen. Es freute mich dann sogleich, dass einem auf den Radwegen und Straßen in Tschechien meist ebenfalls noch auf echten Drahteseln tretende Menschen begegnen, Grüße austauschen inklusive. Unsere Nachbarn sind noch nicht im uns Deutschen schon sehr angenommenen Elektrofahrrad-Rausch angekommen. Wie ticken die Tschechen eigentlich, fragte ich mich.

Heute leben und dann auf das Morgen schauen

„Die Tschechen wollen einfach gut leben. Dazu haben sie jedes Recht. Sie tun es mit Herz und in den Tag hinein. Wir Deutschen sind da eher zu ernst“, sagt meine gute alte Bekannte Eva Kramerova mit einem schelmischen Lächeln bei meinem Besuch. Sie ist meine zuverlässige Quelle für „CZ“. Eva ist eine „deutsche Tschechin“, die seit vielen Jahren in der Bundesrepublik lebt und regelmäßig in ihre alten Heimatstädte Tabor und Cheb zurückkehrt. Sie kennt ihr altes Heimatland so genau wie ihr jetziges. „Ich bin zwar keine Intellektuelle, ich habe im Grunde keine Ahnung von der großen Politik, weißt Du, aber ich weiß, was die Leute denken und wollen. Heute leben und dann schauen wir auf Morgen“, sagt Eva und meint die feine Gelassenheit der Tschechen, nicht alles planen und im Griff behalten zu wollen. „Damit kamen wir auch ganz gut durch die schlimme Corona-Zeit.“

Aufbruchstimmung und Geschäftigkeit

Eva hat recht. Das Land wirkte auf mich gelassen und wie in einem neuerlichen Aufbruch befindlich. Das Motto der Leute war wohl: „Leben, jetzt und ja auch für später“. Eine nach vorn gerichtete Atmosphäre tat sich mir auf. Überall sah ich, es wird gebaut, viele kleine und größere Häuser entstehen, mal perfekt als Fertigteilbau hingezimmert, mal nach und nach entstehend, wobei der Bauherr dann eben schlicht mit der Familie auf einer Baustelle lebte. Egal, es wird sich etwas geschaffen. Aufbruch. Geschäftige Leute wagen es tapfer, kleine Unternehmungen zu gründen: Läden, Lokale, Werkstätten, Ausflugsgaststätten, Freizeitangebote. Das Land wird von einem dichten Netz an Lebensfreude stiftenden Orten überzogen, die Tschechen machen es sich schön, sie richten sich ein. Wieder. Nach Jahren der Depression.

Tschechien ist Land der Bieres, ja, es ist auch Land der kulinarischen Innovation: überaus schmackhafte alkoholfreie Getränke boomen, das Angebot an vegetarischen und veganen Speisen ist sehr einfallsreich und vollkommen und wird friedlich gegenüber all den Gulaschs und Knödeln präsentiert und akzeptiert. In Brno geriet ein buntes veganes Buffet im Zentrum zu einem ganz großen Höhepunkt der Reise.

Und auch bei den größeren Wirtschaftseinheiten sah ich: Gewerbegebiete werden ausgebaut, in den Arealen rund um Bahnhöfe wachsen Industriegebäude gen Himmel. „Dass die Tschechen loslegen, es hat auch damit was zu tun, dass die Bürokratie nicht so umständlich ist“, so Eva.

Städte der Lebendigkeit und der Helligkeit

Tschechienbesucher erinnern sich angesichts früherer Ausflüge vielleicht daran, dass Tschechiens Städte und Dörfer eher grauen Mäusen glichen. Klar, das „Goldene Prag“ war auch in den 1980er Jahren einen Besuch wert. Ansonsten herrschte: Tristesse. Das Land hellt sich aber mehr und mehr auf, lautete meine schöne Radtour-Feststellung 2022. Ich sah Telč, Znojmo, Kutna Hora, Prag, Cheb, České Budějovice, Kraclice und weitere Orte. Die Städte entwickeln sich, deren Zentren laden ein, und das nicht nur mit freundlichen Fassaden. Okay, Tschechien punktet sowieso mit einer unglaublich hohen Zahl an Burgen, Schlössern, historischen Stadtkernen, Türmen und Parks. Es ist wie im Märchen, vor allem weil all die Schätze sehr wertschätzend gehegt und gepflegt werden. Doch ist die Fassade ja nur ein Teil der Geschichte, die Menschen selbst sind es, die bereichern, sie bevölkern die Straßen und Plätze, sie gehen ruhig und zielstrebig ihrem Tagwerk nach. Das Leben ist prall. Die graue Maus – das war einmal. Und noch etwas: Es sind viele Kinderwagen zu sehen, geschoben von jungen Müttern.

Die Schilder der Masken und weiterer Pflichten sind weg

Aufatmen. Schon während der Lockdowns und in den maßnahmengelockerten Sommern verhielten sich die Tschechen weit eigensinniger und fragender als die Deutschen, sagt Eva Kramerova. So ein bisschen wie der Schweijk haben sie den Widerstand, den Widerspruch, den Zweifel in den Genen. Und siehe da: Ob in Brno oder Prag oder České Budějovice – an Ladentüren, an öffentlichen Gebäuden, in großen Einkaufszentren – die Schilder der Pandemie sind verschwunden. Im Zug und in der Straßenbahn ist die Maske ebenso erstmal Geschichte.

Bahnfahren – in Tschechien eine Wohltat

Radfahren ist herrlich. Die Eisenbahn zur Überbrückung schwerer Abschnitte zu nutzen, war für mich aber überaus hilfreich. So erlebte ich, dass die tschechische Eisenbahn, die České dráhy, eine wundervolle Institution ist. Ich wünschte mir, die CD übernimmt die Deutsche Bahn. Das Land verfügt über ein lückenloses Netz an Schienen und Bahnhöfen. Es sind Orte, die in sehr gut intakt sind, an denen die Stationsvorsteher bei jeder Durchfahrt und Ankunft eines Zuges vor dem Dienstgebäude stehen und grüßen. Die Fahrkarten kauft man bei Menschen und nicht an Automaten. In den Bahnhofshallen und auf den Bahnsteigen ist das Leben daheim.

Musik liegt in der Luft

Die Tschechen lieben Musik und sie machen gute Musik. Sie haben viele Musiker, die auch meinen Sommer bereicherten. Konzerte waren überall zu erleben. In Brno gab es einen mehrtägigen Musik-Marathon. In Telč wurde der Status der Stadt als Weltkulturerbe mit Konzerten von Funk bis Punk gefeiert, in Prag tönte es überall, in Parks, in kleinen Lokalen und Klubs. Vor einer Brauerei in Budweis spielte eine Jazzband bis tief in die Nacht und der kleine Ort nahe der Burg Pernstejn bot Rockiges von jungen Künstlern aus der Region. Alles erlebt binnen zweier Wochen. Beim Radfahren entdeckte ich immer wieder Plakate zu bevorstehenden Events. Und in den Informationsbüros der Orte lagen die Auslagen voller Handzettel über kulturelle Aktivitäten. Brno hat sich als Kulturhauptstadt Europas 2028 ins Spiel gebracht.

Sorgen

Ein alter Mann schlurfte auf dem Markt in Brno an den Ständen der Obst- und Gemüsehändler vorbei. Er hält einen Beutel, in dem er einen kleinen Einkauf verstaut hat. Der Mann schaute traurig aus, er zählte seine paar verbliebenen Kronen, wohl abwägend, ob er sich bis zum Monatsende noch ein paar Äpfel oder doch etwas Gemüse leisten könne. Im Gegensatz zu dem alten Herrn schlenderten junge, schick bekleidete Leute lebensfroh und ausgelassen am Markt vorbei. Eva Kramerova, meine persönliche Tschechenkennerin, macht sich Sorgen: „Ja, es ist nicht alles so schön, wie es scheint mit unserem aufstrebenden Tschechien. Nicht wenige Menschen haben Not, vor allem Rentner, Alleinerziehende und die Leute, die eben keine hochbezahlten Jobs haben. Meine Frisörin zum Beispiel – sie arbeitet, damit sie ihre kleine Wohnung bezahlen kann. In Prag dagegen lebt sich die High Society aus, die Hauptstadt ist teilweise wie ein anderer Stern.“ In Prag zu wohnen, wird zunehmend teurer, lediglich in den Trabantenstädten gibt es noch Wohnungen, die günstig zu mieten sind, weiß Eva. In Medien ist zu lesen, dass die Stadtverwaltung erkannt habe, dass der Turbokapitalismus und der damit einhergehende Ausverkauf zum Beispiel von Immobilien gestoppt werden müsse und deshalb die Stadt Prag wenn möglich Häuser und Wohnungen zurückkauft, die in den 1990ern verhökert wurden.

Preise, Krieg und das Militärische, was die einfachen Leute ablehnen

Eva meinte, dass die Tschechen angesichts der boshaft steigenden Preise und der Inaktivität der Regierung von Petr Fiala die Schnauze voll haben und nicht mehr ein und aus wüssten. „Wir lassen uns das, glaube mir, aber nicht lange mehr gefallen.“ Sie sagte es und Tage später gingen viele tausend Menschen in Prag demonstrieren – auf dem berühmten Wenzelsplatz. Dort, wo 1989 die Samtene Revolution begann. Die Forderungen wurden klar definiert: ein aktives Handeln der Regierung gegen die Preistreiberei, eine neutrale Haltung gegenüber der Ukraine und Russland und Waffenstillstandsverhandlungen. Regierungschef Fiala hatte indes nur Spott für die Demonstranten übrig.

In Sachen Russland. „Es stimmt, dass wir wegen 1968 gegenüber den Russen skeptisch sind, aber es muss Vernunft her – wir können nicht ewig auf Ablehnung und Strafen und Sturheit setzen. Und den einfachen Russen sind wir nicht fern. Leider ist es so, dass unsere Regierung, diese ganzen Großen, Wichtigen und Reichen nur mit sich zu tun haben. Und den Kriegen, die Konfrontation schüren. Wir aus dem Volk wissen das. Wir kommen nur schwer dagegen an.“

Auf dem Platz vor der Prager Burg staunten die Besucher und ich über ein militärisches Schauspiel, das wie aus einem historischen Film stammend anmutete. Die Wachablösung. Eva und ich waren uns im Gespräch darüber einig, dass dieses etwas folkloristisch wirkende Marschieren, Salutieren und Gewehrüberwerfen im Klang einer schmissigen Militärblaskapellenweise eine touristische Attraktion bleiben soll und dagegen andere militärische Aktivitäten zurückgedrängt werden müssten – in Tschechien, in Europa – überall.

Rückkehr nach Deutschland – ernüchternder Preisvergleich beim Tanken

Daheim wurde das Fahrrad wieder mit dem Auto getauscht. Das Tanken in der Heimat geriet zu einem Trauerspiel. Wenigstens brachte das spätere Tanken in Tschechien als willkommene Alternative eine Ersparnis von mehr als 23 Euro ein. Da dankte ich dem Tankwart gleich herzlich und wünschte ihm alles Gute in diesen schweren Zeiten. Ich denke, die Tschechen kriegen das schon hin.

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