Von Relotius-Skandal nichts gelernt? – SPIEGEL entfernt wegen Zweifeln am Wahrheitsgehalt mehrere Artikel von der Website

Von Relotius-Skandal nichts gelernt? – SPIEGEL entfernt wegen Zweifeln am Wahrheitsgehalt mehrere Artikel von der Website

Von Relotius-Skandal nichts gelernt? – SPIEGEL entfernt wegen Zweifeln am Wahrheitsgehalt mehrere Artikel von der Website

Florian Warweg
Ein Artikel von: Florian Warweg

Vier Jahre nachdem das Hamburger Nachrichtenmagazin mit den massiven Fälschungen seines Star-Journalisten Claas Relotius an die Öffentlichkeit treten musste, bahnt sich wohl ein neuer Skandal an. Diesmal geht es um Berichte und Reportagen mit zweifelhafter Faktentreue aus Griechenland. Statt der Artikel findet man derzeit nur den Hinweis, dass man mehrere Beiträge zu diesem Thema vorläufig von der Website entfernt habe und diese überprüfe. Bestätigt sich der Verdacht, wäre dies ein weiterer schwererer Schlag für die Glaubwürdigkeit des bundesdeutschen „Leitmediums“ und seiner einst hochgelobten redaktionellen Kontrollinstanzen. Von Florian Warweg.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

„Wie der Tod der fünfjährigen Maria die Flüchtlingsdebatte in Griechenland verändert“ und „Todesfalle EU-Grenze“ sind zwei der vier Artikel vom August 2022, die die Spiegel-Redaktion derzeit offline genommen hat. Stattdessen liest man dort:

„An dieser Stelle befand sich ein Beitrag über das Schicksal einer Flüchtlingsgruppe am griechisch-türkischen Grenzfluss Evros im Sommer 2022. Mittlerweile gibt es Zweifel an der bisherigen Schilderung der damaligen Geschehnisse. Wir haben daher mehrere Beiträge zu diesem Thema vorläufig von unserer Website entfernt. Wir überprüfen unsere Berichterstattung und entscheiden nach Abschluss der Recherchen, ob die Beiträge gegebenenfalls in korrigierter und aktualisierter Form erneut veröffentlicht werden.“

In den jetzt entfernten Artikeln ging es insbesondere um den behaupteten Tod eines fünfjährigen syrischen Mädchens namens Maria, dessen Familie versucht hatte, von der Türkei nach Griechenland zu gelangen und auf einer Insel zwischen den beiden Ländern strandete. Während der Verhandlungen zwischen Menschenrechts-Organisationen und der griechischen Regierung sei das Kind laut Spiegel-Darstellung an den Folgen eines Skorpion-Stiches gestorben. In den Berichten des Spiegel-Reporters Giorgos Christides heißt es dazu:

„Nun ist Maria tot. Sie ist Anfang August an Europas Außengrenze gestorben, weil ihr griechische Behörden jede Hilfe versagten. Sie wurde gerade einmal fünf Jahre alt.“

Zahlreiche weitere Medien hatten, unter Bezugnahme auf die damalige Spiegel-Berichterstattung, über den Tod des Mädchens berichtet, unter anderem die Neue Züricher Zeitung.

„Fakten und alle fotografischen Beweise“ sprechen gegen Darstellung des Spiegels

Laut Informationen des Branchenmagazins Medieninsider hat der griechische Migrationsministers Notis Mitarachi von der liberal-konservativen Regierungspartei Nea Dimokratia dem Spiegel-Chefredakteur Steffen Klusmann eine Stellungnahme zukommen lassen, die diese Darstellung des Nachrichtenmagazins infrage stellt.

Dem Migrationsminister zufolge hat der Spiegel-Reporter völlig unkritisch die Angaben zu dem Fall „quasi ungefiltert von NGOs (Nichtregierungsorganisationen) übernommen.“ Mitarachi betont zudem:

„Aus den Fakten und allen fotografischen Beweisen geht hervor, dass es kein vermisstes Kind gibt, geschweige denn ein totes Kind.“

Die Vorwürfe gegenüber dem Spiegel-Reporter Giorgos Christides waren in Griechenland bereits im August publik geworden. Der Migrationsminister hatte erstmals in einem Tweet am 26. August Zweifel geäußert:

„In Bezug auf den Vorfall in Evros bleiben viele Fragen offen, da erhebliche Widersprüche in den Fakten und Beschreibungen bereits offensichtlich sind.“

Christides nahm in einem umfangreichen Twitter-Thread am 27. August zu den Vorwürfen Stellung und verwies unter anderem auf Gespräche mit den Eltern des Mädchens sowie weitere Zeugen.

Er erwähnt außerdem, dass nach deren Schilderung eine Exhumierung beantragt worden sei, allerdings wäre die Grabstelle bisher nicht wiedergefunden worden.

Bei seinen Darlegungen und Rechtfertigungen fällt insbesondere folgende Aussage auf:

„Die Eltern sprachen herzzerreißend von ihrer Tochter und den Kindern ihrer Schwester. Im Gegensatz zu Politikern oder anderen werde ich sie nicht in Frage stellen.“

Eine solche Haltung ist aus aktivistischer und menschlicher Perspektive sicherlich verständlich, allerdings spricht sie nicht unbedingt für eine unvoreingenommene journalistische Herangehensweise an das komplexe Thema.

Diese Problematik scheint man mittlerweile auch in der Spiegel-Redaktion erkannt zu haben. So erklärte Ende November eine Sprecherin des Hamburger Nachrichtenmagazins gegenüber Medienvertretern:

„Mittlerweile gibt es Zweifel an der bisherigen Schilderung der damaligen Geschehnisse. Es geht vor allem um den Verdacht, dass die Flüchtlinge in ihrer Not den Tod eines Mädchens erfunden haben könnten. Einige ursprüngliche Berichte hatten die Schilderungen der Flüchtlinge, die bis heute am Tod des Mädchens festhalten, als Tatsache übernommen.“

Nicht vergleichbar mit Relotius-Skandal

Nach derzeitigem Informationsstand ist der jetzige Vorfall nicht mit dem Skandal von 2018 vergleichbar. Während Relotius große Teile seiner Reportagen und Interviews einfach frei erfunden hatte, scheint dies beim Griechenland-Reporter des Spiegels nicht der Fall zu sein. Hier wäre lediglich der Vorwurf zu machen, dass sich Christides nicht an das Neutralitätsgebot des Journalismus gehalten und sich in aktivistischer Manier unhinterfragt die Version der syrischen Flüchtlingsfamilie zu eigen gemacht und diese als Faktum berichtet hat.

Nichtdestotrotz ist dieser Fall für den Spiegel hochproblematisch. Denn nach dem Relotius-Skandal hatte das Magazin extra neue Kontrollmechanismen sowie eine Ombudsstelle eingerichtet, um genau solchen Situationen wie jetzt vorzubeugen. In einem 74 Seiten umfassenden Dokument wurden zum Beispiel erweiterte Standards zum Bereich „Verifikation“ aufgestellt. Darin wird unter anderem eingefordert, dass die Reporter ergänzend zu ihren Beiträgen jeweils Belege und Verweise zu den konsultierten Quellen und Gesprächspartnern mitliefern. Der Verifikations-Abteilung des Spiegels hätte zum einen der aktivistische Charakter des Reporters und seiner Berichte auffallen müssen und in Folge auch die Tatsache, dass er die Darstellung einer mutmaßlich traumatisierten Flüchtlingsfamilie völlig ohne Distanz als Fakt wiedergegeben hat. Dabei wäre es journalistisch völlig unproblematisch gewesen, statt im Indikativ von „Nun ist Maria tot“ zu schreiben, auf die Subjektivität der Quelle zu verweisen: ‚Laut Darstellung von XY starb deren Tochter M. am… an… Unabhängig verifizieren lässt sich dies derzeit nicht.‘

Stattdessen hat der aktivistische und völlig distanzlose Ansatz des Spiegels und seines Reporters der Berichterstattung über Flüchtlingsschicksale in Griechenland und Deutschland einen Bärendienst erwiesen.

Titelbild: shutterstock / Uwe Michael Neumann

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