Entscheidend is’ auf’m Platz

Entscheidend is’ auf’m Platz

Entscheidend is’ auf’m Platz

Jens Berger
Ein Artikel von: Jens Berger

Die Zeiten deutscher Fußballherrlichkeit sind vorbei. Das ist aber kein Grund zum Trübsal. Im Gegenteil. Der Fußball ist letztlich auch nur ein Spiegel der Welt. Die interessiert sich jedoch nicht für unsere Befindlichkeiten und bei der WM in Katar waren die Deutschen ohnehin nur ein schlechter Gast – verwöhnt, überheblich und selbstgerecht, selbst in der Niederlage. Wer will, kann da durchaus Parallelen zu unserer Politik erkennen. Doch die Fußballwelt dreht sich auch ohne uns weiter und das ist auch gut so! Ein Essay von Jens Berger.

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Als Kind der 1970er wurde mir die Begeisterung für den Fußball im Grunde mit in die Wiege gelegt. Als die westdeutsche Nationalmannschaft 1974 überraschend im eigenen Land den Titel holte, sprang ich als kleiner Steppke aufgeregt vor dem extra für dieses Ereignis gekauften ersten Farbfernseher herum und erfreute meine Familie mit meinem ersten – wenn auch grammatikalisch nicht ganz korrekten – Satz: „Müller Tor!“. 1982 flossen die ersten bitteren Fußballtränen, als das deutsche Team im Finale den Italienern unterlag. 1990, ich war nun 17 Jahre alt, folgte der große Freudentaumel, als „unsere Jungs“ in Rom durch einen verwandelten Elfmeter von Andy Brehme den Titel holten. Große Emotionen, doch das ist lange her und kam nie wieder.

Mit dem Erwachsenwerden öffnete sich die Welt und der Fußball entfremdete sich immer mehr von mir. Aus den kantigen Helden der Jugend wurden aalglatte, rhetorisch geschulte Jungmillionäre, mit denen man sich nicht identifizieren konnte und die schon gar nicht als Vorbild taugten. Der Fußball wurde mehr und mehr zum großen Geschäft; passend zur zeitgleich voranschreitenden neoliberalen Wende in Politik und Gesellschaft. Aus den großen Emotionen wurden Instant-Hypes und je nerviger und omnipräsenter der ganze Werberummel rund um das – wie man es heute sagt – „Event“ wurde, desto seelenloser und stromlinienförmiger wurde das Produkt. Die Magie ist fort, dennoch ertappe ich mich alle vier Jahre dabei, mir die Spiele der Fußball-WM doch wieder anzuschauen. Nur dass ich heute nicht mehr mit großen Emotionen mit der deutschen Mannschaft mitfiebere, sondern mich meist einfach nur noch fremdschäme. Und in dieser Hinsicht war die WM in Katar wahrlich ein Höhepunkt.

Dabei geht es gar nicht mal um die vorhersehbar magere sportliche Ausbeute. Die Zeiten, in denen Deutschland wenn auch nicht den schönsten, so aber doch den effizientesten Fußball spielte und bei der WM dank der vielzitierten Sekundärtugenden aus elf Solisten eine „Turniermannschaft“ wurde, sind wohl unwiederbringlich vorbei. Viel schlimmer ist, dass der Fußball heute mehr denn je politisiert wird. Bereits im Vorfeld des ersten Vorrundenspiels gegen Japan ging es nicht um die Aufstellung oder die Taktik, sondern um die vollkommen abseitige Frage, ob man eine „One-Love-Binde“ tragen sollte oder nicht. Gerade so, als hätte es die deutsche Fußballnationalmannschaft in der Hand, in welche Richtung sich die gesellschaftliche Debatte über alternative Formen des Zusammenlebens in der arabischen Welt entwickelt. Da war sie wieder, die deutsche Überheblichkeit und Selbstgerechtigkeit, von der wir in unserer Jugend eigentlich dachten, man habe sie endgültig überwunden.

Unsere Großeltern zogen in den Krieg, weil die ganze Welt am deutschen Wesen genesen sollte. Unsere Elterngeneration zeigte den Südeuropäern, wie man deutsche Schlager grölt, Sangria aus Eimern säuft und dass weiße Socken in Birkenstocks eine geeignete Garderobe sein können. Schuld und Scham. Wir wollten anders sein und zeigten – als vielleicht einzige Generation – ein unverkrampftes und dabei aufrichtiges Interesse an fremden Kulturen. Nun zieht die Generation unserer Kinder in die Welt und gibt den Moralweltmeister – auch wenn die „Ehe für Alle“ in Deutschland gerade erst seit fünf Jahren Gesetz ist, wollen sie die Welt abermals am deutschen Wesen genesen lassen und haben dabei volle politische Unterstützung. Die deutsche Bundesinnenministerin Nancy Faeser war zumindest die erste deutsche Politikerin seit 1945, die bei einer Sportveranstaltung aus politisch-weltanschaulichen Gründen eine Armbinde getragen hat. Da war er wieder – der arrogant-selbstgerechte Kolonialherr, diesmal nicht mit Tropenhelm, sondern mit bunter Armbinde und nicht in Gestalt eines alten, weißen Mannes, sondern in Gestalt einer mittelalten, weißen Frau.

Verständlich, dass dies im Rest der Welt gar nicht gut ankam. Die drückten nun Japan und Costa Rica die Daumen und freuten sich aufrichtig, dass Deutschland nach der Vorrunde die Heimreise antreten durfte.

Ja, wir Deutschen machen es der Welt mit unserer Empathielosigkeit wirklich schwer, uns zu mögen. Sie glauben mir nicht? Dann stellen Sie sich doch mal folgendes Szenario vor. Jahrelang veranstalteten in ihrem Betrieb immer die „Alteingesessenen“ das Sommerfest. Nun sind zum ersten Mal Sie an der Reihe – nicht wirklich ein Underdog, aber zumindest bei den Alteingesessenen nicht gerade anerkannt und geliebt. Sie legen ihr ganzes Herzblut in die Vorbereitung und zaubern – gemessen an ihren Möglichkeiten – ein wirklich schönes Fest aus dem Hut. Und was machen die Alteingesessenen? Sie meckern an jeder Kleinigkeit herum, erweisen Ihnen gegenüber null Respekt und verschwinden dann ohne ein einziges Wort des Dankes nach der Vorspeise. So in etwa wirkt Deutschland nun auf die arabische Welt.

Aber zum Glück ging ja unsere sportliche Leistung mit unserer diplomatischen Leistung Hand in Hand. Die Sportreporter-Legende Waldemar Hartmann hat schon vollkommen recht, wenn er sagt, dass „die Stimmung in Katar weltmeisterlich ist und wir da nur gestört hätten“. Nun gilt endlich das alte Motto von Adi Preißler: „Entscheidend is’ auf’m Platz“.

Und wenn man die deutschen Befindlichkeiten mal beiseitelässt, wird einem in Katar in der Tat einiges geboten. Spannende, sportlich hochqualitative Spiele, große Emotionen, Überraschungen und echte Stimmung auf den Tribünen – zumindest dann, wenn südamerikanische Teams oder der neue Liebling der panarabischen Welt, Marokko, spielt. Nun könnte man sich ja für und mit den Marokkanern freuen. Aber das lassen die deutschen Befindlichkeiten nicht zu, haben doch die Marokkaner auch ein eher gespaltenes Verhältnis zu unserer neu entdeckten Liebe für LGBTQ-Themen, die ja auf unerklärliche Weise heute fest an den Fußball gekoppelt sind. Also meckern wir lieber über die Autokorsos und Freudenfeste marokkanischer Fans in den europäischen Städten. So was, liebe Araber, ist fester Bestandteil unserer Kultur! Und kulturelle Aneignung mögen wir nicht.

Dabei ist die arabische Welt ohnehin bereits jetzt der eigentliche Gewinner des Turniers. Saudi-Arabien schlug in der Vorrunde das hoch favorisierte Team aus Argentinien, Tunesien besiegte seine ehemalige Kolonialmacht Frankreich und Marokko schaltete mit Belgien, Spanien und zuletzt Portugal die Crème de la Crème der „alten“ europäischen Fußballwelt aus. Und Katar? Allen Unkenrufen zum Trotz kann man das Turnier durchaus als Erfolg bezeichnen – keine Pannen, keine Zwischenfälle, eine gute Organisation; auch wenn das allen voran den deutschen Medien natürlich nie über die Lippen kommen wird. Die wollen stattdessen noch immer die FIFA stürzen, doch das System FIFA ist heute wohl gesicherter als vor dem Anpfiff des Eröffnungsspiels.

Ob das nun gut oder schlecht ist, liegt im Auge des Betrachters. Aus der zeitgenössischen deutschen Perspektive ist das zweifelsohne schlecht. Der Großteil der Welt sieht das jedoch ganz anders. Man tanzt nicht mehr nach der europäischen Pfeife, sondern hat sich emanzipiert. In der FIFA gilt nunmal das urdemokratische Prinzip „Ein Land, eine Stimme“. Da können sich die Deutschen noch so sehr aufplustern. Am Ende ist die Stimme Deutschlands in der FIFA genauso viel wert wie die Stimme Grenadas, Montserrats oder der Britischen Jungferninseln. Und die deutsche „Soft Power“ ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Für Sponsoren ist der asiatische Wachstumsmarkt längst wichtiger als der gesättigte deutsche Markt. Die Musik spielt nicht mehr in Europa und das nicht nur im Fußball.

Wahrscheinlich ist dies eine Entwicklung, die zumindest historisch gerecht ist. Jahrhundertelang hat Europa der Welt seine Regeln diktiert – und diese Jahrhunderte waren zumindest für den Rest der Welt nicht die besten. Das jetzige Jahrhundert könnte ein asiatisches werden. Verhindern kann Europa das nicht und flüchtet sich derweil in einen aussichtslosen Moralimperialismus. Die alberne One-Love-Debatte und das verdiente Ausscheiden der Deutschen sind Bausteine dieses relativen Abstiegs. Aber warum nicht? Was ist so schlimm daran, dass die Welt nicht mehr nach unserer Pfeife tanzt und uns bestenfalls belächelt?

Aber zurück zum Fußball: Entscheidend is’ auf’m Platz. Zumindest ich freue mich schon auf die Halbfinals und das Finale am Sonntag. Denn bei objektiver Betrachtung kriegt man da schon einiges geboten. Was beispielsweise Argentinien und Frankreich auf dem Platz zelebrieren, ist schwerlich mit dem Standfußball zu vergleichen, den meine damals noch geliebte Nationalmannschaft in den 1980er und 1990ern geboten hat. Und für die Emotionen sorgen die Marokkaner. Warum auch nicht? Erfreuen wir uns also an den Spielen und lassen unsere Befindlichkeiten raus. Es lohnt sich.

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Titelbild: Screencap Magenta TV

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