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Albrecht Müller Wolfgang Lieb
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21. Dezember 2014
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„Märkte“, „Anleger“, „Schuldenkrise“, „Schuldensünder“, „Schuldenstaaten“, „Herdentrieb“ und andere Irreführungen

Verantwortlich:

Gestern waren die Tagesthemen mal wieder finsterstes Mittelalter – wie viele andere Einlassungen von Wissenschaftlern, Politikern und Medien ein Ausbund an Gegenaufklärung. Die in der Überschrift genannten Begriffe werden besonders gerne benutzt. Sie führen in die Irre oder sie sind nur die halbe Wahrheit. Albrecht Müller.

Der Erfolg des Begriffs „Schuldenkrise“ ist einer der neueren Belege für die Möglichkeit, die Menschen einschließlich der Medien umfassend zu betrügen. Die Krise ist eine Krise der Banken und der gesamten Finanzwirtschaft. Wie wir jetzt den Einlassungen von Herrn Ackermann zu den faulen Forderungen in den Bilanzen vieler Banken entnehmen können, hat die Finanzkrise ursprünglich wenig mit Staatsverschuldung zu tun. Die Banken und anderen Finanzinstitute haben sich gründlich verspekuliert. Und dies nicht erst jetzt.

Schon im Jahr 2003 war zum Beispiel offenbar geworden, dass sich einige Banken und Versicherungen in Deutschland maßlos vergaloppiert und verspekuliert hatten. Sie klopften im Februar 2003 bei Schröder und seinen Ministern Clement und Eichel an die Tür, um die Unterstützung des Bundes für die Gründung einer oder mehrerer Bad Banks zu erreichen. Die HypoVereinsbank gründete, nachdem der begehrte Deal mit der Bundesregierung bekannt geworden und nicht zustande gekommen war, die HypoRealEstate und lagerte dort ihren Schrott ab. Andere Banken bedienten sich der Unterstützung des Bundes über die KfW, um ihren Schrott bei der IKB abzuladen. Das war alles lang vor dem Scheitern von Lehman Brothers.

Wie im NDS-Beitrag „Die Eurokrise in Zahlen (I) – Wie Musterschüler zu Problemkindern wurden“ beschrieben, war die Staatsverschuldung weder hier noch bei den meisten Mittelmeerländern ein erkennbar großes Problem. Dennoch wird mit den Begriffen „Schuldenkrise“ und „Schuldensünder“ heute massiv und folgenschwer Meinung gemacht.

In den erwähnten Tagesthemen gab es gleich eine Serie von einschlägigen Sprüchen, die auf der falschen Analyse aufbauen, wörtlich:

  • Die Märkte zweifeln an der Reformfähigkeit der Schuldenstaaten.
  • Euro-Schuldensünder
  • Die Märkte glauben immer weniger, dass Europa seine Schuldenprobleme überhaupt lösen kann.
  • Griechenland spart nicht wie versprochen
  • Das Verhalten Griechenlands ist an der Grenze der Provokation (Brüderle)
  • Die Schuldenkrise der Mittelmeerländer ist auch eine Ursache für den Dax-Absturz.

Mit dem Gebrauch der Begriffe „Märkte“ und „Anleger“ wird der Eindruck erweckt, dort seien vernünftig handelnde einzelne Menschen tätig und die Hauptakteure seien solche, die Geld anlegen, investieren, als etwas nützliches und Werte schaffendes tun. Das ist nicht einmal eine Halbwahrheit. Damit wird verdeckt, dass das Geschehen auf den Finanzmärkten und auch auf den Rohstoffmärkten weit gehend von Spekulation und Spekulanten geprägt ist – auch von dem Gebrauch neuer Finanzprodukte, von Wetten und abenteuerlichen Verbriefungen.

Das müssten wir eigentlich wissen: angefangen bei den Übernahmeschlachten um Mannesmann und die Deutsche Börse oder VW/Porsche, über die Spekulationen und Machenschaften um die HypoAlpeAdria bis hin zu den gezielten Spekulationen um die einzelnen Euro-Länder – immer waren einzelne Akteure, Spekulanten, tätig, die das Marktgeschehen, also die Entwicklung der Kurse, der Zinsen und der Währungen wesentlich beeinflussten.

Ein neues sehr gutes Beispiel kommt gerade auf den Tisch: „Goldman Sachs empfiehlt Wetten gegen Europa“ titeln die Mittelstandsnachrichten mit Berufung auf das Wall Street Journal vom 1. September 2011 . (Einstieg siehe Anlage)

Die Menschen, die Aktien, Devisen oder Rohstoffe bzw. entsprechende Fonds kaufen, haben, wenn sie sich gleichgerichtet verhalten, sicher einen gewissen Einfluss auf die Preis- und Kursentwicklung. Insofern kann man von Herden und Herdentrieb sprechen. Aber dies ist wirklich auch nur die halbe Wahrheit. Denn für das Herdenverhalten mit und oft maßgeblich entscheidend sind die Strategien und Empfehlungen einzelner Großspekulanten einschließlich der einschlägigen Investmentbanken wie Goldman Sachs.

Noch eine Anmerkung zu die Folgen des Gebrauchs der oben erwähnten Begriffe zum Umgang mit Griechenland und zu den Tagesthemen:
Offenbar führt der Gebrauch der Worte „Schuldensünder“, „Schuldenstaat“ etc. dazu, dass unsere Kommentatoren in Politik, Wissenschaft und Medien auf das Mitdenken verzichten:

  • Der Kommentator des Bayerischen Rundfunks Gottlieb erweckt den Eindruck, als würden die Griechen gemütlich unter dem Euro-Rettungsschirm liegen. Er hat keine Ahnung vom Geschehen in Griechenland und schon gar nicht von der sozialen und finanziellen Lage der Mehrheit der Menschen.
  • In den Tagesthemen wird eine Diskussion in einem griechischen Privatsender dokumentiert und dabei auch zu vermitteln versucht, dass die griechische Regierung ihrer Verpflichtung zur Privatisierung von Staatsvermögen nicht zügig genug nachkommt. Die dort interviewte Abgeordnete der Regierungspartei versucht zu erläutern, dass die Privatisierung auch deshalb stockt, weil die Preise so schlecht sind. – Für dieses Argument müsste jeder vernünftige Mensch ein offenes Ohr haben. Denn es ist einem Volk wirklich nicht zuzumuten, seine Vermögenswerte weit unter Preis not-zu verkaufen. Wer das nicht nachvollziehen kann, versteht dieses nicht oder er vertritt die Interessen jener, die mit der ablaufenden Schockstrategie wieder einmal ein Schnäppchen machen wollen. Wie schon bei der Plünderung der Vermögenswerte in der DDR und in anderen Ländern Osteuropas und heute in Afrika. Rund um.
  • Auch die schon erwähnte Anmerkung Brüderles, die mangelnde Sparbereitschaft der Griechen sei eine Provokation, zeigt nur, wie eingelullt und vernebelt bei uns maßgebliche Personen sind, wenn es um gravierende Entscheidungen für die Zukunft eines gemeinsamen Wirtschafts- und Währungsraum. Beim Fraktionsvorsitzenden der FDP ist noch nicht einmal angekommen, dass wie von den NachDenkSeiten und einigen anderen Beobachtern immer wieder vorhergesagt, die den Griechen aufgedrückten Sparbeschlüsse gar nicht zum Sparerfolg führen werden, weil damit die Konjunktur kaputt gespart wird. Das alles wusste man. Das alles kann man begreifen, wenn das Gehirn nicht von Schlagworten wie den eingangs erwähnten vernebelt ist.

Es fiel übrigens in dieser Tagesthemensendung auf, dass der Unverstand in der Redaktion der Tagesthemen in Hamburg und beim dortigen Moderator Tom Buhrow um einiges ausgeprägter zu sein scheint als beim Börsenbeobachter Michael Best vom Hessischen Rundfunk.

Anlage:

SEPTEMBER 1, 2011 Uhr
Goldman Takes a Dark View
A Private Note to Hedge-Fund Clients Gives a Strategist’s View; Ways to Gain From Global Pain
BY SUSAN PULLIAM AND LIZ RAPPAPORT
A top Goldman Sachs Group Inc. strategist has provided the firm’s hedge-fund clients with a particularly gloomy economic outlook and suggestions for how these traders can take advantage of the financial crisis in Europe.
In a 54-page report sent to hundreds of Goldman’s institutional clients dated Aug. 16, Alan Brazil—a Goldman strategist who sits on the firm’s trading desk—argued that as much as $1 trillion in capital may be needed to shore up European banks; that small businesses in the U.S., a past driver of job production, are still languishing; and that China’s growth may not be sustainable.
Among Mr. …
Quelle: Wall Street Journal

Schwache US-Volkswirtschaft – Eisiger Herbst
Die USA strahlen derzeit wenig Zuversicht im Kampf gegen die Schuldenkrise aus. Zu dieser kommt noch eine schwache Konjunktur, weil die Menschen wenig einkaufen. Die Arbeitslosenquote verharrt, anders als von vielen Experten erwartet, bei hohen 9,1 Prozent, hieß es am Freitag. Zudem korrigierte das Land offiziell die Erwartungen für das Jahr 2011 – und senkte die Wachstumsprognose drastisch um fast einen Punkt auf nur noch 1,7 Prozent. In Folge sausten die Aktienkurse nach unten. Für die Weltwirtschaft ist die amerikanische Leistungsschwäche ein herber Ausfall. Noch immer handelt es sich um die größte Volkswirtschaft der Welt. Je schneller sie sich berappelt, umso besser für andere Länder. Woher soll Hoffnung kommen?
Quelle: Süddeutsche Zeitung

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