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Amok in Erfurt / Teil 2

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„Schrei nach Veränderung“
Von Götz Eisenberg
Im August 2005 wurde der Schulbetrieb im umgebauten und gründlich sanierten Erfurter Gutenberg-Gymnasium mit einer Feierstunde wieder aufgenommen. Neben dem Eingang brachte man eine Gedenktafel mit den Namen der sechzehn Getöteten an. Gesellschaften und Gemeinschaften brauchen Orte der Erinnerung und kollektive Rituale zur Bewältigung eines Traumas, um ihr erschüttertes Gleichgewicht wieder zu erlangen. Es gibt allerdings Formen der Erinnerung, die in Wahrheit eher das Vergessen befördern. Man schafft, salopp gesagt, „Kranzabwurfstellen“, Orte, an denen man an Jahrestagen Blumen niederlegt, Kerzen entzündet und sich einer ritualisierten Gedächtnisübung unterzieht, um hinterher umso schneller vergessen zu können und über die Ursachen der Gewalt nicht reden zu müssen.

Auf der Erfurter Gedenktafel findet sich über den Namen der Opfer die Inschrift: „Verbunden mit der Hoffnung auf eine Zukunft ohne Gewalt.“ Das ist angemessen und klingt gut, aber hat man auch etwas unternommen, damit die am Ort des Schreckens artikulierte Hoffnung zu einer aufgeklärten, fundierten und geprüften Hoffnung wird, die mehr und etwas anderes ist als ein frommer Wunsch und Beschwichtigung? Wer nach dem Massaker auf eine Form von Katastrophendidaktik gesetzt hatte, sah sich bald enttäuscht. Selbst die größten anzunehmenden zwischenmenschlichen Unfälle scheinen keinen prinzipiellen und nachhaltigen Zweifel an der Gangart des gesellschaftlichen Prozesses auszulösen. Staat und Gesellschaft vermeiden einen Diskurs über die Ursachen der Gewalt und lassen es sich dagegen etwas kosten Gewalt mit technischen und repressiven Mitteln zu bekämpfen.
Die Erfurter Schülerinitiative „Schrei nach Veränderung“, die unmittelbar nach dem Massaker am Gutenberg-Gymnasium entstanden war, stellte schon wenige Monate nach der Tat fest, dass „vielerorts wieder Normalität eingekehrt“ sei. Das mögen die meisten von der Tat Betroffenen und auch die Bürger der Stadt Erfurt mit Erleichterung zur Kenntnis genommen haben, wenn aber Massenmörder nicht, wie Bernhard Vogel anzunehmen scheint, von einem fremden Stern stammen, sondern unserer Normalität entspringen, ist die Rückkehr dieser Normalität eher ein Grund zur Besorgnis.

Am 18. Juli 2002 veröffentlichte die Frankfurter Rundschau einen Aufruf Erfurter Schüler und Studierender, in dem gefordert wurde, sich „verstärkt mit den gesellschaftlichen Ursachen dieser Tat auseinander zu setzen“, weil nur deren Kenntnis es ermögliche, ähnlichen Taten vorzubeugen. Insbesondere müsse der Leistungsbegriff hinterfragt werden, der das Bildungssystem beherrsche und dafür verantwortlich sei, dass unablässig Verlierer produziert würden, die den vorherrschenden Idealen nicht entsprächen und in der Folge leicht in eine Position abseitiger Verzweiflung gerieten.

Was ist aus den Forderungen der Schüler und Studierenden geworden? Was hat man gelernt oder: was hätte man aus der Katastrophe von Erfurt lernen können?
In Familien sollte ein Klima herrschen, das es Kindern und Jugendlichen ermöglicht, alles sagen zu können. Wer die Erfahrung macht, dass man erlittene Niederlagen eingestehen darf, ohne die Zuwendung der Eltern zu riskieren, und in Notsituationen von einem unzerstörbaren Netz emotionaler Bindungen aufgefangenen zu werden, wird es selbst mit peinlichen Kränkungen und schlimmen Zurückweisungen aufnehmen können, die das Leben „draußen“ bereit hält. Unwissenheit, die die Eltern von Robert S. für sich reklamiert haben, beruht zu einem großen Teil auf einem wie auch immer begründeten Desinteresse, oder andersherum: Eltern, die wissen wollen, ob ihr Sohn tatsächlich die Schule besucht und dort etwas lernt, erfahren das auch. „Wer denkt, es ist alles in Ordnung, obwohl nichts in Ordnung ist, der will auch glauben, es sei alles in Ordnung, weil er angesichts der erahnten Unordnung resigniert hat“, kommentiert Wolfgang Schmidbauer die Haltung vieler heutiger Eltern. Hätte sich Frau S. an jenem von ihr geschilderten Morgen zu Robert an den Küchentisch gesetzt und ihm Gelegenheit gegeben, zu erzählen und sein schulisches Scheitern einzugestehen, wäre es möglicherweise zur Tat nicht gekommen.

Am Ende von Fritz Langs Film M – eine Stadt sucht den Mörder fällt der Satz: „Wir müssen uns mehr um unsere Kinder kümmern.“ Was so einfach und banal klingt und die einzig wirksame Form der Prävention wäre: Dass für keinen und niemand die Kommunikation und der Bezug zur Welt abbricht, ist doch zugleich das Schwierigste. Die Bereitschaft, sich umeinander und vor allem um Kinder zu kümmern, lässt sich nicht dekretieren, und solange mächtige Tendenzen, die in der Grundstruktur dieser Gesellschaft verankert sind, daran arbeiten, die Menschen in gegeneinander isolierte und miteinander konkurrierende Sozialatome zu verwandeln, werden viele Familien nicht mehr sein als das bloße Nebeneinander von sprach- und lieblosen Einsamkeiten. Nach wie vor gilt, was Adorno in seinem berühmten Aufsatz „Erziehung nach Auschwitz“ aus dem Jahr 1966 gesagt hat: „Vor allem aber kann man Eltern, die selber Produkte dieser Gesellschaft sind und ihre Male tragen, zur Wärme nicht animieren. Die Aufforderung, den Kindern mehr Wärme zu geben, dreht die Wärme künstlich an und negiert sie dadurch.“

Dass rund um den 10. Jahrestag des Massakers in den Medien – und auch in diesem Text – der Name des Robert S. erneut genannt wird, gehört zu seinen posthumen Erfolgen und belehrt uns zugleich über ein möglicherweise zentrales Motiv solcher Täter. „Ich möchte, dass mich eines Tages alle kennen“, hatte er im Vorfeld der Tat einer Mitschülerin anvertraut – und so ist es nun auch. Wem es auf gesellschaftlich akzeptierte Weise nicht gelingt, Anerkennung zu finden, kann als Massenmörder und Negativ-Held in die Annalen der Zeitgeschichte eingehen. Die Medien erweisen sich als mächtige Komplizen von Tätern, die auf Anerkennung aus sind. Der Täter produziert den Schrecken in der sicheren Gewissheit, dass die Medien ihn verbreiten.

Im Zeitalter des Narzissmus besteht nur dann Hoffnung auf eine Eindämmung des School Shootings, wenn die mediale Resonanz möglichst gering ausfällt und jede Heroisierung der Täter unterbleibt. Gäbe es den medialen Hype nicht und würden Meldungen über Schulschießereien auf Seite sieben der Lokalzeitungen landen, gäbe es die Schulmassaker nicht oder doch in viel geringerem Ausmaß. Vor allem dürfen keine Bilder des Täters in Aktion und Kampfmontur in Umlauf gesetzt werden, weil diese den „bösartigen Narzissmus“ amokgefährdeter Jugendlicher auf besondere Weise stimulieren und sie zur Nachahmung geradezu animieren. Am besten wäre es, nicht einmal Fotos und Namen der Täter zu verbreiten. Da Winnenden uns vor ein paar Jahren wieder ein zum medialen Paroxysmus gesteigertes Gegenbeispiel geliefert hat, könnte man auf die Idee verfallen, dass diese Gesellschaft – und damit wir alle – den Amoklauf unbewusst fördern, weil er uns mit Bildern beliefert, die wir schaudernd genießen, und weil er uns kurzfristig ein panikinduziertes Gefühl der Zusammengehörigkeit beschert.

Gesamtgesellschaftlich wäre aus der Erfurter Katastrophe zu lernen gewesen, dass wir gesellschaftliche Verhältnisse herstellen müssten, unter denen der Mensch dem Mensch kein Wolf mehr ist und sein muss und ihm weniger Bosheit eingepresst wird. Wir müssten der Demontage des Sozialstaats Einhalt gebieten, den Wahnsinn der losgelassenen Märkte stoppen und Solidarität an die Stelle des entfesselten Konkurrenzkampfes setzen. Das wäre eine Form von sozialer Prävention, die langfristig den Nährboden austrocknen könnte, auf dem der Amoklauf gedeiht. Die Menschen des neoliberalen Zeitalters leben in einem Universum permanenter Verteidigung und Aggression und werden von der Angst umgetrieben, aus der Gesellschaft, ja aus der Welt herauszufallen und einen sozialen Tod zu sterben. Wer seine Arbeit verliert, verliert ja weit mehr als seine Arbeit. Er büßt seine Gesellschaftlichkeit ein, das Gefühl gebraucht zu werden, die Bindung an einen Ort, an dem man abends zu ihm sagt: „Schönen Feierabend und bis morgen!“

Wer von der Teilhabe am gesellschaftlichen Prozess ausgeschlossen wird, kann leicht fallen – und wohin fällt er dann unter heutigen Bedingungen? Welche Netze halten seinen Sturz auf? Da ist kein Glaube mehr, der tröstet, kein gewerkschaftlich-politisches Milieu, das den Verlust mit Sinn ausstattet und in gemeinsamen Widerstand überführt.

Persönlichkeitsstörungen, die im geregelten Alltag leidlich eingekapselt waren, können nun aufbrechen. Gelingt der Rückweg in die Normalität nicht, wird der aus der Welt gefallene Mensch mehr und mehr von seiner Tagtraumwelt aufgesogen. Er brütet über seinen inneren Unglücksvorräten und droht in den Bann einer destruktiven Dynamik zu geraten, die sich schließlich suizidal oder amokartig entladen kann. Es ist gewiss kein Zufall, dass sich der Amoklauf im neoliberalen Zeitalter aus einem zuvor seltenen Ereignis zu einer grausigen Mode entwickelt hat. Seit Mitte der 1970er Jahre hat es weltweit allein mehr als 120 sogenannte School-Shootings gegeben, die meisten davon in den USA, gefolgt von Kanada und Deutschland. Aber das School Shooting ist nur die jugendliche Variante dessen, wofür sich der aus dem Malaiischen stammende Begriff Amok durchgesetzt hat. Das Gros der amokartigen Taten wird von Männern um die vierzig begangen, die im Vorfeld der Tat einen sozialen Tod gestorben sind und nun ihre verlorene Gesellschaftlichkeit nur noch tödlich wiederherstellen können, indem sie in ihren Untergang so viele Menschen wie möglich mitreißen. Wenn der mit den Zwängen der weltweiten Konkurrenz begründete Trend zu Rationalisierung und Stellenabbau sich fortsetzt, große Teile der Jugend ohne jede Perspektive bleiben und ältere, leistungsschwächere, psychisch labile und mental unflexible Menschen weiter aus dem Arbeitsprozess heraus- und in eine Anomie-Position hineingedrängt werden, droht der Amoklauf zur kriminellen Signatur des neoliberalen Zeitalters zu werden.

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