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20. Dezember 2014
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Achtung Falschmeldung: „Armutsrisikoquote junger Erwachsener liegt unter 10 %“

Verantwortlich:

„Die Armutsrisikoquote junger Erwachsener zwischen 18 und 24 Jahren liegt unter zehn Prozent. Darüber informiert die Bundesregierung in ihrer Antwort (17/12022) auf eine Kleine Anfrage (17/11639) der Fraktion Die Linke. Insgesamt 9,7 Prozent dieser Altersgruppe waren 2010 vom Armutsrisiko betroffen: 9,3 Prozent der männlichen und 10,2 Prozent der weiblichen jungen Erwachsenen.“ So lautet die Pressemitteilung des Deutschen Bundestags. Diese Meldung ist schlicht falsch. Aus der Antwort der Bundesregierung (S. 3) [PDF – 2 MB] ergibt sich, dass ausschließlich das „Armutsrisiko von Arbeitnehmern im Alter von 18 bis 24 Jahren“ im angegebenen Prozentbereich liegt. Damit wird die Erfolgsmeldung aber zur Misserfolgsmeldung. Heißt das doch, dass selbst unter den jungen Leuten dieser Altersgruppe, die eine Arbeit haben zehn Prozent so wenig Einkommen haben, dass für sie ein Armutsrisiko besteht. Von Wolfgang Lieb

Die Pressemitteilung aus dem Deutschen Bundestag bezieht sich auf unten stehende Statistik in der Antwort der Bundesregierung:

Armutsrisikoquote - Abb. 1

Erfasst sind die Jugendlichen Arbeitnehmer im Alter von 18 bis 24 Jahren. Nicht erfasst sind also die Jugendlichen dieser Altersgruppe, die nicht erwerbstätig (Ausbildung, Studium) oder arbeitslos sind.

Immerhin waren im Dezember 2012 251.834 Jugendliche zwischen 15 bis unter 25 Jahren als Arbeitslose registriert und die Arbeitslosenquote lag bei männlichen Jugendlichen dieser Altersgruppe bei 5,4 Prozent, bei Frauen bei 3,3 Prozent [siehe PDF – 470 KB].
Es gab nach Angaben der Bundesregierung 104.000 Arbeitslosengeldempfänger Jahren und 136.000 erwerbstätige Arbeitslosengeld-II-Bezieher unter 25.

Hinzu kommen gerade auch in dieser Altersgruppe Absolventen eines ersten Studienabschlusses (Bachelor). Unter dieser Gruppe absolvierten (2009) rund 10 Prozent ein Praktikum, davon erhielten 30 Prozent überhaupt keine Vergütung, die anderen durchschnittlich 500 Euro.

In der Antwort der Bundesregierung werden jedoch auch noch weitere Tabellen über das Armutsrisiko junger Erwachsener präsentiert.

Danach liegt das Armutsrisiko für alle jungen Leute im Alter von 18 – 24 Jahre im Jahr 2010 (dem entsprechenden Jahr der oben angeführten Tabelle für jugendliche Arbeitnehmer) bei 19 Prozent – also fast doppelt so hoch wie in der Pressemeldung angegeben.

Armutsrisikoquote - Abb. 2

Noch höher liegt der Wert der Armutsgefährdungsgefährdungsquote dieser Altersgruppe, wenn man sich nicht auf die EU-Statistik sondern auf deutsche Erhebungen stützt, nämlich bei 23,4 Prozent:

Armutsrisikoquote - Abb. 3

(Die Armutsgefährdungsquote in dieser Altersgruppe zwischen den Ländern ist sehr unterschiedlich, sie reicht von immerhin noch 15,7 Prozent in Bayern bis 39,5 Prozent in Bremen (26,3 Prozent in Berlin).)

Hinweis: Wir bitten die Redaktionen der Medien um Beachtung, bevor diese Schlagzeile der Pressemitteilung aus dem Deutschen Bundestag kritiklos übernommen wird!

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