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Rezension: Joke und Petra Frerichs, Literarische Entdeckungen. Vergessene und neu gelesene Texte

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In ihrem Buch Literarische Entdeckungen. Vergessene und neu gelesene Texte stellen Joke und Petra Frerichs eine Reihe von Schriftstellern vor, die der Literaturbetrieb weitgehend ignoriert oder schlichtweg vergessen hat (Schreyer; Mickel; Hilbig; Némirovsky; Reimann; Steffens; Wilms). Sie wieder stärker in den Fokus der Aufmerksamkeit zu rücken, ist eines der Anliegen des Buches.
Andere Werke haben die Autoren nach erneuter Lektüre neu interpretiert; das gilt für Die Wellen von Virginia Woolf; Rot und Schwarz von Stendhal und die Lyrik Rolf Dieter Brinkmanns. Und schließlich wurde die Erzählung Die Augen von Dieter Wellershoff analysiert, deren subtile Konstruktion sie zur Auseinandersetzung mit dem Text reizte.

Als ein Beispiel für „vergessene“ Autoren kann Wolfgang Schreyer gelten.
Wolfgang Schreyer gehörte zu den Erfolgsautoren der früheren DDR. Er schrieb zahlreiche gesellschaftskritische Kriminal-, Abenteuer- und Science-Fiction-Romane, die eine Gesamtauflage von ca. 6 Millionen erreichten; hinzu kommen Film- und Fernsehdrehbücher. Er erhielt u.a. den Heinrich-Mann-Preis.
Die Werke Schreyers werden überwiegend der Unterhaltungs-Literatur zugerechnet. Dass diese „Zurechnung“ immer auch einen negativen Unterton enthält, mag einer der Gründe dafür sein, dass Schreyer nach der Wende nahezu in Vergessenheit geriet. Das erstaunt umso mehr, als Schreyer mit seinen Romanen Unabwendbar (1988), Nebel (1991) und Das Quartett (1994) eine Wende-Trilogie von beachtlicher literarischer Qualität vorgelegt hat.

In seinem Roman Das Quartett schildert Schleyer, wie sich die Profiteure der Deutschen Einheit die Filetstücke des Kunst- und Immobilienmarktes gegenseitig zuschanzen. Er zeigt, wie ein schier undurchdringlicher Sumpf aus Wirtschaft, Politik und Justiz entsteht; ein fein geknüpftes Netzwerk, an dessen Knotenpunkten meist westdeutsche Investoren sitzen, die sich mit Hilfe willfähriger und zuweilen auch korrupter Politiker sog. Schnäppchen unter den Nagel reißen. Dass dabei immer wieder auch Recht und Gesetz gebeugt und wenn es sein muss auch gebrochen werden, liegt in der Natur der Sache. Es wird gezeigt, wie die geballte Kapitalmacht das Land wie eine Naturgewalt überrollt und umkrempelt.
Prototyp dieser Entwicklung ist ein gewisser Prill; ein Wendehals, wie er im Buche steht. Von ihm heißt es an einer Stelle des Romans:

Er stinkt nach Geld. Immobilien, Seehandel, Tourismus, Investoren. Sein Team schiebt für ihn die Millionen hin und her, ganz legal. Wenig Strafsachen, außer vielleicht den eigenen!

Überall haben die Aasgeier des Kapitalismus ihre Finger drin. Und stets stellen sie ihr Tun so dar, als diente es dem Wohl der Allgemeinheit, der Erhaltung von Arbeitsplätzen usw.

Hauptmann Wendt, ein zunächst überzeugter und aufrichtiger Repräsentant des alten Sicherheitsapparats der DDR, steckt irgendwann selbst mittendrin in dem ganzen Schlamassel. Er hat von den illegalen Machenschaften im Zusammenhang mit verschwundenen Kunstwerken Wind bekommen. Aber wie sehr er sich auch bemüht, eine lückenlose Beweiskette zu liefern und noch andere Verstrickungen der Täter in illegale Geschäftspraktiken nachzuweisen – er steht vor einer Mauer des Schweigens. Die Ergebnisse seiner Ermittlungen will keiner hören. Sie sind politisch nicht erwünscht, stören das Image des erfolgreichen Aufbaus Ost.

Wendt erlebt – wie zur Zeit der Wende – noch einmal die ganze Machtlosigkeit des Sicherheitsapparates. In das unentwirrbare Gespinst aus Wirtschaft, Recht und Politik sieht er auch den Polizeiapparat eingebunden; denn auch der spielt mit. Eine Hand wäscht die andere und alle versuchen, davon zu profitieren. Das ist nicht mehr die Welt von Wendt; er ist zum Störfaktor geworden und wird schließlich mit fadenscheinigen Begründungen suspendiert.

Schreyer hat seine drei Wenderomane so konzipiert, dass man sie auch einzeln und für sich lesen kann. In Unabwendbar entwickelt er die Charaktere Wendt und Jenny, die zu Protagonisten der auseinander strebenden DDR-Gesellschaft mutieren. Der eigentliche Wenderoman aber ist Nebel. Hier zeigt Schreyer, wie der historische Veränderungsprozess sich in den subjektiven Wahrnehmungen und Erfahrungen der Akteure niederschlägt; wie er an Fahrt gewinnt und irgendwann unumkehrbar wird. Schreyer schildert die Entwicklung zur sog. Wende überaus anschaulich und stets spannend; durch seine Schilderungen wird sie auf einmal greifbar und begreifbar. Es ist das große Verdienst Schreyers, den geschichtlichen Verlauf einerseits bis ins Detail dokumentiert, aber darüber hinaus auch gezeigt zu haben, welche emotionalen Wirkungen sie auf Seiten der Beteiligten ausgelöst hat. Beide Ebenen aufeinander bezogen und in Einklang gebracht zu haben – das ist eine schriftstellerische Leistung, die Beachtung verdient. Umso unbegreiflicher ist es, dass Schreyers Romane nach der Wende kaum noch rezipiert wurden. Der interessengesteuerte, schnelllebige Literaturmarkt hatte für einen derart sensiblen Stoff offenbar keinen Sensor.
Die Romane von Wolfgang Schreyer sind im Verlag Das Neue Berlin erschienen.

Eine ausführliche Besprechung der Romane Schreyers und der o.g. Autoren findet sich in:
Literarische Entdeckungen. Vergessene und neu gelesene Texte von Joke und Petra Frerichs, erschienen 2012 bei BoD.

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