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Demagogie pur beim Abbau des Vertrauens in die gesetzliche Rente: der ZDF-Programmschwerpunkt Demographie

Veröffentlicht in: Demografische Entwicklung, Manipulation des Monats, Medienkritik, Riester-Rürup-Täuschung, Privatrente

Das ist der Favorit für unsere Rubrik Manipulation des Monats. Bitte weitersagen. Bitte nutzen, um die Glaubwürdigkeit des ZDF infrage zu stellen.
Mit einer Presseerklärung vom 12.1. weist das ZDF darauf hin, dass in dieser Woche nicht nur die ZDF-Doku-Fiction „2030 – Aufstand der Alten“ gesendet wird, sondern in einer Reihe anderer Sendungen das Thema demographischer Wandel behandelt wird. Der Text ist auch angehängt.
Schon im zweiten Satz dieser Pressemitteilung wird glatt die Unwahrheit verbreitet. Ob und vor allem wie die Rentensysteme und die gesundheitliche Versorgung finanzierbar sind, hängt nämlich von politischen Entscheidungen und vor allem von der wirtschaftlichen Entwicklung ab. Am allerwenigsten von der demographischen Entwicklung. Dass sie finanzierbar sind, wenn politisch dafür gesorgt wird, dass die Arbeitslosigkeit abgebaut wird und sozialversicherungspflichtige Arbeitsverträge wieder vermehrt werden, wenn die Erwerbsquote verbessert wird und die Produktivität der arbeitenden Menschen wie bisher steigt, ist eindeutig nachweisbar. Und dennoch erscheint die in der Presseerklärung formulierte Unwahrheit wie der rote Faden der ZDF-Produktionen. Die Redaktion und die Produzenten von „2030 – Aufstand der Alten“ haben mit der gewohnt einseitigen Auswahl so genannter Experten dafür gesorgt, dass bei ihnen keine Zweifel aufkommen. Das können Sie in einer Pressedokumentation [PDF – 540 KB] erkennen, die diesen Tagebucheintrag angefügt ist. Albrecht Müller.

Ab Seite 29 der Presse Dokumentation werden sinnigerweise unter der Überschrift „Warnungen von Experten“ folgende Personen genannt:
Wolfram Engels, Horst Opaschowski, Meinhard Miegel, Ernst Welteke, Bernd W. Klöckner, Bernd Raffelhüschen, Herwig Birg. Das ist eine völlig einseitige und zudem groteske Auswahl. Natürlich wird verschwiegen, dass einige der Experten (zum Beispiel Miegel und Raffelhüschen) in Diensten der Finanzindustrie stehen und es deshalb verständlich ist, wenn sie wie die anderen zitierten Experten auch Stimmung gegen die gesetzliche Rente machen.

Unter der Überschrift „Deutschland schrumpft und vergreist“ werden auf Seite 32 „Fakten zum demographischen Wandel“ präsentiert. Sie sind einseitig ausgewählt und es wird so getan, als seien die Modellrechnungen des Statistischen Bundesamtes sichere Prognosen. Schon die Entwicklung der Einwohnerzahl hängt von Annahmen ab. Zum Beispiel kann sich und wird sich voraussichtlich die Zuwanderung nach Deutschland sofort wieder ändern, wenn wir eine wirklich gute konjunkturelle Entwicklung bekämen. Niemand kann heute genau sagen, ob Deutschland im Jahre 2030 „geschrumpft“ sein wird.
Schon die Überschrift ist glatte Demagogie. Den Lesern und Zuschauern wird vorenthalten, dass selbst dann, wenn die Einwohnerzahl bis zum Jahr 2030 auf „zirca 78 Millionen“ sinken würde, in Deutschland dann insgesamt fast 10 Millionen Menschen mehr leben würden als 1950. Damals waren wir in West- und Ostdeutschland zusammen 68,7 Millionen. Wer angesichts dieser Zahlen mit dem Begriff „schrumpfen“ operiert, hat nicht aufklärende, sondern demagogische Absichten. Mit einem verdeckten Ziel:
Am Ende des Unterabschnitts zu den Renten heißt es: „Wer nicht privat vorsorgt, wird im Alter arm aussehen, lautet heute die politische Botschaft.“ Dieser Satz erklärt, auf was es den Machern beim ZDF ankommt: auf die Förderung der Privatvorsorge. Selbstverständlich erklärt das ZDF nicht, wie mit Privatvorsorge dem angeblichen demographischen Problem besser begegnet werden könnte. Wie denn? Werden unter der Regie von Privatvorsorge mehr Kinder geboren? Sterben die Alten schneller weg, weil sie bei Zerstörung der solidarischen Rente schneller in Altersarmut fallen? Das könnte ja sein. Immerhin auch eine Lösung des Problems.
Wir wollen nicht polemisieren. Wir hätten gerne gewusst, wieso und wie die Privatvorsorge mit dem demographischen Wandel besser fertig wird. Das könnte uns der ZDF Chefredakteur doch einmal erklären. Aber bitte konkret und nicht mit nachgesagten Parolen.
Der Produktionsleiter Heiner Gatzemeier meint, die Politik müsse „mutigere Reformen durchführen“. Welche denn? Welche lösen die hochgespielten Probleme von „Schrumpfen“ und „Vergreisen“?
Der Chefredakteur des ZDF behauptet, „2030 – Aufstand der Alten“ solle aufklären. Wie das mit diesem Machwerk (soweit es aus der Pressedokumentation erkennbar ist) geschehen soll, bleibt sein Geheimnis.
Der Programmschwerpunkt ist aus meiner Sicht ein Angriff auf den Ruf des Öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Hoffentlich lässt sich das ZDF wenigstens einen großen Teil der Produktionskosten vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) bezahlen und entlastet so die von ihm manipulierten Gebührenzahler.

Interessant an den Unterlagen über die Doku-Fiktion ist für mich auch noch folgendes: In den Beiträgen von und Interviews mit dem Chefredakteur des ZDF, der Produzentin Ziegler, den Schauspieler/innen und Leitern der Sendung wird sichtbar, was ich schon in „Machtwahn“ dokumentiert habe: Der Niedergang jeglichen kritischen Verstands auch bei so genannten gebildeten Leuten und Intellektuellen. Auch sie plappern einfach nach, was man gemeinhin auf der Straße, im Spiegel, in der FAZ oder in der Bild-Zeitung auflesen kann. Intellektuelle ohne jeden Sinn für Skepsis und Zweifel – das zeichnet die neue Zeit aus.

 

Anhang 1:

„2030 – Aufstand der Alten“ soll aufrütteln und aufklären / ZDF-Doko-Fiction und Programmschwerpunkt zum Thema demographischer Wandel

12.01.2007 – 14:13 Uhr
Mainz (ots) – Wie werden wir leben im Jahr 2030, wenn es immer mehr alte und immer weniger junge Menschen geben wird? Was passiert, wenn die Rentensysteme und eine angemessene gesundheitliche Versorgung für alle nicht mehr zu finanzieren sind? Welche
Auswirkungen hat diese Entwicklung auf unseren Alltag, auf das Zusammenleben von Jung und Alt? Vom 13. bis zum 23. Januar 2007 wird sich das ZDF ausführlich mit den unterschiedlichen Aspekten des demographischen Wandels in Deutschland beschäftigen. Im Mittelpunkt steht dabei der Dreiteiler „2030 – Aufstand der Alten“. Darüber hinaus beteiligen sich die aktuellen Nachrichten-, Magazin- und Diskussions-Sendungen und die ZDF-Online-Angebote an diesem Programmschwerpunkt. In „TOP 7“, dem „Länderspiegel“, dem
„blickpunkt“, in „ML Mona Lisa“, im „ZDF-Morgenmagazin“, in „Volle Kanne – Service täglich“, „drehscheibe Deutschland“, im „ZDF-Mittagsmagazin“, in „heute in Europa“, „WISO“, „hallo deutschland“, im „heute- journal“, in „Frontal 21“, im „auslandsjournal“, in „Berlin Mitte“, im „nachtstudio“, auf 3sat und im ZDF.infokanal werden zum Thema über 60 Beiträge gesendet.

In dem Dreiteiler „2030 – Aufstand der Alten“, der ab Dienstag, 16. Januar 2007, 20.15 Uhr, ausgestrahlt wird, haben das ZDF und Ziegler-Film das gesellschaftspolitisch drängende Thema in einem neu konzipierten Fernsehformat umgesetzt: der in der Zukunft spielenden Doku-Fiction.

ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender: „In einer klassischen Dokumentation würden Zahlenkolonnen, Grafiken und Expertenstatements
eher nüchtern den Sachstand präsentieren. Wir wollten aber den Zahlen Leben einhauchen, dem Zuschauer bildlich vor Augen führen, was auf unsere Gesellschaft zukommt, wenn der negative Trend nicht gestoppt werden kann. Wir wollen aufrütteln und aufklären, indem wir filmisch beschreiben und erzählen, was sich hinter den Fakten verbirgt.“

In dem spannenden „Demographie-Krimi“ findet sich der Zuschauer in der Welt des Jahres 2030. Das in die Spielhandlung integrierte
historische und aktuelle Material entstammt dem ZDF-Archiv, zur Dokumentierung der Jahre 2007 bis 2029 dient so genanntes „Fake-
Archive-Material“: in die Zukunft projizierte Szenen, die auf wissenschaftlichen Studien basieren. Entstanden ist so ein neues Fernsehformat, das weder reines Fernsehspiel noch traditionelle Dokumentation, sondern die Verbindung von beidem ist: hochwertiges
Erzählfernsehen auf Grundlage recherchierter Fakten.

Bettina Zimmermann spielt die Journalistin Lena Bach, die im Jahr 2030 Zeugin eines Verbrechens wird: Der Rentner Sven Darow (Jürgen Schornagel) will einen Konzernmanager vor laufender Kamera zu einem Geständnis zu zwingen. Doch Geiselnehmer und Geisel werden durch eine Explosion getötet. Bei der Recherche der Tathintergründe und der Rekonstruktion von Sven Darows Leben stößt die Journalistin auf unvorstellbare Machenschaften.

In weiteren Rollen spielen Heinz W. Krückeberg, Peter Rühring, Gitta Schweighöfer und viele andere. Das Buch schrieb Jörg Lühdorff, der
auch Regie führt; redaktionell verantwortlich sind Heiner Gatzemeier und Steffen Bayer. Die weiteren Folgen werden am Donnerstag, 18.
Januar, 21.00 Uhr, und am Dienstag, 23. Januar 2007, 20.15 Uhr, ausgestrahlt.

Der Dreiteiler „2030 – Aufstand der Alten“ ist im ZDF-Programm eingebunden in einen umfangreichen Schwerpunkt zum Thema demographischer Wandel. So stellt beispielsweise „ML Mona Lisa“ am 14. Januar 2007 die Frage „Müssen Kinder für die Eltern zahlen?“ In
der monothematischen Sendung sollen die Zuschauer per Telefon zu Wort kommen und sich im „ML Forum“ an der Diskussion beteiligen. In einer fünfteiligen Serie berichtet das „ZDF-Morgenmagazin“ beispielsweise über eine bayerische Kleinstadt, die verschiedene Service- und Freizeitangebote speziell für Senioren anbietet. Außerdem werden einzelne Ergebnisse aus „2030“ präsentiert und mit Experten und Politikern diskutiert. Das „ZDF-Mittagsmagazin“ beschäftigt sich vom 15. bis 19. Januar 2007 unter anderem mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und stellt einen Brandenburger Kindergarten vor, der rund um die Uhr geöffnet hat. „WISO“ schildert die Arbeit einer Senioren-Agentur, die junge mittelständische Unternehmer berät. Auch das „heute-journal“ wird mehrere hintergründige Beiträge senden, zum Beispiel zur demographischen Entwicklung in China. „heute in Europa“ blickt ins europäische Ausland und untersucht die Situation in Italien, Schweden und Spanien. Am 16. Januar 2007 liefert die Dokumentation „Die Alten-Republik Deutschland“ weitere Fakten und Hintergründe zu „2030“. Die „Frontal 21“-Autoren Thomas Reichert und Christian Rohde befassen sich mit sinkenden Geburtenraten und den – damit einhergehenden – sinkenden Einwohnerzahlen. Maybrit Illner wird am 18. Januar 2007 mit ihren Gästen in „Berlin Mitte“ das Thema „Pflege“ diskutieren. 3sat beteiligt sich an dem Programmschwerpunkt mit verschiedenen Dokumentationen und Reportagen am 23. und 24. Januar sowie mit der Wiederholung von „2030“ am 7. Februar 2007 ab 14.00 Uhr.

Alle Beiträge werden auch im Online-Angebot des ZDF unter unserezukunft.zdf.de als „Video on Demand“ bereitgestellt. Außerdem
können sich die User in einem interaktiven Modul, auf der „Straße der Zukunft“, über das Leben von morgen informieren. Dazu gibt es einen Rückblick auf die Renten- und Gesundheitspolitik in Deutschland.

Fotos sind erhältlich über den ZDF-Bilderdienst, Telefon: 06131 – 706100, und über http://bilderdienst.zdf.de/presse/2030 und über
http://bilderdienst.zdf.de/presse/diealtenrepublikdeutschland

Rückfragen bitte an:

Pressestelle
Telefon: 06131 / 70 – 2120

 

Anhang 2:

Pressedokumentation: 2030 – Aufstand der Alten / Doku-Fiction von Jörg Lühdorff / ab Dienstag, 16. Januar 2007, 20.15 Uhr [PDF – 540 KB]

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