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16. Dezember 2017
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Was tun zum Aufbau einer kritischen Gegenöffentlichkeit?

Veröffentlicht in: Aufbau Gegenöffentlichkeit

Wenn Sie „Warum NachDenkSeiten?“ anklicken, dann werden Sie finden, dass wir es für notwendig halten, eine Gegenöffentlichkeit zum gängigen Strom der öffentlichen Meinungsmache aufzubauen. Viele unserer Leser teilen diese Ansicht. Nur wenn es gelingt, die Vorherrschaft des gängigen Denkens in Zweifel zu ziehen, haben wir überhaupt noch eine Chance, die politischen Entscheidungen zum Besseren zu wenden.
Schon die ersten zwei Wochen des Jahresanfangs zeigen wieder, wie schwierig dieser Versuch ist. Wir sind bei einem wichtigen Thema, dem Themenkomplex Demographie, Geburtenrate und Alterung geradezu überrollt worden von dramatisierenden Berichten und Sendungen. Siehe Anhang mit Hinweisen auf massive Meinungsmache auch in den öffentlich-rechtlichen Medien.
Beim Aufbau einer kritischen Gegenöffentlichkeit haben wir es mit einer typischen David-Goliath-Situation zu tun. Das meint, wir können nur Boden gewinnen, wenn wir intelligent vorgehen, intelligenter als die Macher des Hauptstroms. Was das praktisch bedeutet … Albrecht Müller.

Ich will für Ihre eigene Überzeugungsarbeit zwei Anregungen geben, die mir zentral erscheinen:

  1. Die Glaubwürdigkeit der Hauptströmung in Zweifel ziehen

    Wenn man es – wie im Anhang beispielhaft für den Jahresanfang belegt – mit einer massiven Propaganda mit vielen Informations- beziehungsweise Agitationsimpulsen zu tun hat, dann steht man in einer Relation von vermutlich 1 zu 100 Informations-Impulsen. Das ist eine aussichtslose Situation, wenn es nicht gelingt, die Glaubwürdigkeit der 100 Impulse infrage zu stellen. Deshalb dürfen Sie in Ihrer Argumentation nicht nur eine rationale Information gegen die vielen Meinungs-Impulse und Emotionen der anderen Seite stellen. Sie müssen versuchen, die Glaubwürdigkeit der andern Seite zu unterminieren. Nur dann entwerten Sie die massiv vorgetragenen Sprüche der neoliberalen Bewegung.

    Wenn Sie es gut anstellen, dann können Sie die Massivität der gegnerischen Agitation sogar noch auf die eigenen Mühlen lenken. Übrigens: Ich theoretisiere dabei nicht. Als ich 1972 für den Wahlkampf Willy Brandts verantwortlich war, haben wir diese Regel erfolgreich angewandt. Damals hatten anonyme Kreise aus der Wirtschaft Millionen für circa 100 anonyme Anzeigen mobilisiert. Wir haben diese massive Intervention des Großen Geldes selbst zum Thema gemacht und die Glaubwürdigkeit dieser Kampagne total in Zweifel gezogen. Jede neue Anzeige gegen Willy Brandt, seine Ostpolitik und Sozialpolitik war so eine Werbung für ihn und seine Politik.
    Das Fazit für die jetzige Situation: Denken Sie bei Ihrer Argumentation immer daran, nicht nur eine Information gegen die andere, also eine gegen 100 andere zu setzen, sondern bewusst und geplant die Glaubwürdigkeit in Zweifel zu ziehen.

    Das heißt zum Beispiel konkret: Wenn Sie mit anderen Menschen über die Agitation zur Demographie sprechen, dann sollten Sie darauf hinweisen, dass bei der Ankündigung der Sendung der ARD vom 10.1.07 (siehe Anhang II) unter vier genannten Internet-Links drei eindeutig dem Mainstream angehörige Websites genannt sind und jeder Hinweis auf aufklärende Websites wie jene von Gerd Bosbach, Christoph Butterwegge oder die NachDenkSeiten fehlt. Oder Sie sollten die Sprache dieses Ankündigungstextes zur Sprache bringen: „Im Greisenland“, „Die Vorboten der Vergreisung“, die Demographie sei das „gravierendste Zukunftsproblem der Deutschen“. – Das ist alles weit jenseits jeder Aufklärungspflicht. Es ist dumpfe Angstmache.
    Oder ein anderes Beispiel, das Sie zur Erschütterung der Glaubwürdigkeit nutzen können: die Massivität und Verlogenheit, mit der das ZDF zum Beispiel zum Jahresanfang Propaganda macht. Siehe Hinweis im Anhang und hier schon der Link zu einer Presseerklärung des ZDF.

  2. Was kann man tun. Zum Beispiel Kleine Kreise bilden.

    Wir haben die NachDenkSeiten ins Leben gerufen, um das Internet zur Aufklärung zu nutzen. Andere tun ähnliches mit ihren Websites. Aber diese elektronische Aufklärung alleine reicht bei weitem nicht.

    Bei meinen Lesungen und Vortragsreisende komme ich mit den Diskutanten immer wieder ins Gespräch über die entscheidende Frage: Was kann man darüber hinaus tun? Bei einer Veranstaltung in Minden haben wir zum Beispiel ausführlich über diese Frage diskutiert. Dabei waren wir übereinstimmend der Meinung, dass es von zentraler Bedeutung ist, die politisch inhaltliche Diskussion zu beleben und dazu auch privat Kleine Kreise zu bilden und auch andere Gelegenheiten des Zusammentreffens für eine politisch inhaltliche Diskussion zu nutzen. Ohne die Vergangenheit beschönigen zu wollen, weise ich immer wieder daraufhin, dass es in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts in Kreisen junger Erwachsener noch üblich war, wenn man sich traf zum Beispiel über das zuletzt erschienene rororo-aktuell-Buch zu diskutieren, bevor dann das vergnügliche gemeinsame Essen oder Schwofen begann.

    Auch heute ist es doch in allen Altersgruppen ein Gewinn, Anstöße für eine Sachdebatte zu geben und diese zu führen, bevor man dann über privates und kulturelle Ereignisse diskutiert, oder im Smalltalk endet. Diese meine Erfahrung stammt nicht aus dem letzten Jahrhundert. Auch heute wollen Menschen in allen Altersgruppen über eine Sachfrage diskutieren, sich austauschen, sich reiben, kritisch hinterfragen, zweifeln, sich streiten. Der Bedarf dafür ist da.

    Die Kommunikation unter Menschen ist ein so genuin humanes Bedürfnis, dass es wirklich abstrus wäre, würden wir dieses Bedürfnis der Menschen nach Kommunikation und Aufklärung nicht für weitere Schritte zum Aufbau einer Gegenöffentlichkeit nutzen.

    Sich mit anderen zusammen zu tun, ist auch wichtig und notwendig, um sich vor der Isolation oder auch der Indoktrination zu bewahren. Ich will Ihnen dazu von einer Erfahrung mit den NachDenkSeiten berichten: jene, die uns als Reaktion auf die erste Begegnung mit den NachDenkSeiten schreiben, kann man grob in zwei Gruppen einteilen. Die einen schreiben uns, sie seien angesichts der Massivität der neoliberalen Propaganda schon bereit gewesen, vieles von dem zu glauben, was ihnen täglich serviert wird. Die NachDenkSeiten würden ihnen helfen, sich künftig vor dieser Indoktrination besser zu schützen. – Andere schreiben uns, sie hätten schon langsam geglaubt, sie seien irre, weil sie nicht mehr nachvollziehen können, was sie täglich in unseren Medien lesen, sehen und hören. Und sie hätten sich isoliert gefühlt. Nach Lektüre der NachDenkSeiten wüssten sie wenigstens, dass sie nicht alleine sind.

    Diese gute Erfahrungen können Sie verstärken, wenn Sie sich mit anderen regelmäßig treffen und austauschen. In den NachDenkSeiten wie auch in der „Reformlüge“ und in „Machtwahn“ werden Sie genügend Material zur Diskussion und auch Fakten zur Argumentation finden. Angesichts der zunehmenden Gleichrichtung unserer Medien – man könnte auch schon Gleichschaltung sagen, ohne zu übertreiben – finden Sie auch ständig Anlässe und Widerhaken für Ihre Gespräche im kleinen Kreis.

    Bitte überlegen Sie, welche Personen in ihrem Freundes-, Kolleginnen/en- und Familienkreis oder in ihrer Nachbarschaft für einen solchen kleinen Kreis infrage kämen, und welche Personen dann wieder bereit und fähig wären, die Idee einer inhaltlichen Kommunikation weiter zu tragen.

    Laden Sie regelmäßig zur Diskussion ein, zur Entlastung möglicherweise reihum.

    Sie werden übrigens feststellen, dass eine solche Aufklärungsarbeit nicht nur Mühe macht. Sie bereitet auch erstens Vergnügen, denn es tut gut, hinter die Kulissen zu schauen. Außerdem werden Sie zweitens erfahren, dass Ihre Nachbarn, Kolleginnen/en, Freunde … Ihre Initiative zu würdigen wissen.

    Jedenfalls machen wir schon mit unserer elektronischen Aufklärung solche positiven Erfahrungen. Eine der schönsten Mails, die Mail einer 17 jährigen, möchte ich hier wiedergeben:

    26.10.2006

    Guten Tag,

    Ich wollte ihnen eigentlich nur sagen, dass ich ihre Seite genial finde. Ich bin 17 und interessiere mich normalerweise nicht für Politik, ich bin durch meinen Lehrer auf ihre Seite gekommen. Und ich saß, als ich die Seite das erste mal aufgerufen hatte, ganze 4 Stunden vor meinem PC und habe mir die Page durchgelesen. Wie schon gesagt, verstehe ich nicht viel von Politik und habe mich bis vor ein paar Wochen auch noch nicht damit befasst aber wie sie die Aussagen und Reformen auseinander nehmen, finde ich faszinierend.

    Durch ihre Page habe ich mein Interesse an der Politik entdeckt.

    Mit freundlichen grüßen Franziska A.

    Soweit diese Mail. Sie werden ähnliche positive Erfahrungen machen, wenn Sie sich mit anderen in kleinen Kreisen zum Aufbau einer aufklärenden Gegenöffentlichkeit zusammentun.
    Das ist die einzige Chance, in unserem Land wieder eine Politik einzuleiten, die mehr Vernunft und mehr Gerechtigkeit zu realisieren vermag.

 

Anhang:

Hier finden Sie Hinweise von einigen unserer Nutzer auf Ereignisse in öffentlich-rechtlichen Medien zum Thema in Demographie. Beispielhaft:

  1. Mail von T.L. vom 9.1.2007:

    „Die öffentlich-rechtlichen Sender scheren sich offensichtlich immer weniger um ihren, nicht zuletzt die Zwangsgebühren begündenden Informationsauftrag und betreiben übelste Propaganda.

    • ab 16.01.2007, 3-Teiler:
      2030 – Aufstand der Alten
      Die Geiselnahme
      Doku-Fiction, D / E, 2007
      Quelle: ZDF
    • am 16.01.2007, nach obiger Sendung:
      Die Alten-Republik Deutschland
      Eine Reise durch ein schrumpfendes Land
      Dokumentation, Deutschland, 2007
      Quelle: ZDF

    Im Programmheft, das mich auf diese Sendungen aufmerksam machte (Beileger in der „Badischen Zeitung“, Freiburg) ist die Rede von „wissenschaftlich“ , „wissenschaftlichen Studien“, „Prognosen“, „unsichere gesetzliche Rente“ und so weiter. Das von einem Beileger keine echte journalistische Arbeit zu erwarteten ist, kann davon ausgegangen werden, dass hier die Eigenwerbung der Produzenten/des Senders wiedergegeben wird.

    Ich hoffe, dieser Hinweis hilft ihnen ein wenig, bei ihrem Bemühen, kritische Öffentlichkeit herzustellen.“

    Soweit die Mail unseres Nutzers. Ich ergänze um den Link zu einer Presseerklärung des ZDF.

  2. Mail von M.S. vom 10.1.2007 an Redaktion NachDenkSeiten:

    „Sehr geehrte Damen und Herren,

    am 10.01.2007, um 22.45 Uhr lief auf der ARD die folgende Dokumentation:

    Im Greisenland – Von der deutschen Zukunft
    von Fabian Döring

    dazu gab es Informationen auf der ARD-Homepage.

    Auf dieser Seite findet sich auch ein Link zur „Aktion Demographischer Wandel“ der Bertelsmann Stiftung.

    Dies mal wieder ein typischer Versuch, den Menschen mittels öffentlich-rechtlichem Fernsehen Angst vor dem Alter einzuflößen und die
    Rente für unsicher zu erklären. Auf der Bertelsmann Seite findet sich natürlich nur pure neoliberale Propaganda zur Haushaltskonsolidierung etc…“

  3. dradio.de:

    Auch das DeutschlandRadio haut in die gleiche Kerbe:

    Hier der Link zu einer Sendung vom 5.1. 2007 und die Ankündigung zur Sendung:

    LEBENSZEIT
    05.01.2007 · 10:10 Uhr
    Deutschland vor dem Alterskollaps?

    Den demographischen Wandel gestalten
    Herausforderungen für 2007
    Moderation: Bettina Schmieding

    Weniger Kinder, mehr Alte – so lässt sich der demographische Wandel auf einen Nenner bringen. Nicht nur in Deutschland, auch in vergleichbaren Staaten zeichnet sich eine ähnliche Entwicklung ab. Nur Großbritannien kann durch höhere Zuwanderung die Überalterung aufhalten. Die skandinavischen Länder sowie Frankreich konnten durch geschickte Familienpolitik den Geburtenrückgang stoppen.
    In Deutschland hat inzwischen auch die Politik reagiert und plant mit Elterngeld und der Anhebung des Renteneintrittsalters die Situation ab 2007 zu entschärfen. Die Initiative 50plus soll verhindern, dass immer mehr ältere Arbeitnehmer entlassen werden.
    Reichen diese Maßnahmen aus, um Deutschland vor dem Alterskollaps zu bewahren?
    Und was bedeutet diese Entwicklung für jeden persönlich?

    Gäste:

    • Prof.Claudia Hübner, Staatsrätin für Demographischen Wandel und Senioren im Staatsministerium Baden-Württemberg
    • Dr.Johannes Meier, Vorstand Bertelsmann Stiftung
    • Till Raether, Journalist
    • Gudrun Hirche, Gründerin und Vorsitzende des Vereins „Miteinander Wohnen“

    © 2007 Deutschlandradio

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