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Vogelgrippe, ein Beispiel wie man mit Angstmache viel Geld machen kann. Ein Vergleich zur Demografiehysterie drängt sich auf.

Verantwortlich:

Im Frühjahr des vorigen Jahres überzog eine durch die Berichterstattung der Medien geschürte Welle der Angst vor einer Vogelgrippe-Pandemie unser Land. Die Sorge vor einer möglichen Verknappung von angeblich wirksamen Arzneimitteln führte weltweit zu einer sprunghaft erhöhten Nachfrage durch die verängstigte Bevölkerung bei Ärzten und durch die Gesundheitsbehörden. Die geplanten deutschen Ausgaben für die staatliche Bevorratung in Medikamentendepots sollen dabei bis zu 200 Millionen Euro betragen haben. Allein für „Oseltamivir“, eines angeblich wirksamen Bekämpfungsmittel wird eine Umsatzsteigerung von 110 Millionen Dollar im Jahr 2003 auf über 700 Millionen Dollar bis Ende 2005 kalkuliert. Nun kommt eine Untersuchung im gewiss gegenüber der Pharmaindustrie nicht gerade als kritisch bekannten Deutschen Ärzteblatt zum Ergebnis: „In allen publizierten Fällen von mit aviären H5N1 infizierten Patienten fehlt ein erfolgreicher Behandlungsnachweis.“
Die Vermutung drängt sich auf, dass ganz ähnlich wie bei der Debatte um die demografische Entwicklung Ängste geschürt wurden, um daraus einen kommerziellen Gewinn zu ziehen. Wolfgang Lieb.

Am 24. Juli 2006 haben wir einen Hinweis auf ein Interview der taz mit dem Medizinkritiker Steffen Lanka zurück genommen, in dem dieser behauptete, die Hysterie um eine Vogelgrippe-Pandemie diene vor allem dem kommerziellen Interesse der Pharmaindustrie.
Vorsichtig, wie wir sind, hielten wir diese Kritik Lankas nicht für seriös genug. Einer unser Leser hat nachgehalten und uns auf eine im Deutschen Ärzteblatt vom 25.12.06 publizierte Analyse hingewiesen, die erkennen lässt, dass an den Vogelgrippe-Medikamenten weniger die potentiell betroffenen Patienten gesundet wären, als dass sich vor allem die Pharmahersteller gesund gestoßen haben.

Über den Medizinerstreit über die Vogelgrippe trauen wir uns nach wie vor kein kompetentes Urteil zu. Aber Sie erinnern sich sicherlich so gut wie wir, an die damalige Berichterstattung über die tödlichen Gefahren, die über eine mögliche Vogelgrippe-Pandemie für die gesamte Menschheit an die Wand gemalt wurden. Die Medien kannten wochenlang kein beängstigenderes Thema, es gab kaum eine Talkshow in der nicht Ängste geschürt wurden. Die Politik arbeitete Pandemiepläne aus. Die geplanten deutschen Ausgaben für die staatliche Bevorratung in Depots sollen dabei bis zu 200 Millionen Euro betragen haben und sollten den Bedarf für etwa 20 Prozent der Bevölkerung abdecken.
Verunsicherte Menschen und – gleich tonnenweise – die staatlichen Gesundheitsbehörden horteten das Grippemittel „Tamiflu“.
(Interessant ist wie zurückhaltend und ausweichend das Robert-Koch-Institut, das damals an der politischen Entscheidungsbildung für die Pandemieplanung wesentlich beteiligt war, heute auf diese Studie reagiert.)

Die Autoren der Studie Uwe Tröger und Stefanie M. Bode-Böger kommen zu folgendem Resümee:
„In Übereinstimmung mit einem aktuellen Review der Cochrane Collaboration, das auch in Lancet publiziert wurde, lässt die gegenwärtige Datenlage folgende Schlüsse zu: Die Evidenzbasis für die Verwendung von Neuraminidase-Hemmern (also Tamiflu, WL) im Pandemiefall ist gering. Das Studiendesign der publizierten klinischen Untersuchungen folgt oft den Zwängen von Zulassungsstudien.
Es gibt bisher keine Untersuchungen zur Mortalitätssenkung. In allen publizierten Fällen von mit aviären H5N1 (Erreger der Vogelgrippe, WL) infizierten Patienten fehlt ein erfolgreicher Behandlungsnachweis. Interaktionen mit anderen Arzneimitteln sind kaum untersucht. Die bekannte Interaktion von Oseltamivir (Tamiflu) mit Clopidogrel (Blutverdünnern, z.B. Aspirin, WL) ist bedenklich.
Eine Routineanwendung während üblicher „Grippewellen“ birgt wegen der Resistenzproblematik nicht unerhebliche Risiken. Neuraminidase-Hemmer (Tamiflu) verhindern nicht, dass von infizierten Personen Viren über die Nase ausgeschieden werden und auf andere Personen übertragen werden können. Der wirksame Einsatz im Pandemiefall und die Anlage von großen staatlichen Depots dieser Arzneistoffe ist zu hinterfragen – eine Einschätzung, die auch zunehmend international geteilt wird.“

Mit etwas weniger wissenschaftlicher Zurückhaltung lässt sich sagen, die Vogelgrippemedikamente sind wirkungslos bis schädlich. Ihre angebliche Wirkung stützte sich auf Studien der Pharmaindustrie. Dreistellige Millionenbeträge wurden in den Sand gesetzt und die Pharmaphersteller und -vertreiber wie Hoffmann-La Roche und Gilead, bei der Donald Rumsfeld einst Aufsichtsratsvorsitzender war – scheffelten das Geld.

Nun ist nichts dagegen zu sagen, dass eine verantwortliche Gesundheitsvorsorge betrieben wird. Aber der Verdacht liegt nahe, dass hier vor allem von wirtschaftlich interessierten Kreisen – ganz ähnlich wie bei der Demografie-Debatte – mittels der Medien eine Hysterie bei den Menschen und in der Politik geschürt wurde, um damit kommerzielle Ziele zu verfolgen.

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