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Die Debatte um die Exportüberschüsse ist ein einziger Beleg für den Niedergang der ökonomischen Wissenschaft und der Qualität politischer Entscheidungen

Veröffentlicht in: Arbeitslosigkeit, Europäische Union, Wirtschaftspolitik und Konjunktur

Die deutsche Politik, genauer müsste man sagen: Teile der deutschen Politik in Person des Bundeswirtschaftsministers, haben zehn Jahre gebraucht, um wenigstens ein bisschen einzusehen – siehe z.B. hier -, dass fortdauernde Exportüberschüsse eines Landes bei fortdauernden Defiziten anderer Länder im gleichen Wirtschafts- und Währungsverbund Verwerfungen und Probleme mit sich bringen. In der Folge ihrer mangelnden Einsicht wurden andere Volkswirtschaften zu deflationärer Politik gezwungen – mit den bekannten hohen Folgen mit Arbeitslosigkeit und dem wirtschaftlichen Elend sehr vieler Menschen. Jetzt, nach dem die riesigen Opfer falschen ökonomischen Denkens sichtbar werden, kehrt ein bisschen Einsicht ein. Makroökonomische Einsicht sozusagen. Aber nirgendwo in dieser Debatte wird überhaupt nur erwähnt, welch ein Wahnsinn andauernde Exportüberschüsse für den Wohlstand eines Volkes darstellen. Ressourcen werden nämlich nicht genutzt und genossen, sondern nach draußen verscherbelt. Auf den Trichter, dies einzusehen, kommt man nur, wenn man mehr gelernt hat als Makroökonomie. Albrecht Müller.

Auf dieses Defizit in der deutschen Wirtschaftswissenschaft und in der Folge auch in der Politik habe ich schon mehrmals hingewiesen. Ich will das auf der Basis meiner persönlichen Erfahrungen noch einmal tun: in München, wo ich 1963 zum Diplom-Volkswirt geprüft wurde, war ein breiter, bunter Strauß von wissenschaftlichen Linien vertreten. Nahezu alle jedoch hatten verstanden, dass es so genannte geldwirtschaftliche, monetäre Betrachtungen des Wirtschaftsgeschehens gibt und so genannte güterwirtschaftliche. Und einige, namentlich der großartige Finanzwissenschaftler Horst Jecht und Hans Möller, bei dem ich Assistent war, haben uns gelehrt, die Vorgänge in einer Volkswirtschaft auch güterwirtschaftlich, also in real terms, zu betrachten. Das hieß in Bezug auf lang andauernde, hohe Exportüberschüsse geradezu zwangsläufig zu diagnostizieren: ein Volk, das dieses tut, verschenkt Ressourcen, verschenkt Wohlstand, lebt unter seinen eigenen Verhältnissen. Wir sehen das bei uns heute am Mangel der Entwicklung der Reallöhne.

Das Wort Exportüberschüsse hat deshalb einen völlig falschen Klang. Es klingt positiv, obwohl der Vorgang negativ zu bewerten ist. Alleine schon der Testversuch, den Vorgang anders zu benennen und zum Beispiel von „Importdefiziten“ statt von Exportüberschüssen zu sprechen, zeigt, dass die führenden politischen Leute nicht denken, sondern nach der Klangfarbe der Sprache entscheiden. So entscheidend kann die falsche Sprache in Kombination mit einer verkümmerten Wissenschaft für politische Entscheidungen sein.

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